„Filmo“: Schweizer Filmgeschichte zum Streamen

Dienstag, 24.09.2019

Die Online-Plattform „Filmo“ will Schlüsselwerken des Schweizer Films zu mehr Sichtbarkeit verhelfen

Diskussion

Im Juni 2019 ist die Online-Plattform „Filmo“ an den Start gegangen, die Schlüsselwerken des Schweizer Films zu mehr Sichtbarkeit verhelfen soll. Die Auswahl übernehmen Filmexperten, die Veröffentlichung erfolgt in Staffeln von je zehn Werken, die auf etablierten Schweizer Streaming-Portalen abrufbar sind. Das zunächst auf die Schweiz beschränkte Angebot könnte in der Zukunft auch in anderen Ländern zugänglich sein.


Als Produkt, das Schlüsselwerke des Schweizer Films in digitaler Edition herkömmlichen Online-Plattformen zur Verbreitung anbietet, unterscheidet sich „Filmo“ in einigen kleinen, aber (ge)wichtigen Details von ähnlichen Angeboten.

Die Solothurner Filmtage haben sich seit ihrer Gründung in den 1960er-Jahren schon öfters als Inkubator der Schweizer Filmbranche erwiesen. So wurde dort auch ausgebrütet, was seit einigen Wochen auf den Markt drängt: „Filmo“, die erste Online-Edition von Schweizer Filmen, digital neu aufbereitet und um Bonusmaterial ergänzt.


Zusammengestellt von Experten

Die Auswahl umfasst Schweizer Spiel- und Dokumentarfilme von mindestens 60 Minuten Länge, deren Produktion seit zehn Jahre abgeschlossen ist. Außerdem müssen die Filme unter kulturellen, historischen oder ästhetischen Kriterien aus dem Gros des Schweizer Filmschaffens herausragen. Zusammengestellt wird die Filmo-Edition von ausgewiesenen Experten, die je zehn Werke vorschlagen; auf der Homepage von Filmo sind die Begründungen für die Wahl der einzelnen Filme abrufbar.

     

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Es liegt in der Natur der Sache, dass das anfänglich auf 100 Filme beschränkte, inzwischen aber umfassender angelegte Vorhaben kontrovers diskutiert wird. Wo man eine Auswahl von Filmen trifft, finden sich immer andere, welche die Kriterien ebenso erfüllen. Auch die Bestimmung der Experten – unter den ersten finden sich der Filmjournalist Matthias Lerf, die Filmwissenschaftlerin Margrit Tröhler, Cinémathèque Suisse-Direktor Frédéric Maire, die Tessiner Radiomoderatorin Cristina Trezzini und Emilie Bujès, die seit 2018 die „Visions du réel“ leitet, – wurde diskutiert.


Mehr Sichtbarkeit für Filmklassiker

Ziel von Filmo ist es, Schweizer Filmklassikern nachhaltig mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Aufgekommen ist die Idee vor einigen Jahren; treibende Kraft hinter der aktuellen Umsetzung des Projekts war Seraina Rohrer, die von 2011 bis 2019 den Solothurner Filmtagen operativ vorstand und 2020 die Leitung des Bereichs Innovation und Gesellschaft der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia übernimmt.

Hinter Filmo steht der 2018 gegründete Verein CH.Film. Angesiedelt ist Filmo bei den Solothurner Filmtagen. Bisher ermöglicht wurde das Projekt durch das Engagement Migros, den Förderfonds der Migros-Gruppe. Dass man bei der Realisierung des anfänglich auf DVD geplanten Projekts auf Streaming umschwenkte, zeugt ebenso vom innovativen Geist wie auch die Entscheidung, bei der Verbreitung nicht auf eine eigene Plattform zu setzen, sondern mit bestehenden Streaming-Anbietern zu arbeiten. Noch nicht gelöst ist die dauerhafte Zugänglichkeit, da kommerzielle Plattformen in der Regel mit zeitlich beschränkten Verträgen arbeiten.

Teil der zweiten Filmstaffel: "Heimatklänge"
Teil der zweiten Filmstaffel: "Heimatklänge"

Seit Juni 2019 kommen die Filmo-Filme gestaffelt auf den Markt. Unter den ersten finden sich Spielfilm-Klassiker wie Leopold Lindtbergs Die letzte Chance (1945) und Kurt Frühs Café Odeon (1958/59), ebenso die Neo-Klassiker Das Boot ist voll (Markus Imhoof, 1981) und Reise der Hoffnung (Xavier Koller, 1990); jüngste Beispiele sind Home (2008) von Ursula Meier und Cœur animal (2009) von Séverine Cornamusaz; beide wurden mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.


Viele Filme zu Migration und Flüchtlingen

Doch auch Dokumentarisches gibt es zu entdecken: Christian Freis War Photographer (2001) über den Kriegsfotografen James Nachtwey sowie Stefan Schwieterts urwüchsig klingenden Film Heimatklänge (2007), nicht zu vergessen Siamo italiani(1964), in welchem Alexander J. Seiler, Rob Gnant und June Kovach den aus Italien in die Schweiz geholten „Gastarbeitern“ ein Gesicht verliehen.

Augenfällig ist nach Erscheinung der beiden ersten Staffeln eine Konzentration auf die Migrations- und Flüchtlingsthematik, die nicht der Bandbreite des Schweizer Films entspricht. Kann sein, dass sich dies durch die Reihenfolge der Lancierung korrigiert wird; die dritte Filmo-Staffel erscheint nach dem 15. Zurich Film Festival (26.9.-6.10.2019).

Untertitelt in den Schweizer Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch, findet man Filmo bei Cinefile, LeKino, Sky, upc, iTunes und Teleclub. Laut Projektleiter Florian Leupin plant man bei Filmo weiter in die Zukunft und baut die Edition laufend aus.

So schnell, wie sich die digitale Welt verändert, und so innovativ, wie man bei Filmo denkt, bleibt zu hoffen, dass die derzeit erst in der Schweiz zugänglichen Filmo-Filme in nicht allzu ferner Zukunft auch anderswo zu sehen sind.


Weitere Informationen findet man auf der Website von Filmo.


Fotos: Filmo

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