Schnipsel #1: Suchbegriff

Freitag, 04.10.2019

„Schnipsel“ heißt der neue Blog des Siegfried-Kracauer-Stipendiaten Matthias Dell, in dem er fortan disparates Material zum Thema „Filmerbe“ zusammenträgt

Diskussion

„Schnipsel“ sind Reste vom Material. Etwas, das abgeschnitten wurde, übrig bleibt, nicht zusammenpasst. In diesem Sinne soll in diesem Blog zum Siegfried-Kracauer-Stipendium disparates Material zum Thema „Filmerbe“ zusammengetragen werden: über Motive, Initiativen, Diskussionen, Akteur*innen.

Für Debatten braucht es Begriffe. Wenn die Debatte um die Sicherung von alten Filmen und über die Frage, was die Digitalisierung von analogem Film womöglich nicht kann, oder darüber, was es für die Filmgeschichte bedeutet, wenn alte Filme künftig nur noch dann verfügbar sind, wenn sie als digitales File vorliegen – wenn diese Debatte in Deutschland kaum geführt wird, dann hat das auch damit zu tun, dass die richtigen Begriffe fehlen.

Ein diasporischer Begriff

Der Begriff, der sich als Name für den gesamten Komplex eingebürgert hat, lautet „Filmerbe“. Der ist recht problematisch, wie Lukas Foerster in unserem Gespräch vor einiger Zeit umrissen hat, weil er eine Konzentration aufs „Nationalkinematografische“ ungefragt souffliert. Das Werk eines Filmemachers wie Sohrab Shahid Saless, das in Bezug auf eine national definierbare Arbeitswelt immer nur diasporisch zu denken ist, würde in dieser Logik zum Erbe gleich mehrerer Nationen gehören. Oder eben zu keiner so richtig.

Andererseits macht es das Wort vom „Filmerbe“ überhaupt erst möglich, das, was Debatte sein könnte, zu rubrizieren, im einen Label zu geben. Nimmt man das, was etwa Pressedatenbanken an Texten archivieren, als Ausdruck einer öffentlichen Debatte, dann lässt sich sagen: Für diese Form einer breiten, nicht-fachlich informierten Form von Öffentlichkeit ist das Wort „Filmerbe“ relativ jung.

Zum ersten Mal findet es sich im deutschen Sprachraum in einer Meldung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 21. Oktober 1994. Dort wird in einer kurzen Meldung Catherine Deneuve als „Retterin des Films“ annonciert. Der Grund: Die französische Schauspielerin wurde zur Unesco-Botschafterin für das Filmerbe ernannt, als die sie bis 2003 amtiert.

Die Initiativen, Film zu dem von der Unesco gepflegten Welterbe zu zählen, datieren aus den späten 1970er-Jahren; 1980 wurde auf der Generalversammlung eine erste Empfehlung formuliert. In der Agenturmeldung von 1994 führt die Prominenz von Deneuve zu einem kurzen Überblick über den Stand der Dinge: „Rund drei Viertel der zwischen 1895 und 1950 gedrehten Filme seien bereits unwiederbringlich verloren. Von den nach 1950 gedrehten Filmen seien 60 Prozent von Zerstörung bedroht, da die Bilder ausbleichten. Rund zehn Prozent des weltweit vorhandenen Filmmaterials muss nach Schätzungen der Unesco dringend behandelt werden, um es vor weiterem Verfall zu schützen.“

Mühselig und teuer

Ein Jahr später, im Jahr des 100. „Geburtstags“ des Kinos, unternimmt die „Berliner Zeitung“ dann einen Ausflug ins Bundesarchiv/Filmarchiv am Berliner Standort Wilhelmshagen. Um festzustellen: „Und weil der Zahn der Zeit unerbittlich an den Filmen nagt, wird ein Teil von ihnen nach und nach auf sogenannte Sicherheitsfilme aus Azetatzellulose umkopiert. Ein mühseliges und teures Verfahren.“ Eine Beschreibung, die schon andeutet, warum die Digitalisierung für den Diskurs über die Sicherung und Konservierung von analogem Film später zuerst und vor allem als Heilsbringer begriffen werden wird.


Foto: Filmmuseum Wien

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