Auszeichnung für Kameramann Luca Bigazzi

Dienstag, 13.08.2019

Der italienische Kameramann Luca Bigazzi wird im Rahmen des 76. Filmfestivals von Venedig (28.8.-7.9.) mit dem „Campari Passion for Filmaward“ geehrt. Ein Porträt.

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Eine schreiende Frau und ihr obszön aufgerissener Mund bestimmen das Bild. Von oben bestrahlt ein Martini-Werbeschild die Dachterrasse, auf der nicht mehr ganz junge Menschen in Designer-Fummeln außer sich vor Begeisterung die Arme hochreißen. Es wird geknutscht, getatscht und getratscht. Botox und Drogen liegen in der Luft der nächtlichen Ekstase, in die sich immer wieder die Handkamera zwängt und dieses Hohelied des Hedonismus einfängt, selbst wie berauscht. Oberflächlich, vulgär, aber auch herrlich entrückt wirkt die über den Dächern Roms feiernde High Society, aus der sich ein Einzelner löst und sich in Zeitlupe eine Zigarette anzündet. Die Kamera fährt auf ihn zu und wird ihn von nun an nicht mehr verlassen: Jeb Gambardella, Journalist und König des Mondänen, wie er sich selbst bezeichnet. Kameramann Luca Bigazzi platziert ihn, wie fast immer in Paolo Sorrentinos „La grande bellezza“ (2013), in der Mitte des Bildes. Dort, wo man alle Aufmerksamkeit abbekommt, und wo es doch so einsam werden kann.

Bigazzi, Sorrentino & Servillo

Wer „Luca Bigazzi“ sagt, der denkt den italienischen Regisseur Sorrentino und seinen Stammschauspieler Toni Servillo zumeist gleich mit. Bigazzi hat bislang alle von Sorrentino und Servillo in ihrer Einsamkeit entworfenen Figuren in kongeniale Bilder gekleidet. Da klemmt sich die Kamera in „Il Divo“ (2008) an den „göttlichen“ Giulio Andreotti, den Servillo wie einen Nosferatu der Politik mit hochgezogenen Schultern und abstehenden Fledermausohren durch Roms prächtige Gemäuer und Straßen trippeln lässt – die kleinen Schritte eines großen Strippenziehers mit noch größeren Kopfschmerzen. Siebenmal wurde Andreotti zum italienischen Ministerpräsidenten gewählt, und das nicht ohne Skandale: Eindrucksvoll rahmen die Großaufnahmen seines zunächst mit Akupunkturnadeln, dann mit sprudelnden Aspirin-Gläsern traktierten Kopfs zu Beginn eine ganze Kaskade von Auftragsmorden ein, bevor Bigazzis Kamera gemäß des Filmtitels die Vergöttlichung des diabolischen Politikers vornimmt.

Wie einen scharfkantigen Fels in der Brandung fokussiert sie Andreotti im aufgewühlten Parlament, später soll er vor Gericht für seine Mafia-Verbindungen zu Kreuze kriechen. Eine Dinner-Szene mit Andreotti im Zentrum entlehnt sich nicht von Ungefähr Leonardo da Vincis berühmtem „Abendmahl“. Luca Bigazzi passt so schön zu den Rom-Filmen von Sorrentino (mit dem er auch die Serie „The Young Pope“ gedreht hat, deren zweite Staffel „The New Pope“ im Rahmen des Filmfestival Venedig mit zwei Episoden vorgestellt wird), weil er die Erhabenheit dieser Stadt so großartig mit der Niederträchtigkeit ihrer Bewohner kontrastiert. Zumal wenn diese einer Spezies angehören, die in Italien ohnehin einen zwiespältigen Ruf genießt: der High Society, dem Klerus, der Mafia, der Politiker-Kaste.

Sorrentino, der in Neapel geborene Regisseur, und Bigazzi, der gebürtige Mailänder, beweisen jedes Mal, dass sie Rom wie ihre Westentasche kennen, sich den bewundernden Blick des Besuchers bei allen Fellini-Anleihen aber nie abgewöhnt haben.

"La grande bellezza"
"La grande bellezza"

Figuren als Fremdkörper

Vielleicht wirken die beiden Ausflüge, die das Regie-Kamera-Gespann bisher ohne Servillo und Rom unternahm, auch deswegen wie der blasse Widerschein ihrer vorherigen Zusammenarbeit: „Cheyenne – This must be the Place“ (2011) inszeniert Sean Penn als Rock-Vamp, der manch jungem suizidalen Fan mit seiner düsteren Musik den letzten Lebensmut aussaugte. Nun knabbert er an dieser Schuld, während er die Nazi-Verbrechersuche seines verstorbenen Vaters fortsetzt. Die vielen Handlungsfäden spiegeln sich in den überstilisiert aufgefächerten Bildern, in denen Bigazzi noch am eindrücklichsten die Weite der US-amerikanischen Landschaft einfängt, während die Reise doch ganz tief ins Innere geht.

