Der wilde Engel

Dienstag, 20.08.2019

In memoriam: Peter Fonda (1940-2019)

Diskussion

Der Schauspieler und Regisseur, der sich mit „Easy Rider“ aus dem Schatten seines berühmten Vaters Henry Fonda freizuschwimmen suchte, war der Seismograph und melancholische Chronist der Gegenkultur der Hippiebewegung. Am 16. August 2019 ist er verstorben.

Es gibt mindestens ein Vorher und ein Nachher in Peter Fondas Leben. Der Film „Easy Rider“, der vor 50 Jahren bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere hatte und dort gleich mit einem eigens für den Film erfundenen Preis („Bestes Erstlingswerk“) prämiert wurde, markiert den bedeutendsten Bruch in Fondas Biographie. Fortan wurde er mit diesem Werk identifiziert und auf es zurückgeworfen. Noch ein Vierteljahrhundert später spielte er in dem „Generation X“-Indie-Film Bodies, Rest & Motion, in der seine Tochter Bridget eine Hauptrolle hat, einen Biker – ironischer Verweis auf den eigenen Mythos.

Mythen und die Auseinandersetzung mit der Mythologie Amerikas scheinen Peter Fonda sein Leben lang beschäftigt zu haben. Vielleicht lag das auch an der Familie und der Epoche, in die er hineingeborenen wurde – am Höhepunkt des „Amerikanischen Jahrhunderts“, dem Zeitalter eines Siegerstolzes, der in sich schon bald brüchig wurde. In den 1950er-Jahren schob sich schnell das Verdrängte der US-Gesellschaft, die Folgen der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs, zwischen die Hochglanzprospekte perfekter Suburbia-Familien und ihrer Konsum- und Maschinenträume, angefacht von den neuen Kriegen in Fernost und der Paranoia der McCarthy-Hexenjagd. Sie ließ auch Peters Vater Henry, einen bekennenden Hollywood-Linken, nicht unberührt.

„Don’t Tell Dad“

Es muss auch deswegen nicht leicht gewesen sein, als 1940 geborener Sohn des großen Filmstars Henry Fonda im Hollywood der 1940er- und 1950er-Jahre aufzuwachsen. Die „Daddy Issues“ beschäftigten den Sohn sein Leben lang: Vater Henry war politisch und beruflich das allzu perfekte Vorbild, galt zugleich persönlich als streng, unnahbar, narzisstisch und jähzornig. Frances Ford Seymour, zweite von fünf Ehefrauen und Mutter von Peter und Jane Fonda (geb. 1937), schnitt sich die Pulsadern auf, als Peter gerade zehn Jahre alt war. Kurz darauf wurde der Zehnjährige nach einer Kinderparty mit einem Bauchschuss ins Krankenhaus eingeliefert – „versehentlich“, hieß es. Eine Nahtoderfahrung, von der Fonda später John Lennon erzählte und ihn zum Song „She said, she said“ inspirierte.

So war die Schauspielerei auch ein perfekter Flucht- und Rückzugsort aus einem schwer erträglichen Alltag, über den der Sohn in Interviews sehr offen sprach: Er habe immer das Gefühl gehabt, den Erwartungen des distanzierten Vaters nicht entsprechen zu können, und fühle sich noch nach dessen Tod im Schatten dieser übermächtig scheinenden Vaterfigur. „Don’t Tell Dad“ ist der bezeichnende Titel seiner Autobiografie. Das Bedürfnis, diese Last zu kompensieren, machte der Sohn mit einer sehr generationstypischen Anti-Haltung produktiv: Von seinen ersten Broadway-Auftritten an stilisierte sich Peter als das „Schwarze Schaf“ der Familie; ein geborener Rebell in der Zeit der halbstarken „angry young men“.

Die Vorformung des "Easy Rider"-Images: "Die wilden Engel" von Roger Corman
Die Vorformung des "Easy Rider"-Images: "Die wilden Engel" von Roger Corman

Fondas Schauspiel-Karriere, die über 100 Titel umfasst, begann Anfang der 1960er-Jahre mit Fernsehrollen. Aber schon sein Kino-Debüt mit 23 war markant: „Die Sieger“, die einzige Regiearbeit des Drehbuchautors Carl Foreman, ein heute vollkommen zu Unrecht vergessener abgründiger Kriegsfilm, für den Fonda prompt eine „Golden Globe“-Nominierung als vielversprechendster Newcomer bekam. Es folgte Robert Rossens „Lilith“ (1964) mit Warren Beatty und Jean Seberg, und dann Roger Cormans „The Wild Angels“ von 1966, die grell-düstere Blaupause aller kommenden Biker-Filme, besonders „Easy Rider“.

