Zu Beginn: Überforderung!

Freitag, 18.10.2019

Zur Debatte um Filmbildung & „Vision Kino“

Diskussion

Die Filmbildungslandschaft in Deutschland existiert unter erschwerten Bedingungen. Die aktuelle Debatte um die Zukunft von „Vision Kino“ bietet eine seltene Chance, offen über den Begriff der Filmbildung und seine Bedingungen zu sprechen. Wie die Praxis zeigt, braucht Filmbildung in Deutschland vor allem: Mut, Vertrauen in junge Menschen und Lust auf anspruchsvolle Filme. Ein Zuruf der Leiterin des Bereichs Filmbildung und -vermittlung im DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum e.V. in Frankfurt.

Ein Gastbeitrag von Christine Kopf


Leikat, 17 Jahre alt und vor drei Jahren aus Afghanistan allein nach Deutschland gekommen, stand bei der jüngsten Ausgabe von LUCAS - Internationales Festival für junge Filmfans in Frankfurt (19.-26.9.) an einem Samstagsnachmittag vor 65 jungen und auch älteren Zuschauer*innen; er hatte selbstgeschriebene Karten in der Hand und moderierte zunächst in Paschtu und dann in fließendem Deutsch einen Film an. Gemeinsam mit seinen Mitstreiter*innen aus dem interkulturellen Filmclub „Blickwechsel Jetzt“ hatte er ihn ausgewählt, weil der Film ihn sehr berührt hat, sagt er, und er möchte, dass ihn mehr junge Menschen sehen. Der Film ist 1959 gedreht, ein Drama in Schwarz-weiß, Sie küssten und sie schlugen ihn von François Truffaut. Die beiden anderen Filme in der von den Jugendlichen des Filmclubs kuratierten Reihe waren: „Speed Sisters“, ein Dokumentarfilm über Rennfahrerinnen in Palästina (R: Amber Fares, PAL/USA 2015), und Sebastian Schippers Victoria (D 2015). So etwas passiert, wenn es in der Filmbildung strukturell möglich ist, langfristig und kontinuierlich mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, Vertrauensverhältnisse aufzubauen, Partizipation Raum zu geben.

Es ist mir wichtig, solche Erlebnisse zu schildern, denn sie widersprechen vielen häufig gemachten Vorannahmen, die dazu führen, dass manchmal wenig Vertrauen in junge Menschen herrscht und noch weniger Mut in der Filmauswahl vorhanden ist. Häufig ist in Diskussionen zur Filmbildung dann die Rede von der Notwendigkeit, für Jugendliche „etwas herunterbrechen“ oder dem Bedarf, das junge Publikum „abholen“ zu müssen. Das stößt bei mir dann oft auf Unverständnis, denn: Kulturelle, ästhetische Bildung beginnt aus pädagogischer Sicht mit einem Moment der Überforderung und der Möglichkeit der anschließenden Reflexion. Die kann im Gespräch stattfinden, aber durchaus auch im eigenen Tun. Im besten Fall passieren Begegnungen mit herausfordernden, bereichernden Werken über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder, sodass sich zwischen den Seherlebnissen Verbindungen knüpfen lassen, sich ein eigener Geschmack und vielleicht sogar eine lebenslange Liebe zum Kino entwickelt.


     Zur Debatte um Vision Kino sind bislang erschienen:


Bewegung in der Debatte

Filmbildung, die eine Chance hat, methodisch wie oben geschildert vorzugehen, gibt es in Deutschland noch zu wenig. Ich freue mich daher, dass Bewegung in die Debatte gekommen ist. Wünschen würde ich mir aber, dass nach der ersten Aufregung nun das Stadium beginnt, in dem wir einen ernsthaften, wertschätzenden Umgang miteinander finden. Einen offenen Diskurs über unseren Bildungsbegriff und seine Bedingungen, der dann wirklich zu strukturellen Veränderungen und im besten Fall sogar zu neuen Qualitätskriterien führt. Dafür braucht es Zeit, Raum und Gesprächsbereitschaft nicht nur bei „Vision Kino“, bei der BKM, der Filmwirtschaft und den Verbänden, sondern auch bei den Ministerien auf Landesebene. Schön wäre, wenn die Filmbildungslandschaft, die in Deutschland neben und um die SchulKinoWochen herum durchaus existiert, sichtbarer würde, wenn sie vielleicht sogar eine Stärkung erführe, denn im Moment existiert sie unter erschwerten Bedingungen. Das oben geschilderte Beispiel soll auch unterstreichen: Filmbildung ist nicht nur in der Schule – der Bereich, über den immer am meisten gesprochen wird –, sondern auch in außerschulischen Settings möglich.

