Zwischen Protest und Propaganda

Freitag, 27.09.2019

Beim 44. Polnischen Filmfestival in Gdynia spiegelte sich die tiefe gesellschaftliche Spaltung des Landes

Diskussion

Beim 44. Polnischen Filmfestival in Gdynia spiegelte sich die tiefe gesellschaftliche Spaltung des Landes: Auf der einen Seite monumentaler propagandistischer Schwulst über die polnische Geschichte, auf der anderen kontemplative Provokationen, verstörende Vexierspiele und Arbeiten, die wieder ausgeladen wurden und nur durch Tricks doch noch zu sehen waren.


Agnieszka Holland, die beim 44. Nationalen Spielfilmfestival in Gdynia (16.-21.9.2019) für ihren Film „Mr. Jones“ den „Goldenen Löwen“ gewann, nutzte die Chance, vor der Aufführung über die aktuelle Situation zu sprechen. „Mr. Jones“, der die Geschichte eines Journalisten rekapituliert, der in den 1930er-Jahren in der Sowjetunion über eine von den Staatsmedien verschwiegene Hungersnot berichtet und davon auch nicht ablässt, als man ihn einen Lügner nennt und angreift, sei keineswegs nur ein historischer Diskurs. Auch heute, so Agnieszka Holland, sei die freie Meinungsäußerung vielfach bedroht. Stärker als je stünden die Medien vor der Aufgabe, die Wahrheit zu vermitteln – gegen Hass, Gleichgültigkeit und Angst. Holland will „Mr. Jones“, der auch im Wettbewerb der „Berlinale“ zu sehen war, als Gleichnis auf Mut und Zivilcourage verstanden wissen.

Heftige Debatten um das Programm

Mit einem solchen Statement stärkte die Regisseurin auch jenen den Rücken, die sich mit der aktuellen Kulturpolitik in ihrem Heimatland herumschlagen. Auf dem Festival in Gdynia traten entsprechende Differenzen deutlich zutage, und das gleich anhand mehrerer Konflikte. So gab es heftige Debatten darüber, dass der Mafia-Thriller „Solid Gold“ urplötzlich aus dem Wettbewerb zurückgezogen wurde: ein Drama über Verquickungen zwischen polnischer Finanzwelt, öffentlicher Hand und organisiertem Verbrechen, der auf wahre Geschehnisse in Gdynia 2012 zurückgreift. Das polnische Staatsfernsehen, das zu einem Drittel an den Kosten von „Solid Gold“ beteiligt ist, hatte ein Veto gegen die Aufführung eingelegt: Die Schnittversion stimme nicht mit der vom Sender abgenommenen Fassung überein.

"Supernova"
"Supernova"

Polnische Zeitungen berichteten, dass das von der streng konservativen Regierungspartei PiS abhängige Fernsehen den Film nicht vor den Parlamentswahlen am 13. Oktober in die Öffentlichkeit lassen wolle. Obwohl sich „Solid Gold“ kritisch mit der vorherigen Regierung, also der heutigen Opposition befasse, zeige er die politische Klasse insgesamt in einem schlechten Licht.

Regisseur Jacek Bromski, der zugleich Präsident des Verbandes der polnischen Filmemacher ist, gelang es dann aber doch, „Solid Gold“ in den Wettbewerb zurückzuholen. Die großen Erwartungen erfüllten sich dennoch nicht. Mit 140 Minuten wirkt der Film extrem unkonzentriert, ohne Rhythmus und voller kolportagehafter Figurenbeziehungen. Von schmerzhafter Gesellschaftsanalyse kann keine Rede sein; „Solid Gold“ tut niemandem weh, die Chance eines künstlerischen Weckrufs wurde vertan.

Ouvertüre mit Paukenschlag

Neben den Querelen um „Solid Gold“ überraschte auch das Auswahlkomitee des Festivals mit einem politischen Paukenschlag: Es trat geschlossen zurück. Zuvor waren mehrere vom Komitee für den Wettbewerb nominierte Filme von der Leitung des Festivals erst gestrichen und dann doch wieder zugelassen worden, und zwar ausgerechnet Arbeiten, die Schlaglichter auf ethisch-moralische Zustände der Gegenwart warfen.

