„Die Zeit ist zu kostbar“

Donnerstag, 29.08.2019

Ein Gespräch mit Anatol Schuster über die Kraft des Kinos, sein Werk und seinen Film „Frau Stern“

Diskussion

Sie singt „Summertime“, in einem Club, junge Leute feiern hier. Ihre Stimme ist tief, sie ist leidenschaftliche Raucherin. Etwas Magisches passiert: Der Song berührt sie, er hat eine persönliche, intime Bedeutung, die „Frau Stern“ – oder Ahuva Sommerfeld – hier mit ihrem Publikum teilt. Frau Stern ist 90 Jahre alt, Ahuva Sommerfeld, die Frau Stern spielt, war 80, als Anatol Schuster (Jahrgang 1985) den Film mit ihr drehte. Sein erster Film, der mittellange „Ein idealer Ort“, wurde in der Perspektive Deutsches Kino auf der „Berlinale“ 2015 als Bester Film ausgezeichnet, nach Luft ist Frau Stern (zur FILMDIENST-Kritik) sein zweiter, ebenfalls bereits mehrfach ausgezeichneter Langfilm. Darin vermischen sich dokumentarische und fiktionale Mittel zum humorvollen Porträt der 90-jährigen Berliner Jüdin Frau Stern, die über ihre Enkeltochter (Kara Schröder) und deren Clique neue Lebenslust gewinnt. Ein Gespräch über die Kraft des Kinos.


Herr Schuster, wer ist Frau Stern und wer ist Ahuva Sommerfeld – und wer hat sich wen ausgedacht?

Anatol Schuster: Ahuva habe ich kennengelernt über einen Kurzfilm, den wir vor zwei Jahren gedreht haben. Das war nur eine kurze, für mich aber prägende Begegnung. Ich war so beeindruckt von ihrer Ausstrahlung, ihrer Vitalität, ihrem bissigen schwarzen Humor. Sie war unheimlich schlagfertig, hatte zu allem ein Statement auf der Lippe. Sehr schnell habe ich gespürt, dass ich mit dieser Frau zusammenarbeiten will – und habe ein Drehbuch geschrieben für sie. Das war inspiriert von den Begegnungen, die ich in der Zwischenzeit mit ihr hatte, vieles von ihr floss also schon ein. Gleichzeitig kamen fiktive Elemente hinzu. Ganz schnell ging das dann in einen Austausch, sie las das Buch und ich war schon sehr aufgeregt, wie sie reagieren würde. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie vor der Kamera stand. Auch der Zuspruch ihrer Tochter Nirit Sommerfeld hat sie schließlich dazu bewegt, diese Herausforderung in späten Jahren anzugehen.

Verraten sie uns einige Eckdaten der Biografie Ihrer Hauptdarstellerin Ahuva Sommerfeld?

Schuster: Sie wurde vor der Gründung des Staates Israel in Palästina geboren. Ihren Mann hat sie kennengelernt in Eilat, wie auch Frau Stern im Film. Er ist derjenige, der den Holocaust überlebt hat – also nicht sie, da unterscheidet sich Ahuvas Biografie von derjenigen Frau Sterns. Er stammte aus Deutschland, wohin sie dann nach einer langen gemeinsamen Zeit in Israel zusammen gegangen sind. Sie wollte das erst nicht, er hat sie dann überzeugt. Das im Film zitierte Credo „verzeihen ja, vergessen nein“ war auch das gemeinsame Lebensmotto in Deutschland. Es war sehr wichtig für den Film, dass es da eine Verschiebung gibt zwischen ihr und der Rolle Frau Stern, es war wichtig, dass sie in eine Rolle schlüpft: In den Schutz einer zweiten Haut.

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Der Film ist ohne Unterstützung eines Fernsehsenders oder einer Förderung zustande gekommen – und verhältnismäßig schnell.

