Verlorene Kinder und verlorene Kriege

Montag, 30.09.2019

Ein Fazit zum 67. Filmfestival in San Sebastián (20.-28.9.2019)

Diskussion

Bei den Filmfestspielen in San Sebastián bot das unerschöpfliche Motiv komplizierter Familienbeziehungen vielen Regisseuren Gelegenheit, Verwandtschaftsbindungen auszuloten. Mehrere Filme riefen aber auch Erinnerungen an die Lasten des spanischen Bürgerkriegs und des faschistischen Regimes wach.


Im Gefängnis ist er alt geworden. Jetzt kehrt er in die Favela zurück, die er so lange beherrscht hat. Ob er dort in Frieden leben kann, weiß er nicht. Jahrelang hatte er illegale Geschäfte, besonders Drogenhandel, betrieben, aber zugleich auch immer versucht, die Lebensverhältnisse der Einwohner zu verbessern. Sein junger Nachfolger ist unbeliebt und misstrauisch. Er sieht in dem Alten eine Gefahr. Neben dem klassischen Drogengangstermilieu bietet „Pacificado“ aber auch eine anrührende Familiengeschichte: Auf den Heimkehrer wartet eine Tochter, die sich nicht sicher sein kann, ob er wirklich ihr Vater ist; das Verschwinden der Mutter bringt beide dann einander doch näher.

Der große Gewinner des 67. Internationalen Filmfestivals in San Sebastián (20.-28.9.2019) kommt aus Brasilien. Die „Concha de oro“, die Goldene Muschel, für den besten Film ging an „Pacificado“ des US-amerikanischen Regisseurs Paxton Winters. Der Hauptdarsteller Bukassa Kabengele wurde mit dem Preis für den besten Schauspieler ausgezeichnet, und den Preis für die beste Bildgestaltung gewann Laura Merians. Das war ein nicht gerade zu erwartender Preisregen für eine recht konventionell erzählte Geschichte, die nach Rio de Janeiro ins Jahr 2016 führt, zum Ende der Olympischen Spiele, als die unkontrollierbaren Favelas durch massiven Polizeieinsatz und zähe Verhandlungen mit den Drogenbaronen für kurze Zeit „befriedet“ wurden.

"Pacificado"
"Pacificado"

Paxton Winters, der selbst in der Favela lebt, verlegt die klassische Ballade vom alten Gangster, der sich mit seinen Nachfolgern anlegt, in die Problembezirke von Rio. Es gelingt „Pacificado“ ganz gut, die Topografie der labyrinthartigen Viertel am Berg einzufangen und auch Einblick in die sozialen Strukturen zu geben, doch die Inszenierung steckt voller Klischees und vorhersehbarer Wendungen. „Pacificado“ war nicht der beste Film des Wettbewerbs; es hätte auch würdigere Anwärter für den Kamerapreis gegeben, etwa Judith Kaufmann und ihre hervorragende Leistung in „Das Vorspiel“. Und selbst für den Schauspielerpreis wären stärkere Anwärter zu Verfügung gestanden, etwa Karra Elejalde, der in „Mientras dure la guerra“ von Alejandro Amenábar gekonnt den Schriftsteller Miguel de Unamuno verkörpert.

Eltern, Töchter, Söhne

Als roter Faden zogen sich die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern durch den Wettbewerb. Beeindruckend etwa „La hija de un ladrón“ („Die Tochter eines Diebes“), mit dem die Regisseurin Belén Funes in die sozial benachteiligten Vorstädte von Barcelona führt. Die Protagonistin ist eine 22-jährige Frau, eine alleinerziehende Mutter, die sich mit Putzjobs über Wasser hält und in einem provisorischen Asyl wohnt. Ihr Vater wird aus dem Gefängnis entlassen, doch Vater und Tochter finden nicht zusammen. Der Film ist sehr natürlich und realistisch inszeniert. Besonders beeindruckt die Schauspielerin Greta Fernández in ihrer ersten Hauptrolle; den Vater spielt ihr leiblicher Vater Eduard Fernández, einer der bekanntesten spanischen Darsteller. Greta Fernández teilte sich am Ende den Preis für die beste Schauspielerin mit Nina Hoss.

Nina Hoss wurde für den subtilen, leicht inszenierten Wettbewerbsbeitrag „Das Vorspiel“ von Ina Weisse geehrt. Sie verkörpert darin eine ehrgeizige Geigenlehrerin an einem Berliner Musikgymnasium, deren privater und beruflicher Zusammenhang sich langsam auflöst. Sie fühlt sich einsam, ist beruflich gescheitert und setzt alle Energie in einen ihrer Schüler. Dadurch entfremdet sie sich aber von ihrem Sohn. Das Drama lebt von der wenig aufgeregten Darstellung unterschwelliger Konflikte und von der sehr vielschichtigen Leistung der Hauptdarstellerin.

Nina Hoss erhielt für "Das Vorspiel" den Preis als beste Schauspielerin.
Nina Hoss erhielt für "Das Vorspiel" den Preis als beste Schauspielerin.

