Interview mit Cristi Puiu

Montag, 30.09.2019

Ein Gespräch mit dem rumänischen Regisseur Cristi Puiu über seinen Film "Sieranevada" (2016)

Diskussion

Der rumänische Regisseur Cristi Puiu zählte mit dem makabren Drama „Der Tod des Herrn Lazarescu“ (2005) zu den Begründern der „Rumänischen Welle“. Sein jüngstes Werk „Sieranevada“, das 2016 beim Filmfestival in Cannes im Wettbewerb uraufgeführt wurde, fand in Deutschland nichts ins Kino. Im Interview skizziert der Regisseur seine filmische Ästhetik und setzt sie zur Situation in Rumänien in Bezug.


In den letzten 15 Jahren hat sich das rumänische Kino zu einer der beachtetsten Filmnationen gemausert, die mit einer überschaubaren Zahl an Regisseuren und dem distinktiven Stil aufwühlender gesellschaftskritischer Dramen regelmäßig für Aufmerksamkeit sorgt. Der Regisseur Cristi Puiu gehörte im Jahr 2005 mit „Der Tod des Herrn Lazarescu“ zu den Wegbereitern dieser „Rumänischen Welle“.

Im Jahr 2016 steuerte er mit „Sieranevada“ ein weiteres Meisterstück bei. Das über knapp drei Stunden quasi in Echtzeit entfaltete Drama konfrontiert mit einer Großfamilie, die in einer Wohnung in Bukarest die Trauerfeier für das 40 Tage zuvor verstorbene Familienoberhaupt ausrichtet, darunter der Arzt Lary (Mimi Branescu), seine Schwester Sandra (Judith State), die Witwe (Dana Dogaru), ein von Verschwörungstheorien besessener Neffe des Toten (Marin Grigore) und eine von der kommunistischen Vergangenheit beseelte Tante (Tatiana Iekel). Während man auf den Priester und das gemeinsame Essen wartet, kommt es zu Gesprächen und Diskussionen, die um politische Themen, aber auch um Privates, um Gegenwärtiges wie Vergangenes kreisen und jedes Familienmitglied ein Stück weit bloßstellen.


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Der ambitionierte Ensemblefilm spielt fast durchweg in der beengten Wohnung, in der sich immer wieder neue Winkel und Wege auftun. Der Film kommt ohne sonderliche dramaturgische Höhepunkte aus, setzt aber zahlreiche schwarzhumorige Akzente. Eher en passant, aber sehr tiefschürfend gibt der Film über die konträren Ansichten der aggressiven Figuren Hinweise auf die Befindlichkeiten einer ebenso verunsicherten wie gespaltenen rumänischen Gesellschaft.


40 Tage nach dem Tod treffen sich in "Sieranevada" Freunde und Angehörige zum Totengedenken
40 Tage nach dem Tod treffen sich in "Sieranevada" Freunde und Angehörige zum Totengedenken

„Sieranevada“ beginnt mit einer aggressiven Tonmontage. Die Lautstärke legt quasi die Tonlage des Films fest. Ist das der Alltagslärm von Bukarest? Oder haben Sie ihn für den Film verstärkt?

Cristi Puiu: Genau genommen war es an dem Drehtag ziemlich ruhig. Normalerweise ist es dort viel lauter. Wir haben die Anfangssequenz an einem Samstag gedreht, und da ist es im Vergleich zu den Wochentagen relativ gemäßigt. Ich habe aber mein Bestes gegeben, um die Aufnahmen des Toningenieurs nicht zu verändern und die Tonspur nicht dort überdramatisch zu machen, wo sie es gar nicht nötig hat.

Der Film spielt über knapp drei Stunden fast ausschließlich in einer Wohnung. Die Kamera folgt den Darstellern, während sie die Räume wechseln. Haben Sie vorab geprobt?

