#Venezia76: Aufbruch in unruhigen Zeiten

Dienstag, 27.08.2019

Die 76. Mostra in Venedig verspricht einen starken Jahrgang, auch wenn erneut zu wenige Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten sind. Eine Vorschau aufs Programm

Diskussion

In Italien herrschen im Vorfeld der 76. Filmfestspiele politisch unsichere Zeiten, und unsicher ist laut Festivaldirektor Alberto Barbera auch die Zukunft des Kinos. Nichtsdestotrotz verspricht das Festivalprogramm einen starken Jahrgang – auch wenn einmal mehr viel zu wenige weibliche Talente im Wettbewerb vertreten sind.


Was passiert, wenn zu viel Zeit auf zu wenig Raum trifft? Steffen Goldkamps Kurzfilm „Nach zwei Stunden waren zehn Minuten vergangen“ versucht, das Lebensgefühl in einem Gefängnis einzufangen. Der junge Regisseur vom Hamburger Filmkollektiv „Spengemann Eichberg Goldkamp Hans“ benutzt dazu Einstellungen, die aus dem Knastalltag ein zusammenhanglos-schattenhaftes Gleiten durch unterschiedliche Tätigkeiten machen (Schlafen, Essen, Gängeschrubben, Postkontrolle); die Körper werden durch die Kadrierung der Bilder konsequent amputiert. Der Platz ist einfach zu beschränkt, suggeriert das, um die Inhaftierten und die Minuten, Tage, Monate ihrer Lebenszeit in halbwegs menschlicher Form aufzunehmen. Einzig eine Schildkröte, die es irgendwie an diesen tristen Ort der Jugendvollzugsanstalt Hahnöfersand in Niedersachen verschlagen hat, scheint mit ihrer geringen Körpergröße und ihren von Natur aus langsamen Bewegungen gut hierher zu passen.

Der knapp 20-minütige Film, der beim 76. Filmfestival in Venedig (28.8.-7.9.) in der „Orizzonti“-Sektion Premiere feiert, ist einer der wenigen Beiträge eines deutschen Filmemachers, die es 2019 ins offizielle Programm der Mostra geschafft haben – neben „Pelikanblut“ von Katrin Gebbe, der die „Orizzonti“-Reihe eröffnet. Am Ende des Kurzfilms erfährt man via Texttafel von einer Art Horizonterweiterung für die Häftlinge – mittels Filmen: Dank der Unterstützung durch Goldkamps Team und etwas Hilfe von außen konnte eine Videothek für die Inhaftierten eingerichtet werden.

Eröffnet die "Orizzonti"-Reihe: "Pelikanblut" von Katrin Gebbe
Eröffnet die "Orizzonti"-Reihe: "Pelikanblut" von Katrin Gebbe

Filme als Horizont-Erweiterung: Diese Utopie schwingt auch bei den großen internationalen Filmfestivals mit. Nach ein paar Tagen mit unterschiedlichsten filmischen Perspektiven aus aller Welt vergehen mitunter gefühlt ganze Menschenleben, manchmal sogar auch Zeitalter, in die man via Film eingetaucht ist. 65 neue Spielfilme, 18 Kurzfilme sowie Ausschnitte aus zwei neuen Serien sind im offiziellen Programm der 76. „Mostra“ zu sehen; die Beiträge stammen aus 52 Ländern – ein breites Spektrum. Und doch irgendwie immer noch zu eng, zumindest im Wettbewerb.


Filmemacherinnen geben sich in Toronto die Ehre

Wie schon im vergangenen Jahr hat es die Auswahlkommission um Festivalleiter Alberto Barbera erneut nicht geschafft, weibliche Regisseure wenigstens halbwegs anständig in die „Löwen“-Konkurrenz zu integrieren; 2018 war mit Jennifer Kent nur eine einzige Regisseurin dabei, diesmal sind es läppische zwei Filmemacherinnen – die Australierin Shannon Murphy mit ihrem Spielfilmdebüt „Babyteeth“ und Haifaa Al-Mansour aus Saudi Arabien mit „The Perfect Candidate“ um eine Frau, die als Kandidatin in einer Lokalwahl antritt und damit die patriarchale Tradition des Landes herausfordert.

