Das Schweigen brechen

Montag, 23.09.2019

Ein Interview mit dem französischen Regisseur François Ozon über seinen Film „Gelobt sei Gott“

Diskussion

Der französische Regisseur François Ozon greift in „Gelobt sei Gott“ (zur FILMDIENST-Kritik) einen Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Lyon auf, der die französische Justiz beschäftigt und die Öffentlichkeit erschüttert. Er erzählt von Opfern, die nach Jahren der Scham und des Schweigens Gerechtigkeit fordern. Kardinal Barbarin wurde wegen der Nichtanzeigen sexueller Übergriffe auf Minderjährige im März 2019 zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt; gegen den beschuldigten Priester Bernard Preynat, dessen Verbrechen juristisch größtenteils verjährt sind, läuft ein kirchenrechtliches Verfahren. Die „Berlinale“ ehrte das Drama mit dem „Großen Preis der Jury“.


Wir kennen Sie als großen Frauenregisseur. Woher kommt ihr plötzliches Interesse an männlichen Hauptfiguren?

François Ozon: Nach Filmen über starke Frauen wollte ich einen Film über Männer realisieren, aber nicht über erfolgreiche Helden, sondern über fragile Männer und ihre Emotionen, ihre Schwäche, ihr Leid. Dabei stieß ich auf die Webseite von „La Parole libérée“ (Das befreite Wort) und auf die schockierenden Missbrauchsgeschichten. Ich nahm Kontakt zu dem Verein und den Missbrauchsopfern auf. Im Drehbuch fokussiere ich mich auf drei Schicksale. Erst dachte ich an einen Dokumentarfilm, entschied mich dann aber für einen fiktionalen Film. Die Ehefrauen und auch die Mütter waren übrigens sehr wichtig. Ohne ihre volle emotionale Unterstützung hätten die Männer den schweren Kampf nicht geschafft. Nicht nur die Opfer leiden unter der Vergangenheit, auch ihre Familien.


Ist „Gelobt sei Gott“ ein Doku-Drama?

Ozon: Auf keinen Fall. „Gelobt sei Gott“ ist ein Spielfilm, der auf Fakten beruht. In kurzen Rückblenden zeige ich die Umstände, unter denen es zum Missbrauch kam, wobei es mir darum ging, die Unschuld der Kinder zu betonen. Ich recherchiere für jeden meiner Filme sehr genau. Am Anfang sollte „Gelobt sei Gott“ nur von Alexandre handeln. Doch je mehr ich mich mit den Ereignissen befasste, umso mehr merkte ich, dass eine Konzentration auf drei Fälle wesentlich sinnvoller ist, weil jeder Betroffene ein anderes soziales und familiäres Umfeld hatte, was das Spektrum erweiterte. Der Film besteht quasi aus drei Teilen, drei Geschichten. Nach Rücksprache mit Anwälten haben wir auch die Namen beibehalten, die der Opfer wie die der Täter. Die Vorgänge sind in Frankreich durch die Medien bekannt; ich hätte es scheinheilig gefunden, mit fiktiven Namen zu arbeiten. Nur aus Pierre-Emmanuel wurde Emmanuel.

François Ozon mit Darsteller Melvil Poupaud beim Dreh zu „Gelobt sei Gott“
François Ozon mit Darsteller Melvil Poupaud beim Dreh zu „Gelobt sei Gott“

Wie haben Sie das Vertrauen dieser Menschen gewonnen?

Ozon: Sie hatten schon viele Kontakte mit Journalisten und Dokumentarfilmern und vertrauten mir, weil sie instinktiv spürten, dass ich nicht auf Sensationslüsternheit aus war und sie auch nicht verraten würde. Ich wollte ihnen die Würde lassen und habe eine große Verantwortung gespürt. Nicht nur ihnen gegenüber, sondern auch ihren Familien und ihren Kindern gegenüber. Zu Beginn sprachen sie darüber, was ihnen passiert ist, dann ging es häufig darum, wie man verfahren sollte, um die Situation zu verändern und wie man schuldig gewordene Priester zur Verantwortung zieht. Wir lernten uns langsam kennen; nach und nach entstand eine enorme Nähe. Am Anfang forderten sie mich eher spaßhaft auf, eine französische Version von „Spotlight“ zu drehen.


Was ging in Ihnen vor, als Sie sich mit den Vorfällen beschäftigten und die Briefe und Mails lasen oder mit den betroffenen Männern redeten?

Ozon: Ich spürte eine Riesenwut über diese Ungerechtigkeit und das kollektive Schweigen der Kirche. Darüber, dass der Priester Bernard Preynat, der sich in den 1980er- und 1990er-Jahren an über 70 Jungen vergangen haben soll, vom Erzbischof gedeckt und nur in eine andere Gemeinde versetzt wurde, anstatt ihn seines Amtes zu entheben und vor Gericht zu stellen. Dass dieser Mensch überhaupt nicht versteht, was er angerichtet hat, ist für mich nicht nachvollziehbar. Gleichzeitig bewundere ich die drei Protagonisten und andere Opfer für ihren Mut. Der Film nimmt ihre Perspektive ein und stellt sich voll auf ihrer Seite.