Schuster: Ja. Nicht etwa, weil wir Absagen bekommen haben oder weil uns niemand wollte: Wir haben es gar nicht erst versucht. Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit hier zu kostbar ist, um sie zu verlieren. Im Umkehrschluss haben wir uns dafür entschieden, im ganz kleinen Kreis zu arbeiten. Das war dann eine ganz besondere Konstellation: Wir haben uns alle „gefunden“ und wurden sehr vertraut, haben Freundschaft geschlossen. Insbesondere Kara Schröder, der Kameramann Adrian Campean, Ahuva und ich als Vierergespann. Spätestens mit Ahuvas Tod kurz nach der Premiere in Saarbrücken hat sich das als absolut richtige Entscheidung herausgestellt. Sie selbst ist total aufgeblüht während des Drehs, verjüngt, könnte man sagen. Sie ist sehr erfüllt gewesen von dem Film, eng verwachsen mit ihm. Ohne sie hätte es den Film nicht gegeben.

Dann sind Sie ja ein großes Risiko eingegangen: Sie hätte auch Nein sagen können, das Drehbuch haben Sie gewissermaßen ins Blaue geschrieben.

Schuster: Jeder Film ist mit Risiken verbunden, das ist ja auch die wunderschöne Herausforderung an diesem Beruf. Was ist das Besondere am Kino, warum gehen wir dahin und sehen uns Filme an? Mich persönlich erfüllen und berühren Momente, von denen ich den Eindruck habe, das Leben fliegt vorbei und alles verschwindet, wie ein Maler mal gesagt hat. Unwiederbringliche, kostbare Momente, die uns zurückerinnern an das Besondere im Leben, an seine Schönheit. Sie bringen mir die Essenz des Lebens nahe. Bei diesem Projekt habe ich ganz stark gespürt, dass es darum geht. Es ist dann ein Fluss entstanden, auf dem wir alle gemeinsam getrieben sind.

Ahuva Sommerfeld in "Frau Stern"
Ahuva Sommerfeld in "Frau Stern"

Wenn Sie einen dieser Momente auswählen müssten – für welchen würden Sie sich entscheiden?

Schuster: Ein elementarer Moment, das ist ganz klar, ist für mich persönlich „Summertime“. Ahuva ist in diesem Film sehr liebenswürdig, man möchte sie unbedingt kennenlernen. Sie konnte aber sehr hart sein, auch sich selbst gegenüber. Sie war etwa der festen Überzeugung, sie könne nicht singen: Weil ihr 50 Jahre zuvor jemand eingeredet hatte, sie könne das nicht. Ein trauriges Schicksal, das sie mit einigen teilt. In frühen Jahren kann das viel zerstören. „Summertime“ war ihr Lieblingslied, sie hat viel damit verbunden – und es hat sie verbunden mit ihrem früh gestorbenen Mann. Sie hat aber anfangs gesagt: „Nur über meine Leiche! Singen werde ich definitiv nicht.“ Da war ich dann sehr hartnäckig. Und über die Zeit sind wir so zusammengewachsen, dass sie sich irgendwann überwunden, geöffnet hat.

Wie haben Sie diesen Moment dann erlebt?

Schuster: Es war über die Maßen berührend für uns, ein magischer Moment. Wir waren ergriffen, der Raum war still – anders als im Film konnten wir nicht applaudieren. Und sie war stolz, weil es ihr gelungen war, etwas wiederherzustellen, das ihr früh genommen wurde. Ich bin froh, dass sich das im Film auch zu übertragen scheint.

Wie würden Sie „Frau Stern“ in Ihr Werk einordnen?

Schuster: Ich würde mich als den ewigen Debütanten bezeichnen, „Frau Stern“ ist mittlerweile mein drittes Debüt... Der mittellange Film „Ein idealer Ort“ war mein erster Film, dann kam mein Hochschul-Abschlussfilm „Luft“ und jetzt eben mein Debüt. Ich glaube, meine Filme zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht alle ein Genre sind oder einer Stimmung folgen, sondern dass ich versuche, Widersprüche, das Paradoxe im Leben aufzugreifen. Dass das Schöne nah am Tragischen liegt, dass der Humor direkt neben der Melancholie auftauchen kann. Momente können gleichzeitig als absurd und tiefernst empfunden werden. Ich habe da vielleicht zwei Seelen: Die eine schwermütig, die andere eher humorvoll, leichtsinnig. Das sind die Stimmungen, die ich versuche, in den Filmen zu transportieren: So empfinde ich auch das Leben.

Und stilistisch oder formal?