Puiu: Ich arbeite normalerweise immer mit vielen Proben. Bei „Sieranevada“ hatte ich 42 Drehtage, davon sieben für die Außenaufnahmen und die restlichen 35 in der Wohnung. Es ist eine Erleichterung, dass man heutzutage mit einer Digitalkamera arbeiten kann und das Filmen weniger teuer ist als auf 35mm. Ich brauche deshalb nicht mehr wirklich zu proben, sondern kann mit den Dreharbeiten sofort anfangen und alles aufzeichnen. Ich haben dann 30 oder 40 Takes, von denen etwa die Hälfte aufgenommene Proben sind.

Werden die Kamerabewegungen dabei vorausgeplant oder erst während des Drehs festgelegt?

Puiu: Ich mache es immer so: Ich überblicke den Raum, und wenn wir mit den aufgezeichneten Proben anfangen, komme ich Schritt für Schritt dem Punkt näher, an dem ich die richtige Position für die Kamera finde. Es kommt darauf an, den Raum zu erspüren. Ich brauche Zeit, um einen Kontakt zum Geist des Ortes zu finden. Es schadet nichts, vorher schon ungefähr zu wissen, wie die Kamera platziert sein soll. In der Praxis lasse ich mich aber lieber unvoreingenommen auf alles ein. Die Proben sind nicht nur für die Schauspieler, sondern auch für die Kamera. Deren Bewegungen sind sehr wichtig, weil sie den Blick des Autors zeigen, der dann später im Kino zu dem des Zuschauers wird.

In einigen Momenten scheint es, als würde die Kamera davor zurückschrecken, die Zimmer zusammen mit den Figuren zu betreten. Warum haben Sie das so gedreht?

Puiu: Für einen Blickwinkel gibt es verschiedene Optionen. Eine meiner Entscheidungen war, dass eine Kamera fest an einem Punkt montiert bleiben sollte. Die Handlung geht derweil die ganze Zeit weiter. So, wie ich jetzt nicht aufstehe und weggehe, sondern hier sitze und von dieser Position aus die Dinge wahrnehme, steckt ein Sinn dahinter, dass die Kamera sich nicht bewegt und die Distanz wahrt. Über die Gründe kann man viel spekulieren. Vor allem anderen aber ist die Kamera der Blickwinkel des Autors, und das heißt: von mir. Und ich bin niemand, der angriffslustig ist oder sich aufdrängt. Man kann also durchaus annehmen, dass alles, was von den Ereignissen zu sehen ist, von der Position bestimmt wird, die ich in der Welt einnehme. Davon ausgehend lässt sich weiterspekulieren: Wenn die Dialoge in Gewalt ausarten, sollte uns das nicht motivieren, näher an das Geschehen heranzurücken? Was aber ist, wenn ich selbst ein Teil dieser Familie bin und dort immer wieder alles auf dieselbe Art abläuft? In dem Fall gibt es keinen Grund, besonders neugierig auf jedes Ereignis dieses speziellen Tages zu sein.

Der Standpunkt der Kamera bestimmt den Blickwinkel des Autors wie des Zuschauers
Der Standpunkt der Kamera bestimmt den Blickwinkel des Autors wie des Zuschauers

Gibt es die Wohnung tatsächlich oder wurde sie extra für den Film gebaut? Sie wirkt ziemlich ausgedehnt. Ständig scheinen sich neue Zimmer und Winkel aufzutun.

Puiu: Die Wohnung ist echt. An sich besteht sie nur aus vier Zimmern plus der Küche und zwei Badezimmern. Allerdings geht alles von einer Halle in Form eines großen „H“ ab, sodass leicht der Eindruck entstehen kann, in einer Art Irrgarten gefangen zu sein. Wir haben sie in einem Wohnblock gefunden, der zur Zeit von Ceausescu in den 1980er-Jahren gebaut wurde. An dem Tag, als wir sie entdeckten, fand dort eine Gedenkfeier für einen Bewohner statt, der 40 Tage vorher gestorben war. Wir haben in der Wohnung dieses Mannes gedreht, der ein Notar gewesen war und 30 Jahre darin gelebt hatte. Die meisten Gegenstände, die im Film in der Wohnung zu sehen sind, stammten von ihm.

Die Figuren scheinen in allem unterschiedlicher Meinung zu sein. Ein heftiger Streitpunkt ist die kommunistische Vergangenheit, die von einer Tante glühend verteidigt wird. Kommt diese Art von Streit in der rumänischen Gesellschaft noch häufig vor?

