#Venezia76: Die Polanski-Affäre

Samstag, 31.08.2019

Die Anwesenheit von Roman Polanski im Wettbewerb des 76. Filmfestivals von Venedig hat für Kontroversen gesorgt. Dass sein Film zu den stärksten Beiträgen zählt, macht es nicht einfacher.

Diskussion

Die Premiere von Roman Polanskis Historienfilm J’accuse am 30.8. war überschattet von den heftigen Kontroversen, die seit der Programmankündigung des Wettbewerbs der 76. „Mostra“ in Venedig toben: Darf das Werk eines Mannes, der Ende der 1970er-Jahre wegen der Vergewaltigung einer Minderjährigen verurteilt wurde, als potenzieller Gewinner des „Goldenen Löwen“ im Wettbewerb antreten? Im Vorfeld wurde teils heftig gegen die Einladung des Films polemisiert – auch im Verweis darauf, dass in der Auswahl, in der für Polanskis Film der rote Teppich ausgerollt wird, für nur zwei Filme von weiblichen Filmemachern Raum ist. Jury-Präsidentin Lucrecia Martel deutete denn auch an, nicht an der Gala zu Ehren des Films teilnehmen zu wollen, bekräftigte aber in einem zusätzlichen Statement ausdrücklich, dem Film selbst gegenüber unvoreingenommen zu sein und ihn wie jeden anderen Beitrag im Wettbewerb zu behandeln. Polanski selbst blieb (voraussehbar) dem Festival fern und ließ sich von einer Delegation vertreten, zu der unter anderem seine Hauptdarsteller Jean Dujardin und Louis Garrel sowie seine Ehefrau Emmanuelle Seigner gehörten.

„J’accuse“ selbst ist so gut, dass sich die Kontroverse nicht einfach damit wegbügeln lässt, ihm auch qualitativ die Wettbewerbs-Würdigkeit abzusprechen. Tatsächlich ist er sogar überragend – ein Historienfilm, der präzise und ungemein spannend eine Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts aufrollt und dabei ihre ganze Tragweite transparent macht, die ins 20. Jahrhundert und letztlich in die Gegenwart hereinreicht.

Dass der Gegenstand die sogenannte Dreyfus-Affäre ist – der in den 1890er-Jahren Frankreich in Aufruhr versetzende Skandal um die fälschliche, antisemitisch motivierte Verurteilung eines jüdischen Offiziers der französischen Armee wegen angeblichen Landesverrats, die später revidiert wurde – deuten zwar einige Kritiker als anmaßende „Identifikation“ des Regisseurs mit dem unschuldig Verurteilten und später rehabilitierten Alfred Dreyfus; tatsächlich ist der Stoff aber so brisant und vielschichtig, dass es eine geradezu absurde Verkürzung darstellt, darin nur eine Selbstbespiegelung Polanskis sehen zu wollen. „J’accuse“ erzählt vom Antisemitismus als beängstigend selbstverständlichem Teil der europäischen Kultur und von seiner Verschwisterung mit dem Nationalismus im 19. Jahrhundert. Durch die konsequent in düsteren, grauen Tönen gehaltene Bildsprache scheint dabei bereits das ganze Gewicht des kommenden 20. Jahrhunderts mit seinen antisemitischen Exzessen auf den Figuren zu lasten: Der Fall Dreyfus mag letztlich mit dessen Rehabilitierung gut enden, ein Happy End aber ist mit dem Wissen um das, was kommt, unmöglich.


„J’accuse“ erzählt vor allem auch sehr eindringlich von der bösartigen Macht „alternativer Fakten“ - und von dem Versuch, diese „alternativen Fakten“ mit der Wahrheit zu entkräften. Der Titel „J’accuse“ bezieht sich auf einen Artikel von Emile Zola (der im Film auch eine Rolle spielt), in dem der Schriftsteller in Form eines offenen Briefes an Präsident Félix Faure in der Zeitung „L’Aurore“ 1898 das an Dreyfus begangene Unrecht öffentlich anklagte, involvierte Minister, Richter und Militärs anprangerte, dafür zu einer Haftstrafe verurteilt wurde – und den Fall zu jenem Skandal machte, der die französische Gesellschaft polarisierte.

