Preisgekrönter Schwarzmaler

Montag, 19.08.2019

Der große Gewinner des 72. Filmfestivals von Locarno heißt Pedro Costa. Der Portugiese holte mit seinem nachtdunklen „Vitalina Varela“ den „Goldenen Leoparden“

Diskussion

Die Frau kommt aus der Dunkelheit, und sie kommt nach drei Jahrzehnten sozusagen drei Tage zu spät: Ihr Mann ist vor kurzem gestorben und liegt bereits unter der Erde, als sie in Lissabon ankommt. Dabei hat ihrer beider Geschichte auf den Kapverdischen Inseln hoffnungsvoll angefangen. Man hat blutjung geheiratet, baute an der gemeinsamen Zukunft, bis Joaquin auf und davon zog. Nach Lissabon, wo er Geld für ein besseres Leben zu verdienen hoffte. Er schrieb ihr, versprach ein Flugticket zu schicken, kehrte zweimal in die Heimat zurück. "Vitalina Varela", die im richtigen Leben so heißt wie ihre Figur im Film und diesem auch den Titel gab, wartete, hoffte, träumte. Jahrelang, auch als keine Briefe mehr kamen. Man erfährt das im Film von Pedro Costa fast beiläufig: So wie die Menschen, die aus dem Dunkeln der Bilder auftauchen, wird auch ihr Schicksal nur kurz beleuchtet und versinkt wieder im Dämmerdunkel der Bilder. Im Dunkel dieses Filmes auch, der die Leinwand zu geschätzt achtzig Prozent fast schwarz lässt, um die Gesichter, Körper, Gegenstände oder Teile davon, perfekt angeleuchtet, umso plastischer erscheinen zu lassen.

„Vitalina Varela“ war der formal eigenwilligste Film im internationalen Wettbewerb von Locarno 2019. Ein magisch aufgeladenes Trauergedicht, das davon handelt, dass eine Frau, als ihr Mann nicht mehr da ist, mit diesem ihr Leben zu teilen beginnt, bzw. sich eingeschlossen im Raum, den er davor bewohnte, mit ihrem nicht in Erfüllung gegangenen Lebenstraum auseinandersetzt. Das trauergemeißelte Gesicht der Schauspielerin Vitalina Varela wird man so schnell nicht wieder vergessen. Dabei hat man dieses in Locarno bereits einmal gesehen: 2014 in „Cavalho Dinheiro“ („Horse Money“), ebenfalls unter Regie von Pedro Costa, der damals in Locarno den „Leoparden“ für die beste Regie erhielt. Für „Vitalina Varela“ nun erhielt Costa in Locarno den großen Preis, den Pardo d’Oro (Goldenen Leoparden) und seine Hauptdarstellerin die Auszeichnung als beste Schauspielerin.

Vitalina Varela
Vitalina Varela

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Ein Highlight in einem ansonsten eher mittelprächtigen Wettbewerb

Die Juryentscheidung ist nachvollziehbar. Nicht weil „Vitalina Varela“ ein Meisterwerk ist, das zu sehen das Publikum Kinosäle stürmen wird. Aber er ragte heraus aus dem diesjährigen Wettbewerb von Locarno, der insgesamt so schlecht nicht war, aber so, wie er keine totalen Abrutscher servierte, auch nur wenige Highlights enthielt.

Das dürfte zum einen daran liegen, dass die Französin Lili Hinstin, im letzten August als Nachfolgerin von Carlo Chatrian bestätigt, ihr Direktorinnenamt erst im Dezember antrat und damit für die Zusammenstellung des Programmes wenig Zeit hatte. Es mag zum anderen auch daran liegen, dass Hinstin in Locarno neue Impulse zu setzen versucht. Weniger auf konventionell erzählte Geschichten setzen will, sondern auf Filme, die – formal oder inhaltlich – überraschen, auf Filme auch, die Genres aufbrechen und sich an Grenzen – etwa von Fiktion und Dokument – bewegen.

