Jean-Pierre Melville

Edition zum 100. Geburtstag von Jean-Pierre Melville

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Jean-Pierre Melville, geboren am 20.10.1917 in Paris, gilt als Meister des französischen Kriminalfilms. „Le Samourai“ („Der eiskalte Engel“, 1967) mit Alain Delon als Killer, dessen Leben ganz dem emotionslosen Akt des Tötens gewidmet ist, ist der vielleicht berühmteste Gangsterfilm des französischen Kinos, des „film policier“ oder „polar“, der französischen Variante des Film noir.

Auf der „100th Anniversary Edition“ sind vor allem Melvilles frühe Filme zu entdecken. Sein erster Langfilm „Das Schweigen des Meeres“ (1949) erzählt von einem Wehrmachtsoffizier, der sich kurz nach der Okkupation Frankreichs im Haus eines alten Mannes und seiner Nichte auf dem Land einquartiert. Die beiden üben Widerstand gegen den Eindringling, indem sie die sprachliche Kommunikation komplett verweigern, was ihnen dadurch erschwert wird, dass es sich bei dem deutschen Offizier um einen kultivierten Mann handelt; er liebt Frankreich, dessen Zukunft gemeinsam mit dem deutschen Reich angeblich noch glänzender würde. Doch so kultiviert er ist, so beschränkt scheint er: Erst spät werden ihm die Vernichtungspläne des Tauendjährigen Reichs bewusst. Ein „Adieu“ ist das erste und einzige Wort, das die Nichte zu ihm spricht, als er aufbricht, um desillusioniert an der Ostfront den Tod zu suchen.

„Das Schweigen des Meeres“ ist einer von drei Filmen der Box, die während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg spielen und auf unterschiedliche Weise von der Résistance erzählen, der Melville angehörte. „Eva und der Priester“ (1961) mit Jean-Paul Belmondo und Emmanuelle Riva ist eine meisterhafte Erzählung über den Widerstand in einer französischen Kleinstadt, zugleich eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Als Opus Magnum der Résistance-Filme gilt „Armee im Schatten“ (1969), der gänzlich ohne Pathos von der selbstzerstörerischen Arbeit französischer Widerstandskämpfer erzählt.

Melville hat einmal gesagt, dass er die Nouvelle Vague erfunden habe. Darüber lässt sich streiten, zweifellos aber wurden seine Filme der 1950er-Jahre von Regisseuren der Nouvelle Vague verehrt. Claude Chabrol schrieb in einer Würdigung, dass niemand zuvor Paris so gefilmt habe wie Melville in „Drei Uhr nachts“ (1956), Pigalle sei zum ersten Mal „in seiner poetischen Wirklichkeit gezeigt“ worden. Stark erinnern die Bilder des von Henri Decaë fotografierten Films, der in der Pariser Unterwelt spielt, an die Nouvelle Vague, die Ende der 1950er-Jahre reüssierte. Decaë hatte bereits in „Das Schweigen des Meeres“ Großartiges geleistet, folgerichtig drehte Chabrol die meisten seiner frühen Filme mit ihm. Er und Melville wurden die zwei zentralen Protagonisten des französischen Kriminalfilms der 1960er-Jahre.

Mit „Drei Uhr nachts“ hielt das Genre Einzug in Melvilles Schaffen und zeigte 1963 in „Der Teufel mit der weißen Weste“ erstmalig jenen typischen Melville-Stil, der sich im Fatalismus der Figuren niederschlägt und in der Schwarz-weiß-Fotografie voller Schatten und Dämmerlicht eine visuelle Entsprechung findet. Über Melvilles Filme wurde geschrieben, dass sie sich zunehmend der Sprache verweigerten, was aber vor allem für die Kriminalfilme gilt. „Eva und der Priester“ lebt wesentlich von den Dialogen, und Roger Duchesne spielt als Hauptfigur in „Drei Uhr nachts“ einen durchaus beredten Mann. Auffällig ist in einigen frühen Filmen die brillant eingesetzte Erzählerstimme. „Das Schweigen des Meeres“ ist die Ich-Erzählung des alten Mannes, der jene Situationen reflektiert, in denen er und seine Nichte sich sprachlos stellen. In Jean-Pierre Melvilles Kino gibt es noch viel zu entdecken, die neue Edition öffnet das Tor dazu.

Jean-Pierre Melville: 100th Anniversary Edition. 9 DVD/BD im Schuber. Box mit den Filmen „Das Schweigen des Meeres“, „Die schrecklichen Kinder“, „Und keine blieb verschont“, „Drei Uhr nachts“ (1956); „Zwei Männer in Manhattan“, „Eva und der Priester“, „Der Teufel mit der weißen Weste“, „Armee im Schatten“, „Vier im roten Kreis“ und „Der Chef“. FSK: ab 16. Anbieter: Arthaus.

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