Der Verband der polnischen Filmemacher forderte, gleichsam zur Rettung des Festivals, die Wiedereinführung eines künstlerischen Direktors, eine Funktion, die vor Jahren ersatzlos gestrichen worden war, und generell eine unabhängige Filmauswahl. Das Festival in Gdynia wird wesentlich vom Kulturministerium finanziert, das fest in der Hand der PiS ist. Der Ruf nach künstlerischer Freiheit, gegen vorauseilenden Gehorsam, berührt Grundsätzliches. Zur Sitzung des Filmverbandes reisten deshalb aus gutem Grund sogar Regisseurinnen und Regisseure an, die in diesem Jahr gar nicht im Wettbewerb vertreten waren, etwa Malgoska Szumowska und Pawel Pawlikowski, der Regisseur von „Ida“ und „Cold War“.

"Interior"
"Interior"

Stilisierte Bilder, unerhörte Vorgänge

Vom Wettbewerb zeitweise ausgeladen war unter anderem der Film „Supernova“ von Bartosz Kruhlik über einen unerhörten Vorfall, der sich an einem Sommernachmittag in der polnischen Provinz zuträgt. Ein Mann überfährt mit seinem großen teuren Auto eine junge Frau und deren beide Kinder. Der Täter ist Regierungsangestellter. Sofort ist sein Rechtsanwalt zur Stelle, der mit Tricks und Finten die Schuld von ihm abzuwälzen versucht. Aber die herbeigeeilten Dorfbewohner werden immer zorniger, es kommt zu einer Art Explosion. Filmzeit ist in „Supernova“ Realzeit, zu sehen ist gleichsam das Entstehen eines gesellschaftlichen Wirbelsturms. Ein starkes Debüt.

Als ebenfalls sehr sehenswert erwies sich der Film „Interior“ von Marek Lechki, der mit stark stilisierten Bildern von zwei Menschen erzählt, die sich von lang eingeübten Verhaltensmustern befreien. Ein junger Mann begehrt gegen seinen Chef auf, den Besitzer einer Recycling-Firma, der dank Mafia-Verquickungen Millionen verdient, seine Arbeiter nicht ordentlich bezahlt, aber von der öffentlichen Hand als „Geschäftsführer des Jahres“ gelobt wird. Zweite Hauptfigur ist eine Angestellte der Stadtverwaltung, die sich gegen den korrupten Bürgermeister auflehnt und eine westeuropäische Delegation ausgerechnet in jenen Stadtteil führt, in dem die Ärmsten unter unwürdigen Bedingungen wohnen. Auch „Interior“ sollte nach dem Willen der Festivalorganisatoren nicht im Wettbewerb gezeigt werden.

Zu den spannenden Filmen zählte „Gespräch der Vögel“, inszeniert von Xavery Zulawski nach dem letzten Drehbuch seines 2016 verstorbenen Vaters Andrzej Zulawski. Ganz in der Tradition seiner stilistisch überbordenden Meisterwerke wie „Ein Drittel der Nacht“ (1971) oder „Der silberne Planet“ (1978) versammelt „Gespräch der Vögel“ ein grelles, surrealistisches Panoptikum voller literarischer und kinematographischer Zitate von Shakespeare und Leo Tolstoi bis zu polnischen Klassikern. Verstörend schon die Anfangssequenz, in der ein Ethiklehrer von seinen Schülern tyrannisiert wird, nur weil er die Auffassung vertritt, jede Religion sei auch Ideologie.

"Gespräch der Vögel"
"Gespräch der Vögel"

Zum grotesken Vexierspiel gehören Szenen von Aufmärschen polnischer Faschisten in Warschau sowie ein Schlusstableau, in dem sich die Figuren zum großen Musicalauftritt vereinen. Als greiser Regisseur, eine Art Alter ego Zulawskis, tritt Daniel Olbrychski, der legendäre Wajda-Schauspieler, auf. Das Filmplakat zeigt den Hauptdarsteller in grellem Rot und mit weit herausgestreckter Zunge, ein freches Teufelchen.