Und nur für den Fall, dass jetzt jemand vorschnell Schlüsse zieht: Im DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum liegt auch mal ein „Keinohrhase“ in der Vitrine. Wir verstehen uns als Institution für die ganze Bandbreite von Filmkultur, wir haben keine Berührungsängste mit Mainstream und nehmen gelegentliches Naserümpfen von Kolleg*innen mit stärker experimenteller Ausrichtung gelassen in Kauf.

Stefan Stilettos aktueller Aufruf, „Spider-Man“ und generell das Mainstreamkino in der Filmbildung nicht zu vergessen, hat mich dennoch überrascht, denn: Die beiden erfolgreichsten Filme in den SchulKinoWochen 2018/2019 waren „Die kleine Hexe“ (R: Michael Schaerer, D/CH 2018) und „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (R: Dennis Gansel, D 2018) mit jeweils rund 100.000 Schülerinnen und Schülern bundesweit (von insgesamt rund 970.000 im Zeitraum November 2018 bis April 2019). Populäre Filme also, die auch ohne das zusätzliche Etikett „Bildung“ ihr Publikum durchaus finden: 2018 waren das die beiden deutschen Filme mit den meisten Zuschauer*innen überhaupt, jeweils mehr als 1,5 Millionen.

"Jim Knopf und Lucas der Lokomotivführer"
"Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer"

Schöne Erlebnisse und kulturelle Bildung

Es ist nicht nur völlig legitim, sondern wirklich SEHR zu begrüßen, dass Lehrkräfte mit ihren Schulklassen vormittags bei den SchulKinoWochen bundesweit ins Kino gehen und populäre aktuelle Filme sehen, um (so das Umfrageergebnis von „Vision Kino“) „ein schönes gemeinsames Erlebnis“ zu haben. Der Ort Kino wird dadurch als positiv besetzter sozialer Raum gestärkt, und für immer mehr Schüler*innen ist es das erste Mal überhaupt, dass sie in ein Kino kommen. Und manche Kinder hätten diese Filme wohl sonst nie gesehen. Diese Aktivitäten können aus meiner Sicht am besten unter dem Begriff „Audience development“ gefasst werden.

Wenn es aber um kulturelle Bildung geht, stellt sich die Frage, wie es künftig möglich wäre, mehr pädagogische Begleitung von Vorführungen oder gar die vermehrte Durchführung von Workshops im Rahmen der SchulKinoWochen zu erreichen. Denn: von 11.000 Vorstellungen in der letzten Saison war das gerade mal bei knapp 8 Prozent der Fall. Vielleicht noch wichtiger scheint mir die Frage, ob der (von wem ausgelöste?) Druck, hohe Besucherzahlen vorweisen zu müssen, es vielleicht erschwert, verstärkt Filmtitel ins Programm zu nehmen, die, wie Staatsministerin Monika Grütters im Sommer im SZ-Interview (über Filme in der kulturellen Filmförderung des Bundes) sagte: „nicht jedem gefallen (müssen), sie dürfen eine Zumutung sein, anstrengend, sperrig. Denn nur so entsteht Fortschritt, nur so, mit kritischen Positionen, halten wir unsere Demokratie wach“.

Wäre der Anspruch, für solche Filme ein junges Publikum zu finden, nicht vielleicht auch an Filmbildungsveranstaltungen zu stellen? Was wäre eine gute Balance zwischen beiden Ansprüchen, und wo sind öffentliche Fördermittel richtig angelegt? Wie halten wir es zudem mit den großen Werken der internationalen Filmgeschichte? Auf der Filmliste von „Vision Kino“ sind nur wenige Titel vor 2015 gedreht, und tatsächlich ist das ganze System zurzeit nicht dafür gemacht, Klassikern eine echte Chance zu geben. Undenkbar wäre das im Bildungsbereich von Literatur, Kunst oder Musik – selbst die in diesen Sparten ja ebenfalls vorhandene Industrie hätte daran ein natürliches Interesse. Der Begriff „Klassiker“ impliziert ja nicht staubige Langweiler, sondern Höhepunkte des Filmschaffens aus allen Genres und Gattungen, die es zu entdecken gilt.

