Im Chaos von Mumbai

Dienstag, 06.08.2019

Ein Interview mit Ritesh Batra zu „Photograph“

Diskussion

Sein Film könne nirgendwo anders spielen als in der indischen Metropole, erzählt Regisseur Ritesh Batra zum Kinostart seines neuen Films „Photograph“ (8.8.), mit dem er nach der US-Produktion „Unsere Seelen bei Nacht“ dorthin zurückkehrt, wo auch schon sein Langfilm-Debüt „Lunchbox“ (2013) spielte. Mumbai hat in der realitätsnahen Liebesgeschichte, die der 1979 geborene Filmemacher in „Photograph“ erzählt, eine ähnlich wichtige Rolle wie der Mann und die Frau aus unterschiedlichen sozialen Klassen, von denen die Handlung erzählt.


Sie haben auch das Drehbuch zu „Photograph“ geschrieben. Wie kam es zur Idee?

Ritesh Batra: Wir haben in Indien viele Geschichten – ich meine vor allem die Bollywood-Filme der 1980er- und 1990er-Jahre –, in denen es um ein reiches Mädchen und einen armen Jungen geht. Die meisten waren Shakespeare-Remakes von „Der Widerspenstigen Zähmung“. Ich fragte mich dann, warum man nicht einen Film über ein reiches Mädchen und einen armen Jungen machen könnte, der realistischer und lebensnäher ist. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die möglich und denkbar ist. Natürlich passieren solche Begegnungen nicht einfach so, weil Menschen unterschiedlicher Klassen nicht einfach so viel Zeit miteinander verbringen. Dann überlegte ich mir, was das für Charaktere sein könnten und wie sie in einen Film hineinpassen würden – mit diesen Klassenunterschieden, mit diesen Charakterzügen. Welche Alltagsprobleme haben sie? Wie sieht ihr Umfeld aus? Das waren meine Anfangsüberlegungen.

Ritesh Batra (r.) mit seinen Hauptdarstellern Nawazuddin Siddiqui & Sanya-Malhotra
Ritesh Batra (r.) mit seinen Hauptdarstellern Nawazuddin Siddiqui & Sanya-Malhotra

Sie erwähnten gerade die Bollywood-Filme. In Ihrem Film sind die Charaktere sehr schüchtern und zurückhaltend und schweigsam. Ich hatte fast den Eindruck, als wollten Sie ein Gegenstück zu Bollywood schaffen.

Batra: Nein, nein, das glaube ich nicht. Die Charaktere sind so, wie sie sind, so, wie ich sie mir für den Film vorgestellt habe. Das bedeutet nicht, dass sie in Opposition zu Bollywood stehen. Ich glaube auch nicht, dass ich selbst in Opposition zu etwas stehe. Ich schildere die Dinge nur so, wie ich sie sehe.

Auch in Ihrem Film „Lunchbox“ ging es für mich um eine schwierige Liebe. Mann und Frau brauchen sehr lange, bis sie zueinanderkommen. Wie kommt das?

Batra: Ich weiß es gar nicht. Das ist eine zu große Frage. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass es im Leben auch nicht einfach ist mit der Liebe. Aber ich habe auf Ihre Frage keine Antwort.

Wir sprachen gerade schon über die Klassenunterschiede zwischen dem Mann und der Frau in „Photograph“. Ich mochte auch sehr die Szenen zwischen der Frau, Miloni, und ihrer Haushälterin, die diese Klassenunterschiede noch einmal spiegeln, auch wenn sie sie oft um Rat fragt.

Batra: Auch ich mag diese Beziehung sehr. Ich mag auch die Schauspielerin sehr, die sie spielt, Geentanjali Kulkarni. Sie ist eine wundervolle Schauspielerin, und ich hoffe, dass ich noch weitere Rollen für sie schreiben kann.

Eine andere Szene, die ich sehr auffällig fand, war jene im Taxi, mit dem gesprächsfreudigen Taxifahrer, der studiert hat, nun aber Taxi fahren muss, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ist das ein Kommentar von Ihnen zu den Lebensbedingungen in Indien?

Batra: Ja, absolut. Es gibt in Indien viele Menschen, die studiert haben. Oft haben sie aber etwas studiert, das ihnen nicht erlaubt, genug Geld zu verdienen. Ich war selbst in dieser Situation, und ich kenne Taxifahrer mit Universitäts-Abschlüssen, aber ohne die Möglichkeit, später einen diesbezüglichen Beruf zu ergreifen. Es ist hart, es ist verdammt hart. Und es ist auch irgendwie typisch für mein Land.

Eine Love Story, in die sich die sozialen realitäten Mumbais einschreiben
Eine Love Story, in die sich die sozialen Realitäten Mumbais einschreiben

Auffällig fand ich auch die Kluft zwischen der großen Stadt, Mumbai, und dem Land. Einmal sagt Miloni, dass sie wieder in ihr Heimatdorf zurückkehren wolle.