Internationale Geschichten vom Frau-Sein

Nicht wenige Filme des diesjährigen Locarno-Wettbewerbs erzählten Geschichten von (starken) Frauen oder kreisten um „Frauenthemen“. Dazu gehört zum Beispiel der mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnete „Maternal“ von Maura Delpero: Die Handlung kreist um zwei Teenager, die Mutter werden, und um die junge Ordensfrau Paola, die sich im argentinischen Kloster, in dem der Film spielt, um deren Kinder hingebungsvoll kümmert. Oder „Cat in the Wall“, in dem Mina Mileva und Vesela Kazakova den Kampf einer Bulgarin schildern, die, alleinerziehend und Architektin von Beruf, sich in London ein neues Leben aufzubauen versucht. Und „Pa-go“ von Park Jung-bum, der erzählt, wie eine (traumatisierte) Polizistin, die in Trennung lebt, sich mit ihrer halbwüchsigen Tochter auf eine kleine Insel versetzen lässt und einen vermeintlichen Missbrauchsfall zu klären versucht. Koji Fukadas „Yokogao“ schließlich kreist um eine japanische Krankenschwester, deren bescheiden-glückliches Leben durch eine Kindsentführung und die unfeine Rolle, die Medien und Gesellschaft dabei spielen, zerstört wird.

"Yokago"
"Yokogao"

Und dann traf man in Locarnos internationalem Wettbewerb auch „Les enfants d’Isadora“. Der Film von Damien Manivel spürt auf den Spuren von Isadora Duncans Solo-Stück „La mère“ in der Begegnung mit drei Frauen der Geste der mütterlichen Umarmung nach. Er bewegt sich an der Grenze von Dokument und Inszenierung, folgt der einen Tänzerin, um sich unvermittelt der nächsten zuzuwenden, und unterläuft dabei immer wieder die Erwartung des Publikums. Zumindest einmal hätte man diese Geste, die man zigmal geprobt sieht, gern auch eingebettet ins ganze Stück gesehen. Damien Manivel wurde in Locarno mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet.

Irritierte Männer

Neue Formen des Erzählens, diese Überraschungen, die Lili Hinstin in Filmen sucht, waren tatsächlich nur in zwei, drei Wettbewerbsfilmen anzutreffen. Allerdings waren diese nicht immer überzeugend. So erinnert „Bergmál“ vom Isländer Rúnar Rúnarsson, aus 56 losen Szenen aufgebaut, zwar ein bisschen an die kaleidoskopartigen Filme des Schweden Roy Andersson; der Film ist zwar zwischendurch witzig, erreicht aber nie deren gesellschaftskritisch-pointierte Dichte. Auch „Technoboss“ (Regie: João Nicolau), und „A febre“ (Regie: Maya Da-Rin), die mit unverhofften Gesangseinlagen beziehungsweise geisterhaften Erscheinungen aufwartend eigenwillig vom Ausscheiden zweier älterer Männer aus der Arbeitswelt erzählen, vermochten letztlich nicht wirklich zu überzeugen.

"Bergamál"
"Bergmál"

„A febre“ und „Technoboss“ stehen für einen zweiten Themenblock, den Hinstin in Locarno auffallend bediente: Filme, die Geschichten um verstörte und/oder vom Leben irritierte Männer erzählen. Dazu gehören auch „Terminal Sud“ von Rabah Ameur-Zaïmeche über einen unbescholtenen Arzt, der in die Konflikte der Algerienkriegs verwickelt wird, Joe Talbots „The Last Black Man in San Francisco“ um die fantastischen Verstiegenheiten eines jungen Afroamerikaners, und nicht zuletzt der einzige Schweizer Beitrag im Wettbewerb: „O Fim do Mundo“, in dem Basil Da Cunha erzählt, wie ein straffällig gewordener Jugendlicher aus der Erziehungsanstalt entlassen im Elendsviertel von Lissabon, in dem er aufgewachsen ist, wieder Fuß zu fassen versucht.