Schuster: Ich arbeite gern mit poetisch überhöhten Elementen. Mit überzeichneten Sätzen, Charakteren, poetischen Bildeinfällen, konzeptuellen Ansätzen. Auf der anderen Seite finde ich es sehr schön, wenn sich das alles mischt mit einem scheinbar dokumentarischen Ansatz. Ich finde es traumhaft, am Set selbst noch offen zu sein für Einflüsse, für das, was passiert, und nicht da ran zu gehen mit einem fertigen Buch, einer vorgefertigten Meinung, wie etwas abzulaufen hat: Das so durchzuziehen, abzudrehen. Das ist etwas, was sich bei „Ein idealer Ort“ wiederfindet, da haben wir örtliche Gegebenheiten stark einbezogen. Bei „Frau Stern“ ist das ganz extrem der Fall. Wir haben den Kioskverkäufer um die Ecke von Ahuvas echter Berliner Wohnung, in der wir viel gedreht haben, gefragt, ob wir bei ihm Aufnahmen machen können und er hat zugestimmt. Das ist der Ort, wo Ahuva immer ihre Zigaretten gekauft hat, und er sagte dann immer: „Guten Tag, Frau Sommerfeld!“ Nach dem Film war er so verwirrt, dass er sie immer Frau Stern nannte. Auch Fiktion kann das Leben beeinflussen... Das sind die Spannungsfelder, die ich gern betrete.

Kara Schröder und Ahuva Sommerfeld
Kara Schröder und Ahuva Sommerfeld

Wo würden Sie in Ihrem Werk dann „Luft“ verorten?

Schuster: „Luft“ ist sehr poetisch, sehr atmosphärisch und ruhig. Ein Film über die erste Liebe zweier Mädchen. Da ist es, im Rückblick, eher in Richtung Schwermut gekippt. Ein wenig vermisse ich in „Luft“ eine Leichtigkeit, die ich bei „Frau Stern“ wieder verstärkt gesucht habe.

Als Kompensation?

Schuster: (Lacht) Ja, pure Kompensation! Wer weiß... Ich reflektiere ja über mich selbst, wie wir alle. Ein lebendiges Chaos jedenfalls kann auch sehr produktiv sein. Das möchte ich gar nicht so genau ergründen.

Musik spielt eine wichtige Rolle in all Ihren Filmen. So auch hier, in einer besonderen Mischung...

Schuster: Musik spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Ich finde es immer schön, wenn Musik nicht nur Untermalung ist, sondern wenn sie etwas mit den Charakteren zu tun hat. So lag es auf der Hand, dass die jiddische Musik Einzug hält in den Film. Das ist aber erst im Schnitt entstanden. Wir wussten, dass es dieses Konzert von Nirit gibt, sie ist Schauspielerin und Sängerin. Da sind wir hingefahren und haben das Konzert aufgenommen, man sieht es jetzt in der Mitte des Films. Dann gab es die Idee, einen Karaokeabend zum 90. Geburtstag von Frau Stern zu zeigen. Das Karaokelied haben wir selbst geschrieben. Und dann kommt ja „Summertime“...

Weshalb haben Sie sich für das heute eher ungewöhnliche 4:3–Format entschieden?

Schuster: Das hat der Kameramann vorgeschlagen. Ich war zunächst dagegen. Dann haben wir Testaufnahmen gemacht und die waren so gut, dass wir sie für den Film verwenden wollten. Adrian Campean hatte das vorgeschlagen, weil es als Portraitformat in der Fotografie oft genutzt wird. Wir haben ja gesagt, wir machen einen Film über sie, wir porträtieren sie. Das Format schafft eine Nähe zu ihr.

Der erste Spielfilm von Anatol Schuster: Das Coming-o
Der erste Spielfilm von Anatol Schuster: Das Coming-of-Age-Drama "Luft"

Ihr Onkel ist Edgar Reitz. Sie haben als Regieassistent auch für ihn gearbeitet. Inwiefern hat Sie das geprägt?

