Hej! Filmbildung hat viele Facetten

Freitag, 04.10.2019

Die Debatte um Filmbildung bringt endlich Bewegung in ein träges Umfeld. Das ist gut, doch bislang kommen wichtige Aspekte noch nicht in den Blick

Diskussion
 

Die Debatte um Filmbildung bringt endlich Bewegung in ein träges Umfeld. Das ist gut, doch bislang kommen wichtige Aspekte noch nicht in den Blick. Schön wäre es, wenn nicht nur über Vision Kino gesprochen würde, sondern auch über kreative Medienarbeit, informelles Lernen oder autonomes Medienhandeln. Und über die Begeisterung für genau jene Filme, die Kindern und Jugendlichen in ihrem Fühlen und Erleben nahe sind.

Ein Gastbeitrag von Christian Exner


Es ist äußerst bemerkenswert, dass die Filmförderanstalt (FFA) aktuell eine Zunahme der jungen Zuschauer im Bereich der Programmkinos meldet. Wenn das keine Momentaufnahme darstellt, sondern einen echten Trend anzeigt, hieße das, dass junge Menschen durch filmische Qualität nicht vergrault, sondern im Gegenteil sogar angezogen werden. Sie sind also für eine anspruchsvolle Kinokultur nicht verloren. Das ist nicht unwichtig, denn in der Denkwelt und im institutionellen Konzept von Vision Kino ist das Kino als Ort obligatorisch, während der Fokus auf die Qualität bildungsrelevanter Filme im Unterschied zur Klarheit der ersten Prämisse leicht unscharf ist.


Die Kino-Kunden von morgen

Die offenkundige Strategie dahinter: Die Kinder von heute sollen die KINO(!)-Kunden von morgen sein. Das interessiert insbesondere die Kinowirtschaft, und dieses Interesse ist auch nachvollziehbar. In Zeiten, in denen das Streaming-Fernsehen an Qualität und Attraktivität gewinnt, muss man sich als Cineast gewiss Gedanken über das Kino machen. Doch der Satz „Kinder sind die Zukunft“ war noch nie klug, denn Kinder leben in der Gegenwart und haben einen Anspruch auf bedürfnisgerechte Kulturangebote – nicht erst in der Zukunft, sondern schon hier und jetzt.


      Zur Debatte um Vision Kino sind bislang erschienen:


Wenn man bei der Filmvermittlung überdies das Thema der Bildung ins Spiel bringt, dann muss man sich auch fragen, welche Qualität diese Lernangebote eigentlich haben? Vergleicht man Film einfach mal mit Sport, ließe sich ein tolles Kino durchaus mit einem Bundesligastadion gleichsetzen. Wer sich für Fußball interessiert, der wird laut „Hurra“ rufen, wenn es heißt: Wir gehen mit der ganzen Schulklasse am Samstag ins Stadion und schauen uns den FC Bayern oder Schalke 04 in Aktion an. Doch wer sich wirklich für Fußball interessiert, der möchte nicht nur zuschauen. Ohne das eigene schweißtreibende Kicken in den Vereinen und im Schulsport hätte man hierzulande vielleicht gute Sport-Kommentatoren, aber keine Liga, die etwas reißen kann. Am Ende würde man sich nicht wundern, wenn sich auch die Stadien langsam leeren, weil der Enthusiasmus verfliegt.


Selbst zur Kamera greifen

Man lernt eben nicht allein durch Anschauung. Sport und Kreativität erlebt man in Aktion, und in der Aktion wächst auch die Faszination. Apropos Faszination: Was ist mit Schülern, die den Reiz von Qualitätsserien entdeckt haben, und was ist mit Schülerinnen, die lieber selbst zur Kamera greifen? Die Kraft filmischen Erzählens findet im Kino einen wunderbaren Ort mit einer besonderen Aura. Doch wir leben in einer Welt höchst fluider Audiovisionen, umgeben von einer Vielfalt an Formaten und Präsentationsformen. Wenn man die Augen öffnet, dann sieht man, dass jetzt schon eine super Filmbildung jenseits der einschlägigen schulischen Konzepte existiert.

Kinder und Jugendliche lernen beispielweise auf Festivals „unbemerkt“ jede Menge (etwa in Frage-und-Antwort-Runden mit Filmemachern, im Austausch in Peer Groups, in Workshops oder in Jurys). Filmbildung ist in diesem Fall eine Frage des Veranstaltungs-Settings. Filmbildung findet vor allem auch dann statt, wenn Kinder und Jugendliche Filme selbst drehen – sei es in pädagogisch betreuten Projekten oder ganz autonom. Der Abstand zwischen Sendern und Empfängern scheint sich bei Youtube gerade in der Wahrnehmung von Jugendlichen deutlich verringert zu haben. Wie gehen Filmbildung und Medienpädagogik damit um?


Vier bislang übersehene Aspekte

Vier Aspekte kommen in der Debatte bislang überhaupt nicht vor: Kreative Medienarbeit, informelles Lernen, autonomes Medienhandeln und die Begeisterung für genau die Filme, die Kindern und Jugendlichen in ihrem Fühlen und Erleben nahe sind. Die Frage nach der Qualität der Filmbildung hängt nicht allein an den Konzepten von Vision Kino und an der Praxis der Schulkinowochen! Wenn auf diesem Feld mehr getan werden kann, ist das sicherlich gut. Wenn darüber hinaus mehr entwickelt und gefördert würde, dann wäre das noch besser!

Nach weit über hundert Jahren Film und Kino gibt es hierzulande einen spürbaren Impetus zur Umsetzung einer weitreichenden und tiefgehenden Filmbildung. Wir werden uns noch etwas gedulden müssen, bis sich die nötigen konzeptionellen und organisatorischen Strukturen dafür gefunden und eingespielt haben. Das ist noch ein Stück Arbeit – jetzt nur nicht locker lassen! Doch bitte nicht nur an einer Baustelle werkeln, sondern die vielen Facetten der Filmvermittlung im Blick behalten.


Christian Exner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrums Remscheid (KJF)


Foto: "Fimpen, der Knirps" von Bo Widerberg. © Edel Germany GmbH

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