Dorthin zielt auch „Ewige Jugend“ (2015), in dem Bigazzi die Gäste eines Schweizer Sanatoriums bei ihren Kur-Anwendungen ähnlich abfährt wie Gianni di Venanzo in Fellinis „Achteinhalb“. In „Ewige Jugend“ ist es kein Regisseur, sondern ein Komponist, der durch die Vorwürfe seiner Tochter, durch die Aufdringlichkeit eines Queen-Gesandten und die Existenzkrise seines besten Freundes keine Ruhe beziehungsweise keinen Ruhestand findet. Was all diese Figuren und ihre Inszenierung durch Bigazzi vereint, ist der auch im Bild ausgestellte Status eines Fremdkörpers. Ihresgleichen fühlen sie sich überlegen und stecken doch in einem selbst gegrabenen Sumpf, der zu tief ist, um aus ihm herauskriechen zu können. Dann lieber aufrechten Hauptes untergehen, wie der in Ungnade gefallene Mafia-Investor Titta, der am Ende von „Le conseguenze dell’amore“ (2004) über einem ­Container voller Flüssigbeton hängt. Wie ein Aufschnappen seiner Fantasie, die Titta am Anfang noch abstritt, wirkt der letzte (Kamera-)Blick auf die imaginierte Höhenarbeit seines besten Freundes, den er seit 20 Jahren nicht gesehen hat, von dem er aber kürzlich hörte, dass er in der norwegischen Bergwelt auf Strommasten klettert, um Leitungen zu reparieren.

"Ewige Jugend"
"Ewige Jugend"

Welch ein paradiesischer Zustand im Vergleich zu Tittas Leben, den seine Mafia-Familie als Geldboten in einem Schweizer Hotel festgesetzt hat, mit dem er von Bigazzi in aller Distinktion verschmolzen wird. Allein im Botengang und im Drogenrausch, die Bigazzi fulminant bunt und schnell in Szene setzt, darf er einen Ausbruchsversuch hinlegen. In diesem Film traf Bigazzi zum ersten Mal auf den Stilwillen von Sorrentino: Fließend bewegt sich die Kamera auf die Figuren zu, fährt mit unnachahmlicher Eleganz um sie herum, um sie wortwörtlich an Profil gewinnen zu lassen, ohne dass sie dafür irgendetwas machen müssten. Teile der Dialoge finden außerhalb des Bildes statt, in das sich die aus dem Blick verlorenen Sprechenden nach und nach wieder einfinden.

Ein Meister der Raumgestaltung

Bigazzi ist ein Meister darin, die großzügig durchmessenen Räume in Bezug zu den Figuren zu setzen, die alles haben, Macht, Geld, Frauen, und doch innerlich hohl sind. Die Kamera positioniert sie über allen Dingen schwebend – der Fall wird dafür umso größer sein: Die Schatten der dunklen Hintergründe, vor denen die ausgeleuchteten Figuren oft agieren, scheinen sich langsam um sie zu legen. Umso unnachgiebiger, umso mehr man hinter die mühsam aufgerichteten Fassaden blicken darf. Dorthin, wo Freunde zu Verrätern und Bündnisse zu Galgenschlingen werden, die sich immer fester zuziehen. Das gelingt im Dokumentarfilm „Belluscone“ (2014, Regie: Franco Malesco), in dem Bigazzi das Milieu von Silvio Berlusconis Anhängerschaft einfängt, ebenso wie im fiktiven „Romanzo Criminale“ (2008, Regie: Michele Placido) – einer Art Vorbote von „Il Divo“, der die kleinen Handlanger, nicht die Strippenzieher ins Auge fasst: Entsättigt, aschfahl und unmittelbar, wie aus der Gosse, sind diese Aufnahmen, die eine Gruppe junger Männer dabei zeigen, wie sie Roms Unterwelt erobern. Schnelle Schnitte, der Einsatz von dokumentarischem Material, die Ausweitung des Fokus auf mehrere Charaktere – das sind die Waffen dieser kleinen großen Underdog-Gangster-Story, die nicht zuletzt dank der Bilder einen spannenden Sog entwickelt. In seinem umfassenden Werk hatte Luca Bigazzi nie Angst davor, seine Figuren auch mal aus den Augen oder an die Schatten zu verlieren – Hauptsache, dies löst einen überlebenswichtigen Umbruch aus. Das zeigt sich schon in seiner frühen Kameraarbeit für Gianni Amelios „Lamerica“ (1994): Immer wieder werden zwei Investoren, die von Italien aus ins postkommunistische Albanien einfallen, im Gedränge der um sie gescharten mittellosen Menschen verdeckt. Die Landschaft, die ihren Bewohnern nur wenig zu geben hat und nun von Zügen und klapprigen Pick-Up-Trucks durchmessen wird, zeichnet Bigazzi in einer kargen Schönheit, die einen die Sehnsucht der Menschen mitfühlen lässt, während der junge Gino gegenüber einem alten, verwirrten Mann sein Verantwortungsgefühl wiederentdeckt.