Schuster: In der filmischen Sprache habe ich mich nie so stark unter seinem Einfluss gesehen. Ich habe von ihm viel gelernt über das Filmemachen als Kunstform: Nichts auf die leichte Schulter zu nehmen, die Dinge genau anzuschauen, hinzuhören. Ein Gespür dafür zu entwickeln, ob etwas richtig ist, dem Film zuträglich ist oder nicht. Geprägt bin ich also durch die Haltung. Ich finde seine epischen Werke großartig, aber das ist doch eine andere Form als diejenige, die ich jetzt gewählt habe. Speziell bei „Frau Stern“ hat mich ermutigt, dass ich vergangenes Jahr im Februar die restaurierte Fassung von Geschichten vom Kübelkind gesehen habe, Kurzfilme, die Ula Stöckl und er in den 1970er-Jahren gedreht hatten. Bei der Aufführung sagte er dann: „Wir warteten nicht darauf, dass jemand kommt und uns Geld dafür gibt, sondern wir machten das einfach mit ganz geringen, kleinen Mitteln.“ Das empfand ich als gutes Omen für diesen, meinen Film.

Die Beziehung zum Tod ist in „Frau Stern“ zentral, am Anfang steht der Satz „Ich will sterben“.

Schuster: Darüber haben Ahuva und ich viel gesprochen. Als sie das Drehbuch gelesen hatte, hat sie sich mir im Bezug darauf total geöffnet. Ihre Haltung dazu ist sehr nah an derjenigen der Figur. Nein, sie wollte nicht sterben. Dazu war sie viel zu lebendig. Ich würde auch anzweifeln, dass Frau Stern wirklich sterben will. Da wird eher etwas anderes verhandelt. Ganz entschieden war ihre Haltung dazu, selbstbestimmt leben zu wollen. Das heißt, dass sie an dem Punkt, an dem sie die Verantwortung über ihr Leben verliert, das Leben auch nicht mehr leben will.

Frau Stern umgibt sich gerne mit jüngeren Menschen. Das lässt sie auch oft selbst sehr jung, fast jugendlich erscheinen. Galt das auch für Ahuva?

Schuster: Die Skepsis gegenüber gleichaltrigen Deutschen – „verzeihen ja, vergessen nein“ – hat eben dazu geführt, dass sie den Anschluss an Jüngere gesucht hat. Die Botschaft dahinter ist allgemeingültig. Ihre Anbindung an die Jugend hat sie jünger gemacht, ja. Das war aber auch eine Wechselwirkung. Tendenz ist, dass Gesellschaften Ältere eher ausgrenzen, isolieren. Ein Film hat da die Möglichkeit, neue Sichtweisen zu eröffnen. Ich fände es gut, wenn dieser natürliche Umgang miteinander wieder mehr Einzug in unser Leben halten würde. Das ist etwas, was auch aus Ahuvas Familie kommt, was ich in dieser Familie und im Zusammenhang mit Ahuvas Tod als etwas sehr Jüdisches erfahren habe: Dieser natürliche, enttabuisierte Umgang mit dem Tod, mit dem Sterben. Es wurde getrauert, aber das Leben wurde gefeiert. Ein lebensbejahender Abschied.

Anatol Schuster
Anatol Schuster

Sie erzählen in „Frau Stern“ ein jüdisches Leben, eine jüdische Geschichte, widmen sich einer Zeitzeugin – in Zeiten des gegenwärtig leider wieder ganz aktuellen Antisemitismus.

Schuster: Es gibt die Szene, in der der von ihr bewunderte Moderator einer Fernsehshow Frau Stern unterstellt, dass ihr jüdischer Glauben ihr die Kraft gegeben habe, zu überleben. Sie reagiert empört an dieser Stelle. Ich habe mich – der ich ja selbst Deutscher bin – kritisch gefragt, wie denn die Haltung der Deutschen gegenüber Überlebenden des Holocaust aussieht. In mir hat dieses historische Kapitel ein Geschichtsbewusstsein erweckt. Es war für mich die erste physische Erfahrung mit Geschichte, als ich ansatzweise begriffen hatte, was passiert ist. Das Schuldbewusstsein der Deutschen ist häufig verbunden mit Mitleid und Betroffenheit den Opfern gegenüber. Da war sie allergisch: Sie wollte sich nicht zum Opfer machen lassen. Ihre Reaktion hat mir die Augen geöffnet: Dass diese Betroffenheit die Opferrolle reproduziert. Im Film ist es ein satirisches Moment, dass der Moderator eine Betroffenheitssensation daraus macht: Sie habe das überlebt, das sei doch ein Wunder.

Wenn Sie hier sagen „sie“: Meinen Sie Ahuva oder Frau Stern?

Schuster: Ich meine beide! (Lacht)


Fotos: Neue Visionen, Pro-Fun

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