Natürlich konnte Barbera diese Unterrepräsentation begründen – damit, dass eben viel weniger Filme von Frauen als von Männern eingereicht wurden und letztlich immer die Qualität, nicht das Geschlecht bei der Auswahl den Ausschlag gibt. Wie zum Trost verwies er auf die zahlreichen Beiträge, in denen die Schicksale von Frauen thematisiert werden. Doch ein Dokumentarfilm wie „Woman“ von Anastasia Mikova und Yann Arthus-Bertrand, der außer Konkurrenz präsentiert wird und in 104 Minuten 2000 Frauen aus 50 verschiedenen Ländern zu Wort kommen lässt, ist keine Antwort auf die Frage, wo die Frauen auf den Regiestühlen denn geblieben sind und warum sie nicht am Wettbewerb der „Mostra“ teilnehmen.

Einer von zwei Wettbewerbsfilmen, die von Frauen inszeniert wurden: "Babyteeth" von Shannon Murphy
Einer von zwei Wettbewerbsfilmen, die von Frauen inszeniert wurden: "Babyteeth" von Shannon Murphy

War etwa der neue Film der Regisseurin Marielle Heller, „A Beautiful Day in the Neighbourhood“, nicht gut genug? Oder wurde er gar nicht in Venedig eingereicht, weil den Machern die Weltpremiere beim Filmfestival in Toronto (5.9.-15.9.) ausreicht? Dasselbe gilt für Marjane Satrapis Film „Radioactive“ über Marie Curie, auch für „Rocks“ von Sarah Gavron oder den Horrorfilm „The Other Lamb“ von Małgorzata Szumowska, die alle auch in Toronto und nicht in Venedig Premiere feiern. Warum kehrt Kelly Reichardt, die 2010 „Meek’s Cutoff und 2013 „Night Moves“ in Venedig vorstellte, mit ihrem neuen Film „First Cow“ nicht an den Lido zurück, sondern präsentiert ihn beim New York Filmfestival? Hat es bei Greta Gerwigs Adaption von „Little Women“, der im Dezember in den USA und im Januar in Deutschland in die Kinos kommen soll, zeitlich für eine Venedig-Premiere einfach nicht hingehauen? Man wundert sich. Und freut sich zumindest, dass die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel und die US-Filmemacherin Mary Harron 2019 in der (nahezu paritätisch besetzten) internationalen Jury über die „Löwen“-Vergabe mitentscheiden; Martel sogar als Jury-Vorsitzende. Wenn auch die letzten Filme der beiden Filmemacherinnen, „Zama“ von Martel und „Charlie Says“ von Harron, in Venedig nur außer Konkurrenz bzw. in den „Orizzonti“ liefen...


Netflix liefert Stars für den roten Teppich

Nichtsdestotrotz gibt es viele gute Gründe, auf den neuen Festivaljahrgang am Lido gespannt zu sein. Einige davon liefert der Streaminganbieter Netflix, der mit dafür sorgt, dass das prominent besetzte englischsprachige Kino in Venedig erneut gut vertreten ist. Im Wettbewerb läuft „The Laundromat“ von Steven Soderbergh, der die Geschichte der sogenannten „Panama Papers“ aufrollt. In dem Film um Steueroasen und Geldwäsche spielen unter anderem Meryl Streep, Gary Oldman und Antonio Banderas mit.

Ebenfalls von Netflix beigesteuert wird der Wettbewerbsbeitrag „Marriage Story“ von Noah Baumbach, eine Geschichte über familiäre Verwerfungen rund um die Trennung eines Paares, das von Scarlett Johansson und Adam Driver verkörpert wird. Außer Konkurrenz präsentiert Netflix mit „The King“ einen neuen Historienfilm um den von Shakespeare unsterblich gemachten britischen König Henry V., inszeniert von David Michôd, in der Titelrolle besetzt mit Timothée Chalamet; in den Nebenrollen spielen Ben Mendelsohn, Robert Pattinson und Joel Edgerton mit, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat und die Schlüsselrolle des Falstaff übernimmt.

Ein Netflix-Film in Venedig: "Marriage Story" von Noah Baumbach
Ein Netflix-Film in Venedig: "Marriage Story" von Noah Baumbach

Dass ausgerechnet der sehnlich erwartete Gangsterfilm „The Irishman“ von Martin Scorsese nicht in Venedig, sondern beim New York Filmfestival seine Premiere feiern wird, ist für die Veranstalter am Lido freilich ärgerlich.


