#Venezia76: Send in the Clowns

Montag, 02.09.2019

Todd Phillips’ „Joker“ wird als "Löwen"-Favoriten gefeiert. Konkurrenz kommt unter anderem von der Panama-Papers-Farce „The Laundromat“. Ein Zwischenbericht vom 76. Filmfestival Venedig

Diskussion
Todd Phillips’ „Joker“ elektrisierte am Wochenende das Publikum der 76. „Mostra“ und gehört zu den Filmen, die nach den ersten Festivaltagen als "Löwen"-Favoriten gefeiert werden. Konkurrenz kommt unter anderem von Steven Soderberghs Panama-Papers-Farce „The Laundromat“, der nach „Roma“ der zweite von Netflix vertriebene Film sein könnte, der in Venedig ausgezeichnet wird. Ein Zwischenbericht.


Es braucht keinen Unfall mit Chemikalien wie im Comic, um aus Arthur Fleck den Joker zu machen – die ganze Stadt ist toxisch, ein soziales Säurebad. In den Straßen von Gotham City türmt sich wegen eines Streiks der Müll; die Ratten, die der Unrat anzieht, werden zum massiven Gesundheitsproblem.

Noch gefährlicher sind allerdings die Menschen. Während der Comedian Arthur auf der Straße versucht, den Passanten im Clownskostüm ein Lächeln abzuringen, wird er von Jugendlichen brutal zusammengeschlagen. Ein Tiefpunkt in einem ohnehin tristen, freudlosen Leben. Das Lachen vergeht Arthur trotzdem nicht: ein ununterdrückbares, aus dem Körper förmlich herausbrechendes Lachen, das ihn manchmal anfallartig heimsucht und das einem schon vom Zuschauen das Zwerchfell und die Kehle verkrampft.

In Todd PhillipsJoker findet Arthurs Leiden eine unerwartete Resonanz, die schließlich dazu beiträgt, ihn in den Joker zu verwandeln. Nachdem Arthur im Clownskostüm in der U-Bahn mit einer Pistole, die ihm ein Kollege nach der Attacke der Jugendlichen geschenkt hat, drei Wall-Street-Broker erschossen hat, weil sie ihn schikaniert und angegriffen haben, wird der Clown plötzlich zur Ikone aller Elenden und Abgehängten in Gotham. Dass der reiche Thomas Wayne, der fürs Amt des Bürgermeisters kandidiert, bei einer Stellungnahme zu dem U-Bahn-Mord kundtut, dass er den Täter für einen Loser halte, der auf die sozial besser Gestellten eifersüchtig sei, und dass in den Augen jener, die „etwas aus ihrem Leben gemacht haben“, alle anderen „Clowns“ seien, gießt zusätzliches Öl ins Feuer und sorgt dafür, dass auf Gothams Straßen die Revolte ausbricht. Das damit einhergehende Chaos und die Bestätigung durch die Randalierer, die mit Clownsmasken an den Privilegien von Gothams Elite rütteln, tragen dazu bei, dass sich aus dem geschundenen Kokon des Arthur Fleck der schrecklich-schillernde Schmetterling Joker zu lösen beginnt.


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Mit der motivischen Bezugnahme auf die "Occupy"-Bewegung erinnert Todd Phillips' Zugriff auf die DC-Comicfigur, die als Batmans Nemesis zu den prominentesten aller Comic-Bösewichtern gehört, an den Abschluss von Christopher Nolans „Batman“-Trilogie, The Dark Knight Rises. Während dort aber dem Thema der sozialen Revolte am Ende der Stachel genommen wurde, lässt Todd Phillips den Zorn und den Schmerz der Massen, die in der Joker-Figur einen Ausdruck finden, ungebrochen stehen und verwandelt die Figur vom Superschurken zum gebrochenen Antihelden. Dass ausgerechnet ein Film über den Joker das tut, was das Gros der Superheldenfilme der vergangenen 15 Jahre geflissentlich unterlassen hat – die Kämpfe der Hauptfigur in eine Volksbewegung münden zu lassen – ist eine wahrlich sardonische Pointe.

"Joker" von Todd Phillips
"Joker" von Todd Phillips

Angesiedelt ist der Film in einer Stadtkulisse, die ans New York der 1970er-Jahre und an Filme von Martin Scorsese wie Taxi Driver denken lässt (vielleicht auch, weil Robert De Niro eine Nebenrolle spielt), aber dennoch beunruhigend gegenwartsdiagnostisch wirkt. Nach dem Auftritt von Jack Nicholson in Tim Burtons Batman-Film, der die Figur lange geprägt hat, und der durch den frühen Tod des Schauspielers morbid umwölkten Interpretation von Heath Ledger in The Dark Knight schafft es Joaquin Phoenix, der Figur einen ganz eigenen, fulminanten Stempel aufzudrücken. Phillips’ Inszenierung holt sie, soweit es nur geht, aus der Sphäre des Comics in die Wirklichkeit, indem er auf fantastische, „übermenschliche“ Elemente komplett verzichtet. Die Clowns: das könnte jeder sein.