Die Hauptfigur des Film ist nicht Dreyfus selbst (der von Louis Garrel gespielt wird), sondern ein gewisser Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin), ebenfalls Offizier der französischen Armee, der in der Dreyfus-Affäre recherchierte und schließlich einen wesentlichen Anteil an dessen Rehabilitierung hatte. Gezeichnet ist er im Film als Mann, der zwar durchaus die Vorurteile seiner Zeit teilt – Juden mag er nicht, wie er am Anfang kundtut – aber den Anstand besitzt, sich für Dreyfus einzusetzen, als ihm Beweise in die Hände fallen, die auf dessen Unschuld hindeuten, auch wenn er dafür den Corpsgeist der Armee hinten anstellen, dem Druck seiner Vorgesetzten standhalten und seine eigene Karriere und Freiheit aufs Spiel setzen muss.

Aufbereitet ist das sowohl als ungemein fesselnder Detektiv- und Gerichtsfilm (bis hin zu Suspense-Spitzen, wenn Picquart und die anderen „Dreyfusarden“ massiv angegriffen werden und es sogar zu einem Attentat kommt) als auch beiläufig als facettenreiches, düsteres Sittengemälde des Fin de siècle, wobei es nicht zuletzt um den Stellenwert des Militärs und seine „charakterprägende“ Bedeutung für die ganze Gesellschaft geht, aber auch um Standesdünkel oder um Prüderie und Doppelmoral. Dreyfus selbst als Opfer steht nur ganz am Anfang im Mittelpunkt, wenn man in einer ungemein beklemmenden Szene Zeuge seiner öffentlichen Degradierung und Demütigung wird; seine Leiden werden ansonsten angedeutet, aber nicht melodramatisch ausgeschlachtet. Stattdessen tun sich in einzelnen Szenen – wenn etwa Zeitungen mit Zolas Artikel in Feuern verbrannt werden, die an die Bücherverbrennungen der Nazis denken lassen, wenn an Schaufenster in Paris „Tod den Juden“ geschmiert wird und die Musik sich zu einem nach Horrorfilm klingenden Crescendo steigert – in der Inszenierung sozusagen die historischen Abgründe auf, auf die das Einzelschicksal Dreyfus’ hindeutet.


Unter den bisher gezeigten Wettbewerbsbeiträgen gehört Polanskis Film zu den eindringlichsten und thematisch gewichtigsten. Wie nun mit so einem Film fair umgehen, wenn man seinen Schöpfer wegen moralischer Verfehlungen, die er in der Vergangenheit begangen hat, nicht feiern mag? Die internationale Jury, die am Ende zu entscheiden hat, ob sie „J’accuse“ mit einem Preis bedenkt, hat es wahrlich nicht leicht. Den Film in den Wettbewerb aufzunehmen hat sich jedenfalls als doppelt gute Entscheidung erwiesen – sowohl wegen des Films als auch wegen der um ihn geführten, notwendigen Kontroversen. Denn diese müssen sein, hat sich im Zuge der #MeToo-Debatte doch immer wieder die Frage gestellt, wie mit Filmschaffenden (und anderen Künstlern) umzugehen ist, die sich des Machtmissbrauchs schuldig gemacht und sexuell übergriffig geworden sind. Bannflüche gegen Einzelpersonen nützen niemandem etwas, solange die Strukturen, in deren Rahmen die Übergriffe geschehen, unangetastet bleiben.

„J’accuse“ zeigt, dass ein Mensch, der sich schuldig gemacht hat, trotzdem künstlerisch wertvolle Arbeit leisten kann. Diese Arbeit rechtfertigt und entschuldigt seine Vergehen nicht, aber diese neutralisieren auch nicht den Wert seiner Kunst. Das gilt es auszuhalten.

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