US-Genrekino & Arthouse-Prominenz

Auf spannendes US-Genrekino muss Venedig trotzdem nicht verzichten. Mit „Ad Astra“, in dem Brad Pitt als Astronaut auf den Spuren seines verschollenen Vaters zum Neptun aufbricht, schickt sich Regisseur James Gray an, in die Fußstapfen von Alfonso Cuarón und seines Science-Fiction-Dramas „Gravity“ zu treten. Außerdem läuft „Joker“ von Todd Phillips über die „Origin Story“ des DC-Comicschurken, der zu Batmans Nemesis wird: Der Film könnte das Zeug zu einer der ungewöhnlichsten Comic-Adaptionen der letzten Jahre haben (und neben Hauptdarsteller Joaquin Phoenix auch Robert De Niro auf den roten Teppich vor der Sala Grande bringen, der eine Nebenrolle spielt) - wenn der "Hangover"-Regisseur einen überzeugenden Zugriff auf die Figur findet.

Ansonsten setzt die Auswahl für die „Löwen“-Konkurrenz vornehmlich auf bewährte Arthouse-Regiestars, die zu den Stammgästen der A-Festivals gehören. Nachdem Olivier Assayas am Lido 2018 mit seiner Digitalisierungs-Tragikomödie „Zwischen den Zeilen“ glänzte, präsentiert er in diesem Jahr mit „Wasp Network“ einen Thriller, der auf dem Roman „Os últimos soldados da guerra fría“ des Brasilianers Fernando Morais basiert und von den „Miami Five“ handelt, fünf kubanischen Spionen, die 1998 als Mitglieder eines Spionagenetzwerks in den USA verhaftet wurden (mit Penélope Cruz und Gael García Bernal).

Konkurriert um den "Goldenen Löwen": Olivier Assayas' "Wasp Network" mit Penelope Cruz und Gael Garcia Bernal
Konkurriert um den "Goldenen Löwen": Olivier Assayas' "Wasp Network" mit Penélope Cruz (r.) und Gael García Bernal

Robert Guédiguian kehrt mit dem Familiendrama „Gloria Mundi“ an den Lido zurück. Der Chilene Pablo Larraín ist mit „Ema“ dabei, einem Drama um eine junge Tänzerin, die nach einer missglückten Beziehung und einem gescheiterten Versuch, als Adoptivmutter ein Kind großzuziehen, neuen Boden unter den Füßen sucht. Der Kanadier Atom Egoyan zeigt das Vater-Tochter-Drama „Guest of Honour“ mit David Thewlis und Laysla de Oliveira. Der Schwede Roy Andersson, der 2014 mit „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ den „Goldenen Löwen“ in Venedig gewann, will in „About Endless“ mittels eines wahren Füllhorns an Geschichten nichts weniger als die conditio humana im Guten wie im Schlechten beleuchten, geführt durch einen Erzähler à la Scheherazade – und das alles in kompakten 76 Minuten!


Ein Animationsfilm & eine Doku

Formal dominieren im Wettbewerb einmal mehr die Spielfilme – Thriller, Familiengeschichten und diverse Historienfilme: „The Domain" von Tiago Guedes, eine Familiensaga um einen mächtigen Clan in Portugal, die von den 1940er-Jahren bis in die Gegenwart reicht; „Saturday Fiction“ von Lou Ye, eine Spionage-Geschichte um eine Frau in Shanghai während der japanischen Okkupation 1941; „J‘accuse“ von Roman Polanski über die Dreyfus-Affäre, die Kolonialzeit-Parabel „Waiting for the Barbarians“ von Ciro Guerra oder „The Painted Bird“ von Václav Marhoul um einen Waisenjungen in den Wirren des Zweiten Weltkriegs.

Immerhin ist mit „No 7. Cherry Lane“ auch ein Animationsfilm vertreten, mit dem sich der Hongkong-Regisseur Yonfan erstmals an einem Trickfilm versucht.

Ein spätes Trickfilm-Debüt: "No 7. Cherry Lane" von Yonfan
Ein spätes Trickfilm-Debüt: "No 7. Cherry Lane" von Yonfan

Unter den drei italienischen Beiträgen findet sich neben neuen Spielfilmen von Mario Martone und Pietro Marcello auch eine dokumentarische Arbeit von Franco Maresco. „La mafia non è più quella di una volta“ schließt an Marescos Belluscone an und liefert erneut eine Milieustudie aus Marescos sizilianischer Heimat, festgemacht an dem mit der Mafia verbundenen Konzertveranstalter Ciccio Mira, der auch schon in „Belluscone“ eine Rolle spielte.