Wenn bei Meryl Streep die Leitung durchbrennt

Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass die Joker-Figur in Steven Soderberghs The Laundromat ein unerwartetes Echo findet. In einer Szene der höchst vergnüglichen Farce über die Geschichte der sogenannten „Panama Papers“ brennen bei einer von Meryl Streep gespielten Figur, die einem durch die Briefkastenfirmen der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca ermöglichten Betrug zum Opfer gefallen ist, die Leitungen durch; mit einer Waffe dringt sie bei den Betrügern ein und richtet in bester Joker-Manier ein Blutbad an.

Die Szene entpuppt sich schnell als Traumsequenz. In Wirklichkeit gehört die von Merly Streep gespielte Frau zu den „Sanftmütigen“, für die Mossack (Gary Oldman) und Fonseca (Antonio Banderas) als launige „Erzähler“ des Films nur Verachtung bekunden. Aber der Traum zeigt anschaulich, dass es in „The Laundromat“ um dieselbe Wut über das neokapitalistische Wirtschafts- und Finanzsystem geht, die auch in „Joker“ schwelt. In mehreren kleinen, ungemein pointierten Kapiteln exemplifiziert Soderbergh die Prinzipien und Fundamente der Geldwäsche-Geschäfte – ein schwarzkomödiantischer Einblick ins "geheime Leben des Geldes", der zwar am Ende von der Verhaftung Mossacks und Fonsecas berichten kann, Meryl Streep aber in einer Art Epilog verkünden lässt, dass sich damit am System, das die Betrügereien ermöglichte, nichts geändert hat.

"The Laundromat" von Steven Soderbergh
"The Laundromat" von Steven Soderbergh

Jenseits von Agentenfilm-Mustern: „Wasp Network“

„Joker“ und „The Laundromat“ gehören zu den bisherigen Höhepunkten des Wettbewerbs bei den 76. Filmfestspielen von Venedig – zusammen mit Roman Polanskis „J’accuse“, der in den ersten Tagen für heftige Debatten am Lido sorgte.

Einen auf stille Weise ebenfalls besonderen Film steuerte Olivier Assayas mit Wasp Network bei. Der Film rollt die Geschichte der sogenannten „Cuban Five“ auf, eines Netzwerks kubanischer Agenten, die in den 1990er-Jahren als angebliche Regime-Flüchtlinge von Kuba in die USA eingeschleust wurden, um dort Organisationen von Exil-Kubanern zu infiltrieren und deren Sabotage- und Terrorismus-Akte gegen den Inselstaat zu vereiteln.

Assayas macht daraus einen Film, der sich jenseits aller Spionagefilm-Dramaturgien an einem ganzheitlichen Bild der Ereignisse und der daran beteiligten Figuren versucht, was dazu führt, dass die familiären Hintergründe und zwischenmenschlichen Beziehungen einen ähnlich großen Raum einnehmen wie die Genre-Elemente mit actiongeladenen Einsätzen für oder gegen Kuba. Damit zeichnet der Film ein kurzweiliges, vielstimmiges Panorama der damaligen Ereignisse, das sich dank der Nähe zu den Figuren auch zur interessanten Studie über moralischen Zwickmühlen rundet, die mit der Agenten-Arbeit einhergehen: Der politische Idealismus macht sich ständig die Hände schmutzig, und den Preis dafür zahlen im Zweifelsfall nie nur die Agenten, sondern vor allem jene, die ihnen nahestehen.

"Wasp Network" von Olivier Assayas
"Wasp Network" von Olivier Assayas

Beeindruckend in „Wasp Network“ ist unter anderem die von Penélope Cruz gespielte Ehefrau eines der „Cuban Five“. Das Drehbuch gibt ihr immer wieder Raum, die emotionalen Schäden deutlich zu machen, die die Missionen ihres Mannes für die Familie verursachen – auch wenn sie dessen politische Überzeugungen grundsätzlich teilt.

Sie ist eine von mehreren starken Frauenfiguren, mit denen der Wettbewerb wenigstens ansatzweise den Mangel an Filmemacherinnen in der Auswahl wettmacht. Die bislang wohl energetischste Protagonistin stammt dabei tatsächlich aus dem Film einer dieser beiden Regisseurinnen, The Perfect Candidate von Haifaa Al-Mansour. Eine saudische Ärztin gerät darin zunächst mehr durch Zufall, dann aber mit immer mehr politischem Drive in die Situation, als Kandidatin bei einer Lokalwahl anzutreten. Mit wachsender Entschiedenheit fängt sie mit ihrer Schwester an, eine Kampagne auf die Beine zu stellen, bis sie bei einer Wahlveranstaltung vor renitenten Männern, die ihr nicht zuhören wollen, förmlich in die Luft geht.

Al-Mansour macht aus der Geschichte einen trotz dramatischer Rückschläge im Grunde optimistischen Film über den allmählichen Wandel in Saudi-Arabien hin zu mehr Liberalität. Einem Wandel, der nicht zuletzt mit einem „Tauwetter“ für die lange unterdrückten Künste, inklusive des Kinos, einhergeht.


Fotos: Filmfestival Venedig/Nico Tavernise

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