Ein Mensch der Masse

Montag, 04.11.2019

Diskussion

Nach dem Antikriegsfilm "The Big Parade" (1925) gelang King Vidor mit "The Crowd" ("Ein Mensch der Masse", 1928) das zweite, international gefeierte Meisterwerk seiner Stummfilmzeit, ein Meilenstein der Filmgeschichte in ästhetischer wie inhaltlicher Hinsicht. Es geht um die Tragödie eines Mannes namens John Sims (James Murray), der Anfang der 1920er-Jahre voller Zuversicht auf gesellschaftlichen Aufstieg nach New York kommt, es jedoch nur zu einem bescheidenen Familienleben als kleiner Angestellter bringt. Die vielzitierte Exposition war stilistisch wegweisend: Eine Gruppe von Menschen betritt und verlässt ein Hochhaus. Die Kamera fährt an einem Wolkenkratzer, dem Versicherungsgebäude, hoch, konzentriert sich auf ein Fenster, zoomt in ein Großraumbüro, fährt über Schreibtische und an Menschen vorbei auf Platz Nummer 137 zu, John Sims’ Arbeitsplatz. Hier wagt sich jemand an die Desillusionierung des amerikanischen Mythos’ und Fortschrittsglaubens, der dem Einzelnen unbegrenzte Karrierechancen offeriert.

Als die Sims-Familie in den Sog der Wirtschaftskrise gerät und Johns kleine Tochter überfahren wird, setzt schließlich der Abstieg des Mannes ein, der erst aufgehalten werden kann, als der desillusionierte Held seine Bedeutungslosigkeit akzeptiert. Ein bitterer Abgesang auf den amerikanischen Traum, der mit dem blanken Sozialdarwinismus kontrastiert wird, der nur den Stärksten ein Überleben in der Anonymität der Großstadt garantiert. Der romantisch-melancholische Sozialverismus des Film wirkte stilbildend.

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