Die Dekonstruktion amerikanischer Mythen

Easy Rider“ schrieb Fonda gemeinsam mit Dennis Hopper, auch einem ehemaligen „rebel without a cause“. Beide hatten – wie der dritte im Bunde, Jack Nicholson – in der Mühle des Indie-Produzenten Roger Corman gelernt und zugleich kreative Freiheit gefunden. Ursprünglich hätte Corman den Film produzieren sollen, doch auch dieser Vater musste symbolisch ermordet, also zurückgewiesen werden – was ja auch immer eine Abhängigkeit belegt.

Genau diese Abhängigkeit von den Vätern ist Thema von „Easy Rider“, in dem man ein persönliches Bekenntnis der Drehbuchautoren sehen muss. „Easy Rider“ ist einer von wenigen Schlüsselfilmen, ein Vexierfilm, der zugleich das Ende des alten wie den Anfang des „New“ Hollywood markiert. Ironischerweise hatte Peters Vater Henry bereits ein Jahr zuvor in Sergio Leones bald zum Klassiker gewordenen Spaghetti-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ diesen Neuanfang symbolisch vollzogen und zusammen mit seinen früheren Rollen gleich dem ganzen uramerikanischen Western-Genre des Garaus gemacht.

"Easy Rider"
"Easy Rider"

Auch „Easy Rider“ ist eigentlich ein Western. „Es sollte sein wie ‚The Searchers‘ von John Ford, ich würde die Rolle von John Wayne übernehmen“, schrieb Fonda später. Drei junge Männer erkunden als moderne Cowboys – unter dem Sattel ist statt eines Pferderückens nun der Stahl der hochgepushten Motorräder – die Gegenwart Amerikas. Sie suchen Freiheit und Abenteuer, aber sie finden Gewalt und Dekadenz. Der zum Mythos gewordene Film, der heute mit einem bewusstseinserweiternden Trip in die rosaroten „Strawberry Fields“ der Hippies verwechselt wird, ist viel klüger und tiefer als solche Legenden: Fonda und Hopper dekonstruieren den Mythos, zeigen, dass es das Amerika unserer Sehnsucht und Fantasie, das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, schon lange nicht mehr gibt, vielleicht nie gegeben hat. So mündet ihre Reise in Wut, Hass und Tod. „Easy Rider“, gedreht im Sommer der Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy, ist eine durch und durch morbide Bestandsaufnahme der Gegenkultur, der das Scheitern der Träume von 1968 schon eingeschrieben ist.

Sein Körperausdruck war schon die Antihaltung

So war Peter Fonda, der die Regie – was er später bereute – seinem Kumpel Dennis Hopper überlassen hatte, nicht etwa der Architekt der Gegenkultur der Hippiebewegung, sondern ihr Seismograph und melancholischer Chronist.

Wenn man sich an Peter Fonda erinnert, kommt einem zuerst sein markanter Blick in den Sinn, auch wenn die hellblauen Augen auf der Leinwand oft von einer Sonnenbrille verdeckt worden sind. Er scheint sein Gegenüber fixieren zu wollen, zugleich über uns hinauszublicken, etwas zu wissen, was die anderen noch nicht wissen. Sein Körperausdruck war schon die Antihaltung, stoisch, in sich ruhend, ein bisschen arrogant – aber darin liegt wohl mehr Maske als echte Selbstsicherheit. So wie sein Spiel nur scheinbar im „New Hollywood“-Modus naturalistisch und „echt“ ist, tatsächlich aber nie selbstvergessen.

Auf „Easy Rider“, der Fonda die erste „Oscar“-Nominierung einbrachte, folgte erst 30 Jahre später eine zweite, für „Ulee’s Gold“ (1998), in dem er einen Vietnam-Veteran spielt und einen „Golden Globe“ gewann. Dazwischen lagen viele zweitrangige Action-Exploitation-Filme, experimentelle Drogenfilme und Trash wie „Todesbiss der Satansviper“, aber auch wunderbare späte Auftritte wie in Steven Soderberghs „The Limey“ oder John Carpenters „Flucht aus L.A.“ Und drei Regiearbeiten: Wieder Western, „The Hired Hand“ („Der weite Ritt“) und „Wanda Nevada“, in dem sein Vater eine Nebenrolle spielt – eine späte Versöhnung. Hinzu kam noch ein zeittypischer Science-Fiction: „Expedition in die Zukunft“.

"Ulee's Gold"
"Ulee's Gold"

Peter Fonda war eine schillernde Figur, die auch politisch nie mit ihren Ansichten hinterm Berg hielt, wie seine Schwester „Hanoi Jane“. Bis zuletzt hat er sich auf Twitter mit dem US-Präsidenten und der Öl-Industrie angelegt. Am 16. August 2019 ist Peter Fonda mit 79 Jahren an einer Lungenkrebserkrankung gestorben, nur vier Tage nach dem Todestag seines Vaters.



Fotos: oben: aus "Die wilden Engel", auf DVD/BD erschienen bei Koch Media, © Koch Media. Andere Bilder: © Sony, Movienet

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