„Die letzte Vorstellung“ von Peter Bogdanovich

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Am Ende muss Miss Mosey ihr kleines Kino in einer texanischen Provinzstadt aufgeben: Die Leute, die früher die Sitzreihen bevölkerten, blieben mittlerweile lieber vor den Fernsehgeräten sitzen, erzählt sie Sonny und Duane, den beiden jungen Männern, um die Peter Bogdanovichs „Die letzte Vorstellung“ (1971) kreist. Als letzten Film vor der Schließung zeigt Mrs. Mosey einen Western: „Red River“ (1948) von Howard Hawks. Man könnte weinen angesichts des Optimismus, mit dem Montgomery Clift und die anderen Cowboys in diesem Film johlend aufbrechen, um ihre Viehherde nach Missouri zu treiben. Im Kontrast dazu sticht umso härter ins Auge, wie trostlos die Aussichten für die Jugendlichen sind, die sich „Red River“ in Miss Moseys Kinosaal ansehen. Duane (Jeff Bridges) wird am Morgen danach als Soldat in den Korea-Krieg ziehen. Sein Kumpel Sonny (Timothy Bottoms) bleibt allein zurück, niedergedrückt vom Verlust von Menschen, die ihm wichtig waren, enttäuscht von der Liebe, ohne Perspektive auf Glück. Einen spontanen Ausbruchsversuch, bei dem er sich mit seinem klapprigen Pick-up aus der Stadt davonmacht, bricht er kurz nach der Gemeindegrenze ab und kehrt resigniert um.

„Die letzte Vorstellung“, Bogdanovichs zweite Regiearbeit nach „Bewegliche Ziele“, entstand nach dem gleichnamigen Roman von Larry McMurtry und spielt in den frühen 1950er-Jahren. Der texanische Schauplatz, das fiktive Städtchen Anarene (hinter dem sich McMurtrys Heimatstadt Archer City verbirgt, in der Bogdanovich drehte), hat nichts mehr vom Aufbruchsgeist des Wilden Westens: eine triste Geisterstadt mit heruntergekommenen Läden und gesichtslosen Fertighaus-Fassaden, hinter denen die Bewohner banalen Arbeiten und Vergnügungen nachgehen, ihre Enttäuschung in sich hineinfressen und sie an die nächste Generation weitergeben. Was visuell dadurch unterstrichen wird, dass Bogdanovich in Schwarz-Weiß gedreht hat. Bogdanovich hatte sich zuvor als Filmjournalist einen Namen gemacht und sich an Klassikern des Hollywood-Kinos abgearbeitet: an Howard Hawks (dessen Vielseitigkeit er als Regisseur stets nacheiferte), John Ford, Orson Welles, Alfred Hitchcock. „Die Hochachtung vor der großen vergangenen Zeit Hollywoods und seinen Meistern spürt man in allen Arbeiten von Bogdanovich, in Büchern und Filmen, er knüpft unmittelbar an die Traditionen des traditionellen Erzählkinos an“, schrieb Günter Pflaum 1973 im FILMDIENST zum deutschen Kinostart von „Die letzte Vorstellung“.

Inhaltlich ist das herzzerreißende Coming-of-Age-Porträt weniger traditionell, vor allem der offenherzige Umgang mit Sex war für die Entstehungszeit durchaus gewagt. Die Liebe, seelisch und körperlich, scheint für Sonny, Duane und andere Bewohner von Anarene das einzige Glücksversprechen, an das sie noch glauben – doch auch auf diesem Gebiet werden sie enttäuscht. So auch die etwa 40-jährige Ruth (Cloris Leachman), die sich aus ihrer lieblosen Ehe in eine Affäre mit Sonny flüchtet, um von ihm für die junge Jacy (Cybill Shepherd) verlassen zu werden. Jacy verdreht sämtlichen Jungs der Stadt den Kopf, womit sie jede Menge Unheil stiftet. Was man ihr nur begrenzt übelnehmen kann: Für Frauen sind in den restriktiven 1950er-Jahren in einer Stadt wie Anarene die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung noch begrenzter als für die Männer. Jacys erotische Abenteuerlust und ihre Spiele mit Männerherzen sind nicht zuletzt ihre Gegenwehr gegen die Aussicht, so zu enden wie ihre vom Leben gelangweilte Mutter (Ellen Burstyn).

Cybill Shepherd gestaltete ihr Leinwanddebüt furios zwischen abgebrühter Koketterie und jugendlicher Unsicherheit. Ohnehin hatte Bogdanovich viel Mühe aufs Casting verwendet. Immer wieder betont er auf der Blu-ray des „Director’s Cut“ die Bedeutung der Schauspielführung beim Dreh, so in einem Audiokommentar, der gut einstündigen Dokumentation „Die letzte Vorstellung – Ein Blick zurück“ von Laurent Bouzereau und in einem Interview, das ebenfalls Bouzereau mit ihm führte. Entsprechend lebhaft brennen sich die Figuren der Erinnerung ein: das gefurchte Westerner-Gesicht von Ben Johnson, der als „Sam the Lion“ eine Art Vaterfigur für die heranwachsenden Jungs ist, die Tränen von Cloris Leachman als Ruth über eine existenzielle Einsamkeit, die auch Sonny nur kurzfristig vertreibt, der harte Zug um den Mund von Ellen Burstyn – und immer wieder die traurigen Augen von Timothy Bottoms. 


„Die letzte Vorstellung“. THE LAST PICTURE SHOW. USA 1971. Regie: Peter Bogdanovich. Director’s Cut. FSK: ab 12. Länge: 126 Min. Anbieter (Blu-ray & DVD): Sony Pictures Home.

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