Das Thema der Mutter-Kind-Beziehungen tauchte in der diesjährigen San-Sebastián-Auswahl immer wieder auf. So stellt der französische Film „Proxima“ von Alice Winocour eine Doppelbelastung ungewöhnlicher Art in den Mittelpunkt. Eva Green verkörpert eine Astronautin, die trotz ihrer anstrengenden Arbeit immer wieder Wege findet, Zeit mit ihrer siebenjährigen Tochter zu verbringen. Dann aber soll sie zu einer mehrmonatigen Mission ins All geschickt werden.

Auch in dem britischen Film „Rocks“ geht es um eine verschwundene Mutter. Denn die „Rocks“ genannte Jugendliche findet eines Tages nur noch einen Abschiedsbrief vor und sieht sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass sie sich um ihren kleinen Bruder kümmern muss. Sie traut sich nicht, irgendjemand ins Vertrauen zu ziehen, doch das Jugendamt steht trotzdem bald vor der Tür. Sarah Gavron taucht vielstimmig in den multikulturellen Mikrokosmos im Osten von London ein und zeigt über alle sozialen Missstände hinweg, dass unter den Mädchen eine tiefe Verbundenheit und Freundschaft existiert. „Rocks“ wurde mit dem „Signis“-Preis ausgezeichnet.

Die Familie als Mikrokosmos ökonomischer Abhängigkeit und sexuellen Missbrauchs ist das Thema des chilenischen Films „Algunas bestias“ (Einige Bestien). Eine Familie trifft sich auf einer idyllischen kleinen Insel im Süden Chiles. Ein Mann und eine Frau wohnen hier mit ihren beiden Kindern und möchten aus dem baufälligen Holzhaus ein ökologisches Hotel machen. Übers Wochenende haben sie die Eltern der Frau eingeladen, um sie zu einer finanziellen Unterstützung zu bewegen. Dass die Eltern den Schwiegersohn als Abkömmling einer niedrigeren sozialen Kaste aber noch nie mochten, steht der Erfüllung dieses Wunsches ebenso im Wege wie Mängel des Hauses.

Die Lage ist angespannt und eskaliert, als die Enkelin ein dunkles Geheimnis über den Großvater preisgibt. Feinfühlig inszeniert Regisseur Jorge Riquelme Serrano die Spannungen und wachsenden Aggressionen: „Es ist ein Film über Chile, aber auch ein Film über die Bestien in jedem von uns“, beschrieb der Filmdebütant sein Werk, für das er in San Sebastián mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde.

"Mientras dure la guerra"
"Mientras dure la guerra"

Die Last der Vergangenheit

Als Abwechslung von den Familiengeschichten taten sich im Wettbewerb gleich zwei spanische Filme hervor, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Bürgerkrieg und Diktatur auseinandersetzten: Alejandro Amenábar erzählt in „Mientras dure la guerra“ von den ersten Wochen des spanischen Bürgerkriegs. Mit Intrigen rückt General Franco vorsichtig an die Spitze der Putschisten, während sich der weltbekannte Schriftsteller Miguel de Unamuno als Rektor der Universität in Salamanca öffentlich gegen das faschistische Regime wendet, obwohl er anfänglich den Aufstand begrüßt hat.

Mit hervorragenden Schauspielern inszeniert Amenábar ein Drama um Macht und Moral, um Franco, seine Generäle und die Gewissenskonflikte eines großen Schriftstellers. Neben Karra Elejalde als eigenwilligem und zwiespältigem Intellektuellen brilliert einmal mehr Eduard Fernández in der Rolle seines Gegenspielers, des faschistischen Generals Millán Astray, Gründer der Spanischen Legion, der durch seinen Schlachtruf „Viva la muerte!“ (Es lebe der Tod!) bekannt wurde. Auch Franco wird von dem unbekannten Schauspieler Santi Prego beeindruckend authentisch dargestellt.

In Spanien war es über lange Jahre hinweg ein Tabubruch, wenn Krieg und Diktatur thematisiert wurden. Während Amenábar im klassischen Stil prominente Figuren der Zeitgeschichte in Szene setzt, wählte ein baskisches Regietrio eine ganz andere Perspektive: „La trinchera infinita“ (Der unendliche Schützengraben) handelt von einem Regime-Gegner, der 33 Jahre lang versteckt im Keller seines Hauses lebt – vom Kriegsbeginn 1936 bis zur großen Amnestie 1969. Während er selbst altert, erlebt er auch das Altern der Diktatur, gefilmt in einer dichten Atmosphäre voller Klaustrophobie und Verfolgungswahn. Auch hier bestechen die Darsteller Antonio de la Torre sowie Belén Cuesta als Ehefrau, die an der Situation fast zerbricht.

"La trinchera infinita"
"La trinchera infinita"

Für José Mari Goenaga, einen der drei Regisseure, spiegelt sich in dem Protagonisten auch das Schicksal der spanischen Gesellschaft unter dem Franco-Regime wider: „Eigentlich waren alle eingesperrt. Ganz besonders in den ersten Jahren nach dem Krieg herrschte das Schweigen wie eine Lähmung. Erst über die Jahrzehnte hinweg stellt sich eine gewisse Entspannung ein.“ José Mari Goenaga, Aitor Arregi und Jon Garaño wurden mit dem Preis für die beste Regie und für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Sie erhielten auch den FIPRESCI-Preis und den Preis für den besten baskischen Film.


Fotos: Festival San Sebastián

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