Schauspieler-Regisseure

Sieht man von dem Mangel an Regisseurinnen im Wettbewerb einmal ab, kann es das Venedig-Programm locker mit dem von Cannes aufnehmen. Zumal neben den 21 Wettbewerbsbeiträgen außer Konkurrenz und in den Nebensektionen ebenfalls viele Entdeckungen zu machen sind. So zum Beispiel eine neue Regiearbeit des Schauspielers Tim Robbins, der mit „45 Seconds of Laughter“ die Arbeit seiner Theatertruppe The Actor’s Gang in einem US-Gefängnis dokumentiert. Zusammen mit neuen Dokumentarfilmen, etwa von Alex Gibney und Sergej Loznitsa, ist „45 Seconds of Laughter“ eine der Arbeiten, die den Mangel an dokumentarischen Formen im Wettbewerb etwas ausgleichen.

Spannend könnte auch eine neue Regiearbeit des afro-amerikanischen Schauspielers und Polit-Aktivisten Nate Parker werden, der 2016 mit „Birth of a Nation“ auch als Regisseur von sich reden machte und nun mit „American Skin“ einmal mehr das Thema Rassismus angeht. Im Rahmen der Kritiker-Woche läuft außerdem das Regiedebüt der britischen Schauspielerin Billie Piper, die in „Rare Beasts“ die Geschichte einer jungen Mutter aus einer dysfunktionalen Familie erzählt.


Jenseits des klassischen Filmformats

Während die „Berlinale“ schon seit Jahren ein „Serien-Special“ präsentiert und damit die künstlerische Bedeutung der Gattung würdigt, bleiben Serien in Venedig weiterhin die Ausnahme. Vorgestellt werden zwei vielversprechende italienische Projekte: „ZeroZeroZero“ von Stefano Sollima, der an Serien wie „Romanzo criminale“ und „Gomorrha“ anschließt und einmal mehr vom organisierten Verbrechen, diesmal in seinen globalen Verstrickungen, erzählt (u.a. mit Andrea Riseborough, Dane DeHaan und Gabriel Byrne). Mit „The New Pope“ feiert Paolo Sorrentinos Fortsetzung seiner Serie „The Young Pope“ Premiere, passend gekoppelt mit einer Auszeichnung für Sorrentinos kongenialen Kameramann Luca Bigazzi, der in Venedig mit dem „Campari Passion for Film Award“ geehrt wird.

Serien-Fortsetzung: "The New Pope" von Paolo Sorrentino mit Jude Law (l.) und John Malkovich (r.)
Serien-Fortsetzung: "The New Pope" von Paolo Sorrentino mit Jude Law (l.)

Eine eigene Sektion widmet die „Mostra“ einmal mehr der „Virtual Reality“ und ihren erzählerischen Potenzialen – wobei es Überschneidungen zur Serienwelt gibt: Der Brite Marcus Moresby wartet in „Doctor Who The Edge of Time“ mit einer interaktiven Erweiterung des Science-Fiction-Dauerbrenners auf, in der der aktuelle weibliche „Doctor“ Jodie Whittaker mitspielt.


Wohin geht die Reise?

In Italien herrschen im Vorfeld der 76. Filmfestspiele von Venedig politisch unruhige Zeiten; wenn das Festival am morgigen Mittwoch, 28. August, eröffnet, wird sich in Rom entscheiden, ob nach der durch den Bruch zwischen Lega Nord und Cinque Stelle provozierten Regierungskrise eine Koalition aus Cinque Stelle und Sozialdemokraten zustande kommt und wer sie als Ministerpräsident leiten wird – oder ob Neuwahlen fällig werden. Eine Unsicherheit, die wohl auch aufs Klima in Venedig abfärbt: diffuse Perspektiven, auch in Sachen Kino. Alberto Barbera sprach in der Programmankündigung davon, wie schwierig es heutzutage auszumachen sei, in welche Richtung sich die Filmkunst entwickele, und nutzte dabei die Metapher des „Segelsetzens, ohne zu wissen, wohin die Reise geht“ , um die Auswahl des aktuellen Jahrgangs zu beschreiben. Bleibt nur zu hoffen, dass am Ende der „Mostra“ am 7. September alle Grund zu neuem Optimismus haben.



Fotos: Twentieth Century Fox (oben), Filmfestival Venedig

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