Auch für Klassiker sollte Raum sein: "Blade Runner" (1982)
Auch für Klassiker sollte Raum sein: "Blade Runner" (1982)

An der Zeit, über neue Filmbildungsprogramme nachzudenken

Vielleicht wäre es, auch angesichts des neuen Förderprogramms Filmerbe (finanziert durch BKM, Länder und FFA), das es sich zum Ziel setzt, Filmgeschichte verfügbar zu machen, an der Zeit, über zusätzliche, neue Filmbildungsprogramme nachzudenken. Die Bundeszentrale für politische Bildung, neben „Vision Kino“ der zweite große Player auf dem Gebiet Filmbildung, hat gemeinsam mit der Deutschen Filmakademie in den letzten Jahren gezeigt, dass Klassikerprogramme in Schulen bundesweit durchaus auf Interesse stoßen. Und auch „Blade Runner“ (R: Ridley Scott, USA 1982) feierte bei den jüngsten SchulKinoWochen, die sich ja selbst als Filmbildungsangebot zum aktuellen deutschen Film definieren, einen überraschenden Erfolg. Das macht Mut.

Im DFF empfinden wir es als Bereicherung, im Rahmen von europäischen Projekten oder internationalen Konferenzen über die Landesgrenzen zu schauen, im Austausch zu sein und von unseren Kolleg*innen zu lernen. Vor allem in der Frage, wie nachhaltige Strukturen aufgebaut werden können, lassen wir uns immer wieder inspirieren: in den Niederlanden ist es gerade erst gelungen, Film fest im nationalen Curriculum zu verankern; Lehrer*innen, denen es besonders gut gelingt, Filmbildung im Schulalltag zu platzieren, werden dort in einem neuen Wettbewerb ausgezeichnet; in der Schweiz gibt es ein neues Fach „Medienkunde“ und die selbstverständliche Art, wie Filmklassiker auf den Listen der französischen Filmbildungs-Aktiven stehen, werden wir immer bewundern.

Blicke über den Tellerrand, pädagogisches Handeln permanent auf den Prüfstand zu stellen, kritische Fragen aufzuwerfen, Erfolgs- und Qualitätskriterien immer wieder neu zu verhandeln, ist für die Entwicklung der deutschen Filmbildung zentral und bedeutet mitnichten, die wichtige Arbeit und die erzielten Erfolge von „Vision Kino“ in Abrede zu stellen. Seit 13 Jahren führt das DFF in Hessen als Kooperationspartner von „Vision Kino“ die SchulKinoWochen durch, und gerne wollen wir das weiterhin tun. Denn dadurch ist es uns gelungen, im ländlichen Raum ein belastbares Netzwerk mit Kinobetreiber*innen und Schulen aufzubauen – eine ganz wesentliche Voraussetzung für nachhaltige Filmbildungsarbeit.

Seit zwei Jahren ermöglicht uns eine Förderung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, das ganze Jahr über Angebote in der Region anzubieten – denn die SchulKinoWochen finden ja nur einmal jährlich für zwei Wochen statt. So konnten wir das bislang auf maximal neun Monate angelegte Beschäftigungsverhältnis im Projektbüro der SchulKinoWochen ändern und ein erfahrenes, hochmotiviertes Team halten. Ein wichtiger Faktor für das Qualitätsmanagement.

Vertrauen in junge Menschen und in die Kraft des Kinos

Auf Frankfurt bezogen gilt: Besucher*innenzahlen sind für uns nur eines der Kriterien, die darüber entscheiden, ob die Veranstaltung erfolgreich war. Wir sehen es als unseren Bildungsauftrag an, Lehrkräfte für besondere Filme zu interessieren– die ihnen, auch weil die Filme häufig nur kleine Werbebudgets haben, oft unbekannt sind. Wir wollen Neugier auf Filme wecken, die die Schülerinnen und Schüler ohne unsere Extra-Anstrengung vielleicht nie zu sehen bekämen (dadurch halten wir sie ja keinesfalls davon ab, in ihrer Freizeit ihre eigenen Erfahrungen zu machen oder ihren Vorlieben bei Netflix nachzugehen).

"Shoplifters"
"Shoplifters"

Wir möchten ihnen zeigen, was Kino alles sein kann, sind ihre Begleiter*innen oder, wie Alain Bergala es formulieren würde, „Passeure“, die auf diesem gemeinsamen Weg immer auch selbst lernen. In unserem SchulKinoWochen-Programm finden sich Titel wie „Shoplifters - Familienbande“ (R: Hirokazu Kore-eda, J 2018), „Spiel mir das Lied vom Tod“ (R: Sergio Leone, I/USA 1968), „Panzerkreuzer Potemkin“ (R: Sergei Eisenstein, UdSSR 1925) oder auch ein eigens kuratiertes Kurzfilmprogramm zum Thema „Filmgenre“. Unsere cinephile Leidenschaft, unser Vertrauen in junge Menschen und in die Kraft des Kinos, lässt uns mutig sein.



Fotos: oben: aus „Sie küssten und sie schlugen ihn, © Studiocanal. Andere Fotos: © Warner, Universum

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