Puiu: Ja. Mir selbst ist es auf der Beerdigung meines Vaters passiert, dass ich mit einer Kollegin meiner Mutter über die kommunistische Zeit gestritten habe. Bei Angehörigen meiner Generation, die noch unter der kommunistischen Herrschaft aufgewachsen sind, kommt das immer wieder vor. Von Zeit zu Zeit reden wir immer noch darüber. Dabei beschäftigen wir uns nicht übermäßig mit der Idee des Kommunismus. In Rumänien ist die Ansicht weit verbreitet, dass unsere Art zu leben, also Politik, soziale Angelegenheiten, Wirtschaft und Kultur, von der kommunistischen Vergangenheit verunreinigt wurden. Deshalb neigen wir dazu, die Ursachen für unsere aktuellen Probleme und die Wurzeln allen Übels in den rund 40 Jahren Kommunismus zu suchen. Ich weiß nicht, ob das stimmt oder nicht, ich habe da keine eindeutige Meinung. Mit Bestimmtheit kann ich aber sagen, dass der Kommunismus eine verbrecherische Ideologie ist und nicht überleben kann, ohne über Leichen zu gehen. Das hat sich in Rumänien, aber auch in allen anderen kommunistischen Ländern gezeigt, angefangen mit Russland.

Die Familie im Film besitzt ein enormes Konfliktpotenzial. In den Szenen außerhalb der Wohnung erlebt man dann allerdings, dass die Wut fremder Menschen auf den Straßen noch schlimmer ausfällt. Ist die Familie am Ende sogar eine Art sicherer Hafen?

Puiu: Das, was in „Sieranevada“ passiert, kommt in allen Familien vor. Auf der menschlichen Ebene bleiben Momente der Disharmonie nicht aus. Gerade deshalb schätzen wir es ja so, wenn sich alle wieder vertragen. Natürlich ist die Familie auch eine sehr farbenfrohe Einrichtung mit unterschiedlichen Charakteren, Weltansichten, Wahrnehmungen und Überzeugungen. Alles passiert, um die Lebensfähigkeit der Familie zu testen. Wenn sie in Gefahr gerät, wird sich vermutlich jede Familie auf diesen Planeten vereinigen, um dem Übel gemeinsam entgegenzutreten. In „Sieranevada“ kann der Umgangston mitunter sehr rau wirken, aber vielleicht liegt das auch nur an einer bestimmten Perspektive. Mag sein, dass sich die Menschen in Deutschland nicht so anbrüllen, aber das heißt nicht, dass sie in allem einer Meinung sind. Auch in Rumänien gibt es beim Temperament regionale Unterschiede. So gelten die Menschen aus Transsilvanien als ausgesprochen ruhig, so sehr, dass man andernorts Witze über sie reißt. Im Süden des Landes und vor allem in Bukarest gibt es dagegen Situationen, bei denen man glaubt, mitten in einen Streit geraten zu sein; doch in Wahrheit streiten die Menschen nicht, sie unterhalten sich nur.

Ausschnitt aus dem internationalen Filmplakat von "Sieranevada"
Ausschnitt aus dem internationalen Filmplakat von "Sieranevada"

Sind es letztlich die Rituale, die die Familie zusammenhalten?

Puiu: Ich glaube ja, und das ist schon die gesamte Menschheitsgeschichte über so gewesen. Rituale sind sehr wichtig. Das gilt für den Sport, das gilt aber auch fürs Kino. Auch das Festival von Cannes ist ein Ritual, der rote Teppich beim Eintritt in den Tempel des Kinos, Preise aus Gold und andere Symbole. Auch in der Familie gibt es unzählige Rituale, die nicht verschwunden sind. Viele von ihnen haben mit Aberglauben zu tun, etwa wenn Kinder ihre Milchzähne verlieren, die dann unter ein Kissen gelegt werden und man sich etwas wünschen soll. Andere Rituale sind sehr gewöhnlich, so wie das Frühstück oder das Sonntagsessen innerhalb der Familie, wenn alle gemeinsam am Tisch sitzen. Wieder andere verleihen einer Hochzeit oder einer Beerdigung eine besondere Bedeutung, indem großer Aufwand betrieben wird oder ein Priester mit dabei ist. Das Leben steckt voller Rituale.

