Nachruf auf Gero Gandert

Mittwoch, 04.09.2019

Der Filmhistoriker Gero Gandert (13.6.1929-29.8.2019) hat sich wie kein anderer um die Erschließung der Geschichte des Weimarer Kinos wie auch des deutschen Filmexils verdient gemacht

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Der Filmhistoriker Gero Gandert (13.6.1929-29.8.2019) hat sich wie kein anderer um die Erschließung der Geschichte des Weimarer Kinos wie auch des deutschen Filmexils verdient gemacht. Werner Sudendorf erinnert an seinen langjährigen Kollegen an der Deutschen Kinemathek, mit dem er unter anderem den Nachlass von Marlene Dietrich erworben hat.


„Wenn man etwas erreichen will, dann hilft nur hämmernde Penetranz.“ Das, so Gero Gandert, sei das wichtigste, vielleicht sogar das einzige gewesen, was er von dem Publizistikprofessor Emil Dovivat gelernt habe. Dovivats Überzeugung hat Gandert buchstäblich zum Motto seines Berufslebens gemacht. Sein Beruf, ja seine Berufung waren Film und Filmgeschichte.

Seit Anfang der 1950er-Jahre arbeitete Gandert als Filmjournalist. 1958 wurde er für seine Berichte über die Filme des Ostblocks denunziert und in der DDR zu Zuchthaus verurteilt. Der Fall machte Schlagzeilen; viele Kritikerkollegen setzten sich für ihn ein. Der Tag seiner Freilassung im Jahr 1961 war gleichzeitig der Eröffnungstag der „Berlinale“. Gandert lieh sich einen Frack und begrüßte einen Kollegen mit den Worten „Ich bin wieder da.“ Die Antwort war eine kalte, man kann auch sagen Kalte-Kriegs-Dusche: „Na, dann haben Sie wohl hoffentlich etwas gelernt.“

Das Drehbuch zu „Caligari“

Ich hatte das Privileg, seit den 1980er-Jahren mit Gero Gandert in der Deutschen Kinemathek in Berlin zusammen zu arbeiten. Schon vorher durfte ich Zeuge einer entscheidenden Weichenstellung in seinem Leben zu werden. Etwa 1973/74 fuhr Gandert auf meinen Hinweis hin nach Paris, um die kompletten Jahrgänge 1926-1932 der Tageszeitschrift „Film-Kurier“ zu kaufen. Aber die Anbieter wollten mit Deutschen keine Geschäfte machen. Sollte die Reise also umsonst gewesen sein? Das durfte nicht sein. Gandert wandte sich an Lotte Eisner und nahm mich mit. Die schon damals legendäre Kuratorin der Cinémathèque française erzählte ihm, wo das einzig erhaltene Drehbuch von Robert WienesDas Cabinet des Dr. Caligari“ vermutlich zu finden sei. Gandert erwarb das Drehbuch nach zähen Verhandlungen für die Kinemathek.

Es folgten eine Ausstellung und eine vom Goethe-Institut organisierte „Caligari-Tour“ durch die USA. Auf dieser Reise lernte Gandert zahlreiche deutsche Filmemigranten kennen, die er fortan im Sinne der „hämmernden Penetranz“ überzeugte, ihre Unterlagen an die Kinemathek nach Berlin zu geben. Ebenso überzeugte er die Leitung der Kinemathek, trotz geringer finanzieller Mittel immer wieder neue Reisen in die USA zu finanzieren.

„A brave and honest man“

Mit dem Archiv des Hollywood-Agenten Paul Kohner gelang Gandert 1989 schließlich sein größter Coup. Das bedeutete aber keinesfalls, dass er müde wurde. 1992 reisten Gandert und ich nach New York, um den Nachlass von Marlene Dietrich anzusehen. Am Abend waren wir mit Peter Riva, dem Enkel von Marlene Dietrich, zu einem Essen verabredet. Als Überraschungsgast erschien Maria Riva, die Tochter Marlenes. Während ich mit Peter Riva über den Nachlass sprach, redete Gandert unablässig auf Maria Riva ein. Unter anderem erzählte er ihr die Geschichte seiner Haft in der DDR. Maria Riva war zutiefst beeindruckt von dem „brave and honest man“.

So viele Geschichten gäbe es von Gero Gandert zu erzählen, diesem äußerlich unscheinbaren Mann, der für die Filmgeschichte brannte und dieses Feuer auch in anderen entzündete. Die schönste ist aber doch, dass er mit seiner Lebensleistung selbst ein Teil der Filmgeschichte geworden ist. Das soll ihm mal jemand nachmachen.


Foto: WDR

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