Zehn Jahre später fängt Bigazzi in „Le Chiavi di Casa – Die Hausschlüssel“ (2004, Regie: Gianni Amelio) feinfühlig die Beziehung eines Vaters zu seinem behinderten Sohn ein. Hauptsächlich vom Schuss-Gegenschuss geprägt, stellt die Kamera bei einer pantomimisch geteilten Friedenszigarette eine erste Bilderbrücke her, die Vater und Sohn sanft in einem Ausschnitt vereint. Das leichte Wackeln der Handkamera erzählt von der Unsicherheit, die diese intime Begegnung prägt. Bigazzi beherrscht auch die zarten Töne abseits des harten und stilisierten Kinos von Mafia-Kriegen und Existenzkrisen. Selbst in konventionell gefilmten Werken wie der Komödie „Brot und Tulpen“ (2000) von Silvio Soldini finden sich immer wieder visuelle Feinheiten, die aufmerken lassen: Sanft folgen Close-Ups den großen Totalen, Dialogpartner werden im Goldenen Schnitt drapiert, die Kamera verweilt länger auf den Figuren, als sie es eigentlich müsste, bevor sie sie wieder von der Leine lässt.

Das Leben als ein breiter Fluss

Dieser Bilderduktus bestimmt auch „Die Liebesfälscher“ (2010) von Abbas Kiarostami, in der sich eine alleinerziehende Mutter und ein Literat, der einen Roman über die Kunst des Kopierens geschrieben hat, als langjähriges Ehepaar ausgeben, obwohl sie sich (wahrscheinlich) gerade erst kennengelernt haben. Unmittelbar blicken sie in die Kamera, wenn sie den jeweils anderen adressieren oder sich im Spiegel zurechtmachen. Auf der anderen Seite schlüpft die Kamera in einen heimlichen Beobachter, der den Gedanken des einen mit nachhängt und darüber die Taten des anderen völlig aus dem Blick verliert. Was diese vorgespiegelte Beziehung wert ist, das liegt allein im Auge des Betrachteten.

"Die Liebesfälscher"
"Die Liebesfälscher"

Luca Bigazzi wird mit seiner Kamera zum Maler dieser Kopie. Doch ist das, was die Liebesfälscher hier zeigen, noch eine Kopie? Oder ist es, sieht man sich ihre wachsende Zuneigung an, schon wieder das Original? „Im Grunde ist es nichts als ein Trick“, erkennt Jeb Gambardella am Ende von „La grande bellezza“, am Ende eines Lebens „voller Geschwätz und Lärm, voller bla bla bla“. Die große Liebe seiner Jugend blitzt in seiner Erinnerung auf, nachdem von seinen Bekannten zuvor so oft Marcel Proust, der Meister des Erinnerungserlebens, als hohle Phrase in den Mund genommen wurde.

Dem Profil des Mädchens im blau-grauen Abendlicht und Jebs Augen in Nahaufnahme folgt eine Totale auf den Tiber in der Dämmerung der Gegenwart. Langsam fährt die Kamera den breiten Fluss hinab. Dunkelgrünes Pflanzenwerk hängt schwer von den Böschungsmauern. Mal gleitet der Blick langsam auf einige Brückenpassanten, dann taucht er wieder hinab in die Dunkelheit der Pfeiler, um auf der blauen Wasserfläche seine Ruhe zu finden. Friedlich vor sich hin fließend wie der Fluss, der sie trägt, ist diese minutenlange, ohne Schnitt auskommende Aufnahme, über der die Choräle einsetzen, die zuvor den ganzen Film durchzogen haben. Und hier, auf diesem Fluss, der immer auch Todessymbol ist, findet sich dank Luca Bigazzis traumartigem Kamera-Epilog plötzlich das, wonach sich all die vom Luxus ausgehöhlten Party-Gäste des Anfangs sehnen. Das, wonach auch Jeb sein Leben lang gesucht hat, und das er wie Proust nur in seiner Erinnerung findet: die ganz große Schönheit.


„The New Pope“, eine Fortführung der Serie „The Young Pope“ und die jüngste Zusammenarbeit von Kameramann Luca Bigazzi und Regisseur Paolo Sorrentino, wird 2020 ausgestrahlt werden.


Das Porträt ist die aktualisierte Version einer Würdigung Bigazzis anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Marburger Kamerapreis 2017.

Fotos: © Filmfestival Venedig,

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