Zum Tode von Robert Forster

Montag, 14.10.2019

Ein Nachruf auf den US-Schauspieler (13.7.1941-11.10.2019). Mit "Spiegelbild im goldenen Auge" wurde er Ende der 1960er-Jahre bekannt; sein letzter Auftritt in "El Camino: A Breaking Bad Movie" ist seit 11.10. bei Netflix zu sehen.

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Ein „Comeback“ kann im Filmgeschäft zweierlei bedeuten. So kann dieser Begriff eine tatsächliche Rückkehr aus einem Karrieretief ins Scheinwerferlicht meinen, mitunter bezeichnet er aber auch nur ein kurzzeitiges Wiederaufflackern ohne Langzeitwirkung, wie es Gloria Swanson mit „Boulevard der Dämmerung“ oder Mickey Rourke mit „The Wrestler“ passierte. Mit seinen quer durch die Filmgeschichte galoppierenden Filmen blieb es nicht aus, dass ein Regisseur wie Quentin Tarantino Darstellern zu Comebacks verhelfen würde, doch einen dauerhaften Aufschwung konnte selbst er nur Wenigen ermöglichen: Neben John Travolta, der trotz manchem folgenden Einbruch mit „Pulp Fiction“ seine Karriere neu ankurbeln konnte, glückte dies keinem Schauspieler so sehr wie Robert Forster. Tarantino engagierte Forster für seinen dritten Film „Jackie Brown“ neben der Blaxploitation-Legende Pam Grier (deren Comeback wiederum weitgehend auf diesen Film beschränkt blieb) für eine in seinem Werk einzigartige Rolle: Forsters Figur Max Cherry ist ein gealterter Kautionsagent, dessen Antrieb nicht ein Hang zur Gewalt, Gier oder Coolness ist, sondern Anständigkeit und menschliches Interesse. Seine Gespräche mit Pam Griers wegen Drogenschmuggels verhafteter Stewardess Jackie Brown sind von einer melancholischen Einfühlsamkeit, einem traurigen Wissen um die Ungerechtigkeit der Welt, die für Cherry aber kein Grund ist, seinem Gegenüber nicht mehr wie ein Gentleman zu begegnen. Das bittersüße Ende dieser Beziehung, die keine Zukunft haben kann, gehört zweifellos zu den unvergesslichsten Szenen in Tarantinos Oeuvre.

Von „Spiegelbild im goldenen Auge“ bis zum „Horror-Alligator“

Die verdiente „Oscar“-Nominierung führte Robert Forster wieder in die obere Liga des US-amerikanischen Films zurück, nachdem er sich zuvor jahrelang mit miesen Rollen in ambitionslosen Werken der B-Klasse durchgeschlagen hatte. Dabei schien der 1941 im Staat New York geborene Schauspieler schon mit seinen ersten Auftritten für eine erfolgreiche Laufbahn bereit: Nach kleinen Theaterauftritten debütierte er 1967 unter der Regie von John Huston in der Carson-McCullers-Verfilmung „Spiegelbild im goldenen Auge, wo er als junger Soldat das Objekt der Begierde für Marlon Brandos impotenten Major und seine von Elizabeth Taylor gespielte Gattin abgab – inklusive einer denkwürdigen Szene, in der er nackt auf einem Pferd reitet. Mit der Rolle eines Kameramanns in Haskell Wexlers „Medium Cool“ fand er 1969 Beschäftigung in einem der rückblickend maßgeblichen Werke des „New Hollywood“-Kinos, zudem erschien er neben Gregory Peck im Western „Der große Schweiger“ (1969) und als junger Mafioso neben Anthony Quinn in „Der Don ist tot“ (1973). Ein mehr als vielversprechender Anfang, der aber rasch versandete: Ab den 1970er-Jahren spielte Forster unersprießliche Rollen im Fernsehen und sank zu Schurken in Actionfilmen und Thrillern immer schlechterer Qualität hinab; noch den stärksten Eindruck hinterließ er im vergleichsweise intelligenten Tierhorrorfilm „Der Horror-Alligator“ (1980).

Meister des klugen Minimalismus

Nach der Anschubhilfe von Tarantino konnte Robert Forster die letzten zwanzig Jahre seiner Karriere wieder stetig im Film arbeiten, wobei er immer wieder auch in herausragenden Werken zu sehen war: Als Meister des klugen Minimalismus fand der Schauspieler mit der warmen, tiefen Stimme, dem wettergegerbten Gesicht, den gelassenen dunkelbraunen Augen und buschigen Augenbrauen für sich die Paraderolle eines in sich ruhenden Felses der Verlässlichkeit, dem andere Figuren nur zu gern ihr Vertrauen schenken konnten. Immer wieder spielte Robert Forster nun Menschen, bei denen diese Art freundlicher Autorität und Zuverlässigkeit besonders willkommen sind: Cops („Mulholland Drive“), Sheriffs („Twin Peaks“), Militärangehörige („Olympus Has Fallen“), außerdem Ärzte („Psycho“) oder auch Großväter („The Descendants“), allesamt Männer, die noch einem festen Ehrenkodex zu folgen schienen, ohne dabei wie konservative Knochen zu wirken.

Zwei seiner letzten Auftritte gaben ihm noch einmal die Gelegenheit, seine Klasse auszuspielen: In der Western-Groteske „Smoking Gun“ von David und Nathan Zellner ist Forster zu Beginn als Prediger zu sehen, der inmitten einer Wüste auf eine Postkutsche wartet, sich aber dann mit einer Litanei auf die Überdrüssigkeit des Daseins seiner Kleidung entledigt und in Unterwäsche in die Einöde wandert – ein grandioser Moment der schieren Verrücktheit, die der halbgare Film im Folgenden kaum wieder erreicht. In „El Camino“, dem filmischen Anschluss an die Serie „Breaking Bad“, wiederholt Robert Forster seinen Episodenauftritt aus der letzten Staffel: Vordergründig ein unauffälliger Staubsauger-Vertreter, ist Ed Galbraith Spezialist dafür, zahlungswilligen Menschen eine neue Identität zu verschaffen. In „El Camino“ steht der ehemalige Crystal-Meth-Koch Jesse Pinkman (Aaron Paul) mit diesem Anliegen vor ihm, doch kann er nur 123.200 Dollar in bar auslegen statt der verlangten 125.000. Ed bleibt eisern und könnte kaltherzig wirken, doch gelingt es Robert Forster noch einmal, die Haltung seiner Figur verständlich und sogar sympathisch zu machen: Ein Mann mit festen Grundsätzen, komme was wolle. Am 11.10.2019, dem Tag der Premiere von „El Camino“ bei Netflix, verstarb Robert Forster 78-jährig in Los Angeles.



Foto: Aus "Jackie Brown", © Arthaus/Studiocanal



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