Leise tastende Studie

Mit dem Mut zur Kontemplation inszenierte Jan Komasa seinen neuen Film „Corpus Christi“, der mit dem Regie- und dem Publikumspreis des Festivals gekürt wurde. Der Film beginnt in einem Jugendgefängnis, das sich wie eine Vorhölle ausnimmt: Hinter dem Rücken der Erzieher wird gedemütigt, geprügelt und vergewaltigt. So scheint es für Daniel, der wegen Totschlags hier einsitzt, ein Glück, dass er auf Bewährung nach draußen geschickt wird, zur Arbeit im Sägewerk eines polnischen Provinzdorfes. Jan Komasa, der durch seinen „Berlinale“-Beitrag „Suicide Room“ (2011) bekannt wurde, gestattet Daniel dann im Gewand eines falschen Priesters ein spirituelles Erwachen jenseits tradierter Rituale. „Corpus Christi“ ist eine leise, tastende Studie über die Rückgewinnung eines Humanismus, der sich nicht gemein macht mit Institutionen und Regeln der Macht. Ein Film über Vertrauen und Vergebung.

Im Gegensatz dazu nahmen sich die monumentalen propagandistischen Filme über polnische Geschichte, die aus einem Fonds zum hundertjährigen Jubiläum der Staatsgründung gespeist wurden, intellektuell recht dürftig aus: Michal Rosas „Pilsudski“ etwa, das Porträt des Militärs und Politikers Józef Pilsudski, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Anarchist und Bombenleger für einen unabhängigen polnischen Staat kämpfte, dann Staatschef wurde und sich schließlich 1926 nach einem Putsch zum Diktator aufschwang. Pilsudski errichtete ein Regime, das er als „moralische Diktatur zur Gesundung des Staates“ bezeichnete und in dem er demokratische Strukturen systematisch aushöhlte. Eine sehr widersprüchliche Figur also, die nichtsdestotrotz vom Chef der PiS, Jaroslaw Kaszynski, als Vorbild verehrt wird.

Historischer Schwulst in Dolby Surround

Es ist deshalb kein Wunder, dass der vom Staat finanzierte Film Pilsudski als willensstarke Leitfigur zeichnet. Dabei fallen pathetische Sätze wie: „Polen ist eine Frage des Willens und nicht der Geographie“ oder: „Ich streiche alle alten Symbole. Das einzige Symbol ist der Weiße Adler.“ Ausführlich wird Pilsudskis Abstand zu sozialistischen Politikern wie Rosa Luxemburg herausgestellt, die für ihn viel zu wenig national dachte. Unübersehbar auch die antirussische Haltung. Pilsudski lässt im Ersten Weltkrieg russische Grenzpfähle niederreißen und verkündet stolz: „Ein Krieg mit Moskau ist etwas Heiliges für Polen.“ Das zu sehen und zu hören und zu wissen, dass damit nicht nur historische Befindlichkeiten gemeint sind, wirkt bedrückend. „Pilsudski“ beschränkt sich übrigens auf die Jahre zwischen 1900, seiner Flucht aus einem russischen Irrenhaus, und 1919; ein zweiter Teil, der bis zum Tod des Politikers 1935 führt, ist also durchaus erwartbar.

"Die Legionen"
"Die Legionen"

Auch in einem anderen Historienfilm, „Die Legionen“ von Dariusz Gajewski, taucht das Motiv des Niederreißens russischer Grenzpfähle auf. Die Helden sind Jugendliche, die im Ersten Weltkrieg innerhalb der österreichisch-ungarischen Armee für einen eigenen polnischen Staat in den Tod gehen. Ulanen reiten in minutenlangen Schlachtszenen auf russische Schützengräben zu und werden zu Hunderten hingemetzelt. In einer Dreiecksgeschichte retten sich die Rivalen um die Gunst eines Mädchens gegenseitig aus dem Dreck – mit schwülstigem Orchestersound in Dolby Surround. Polen entsteht hier aus Blut, Schweiß und Tränen. Gefeiert werden vorrangig starke Männer. Das neue patriotische polnische Kino ist ein knallhartes Männerkino.

Wer sich allerdings daran erinnert, dass die Qualität polnischer Historienfilme einstmals von grüblerischen, ernsthaften philosophischen Werken wie Andrzej Wajdas „Lotna“ geprägt war, wird mit intellektuell einfältigen Historienbildern à la „Die Legionen“ nichts anfangen können. Und für den Schulunterricht ist der Film einfach viel zu blutig.


Fotos: Festival Polskich Filmow Fabularnych, "Solid Gold" (Bild oben) © Olaf Tryzna

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