Hunde im Weltall

Montag, 12.08.2019

Diskussion

Ob beim (professionellen) Reden über Filme der eigene Geschmack vorangestellt werden kann, sei dahingestellt. Lili Hinstin, die neue Direktorin von Locarno, tut es nahezu unablässig. Was sie nicht mag, so weiß man deswegen nun, sind Filme mit konventioneller Erzählung. Was sie hingegen mag, sind Filme, die überraschen. Das bisherige Programm zeigte zwar durchaus viel Konventionelles; allerdings gelang die ein oder andere Überraschung tatsächlich, im Guten wie im Schlechten. Zu den positivsten darunter gehörte in den ersten Tagen des Festivals „Space Dogs“ von Elsa Kremser und Levin Peter in der Sektion „Cineasti del presente“.

Ob die Hündin Laika, die die Sowjetunion 1957 in den Weltraum schickte, tatsächlich das erste Lebewesen ist, das je ins All geschickt wurde, mag man nach dem Dokumentarfilm „Space Dogs“ nicht beschwören. Doch es ist nicht so wichtig. Wichtig hingegen ist – und darauf baut der Film auf – dass der Weltalltrip der herrenlos in Moskau aufgegriffenen Hündin Russlands Straßenkötern einen bizarren Heldenstand verlieh. Denn als Laika nach 100 Tagen bei der Rückkehr aus dem All in ihrer Raumkapsel verglühte, soll ihr Geist auf die Erde zurückgekehrt sein. Seit damals, sagt man – es wird solches in Kremsers und Peters Dokumentarfilm vom Schauspieler Alexey Serebryakov in poetischer Prosa vorgetragen – ziehe ihr Geist mit den streunenden Hunden durch Moskaus Strassen.

Moskau aus Hunde-Perspektive

Mythisch klingt das und mag mit ein Grund sein, wieso man in Russlands Hauptstadt noch heute rudelweise Streuner trifft. In angeblich monatelanger Recherche haben Kremser und Peter aus diesen Rudeln zwei Tiere als Protagonisten erkoren. Der eine, im Fell etwas struppig, leicht lendenlahm und träg, scheint schon etwas älter, der andere, munterer und quirliger, ist jünger. Das Verhältnis der beiden oszilliert zwischen Anhänglichkeit und Konkurrenz, aufmerksamer Obacht und knurrendem Kampf, sofern sich solch tierisches Miteinander in menschlichen Beziehungsbegriffen überhaupt fassen lässt. „Space Dogs“ folgt den Hunden über viele Wochen. Bei ihren trollenden Gängen durch die meist dämmerdunkle Stadt an Zwischenorte, wo Hund und Mensch sich kaum in die Quere kommen, beziehungsweise tierische und menschliche Streuner traut zusammenfinden: überwachsene Straßenränder, verlassene Parks, Brachen; rund um Abfallsammelstellen; vor Clubs und Imbissbuden, wo man sie manchmal vertreibt, ihnen manchmal was zuwirft.

Der Film verharrt oft minutenlang. Hält fest, wie der eine Hund döst, der andere wacht, bis plötzlich knurrend die Lefzen hochgezogen werden oder ein wartendes Rudel, von fernem Bellen aufgeschreckt, unverhofft losstürmt. Hart anzuschauen die Szene, in welcher eine unvorsichtige Katze frühmorgens zur Beute wird und spielerisches Balgen zum Kampf ausartet: Als beobachtender Tierfilm weitgehend aus der Augenhöhe von Hunden gedreht – Kameramann Yunus Roy Imer hat Tolles geleistet –, ist „Space Dogs“ schlicht sensationell.

Unfreiwillige Weltraumpioniere

Über diese Gegenwartsebene, belegt mit zum Teil bisher nie öffentlich gezeigten Aufnahmen aus dem Moskauer Institut für biomedizinische Probleme, legt sich die Geschichte der Hunde, die Russland zu Versuchszwecken in All schickte. Laika war, erfährt man, lange nicht der einzige Hund, den die Russen ins All schickten, auch sind Hunde nicht die einzigen Tiere, die im Orbit kreisten. Man sieht, wie die Tiere getestet, für die Reise zurechtoperiert, verkabelt werden. Eindrücklich – und letztlich aufschreckend – ist das Bild zweier Hunde, die von der Fahrt in der Kapsel durchgeschüttelt mit großen Augen in die Kamera schauen. Was haben sie gesehen, fragt der Film, wovon geträumt? Dem Zuschauer zwingt sich dabei unmittelbar die Frage auf, ob der Mensch solcherweise überhaupt über Tiere verfügen darf.

Infos: www.locarnofestival.ch



Foto: © Locarno Film Festival

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