#Venezia76: Einsame Spitze

Mittwoch, 04.09.2019

Premiere beim Filmfestival Venedig: Der Historienfilm „The King“ ist eine spannungsvolle Auseinandersetzung mit Shakespeares „Henry V.“

Diskussion

Der Historienfilm „The King“ feierte in Venedig Premiere. Das von Joel Edgerton und David Michôd geschriebene Geschichtsdrama ist eine Auseinandersetzung mit Shakespeares „Henry V.“ und liefert einen spannungsvollen Blick auf den Herrscher, der für England im 15. Jahrhundert einen legendären Sieg gegen Frankreich errang.


Wenn in Shakespeares Drama „Henry IV“ aus Prinz Hal am Ende Henry V. wird, ist das eine radikale Verwandlung: Der junge Mann, zuvor ein feierwütiger Tunichtgut, der dem Hofe fernblieb und sich unters Volk mischte, bricht alle Verbindungen zu seinen bisherigen Freunden ab und geht ganz in seiner neuen Rolle auf. In The King versucht Hal (charismatisch gespielt von Timothée Chalamet) das auch – aber es klappt nicht. Unter dem Purpurmantel mit dem Hermelinkragen steckt immer noch der junge Mann, der sich zuvor voller Ekel vor der Politik seines Vaters und den nicht enden wollenden Konflikten, in die dieser England gestürzt hatte, vom Hof in die Straßen Londons geflüchtet hatte.

Henry will als König alles anders und besser als sein Vater machen, droht sich als unerfahrener Neuling jedoch in der Unübersichtlichkeit der politischen Beziehungen zu verheddern. Jeder seiner Berater verfolgt eigene Interessen; der junge Herrscher kann niemandem vertrauen. Eine Beleidigung des Dauphins von Frankreich (Robert Pattinson) und ein angeblich von französischen König entsandter Meuchelmörder führen schließlich dazu, dass sich Henry an der Spitze eines Eroberungsfeldzugs gegen Frankreich wiederfindet, obwohl er sich eigentlich vorgenommen hatte, das seine Herrschaft eine des Friedens sein solle. Um wenigstens einen vertrauten Menschen an seiner Seite zu haben, nimmt er seinen alten Freund und Saufkumpan Sir John Falstaff (Joel Edgerton) als rechte Hand mit in den Krieg.


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Gefolgsleute und Feinde, aber keine Freunde

Könige hätten Gefolgsleute und Feinde, aber keine Freunde, lässt das Drehbuch, das Falstaff-Darsteller Edgerton zusammen mit Regisseur David Michôd verfasst hat, den trunksüchtigen Ritter an einer Stelle sagen. Im Gegensatz zum Shakespeare-Drama ist es hier nicht Falstaff, der die Nähe zu Henry sucht und abgewiesen wird, sondern Henry nimmt die alte Freundschaft Falstaffs in Anspruch, um für die erste große Herausforderung seiner Regierungszeit die beängstigende Einsamkeit der Macht zu lindern. Denn die ist toxisch, das hat Henry nach der Krönung schnell gemerkt, und droht ihn dazu zu verleiten, doch in die Fußstapfen seines misstrauischen, ständig um seine Position fürchtenden Vaters zu treten: Viel zu schnell sind die ersten Köpfe gerollt, um Höflinge zu beseitigen, an deren Treue er zweifeln musste. Das ist nicht die Art von Königtum, die Hal vorschwebte. In Frankreich, auf dem Schlachtfeld von Agincourt, will er sich nun als würdiger Herrscher erweisen.

Henrys Widersacher, der Dauphin von Frankreich (Robert Pattinson)
Henrys Widersacher, der Dauphin von Frankreich (Robert Pattinson)

Michôd und Edgerton machen aus dem historischen Stoff, dessen Wahrnehmung so stark von Shakespeare geprägt ist, einen Film über die gefährliche Eigendynamik von Macht, die sich vom Mittel zum Zweck zum Selbstzweck zu entwickeln droht – eine sehr frische, aktuelle Leseweise. Dementsprechend verzichtet der Film nicht nur auf Shakespeares Verse zugunsten einer modernen Sprache, sondern nimmt noch andere Veränderungen an der Vorlage vor. Während im Drama Henry Hal abstreifen muss, um ein guter König zu werden, und dies nur in einer zweiten Erzählebene kritisch gebrochen wird, die dem Ringen der Mächtigen Figuren aus dem Volk entgegenstellt, ist es für den Henry im Film entscheidend, dass Hal in ihm lebendig bleibt – jener Teil seiner Persönlichkeit, der nicht nach der Macht verlangte. Die Brutalität des Kriegs gegen Frankreich, die einen starken Anführer erfordert, ist diesem allerdings nicht förderlich.

Ungeschminkter Eroberungs-Patriotismus

Dabei bleibt der Film im Handlungsaufbau und der Figurenkonstellation an Shakespeares Drama orientiert, zitiert auch diverse zentrale Szenen herbei, deutet sie aber passend zum veränderten Blickwinkel um. Wie etwa die St.-Crispins-Tag-Rede vor der Schlacht, die hier mit ganz anderem Wortlaut den Eroberungs-Patriotismus ungeschminkter an die Oberfläche bringt („Make it England!“), oder am Ende die wortspielerische Begegnung des siegreichen Königs mit seiner französischer Braut Catherine (Lily-Rose Depp), die hier für Henry zum erschreckenden, das ganze Geschehen radikal umdeutenden und zurechtrückenden Erkenntnismoment wird und die einzige Frauenfigur im Stück zeitgemäß aufwertet.

Dabei bedient der Film durchaus die „Schauwerte“ des Dramas: Die Schlacht von Agincourt ist auch hier das Herzstück der Erzählung und als aufwendige Actionsequenz mit einem Großaufgebot an Menschen und Pferden umgesetzt. Sie wird von Michôd allerdings auf eine Weise gefilmt – als Gefecht an einem vom Regen matschig und abschüssig gewordenen Hang, bei dem schwer gepanzerte Ritter im Matsch zerdeppert werden –, die entfernt an Robert Bressons Lancelot-Film denken lässt. Und sie kostet ein Opfer, das den schlussendlichen Sieg tragisch verbittert.

Neben Laurence Oliviers Verfilmung, die im Schatten des Zweiten Weltkriegs Henry V. als Ikone nationalen Selbstbewusstseins und Kampfgeistes beschwor, und Kenneth Branaghs Adaption, die nicht zuletzt durch die grimmige Inszenierung der Schlacht diese Ikone modern brach und der volkstümlich-kritischen Ebene der Vorlage mehr Rechnung trug, ist „The King“ eine kluge Erweiterung und Bereicherung der „Henry V.“-Filmgeschichte. Nach den zwei starken Wettbewerbsbeiträgen Marriage Story und The Laundromathat der Streaming-Anbieter Netflix als Produzent mit diesem außer Konkurrenz gezeigten Historienfilm einmal mehr seine umstrittene Aufnahme ins Programm der „Mostra“ qualitativ gerechtfertigt. Es dauerte einige Jahre, bevor Michôd und Edgerton für die Umsetzung des Skripts neben der Produktionsfirma Plan B in Netflix einen Partner fanden, mit dem sich das aufwendige Projekt auf die Beine stellen ließ. Wenn es Streaming-Anbieter braucht, um solche Filme heute noch zu realisieren, dann können sich die großen Festivals nicht leisten, sie zu ignorieren.


Fotos: 76. Filmfestival Venedig

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