In „Sieranevada“ versuche ich eine gewisse Hilfe bei der Entschlüsselung von Vorgängen zu geben, die nicht jedem vertraut sein können. Der symbolische Umgang mit der Kleidung des Verstorbenen wird zum Beispiel oft als heidnisches Überbleibsel innerhalb der christlichen Zeremonie verstanden, was er nicht ist. Er ist christlich. Als Christus starb und auferstand, ließ er seine Kleidung zurück. Deshalb wird bei diesem Ritual auch die Kleidung in der Form des Körpers drapiert und derjenige, der es aufhebt, bekräftigt dadurch, dass der Tod nicht existiert. Es geht hierbei um die Auferstehung.

Ein weiteres Motiv in „Sieranevada“ sind die Diskussionen, in die Verschwörungstheorien einfließen. Haben Sie dabei auch aus eigenen Erfahrungen geschöpft?

Puiu: Die Menschen reden halt über alles Mögliche. Jetzt ist gerade der „Brexit“ ein Thema, gleichzeitig spricht man aber immer noch über die Ermordung von JFK. Das ist ganz normal. Wir machen uns Gedanken über die Geschichte, da wir nie die ganze Wahrheit erfahren. Das fängt ja bei unserer eigenen Geschichte und der unserer Familien an. Der Film handelt im Grunde von Geschichte, von der individuellen wie von der „Geschichte mit großem G“. Die großen Ereignisse in der Welt spiegeln sich im kleinen Rahmen und umgekehrt.

Mimi Branescu (l.) und Catalina Moga (r.) in "Sieranevada"
Mimi Branescu (l.) und Catalina Moga (r.) in "Sieranevada"

Ihre bisherigen Filme endeten oft mit dem Tod oder beinhalteten zwischendurch gewaltsame Todesfälle. In „Sieranevada“ stirbt eine Figur, bevor der Film beginnt. Hilft das dabei, die Familie in gewisser Weise zusammenzubringen? Wollten Sie, dass der Film ein wenig optimistischer ausfällt als Ihre bisherigen Werke?

Puiu: Ich habe mir selbst keine Vorgaben gemacht und alle Entscheidungen am Set getroffen. Ich würde aber auch sagen, dass „Aurora“ und „Der Tod des Herrn Lazarescu“ ziemlich optimistisch waren. Wir machen oft den Fehler, in Filmen nach Antworten zu suchen. Die gibt es dort aber nicht, deshalb kann man im Grunde auch einen Begriff wie „Optimismus“ nicht auf sie anwenden. Das ist nicht wie bei der Werbung oder der Propaganda, wo die Botschaft klar sein muss und entweder optimistisch oder pessimistisch ausfallen kann. Bei der Kunst geht es nicht um Antworten, es geht vielmehr darum, Fragen zu stellen. „Sieranevada“ ist auch ein Film darüber, dass wir immer in unserer eigenen Fiktion leben und alles in Geschichten verpacken. Ich weiß nicht, was genau an 9/11 passiert ist. Aber weiß ich denn, was wirklich in meiner Familie geschieht? Was weiß ich wirklich über die Beziehung, die mein Vater mit meiner Mutter führte? Es gibt immer Dinge, über die verständlicherweise keiner sprechen will, weil es zu schmerzhaft ist. Was wissen wir denn wirklich? Wir versuchen Reaktionen zu deuten, indem wir die Werkzeuge unseres Hirns benutzen, analysieren, vergleichen, abmessen und so weiter, aber wir haben nie alle Informationen zur Verfügung. Wenn jemand wütend ist, beziehen wir das oft auf uns selbst und unser Verhalten. Der Ärger kann aber genauso Ursachen haben, die mit der persönlichen Geschichte des anderen zu tun haben, die wir nicht überblicken. Wir brauchen aber Antworten, weil wir uns auf solidem Grund bewegen müssen, und darum greifen wir auf Geschichten zurück.


Fotos: arte

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