Batra: Ja – das war mir auch wichtig. Großstädter gehen gar nicht aufs Land. Sie wissen gar nicht, wie es dort aussieht. Umgekehrt gehen viele Menschen von den Dörfern in die Großstädte, um überhaupt noch Arbeit zu finden, nicht nur in Indien, sondern auch in China. Das ist eine riesige Migration, Menschen strömen in die Großstädte, arbeiten, sparen Geld, das sie dann nach Hause schicken. Das ist ein brisantes Phänomen, sehr massiv. Und es verändert natürlich auch das Zusammenleben in den Städten. Das wollte ich in meinem Film anklingen lassen.

Wie wichtig ist Mumbai für die Geschichte? Manchmal hat man den Eindruck, dass die Stadt die Gefühle der Bewohner zu spiegeln scheint.

Batra: Sowohl „Lunchbox“ als auch mein neuer Film hätten nur in Mumbai spielen können. Es gibt hier so viele Geschichten, die nicht woanders hätten geschehen können. Es ist natürlich sehr schwer, direkt vor Ort zu drehen, weil die Stadt voller Menschen ist. Für diesen Film ist es aber wichtig, dass er on location gedreht wurde. Wir haben dann große Anstrengungen unternommen, es genau so zu machen. Das war uns sehr wichtig. Das ist aber oft so mit Filmen, die in Mumbai spielen: Sie können nur dort spielen.

Können Sie etwas über die Idee des Fotografierens erzählen? Für mich fungieren die Fotos auch als Metaphern. Die männliche Hauptfigur, Rafi, sagt mehrmals den Touristen: „Lasst Euch fotografieren. Jahre später schaut Ihr das Foto an, und Ihr werdet lächeln und die Geräusche der Stadt wieder hören und Euch an alles erinnern.“

Batra: Ja, Sie haben recht. Der Film sollte auch einen nostalgischen Aspekt haben. Es hat einfach Sinn gemacht, dass Rafi etwas Altmodisches tut und sich so als Geschäftsmann versucht. Das ist sein Werbespruch, um die Leute anzulocken, das ist sein Satz.

Rafi (Nawazuddin Siddiqui) verdient sein Geld, indem er Touristen ablichtet
Rafi (Nawazuddin Siddiqui) verdient sein Geld, indem er Touristen ablichtet

Für mich ist Ihr Film ein Melodrama, weil Mann und Frau es so schwer haben, zueinander zu finden. Könnten Sie diesbezüglich Einflüsse oder Vorbilder benennen?

Batra: Für mich ist der Film eigentlich kein Melodrama. Ein Film ist das, für was Sie ihn halten. Und während ich an diesem Film arbeitete, ist mir nie der Gedanke gekommen, er könne ein Melodrama sein. Für mich ist er sehr plausibel und real. Nun hängt es von Ihnen ab, was Sie über den Film denken. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin vor allem von Satyajit Ray und seiner Arbeit beeinflusst, aber auch von den japanischen Meistern. Sie machen Filme, die in einer sehr traditionellen Welt angesiedelt sind, die sehr in der japanischen Gesellschaft verwurzelt sind und sich trotzdem mit westlichen Einflüssen auseinandersetzen. Und das machen sie schon seit den 1960er-Jahren – bis heute. Das gilt in gewissem Maße auch für südkoreanische Filme. Das finde ich spannend. Aber wie kommen Sie darauf, dass „Photograph“ ein Melodram sei?

Nun – es ist ein sehr ernsthafter Film. Und man wünscht sich, dass diese beiden unterschiedlichen Menschen irgendwie zusammenkommen. Es geht um große, aber versteckte Gefühle, um Klassengegensätze.Das ist „bigger than life“.

Batra: Ja – jetzt verstehe ich Sie.

Einer der letzten Sätze des Films lautet, wenn beide aus dem Kino kommen: „Geschichten sind neuerdings immer dieselben.“ Wie meinen Sie das?

Batra: Nun – ich habe es keinesfalls als Kritik an anderen Filmen gemeint. Es ist Ausdruck einer Veränderung, die in Rafi vorgeht. Vielleicht ist es ja auch eine gute Sache. Denn es hat etwas Beruhigendes, dasselbe wieder und wieder anzuschauen. Man kann sich auf das, was man sieht, verlassen.

Mir hat die Großmutter sehr gefallen, vor allem ihr Gesicht, weil man sehen konnte, dass sie wirklich gelebt hat, auch lange gelebt hat und sehr weise ist. Wie haben Sie die Darstellerin gefunden?