Die Haltung der Eltern der Missbrauchsopfer verwundert…

Ozon: Sie dürfen nicht vergessen, dass die Taten 30 Jahre oder länger zurückliegen. Das Wissen um Pädophilie war damals noch nicht so verbreitet. Die Kinder wussten gar nicht, was ihnen geschah. Und die Eltern waren auch überfordert. Sie haben mit Geistlichen geredet, sind aber nicht zur Polizei gegangen. Die Idee, einen Priester ins Gefängnis zu bringen, lag ihnen fern. Sie waren sich der Tragweite der Vorfälle nicht bewusst und wollten ihre Söhne nicht in einen Rechtsstreit verwickeln. Heute sind die Eltern aufgeklärter und vor allem sensibler. Auch die Kirche ist sich über die psychischen Folgen von Pädophilie mehr im Klaren.

Die Missbrauchsopfer (hier: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Éric Caravaca) organisieren sich.
Die Missbrauchsopfer (hier: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Éric Caravaca) organisieren sich.

Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat, vermeiden Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Ist Ihnen das bei diesem gefühlsbeladenen Thema schwergefallen?

Ozon: Ich verzichte auf Polemik und mache niemandem den Prozess; das ist Aufgabe der Gerichte. Ich möchte, dass der Zuschauer sich selbst ein Bild macht. Deshalb wollte ich nicht die übliche Gut-gegen-Böse-Nummer präsentieren. Die Szenen, in denen die Opfer auf die Verantwortlichen der Kirche treffen, sind sehr intensiv und demaskierend. Die Milieus, in denen Alexandre, François und Emmanuel leben, unterscheiden sich, wie auch der Grad an Solidarität. Eines habe ich bei all dem gelernt. Es gibt nicht einen bestimmten Opfertypus, nur das Leid, das sie erfahren, ist gleich, und der Ballast, den sie nicht abschütteln können. „Gelobt sei Gott“ ist kein Kreuzzug gegen die Kirche, sondern entlarvt diejenigen, die durch ihr Schweigen weitere Schuld auf sich geladen haben. Solange die Kirche nicht die Fakten anerkennt, solange werden die seelischen Wunden der Opfer weiter schwären. Ihnen gebe ich eine Stimme.


Sind Sie gläubig?

Ozon: Ich habe eine antiklerikale Erziehung genossen, glaube nicht an das Paradies oder ein Leben nach dem Tod. Es geht hier aber nicht um ein Problem des Glaubens, sondern um ein Problem der verkrusteten Institution Kirche. Alle Institutionen, ob in Religion, Sport oder Erziehung, haben die Neigung, sich zu verselbständigen. Sie schmoren im eigenen Saft und verlieren oft den Bezug zu denen, die sie vertreten. Die Kirche predigt Liebe, aber im Namen der Religion finden und fanden immer schon Kriege statt. Sehr zweifelhaft finde ich die Vorstellung von Vergebung. Bete einen Rosenkranz oder drei „Vater unser“ und alles ist wieder gut, du kannst beruhigt eine neue Seite aufschlagen. Es ist dann so, als wäre nichts geschehen. Das halte ich für abstrus.


Gab es bei den Dreharbeiten keine Probleme?

Ozon: Man muss ja nicht jedem alles haarklein erzählen. Der Arbeitstitel lautete „Alexandre“, und gedreht haben wir in Kirchen in Belgien und Luxemburg. Das wirkliche Thema haben wir nicht direkt kommuniziert.

Auch Jahrzehnte nach dem Missbrauch noch von den Folgen gezeichnet: Emmanuel (Swann Arlaud) mit seiner Mutter (Josiane Balasko).
Vom Missbrauch gezeichnet: Emmanuel (Swann Arlaud, mit Josiane Balasko).

Welche Reaktionen erhalten Sie aus katholischen Ländern?

Ozon: Die ersten Käufer kamen aus katholischen Ländern und wollten den Film, ohne ihn gesehen zu haben. Das brisante Thema allein reichte. Was im Film passiert, passiert ja nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen Welt. Die Erkenntnis bei den Verantwortlichen in der Kirche ist da. Aber den starken Worten folgen leider keine Taten oder zu wenig Taten. Der italienische Verleiher hat sogar sofort eine Vorführung im Vatikan organisiert.


Wird das Thema längerfristig auf der Agenda bleiben oder erschöpft es sich als Hype?

Ozon: Die Vereinigung „La Parole libérée“ präsentiert immer neue Fälle und hat es geschafft, dass die Verjährungsfrist von 20 auf 30 Jahre erhöht wurde. Die Kirche kann nicht mehr zurück und so tun, als wäre nichts gewesen. Wenn sie schweigt, wird in der Öffentlichkeit trotzdem über den Missbrauch durch Priester diskutiert. Was meinen Sie, was da los ist, wenn die Fälle aus Afrika publik werden? Da kommt noch was auf uns zu.


Hoffen Sie, mit Ihrem Film etwas verändern zu können?

Ozon: An der Erneuerung der Kirche kommt niemand vorbei. Das ist größtenteils auch Konsens bei den Bischöfen. Aber komplexe Hierarchien aufzuweichen und abzubauen, ist immer kompliziert. Die Veränderungen, vielleicht sogar eine Revolution, müssen von der katholischen Basis kommen, auch von den Frauen, die bisher wenig zu sagen haben. Wenn sich die katholische Kirche nicht den Problemen stellt, wird sie langfristig verschwinden. Schon jetzt hat sie an Bedeutung verloren. Wir müssen die Mauer des Schweigens brechen. Ich hoffe, mit „Gelobt sei Gott“ ein paar Denkanstöße zu geben und eine weitere Debatte anzustoßen.


Fotos: Pandora

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