Ula Stöckl – Film-Konzepte

Sonntag, 22.09.2019

Der Band 53 der „Film-Konzepte“-Reihe widmet sich der 1938 geborenen Regisseurin Ula Stöckl

Diskussion

Der Band 53 der „Film-Konzepte“-Reihe widmet sich der 1938 geborenen Regisseurin Ula Stöckl, die nicht nur eine feministische Vorreiterin war, sondern mit ihrem Werk nachhaltig auf nachfolgende Generationen gewirkt hat.

„Für mich ist sie der deutsche Godard“, sagt Philip Gröning. Ula Stöckl der „deutsche Godard“? Das ist ein verblüffender Vergleich, der aber gar nicht so weit hergeholt ist, wie es zuerst scheinen mag. Trägt nicht die Heldin in Ula Stöckls „Geschichten vom Kübelkind“ (1969-71, mit Edgar Reitz) dieselbe Kleopatra-Frisur wie Anna Karina, die Muse von Godard? Schon ihrem erstem, nach eigenem Bekunden „wichtigstem“ Film, „9 Leben hat die Katze“ (1968), wurde französische Leichtigkeit attestiert; seine Art, „cinema vérité“, Phantasma, Poesie, Philosophie und Politik miteinander zu verflechten, offenbart allerlei Godard-Reminiszenzen.

Szene aus "9 Leben hat die Katze" (1968)
Szene aus "9 Leben hat die Katze" (1968)

Ein unbestechlicher Blick

Üblicherweise wird Ula Stöckl mit anderen Titeln bedacht. Man nennt sie „feministische Filmemacherin der ersten Stunde“ oder „Regisseurin des ersten feministischen Films, als der Feminismus in der BRD noch gar nicht auf der Tagesordnung stand.“ Die renommierte Film-Konzepte-Reihe hat ihr nun das Heft Nr. 53 gewidmet. Im Vorwort betont die Herausgeberin Claudia Lenssen, dass es über das Feminismus-Thema hinaus darum gehe, „Ula Stöckls Plädoyers für die Vielfalt und Verschiedenheit der Welt, ihren unbestechlichen Blick auf Machtstrukturen bis in die intimsten Beziehungen und den besonderen Touch ihrer Filme genau in den Blick zu nehmen“. Ein Vorhaben, das bestens gelingt. Bei der Lektüre der vielstimmigen Beiträge bekommt man sofort Lust, Stöckls Filme wiederzusehen, sie neu zu entdecken.


Ula Stöckl, Jahrgang 1938, war die erste Frau, die 1962 an der legendären Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm als Filmstudentin aufgenommen wurde. Unter Leitung von Alexander Kluge und Edgar Reitz war die Filmabteilung der HfG ein Labor des Neuen Deutschen Films. 26 Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme realisierte sie zwischen 1963 und 1993, zuletzt die Dokumentation „Die Widerständigen“ (2014), auf der Grundlage von Interviewmaterial, das die 2012 verstorbene Regisseurin Katrin Seybold gedreht hatte. Seit 2005 bekleidet Ula Stöckl eine Professur auf Lebenszeit an der University of Central Florida in Orlando.

Ein Unikum: "Geschichten vom Kübelkind"
Ein Unikum: "Geschichten vom Kübelkind"

Ihrer Zeit weit voraus

Man muss nicht mit den Gender-Konzepten aller Beiträge des Film-Konzepte-Hefts einverstanden sein, um gleichwohl deren analytischen Blick zu schätzen. In ihrem hellsichtigen Essay „Das Spiel mit Kindern als Helden“ erforscht Bettina Henzler die Rolle, die Kinder und Jugendliche in Stöckls Filmen spielen, und entdeckt dabei, dass Wesenszüge von Stöckls spielerischer „mise en scène“ aus einer Verbindung zur „Dialektik von Realität und Imagination im Kinderspiel“ hervorgehen. Hier also, im Kinderspiel, liegt ein Quell für das, was viele Filme Stöckls schon auf der Erzählebene charakterisiert: die direkte Konfrontation von Wirklichkeit und Fantasie, Alltag und Mythos.

Zahlreiche Beiträge verdeutlichen, dass Ula Stöckl thematisch und stilistisch ihrer Zeit voraus war. Besonders schön zeigt Tatjana Turanskyj in „Fanpost“, dass gerade auch ihre frühen Filme bis heute frisch, lebendig und herausfordernd geblieben sind: „Liebe Ula Stöckl, es gibt Filme, die das Leben verändern, es gibt Filme, die die Sicht auf das Leben verändern, und es gibt Filme, die Vorbilder werden, als Filme. Für mich sind Ihre Filme das Größte, was die deutsche Filmgeschichte hergibt.“


Ula Stöckl. Film-Konzepte Heft 53. Von Claudia Lenssen (Hrsg.). Verlag edition text+kritik, München 2019. 123 S., zahlreiche Fotos, 20 EUR. Bezug: hier.


Fotos: Ula Stöckl Filmproduktion

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