Filmliteratur: Golzow Forever

Montag, 02.09.2019

Eine Dissertation über den „Golzow“-Zyklus von Winfried Junge beschäftigt sich mit Themen, die in der Alltagsstudie bewusst oder unbewusst keinen Platz gefunden haben

Diskussion

Eine Dissertation von Ulrike Häußer befragt das singuläre Mammutwerk von Winfried Junge, „Die Kinder von Golzow“, nach Themen, die bewusst oder unbewusst in der fast 50 Jahre umfassenden Alltagsstudie keine Platz gefunden haben. Die erfrischend andere Fragestellung tut der Beschäftigung mit dem „Golzow“-Zyklus gut.


Der „Golzow“-Zyklus des einstigen DEFA-Dokumentaristen Winfried Junge gehört ohne Zweifel zu den bleibenden Hinterlassenschaften des DDR-Kinos. Fast 50 Jahre lang drehte Junge vom Sommer 1961 an in dem Dorf im Oderbruch, unweit der deutsch-polnischen Grenze. Gemeinsam mit seinen Kameramännern Hans-Eberhard Leupold und Harald Klix sowie seiner Ehefrau Barbara Junge verfolgte er die Lebenswege von Kindern, die damals, kurz nach dem Mauerbau, eingeschult wurden. Er begleitete sie über DDR-Zeiten, Mauerfall, Wiedervereinigung und Jahrtausendwende hinaus – ein filmisches Werk von insgesamt 2.570 Minuten Länge, ein einmaliger Einblick in die Alltagsgeschichte Ostdeutschlands.

Ein Blick von außen

Die Junges selbst haben in zwei Büchern, die 2004 und 2017 im Schüren-Verlag erschienen, ausführlich die Geschichte der „Kinder von Golzow“ reflektiert. Hinzu kommt jetzt gleichsam der Blick von außen, eine Untersuchung der Kulturanthropologin Ulrike Häußer, die nach bislang Ungesagtem forscht und den Golzow-Zyklus nach politischen und soziologischen Tiefenschichten auslotet. Welche Strategien nutzte Junge bei der filmischen Inszenierung, welche Themen wurden von ihm bewusst oder unbewusst ausgeklammert, welche Lesarten boten die Filme an? Welche Form von Machtausübung entwickelte sich zwischen dem Filmenden und den „Familienmitgliedern“ des „Familienfilms“ Golzow?

In den spannendsten Kapiteln des Buches beschreibt die Autorin ihre eigenen Begegnungen mit jenen „Kindern von Golzow“, etwa mit Gudrun Klitzke, der Tochter des LPG-Vorsitzenden, die 1991 beschloss, sich nicht weiter filmen zu lassen, heute aber gerne von einem anderen Regisseur – oder einer Regisseurin – neu befragt werden würde. Ulrike Häußer meint zugespitzt, dass Junge aus ihr einen Menschen machen wollte, der sie nicht war.

Ein Lektorat hätte gut getan

Das von einer hohen Achtung für die Lebensleistung Junges getragene Buch stellt dem Mythos Golzow also durchaus Fragezeichen und kritische Repliken entgegen. Das ist gut, denn es bringt frischen Wind in die Beschäftigung mit der Reihe. Allerdings verliert die Analyse durch Ungenauigkeiten etwas an Wert. Das betrifft vor allem Häußers allgemeine Auslassungen zur DEFA-Dokumentarfilmgeschichte. Dass ein „Gros der Filmemacher“ in Leipzig lebte, ist nicht richtig. Auch gestaltete der Kameramann Christian Lehmann keineswegs „sämtliche“ Filme von Volker Koepp, und Jürgen Böttchers „Drei von vielen“ war auch nicht der erste verbotene DEFA-Dokfilm. Selbst die Behauptung, dass bei der DEFA keine Regisseure tätig waren, die bereits im „Dritten Reich“ gearbeitet hatten, stimmt nicht. Und so weiter. Ein wissendes Lektorat hätte dem Buch gutgetan.


Bibliografische Angaben:

Golzow Forever. Eine Untersuchung der Langzeitdokumentation "Die Kinder von Golzow". Von Ulrike Häußer. Panama Verlag, Berlin 2018. 280 S., 29,90 EUR. Bezug: hier.


Foto: Panama Verlag

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