Große Erwartungen

Aus Basil Da Cunhas Film wird man einige laute und von helllodernden Flammen erhellte Nachtszenen in Erinnerungen behalten – und die eine magisch aufgeladene Szene, in der ein junger Mann einer jungen Frau im trübster Armut als Zeichen seiner Liebe ein weißes Pferd präsentiert. Es ist ein starkes Bild, beispielhaft für einige außergewöhnliche und verblüffende Bilder und Szenen, die sich in Locarno 2019 eindringlich ins Gedächtnis brannten. Aber diese Bilder und Szenen – diese Fetzen aus Filmen – vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass im „concorso internazionale“ (und auch im Nebenwettbewerb „cineasti di presente“) von Locarno 2019 kein wirklich herausragendes Meisterwerk anzutreffen war.

Lili Hinstin aber, die vor dem Festival deutlich machte, dass sie mit diesem, ihrem ersten Festival von Locarno, eine zukunftsweisende Linie vorlegen möchte, zeigt sich danach durchaus zufrieden. Sie sei, ließ sie im abschließenden Pressecommuniqué verlauten „glücklich“ mit ihrer ersten Ausgabe. „Der Publikumspreis („Camille“ von Boris Lojkine), spiegelt wider, was wir im künstlerischen Team wahrgenommen haben. Er beweist Intelligenz und grenzenlose Großzügigkeit. Locarno hat das beste Publikum und wir sind sehr glücklich, Filme in diesem Rahmen zeigen zu können. Wir hatten ein integratives Festival geplant, das dank neuer Projekte das Erbe von Locarno erfassen und weiterführen kann. Nach diesen gemeinsamen elf Tagen stellen wir fest, dass das Kino auch heute noch Mittel zur Bewusstseinsfindung sein kann und uns dazu bringt, an große Utopien zu glauben.“

"Camille"
"Camille"

Bleibt abzuwarten, ob es Hinstin gelingt, zu erfüllen, was Festivalpräsident Marco Solari von ihr erwartet. Nämlich ein Festival, das „seine künstlerische Qualität“ wahrt und weiterhin eine „wichtige wirtschaftliche Quelle für die Region“ bleibt. Beim 72. Film Festival von Locarno wurden innerhalb von elf Tagen 246 Filme in 432 Vorführungen gezeigt. Mit einem Besucherwachstum von 1,2 Prozent legte das Festival im Vergleich zum Vorjahr minimal zu, die Zahl von 61.700 Zuschauern, die 2018 auf der Piazza saßen, wurden 2019 mit 59.500 Piazza-Besuchern allerdings nicht erreicht. Das 73. Festival von Locarno wird vom 5. bis 15. August 2020 stattfinden.

Die deutschen Beiträge sind – abgesehen von „Space Dogs“ (Elsa Kremser, Levin Peter), der von der Jugendjury eine „Besondere Erwähnung“ erhielt – 2019 in Locarno alle leer ausgegangen.




Die Hauptpreise: Internationaler Wettbewerb:

Goldener Leopard/Großer Preis der Stadt von Locarno: „Vitalina Varela“ von Pedro Costa, Portugal

Spezialpreis der Jury: „Pa-Go“ (Height of the Wave) von Park Jung-bum, Südkorea

Leopard für die beste Regie: Damien Manivel für „Les enfants d’Isadora“, Frankreich/Südkorea

Leopard für die beste Darstellerin: Vitalina Varela für „Vitalina Varela“ von Pedro Costa, Portugal

Leopard für den besten Darsteller: Regis Myrupu für „A febre“ von Maya Da-Rin, Brasilien/Frankreich/Deutschland

Sektion „Cineasti del presente“

„Goldener Leopard“ Cineasti del presente: „Baamum Nafi“ („Nafi’s Father“) von Mamadou Dia, Senegal

Preis für die beste Nachwuchsregie: „143 rue du désert“ von Hassen Ferhani, Algerien/Frankreich/Katar

Spezialpreis der Jury: „Ivana cea Groaznica“ („Ivana the Terrible)“ von Ivana Mladenović, Rumänien/Serbien

Moving Ahead Award: „The Giverny Document (Single Channel)“ von Ja’Tovia M. Gary, Vereinigte Staaten/Frankreich


Alle Preise finden Sie unter www.locarnofestival.ch



Fotos: oben: Pedro Costa mit dem "Goldenen Leoparden", © Locarno Film Festival/Samuel Golay. Andere Fotos: © Locarno Film Festival


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