Batra: Jetzt ist sie im Ruhestand. Doch bevor ich 1979 geboren wurde, spielte sie in einem großen Bollywood-Film mit, den ich dann später gesehen habe. Daran habe ich mich erinnert und bin dann auf sie zugegangen. Sie hat das Drehbuch gelesen und mochte es sehr. Wir waren sehr glücklich, sie dabeizuhaben. Sie ist jetzt 88 Jahre alt, aber immer noch voller Energie. Sie ist wirklich toll im Film.

Sie sagt Rafi ja auch stets, wie er leben soll, dass er endlich heiraten soll. Klingt da auch ein Generationenkonflikt an?

Batra: Vielleicht. Es ist in Indien nun mal sehr wichtig, rechtzeitig zu heiraten und nicht zu lange damit zu warten. Das ist Teil der Kultur, über alle Klassen hinweg. Das ist ein Anliegen, das fast alle Inder gemeinsam haben – dass ihre Kinder früh heiraten. Dadurch entstehen Erwartungen: Kinder zeugen, großziehen, ein Haus bauen. Es ist ein großer Druck, der von der Gesellschaft ausgeht. So ist aber das Leben. Und wenn es, wie bei der Großmutter, das einzige ist, was man kennt, ist es vielleicht auch keine schlechte Sache.

Nawazuddin Siddiqui und Sanya-Malhotra
Nawazuddin Siddiqui und Sanya Malhotra

Wie haben Sie die beiden Hauptdarsteller gefunden?

Batra: Nawazuddin Siddiqui spielte schon in „Lunchbox“, da war er ein Lehrling. Ich hatte also schon mit ihm zusammen gearbeitet. Und er passte für mich genau zu dieser Rolle. Sanya Malhotra war eine von vielen Schauspielerinnen, die für die Rolle vorgesprochen haben. Sie hatte eine wundervolle Art, Dinge zu tun, ohne dabei allzu viel Worte zu verlieren. Sie trug sehr viel zu ihrer Figur bei.

Sie sind auch einer der Produzenten des Films. War es schwer, das Geld aufzutreiben?

Batra: Nein, eigentlich nicht. Es hat natürlich etwas gedauert und lief vor allem über Presales. Das bedeutet, dass man im Vorhinein auf Zusagen von Verleihern angewiesen ist, um dann das Geld von den Banken zu bekommen. Das braucht seine Zeit, ein bis anderthalb Jahre. Aber das ist gar nicht so lange. Das ist normal – andere Filme haben einen ähnlichen Vorlauf.

War es schwer, auf den Straßen in Mumbai zu drehen?

Batra: Das ist immer schwer. Das war auch schon bei „Lunchbox“ so. Man muss den Dreh bis ins Kleinste planen und dann sehr schnell sein. Man hat stets viele Menschen um sich, viele stehen nur herum und schauen zu, überall herrscht riesengroßes Chaos. Es ist eine große Herausforderung, dort zu drehen. Wenn es klappt, ist es die Anstrengung immer wert.

Sie haben 2017 auch einen Film für Netflix gedreht, „Unsere Seelen bei Nacht“. Wie sehen Sie die Diskussion, dass Netflix Filme nur für seine Plattform, nicht für das Kino produziert?

Batra: Ich sehe das nicht als Problem. Ich habe einen Film mit Netflix gemacht, diesen in Zusammenarbeit mit Amazon, und das waren gute Erfahrungen. Es wird natürlich viel diskutiert, und man muss einen Mittelweg finden. Aber wir verbringen viel zu viel Zeit mit Reden über Distributions-Plattformen. Am Ende geht es doch auch um Co-Existenz. Es gibt mehrere Wege, Filme zu schauen, und so wird das auch bleiben. Man muss darum Wege finden, zusammenzuarbeiten – auch wenn es manchmal weh tut. Das viele Reden hilft nicht, auch nicht die Vorstellung, dass jemand eine Lösung hätte. Alles, was über Netflix gesagt werden musste, ist gesagt worden. Ich kann nichts mehr zu dieser Diskussion beitragen – außer, dass ich dort gute Arbeitsbedingungen vorfand. Ich bin also weder erschreckt noch abgestoßen.

Haben Sie schon Pläne für einen neuen Film?

Batra: Ja, aber nichts, über das ich jetzt reden könnte. Ich weiß noch nicht, ob es sich realisiert oder nicht doch etwas anderes passiert. Es ist doch immer besser, über Dinge zu sprechen, die schon in trockenen Tüchern sind. Finanzierung und Planung sind noch nicht sicher, da sind so viele Faktoren, die einem Film vielleicht noch im Weg stehen – wie das in der Filmindustrie halt so geht.



Fotos: © Pedro Becerra/STAGEVIEW.de (Foto von Nawazuddin Siddiqui, Sanya-Malhotra & Ritesh-Batra); © Amzon Studios/NFP (Filmstills)

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