Als Tarantino weinte

Dienstag, 13.08.2019

Eine fiktionale Begegnung mit dem Filmemacher

Diskussion

Das nostalgiegetränkte Nerdtum, die selbstherrliche, beinahe kindliche Freude am eigenen „Auteur“-Universum, die in langen und eskapistischen Nächten geschulte Männlichkeitsrhetorik, der Zwang zum F-Wort, die dauernd behauptete, weltfremde Coolness, die exzessive Freude an Film-Gewalt: Das alles musste irgendwann auf Ablehnung stoßen. Quentin Tarantino, ein Komet der 1990er – ein Relikt aus den 1990ern?


In seinem betörenden Buch „Vidas escritas“ beschreibt der spanische Schriftsteller (und Neffe von Filmemacher Jésus Franco) Javier Marías das Leben einiger Schriftsteller, für die er sich interessiert. Von der Verdauung Thomas Manns über die Konversationsgepflogenheiten eines Henry James bis zu den Extravaganzen einer Djuna Barnes verspürt man dabei eine immense Lust am Schreiben und Geschrieben-werden. Schon im Vorwort betont der schreibende Schelm, dass es ihm nicht so wichtig wäre mit der Wahrhaftigkeit seiner Anekdoten und Annäherungen. Menschen, so legt er den Lesern nahe, die ihr Leben mit Fiktionen verbracht hätten, wünschten insgeheim selbst zu einer solchen zu werden. Damit spielt er gleichermaßen mit der für die Literatur so wichtigen Legendenbildung, wie er sie auch in wundervoller Manier bedient.

Eben jene Fiktionen werden Quentin Tarantino, einem Künstler, der Jésus Franco deutlich näher steht als Javier Marías, derzeit zum Verhängnis. Zumindest wenn man einige ablehnende, warnende und vernichtende kritische Stimmen als Verhängnis bezeichnen will.

Filmemachen ist etwas für junge Menschen

Die Einwände gegen ihn und sein Kino beginnen 2018 mit Berichten über Vorfälle am Set von „Kill Bill“, die Schauspielerin Uma Thurman als Machtmissbrauch des Regisseurs beschrieb (siehe Interview mit Uma Thurman in der New York Times), und berühren seine langjährige Zusammenarbeit mit Harvey Weinstein, für die Tarantino sich inzwischen öffentlich entschuldigte. Sie reiben sich an der wiederholten Gewalt gegen Frauen in seinem Kino, der Präferenz patriarchaler Strukturen bis zu seinem Geschichtsrevisionismus, der in Filmen wie „Inglorious Basterds“, „Django Unchained“ und nun eben „Once Upon a Time… in Hollywoodeine neue Facette in seine Red-Apple-Popkultur-Kinowelten überführte. Eine der führenden amerikanischen Stimmen des filmkritischen Diskurs, Jonathan Rosenbaum, bringt vieles so sehr auf die Palme, dass er den Filmemacher gar mit dem derzeitigen Präsident der Vereinigten Staaten vergleicht.

Tarantino beim Dreh von "Once Upon a Time... in Hollywood"
Tarantino beim Dreh von "Once Upon a Time... in Hollywood"

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