Der nächste große Wurf

Donnerstag, 07.11.2019

Ein Interview mit Jan-Ole Gerster zu „Lara“

Diskussion

Mit „Oh Boy“ gelang dem 1978 geborenen Drehbuchautor und Regisseur Jan-Ole Gerster 2012 ein phänomenaler Durchbruch; 2019 schließt er mit dem Frauenporträt „Lara“ ans künstlerische Format seines Erstlings an. Im Interview spricht er u.a. darüber, warum bis zu seinem zweiten Film so viel Zeit verstrichen ist, über die Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Blaž Kutin, Raum für Spontaneität beim Dreh und eine Corinna-Harfouch-Erleuchtung.


Ich würde zunächst gern ein wenig weiter ausholen. Wie haben Sie vor sieben Jahren den Erfolg von „Oh Boy“ erlebt?

Jan-Ole Gerster: Es gibt zunächst eine Innenperspektive. Ich weiß nicht, ob das für Menschen, die von außen darauf blicken, dasselbe ist. Für mich war es ein Märchen. Ich war Filmstudent, hatte nicht wirklich spruchreife Kurzfilme gemacht. Das lag daran, dass ich kein sehr selbstbewusster, sondern ein zweifelnder Filmstudent war. Irgendwie habe ich mich dann aufgemacht und diesen Film gedreht, und zwar mit dem größtmöglichen Einsatz, sowohl inhaltlich als auch als Mensch, der diesen Film mit vielen Freunden gedreht hat. Dann ist das so abgehoben, und das war schon unwirklich. Ich bin von nichts ausgegangen, der Film war auch lange Zeit als Fernsehfilm finanziert, als „Debüt im Ersten“. Bis kurz vor der Festivalpremiere hatten wir noch keinen Verleih. Es bestand auch immer die Möglichkeit, dass er spätnachts „versendet“ wird. Dann kam aber kurzfristig ein Verleih hinzu, und dann hat sich das verselbständigt. Er hat an der Kasse funktioniert, die Kritiker mochten ihn, er wurde bei Festivals gut angenommen – das war alles ein großes Glück. Mit einem dramaturgischen Bogen – das fing in der Nachwuchssektion von Karlsbad und München an und steigerte sich bei anderen Filmfestivals, dann der Bayerische Filmpreis, Kritikerpreis, Deutscher Filmpreis, Europäischer Filmpreis – es baute sich so auf, es war unwirklich.

Sie haben den Film auch fast ein Jahr auf anderen Festivals begleitet…

Gerster: Ja – und danach ging es weiter: Nachspiel-Festivals, Filmreihen des Goethe-Institutes und von German-Films, dann diverse Auslandsstarts, die ich für die Presse betreut habe, Frankreich, Spanien, Griechenland – das hat auch sehr viel Zeit in Anspruch genommen und nicht viel Raum für anderes gelassen. Am Anfang war das sehr schön, aber irgendwann wurde es sehr mühselig, immer dieselben Antworten zu geben – warum der Film schwarz-weiß ist zum Beispiel. Ich bin dann irgendwann mit einem regelrechten „Oh Boy“-Kater nach Hause gekommen. Es war eine tolle Zeit, die ich auch in vollen Zügen mitgenommen habe. Man hätte das auch abkürzen können. Doch weil es das erste Mal war, und erste Male so magisch sein können, habe ich mir das voll gegeben. Und irgendwann stand ich wieder da mit meinem Rollkoffer in meiner Wohnung und musste mich orientieren, wie es weitergeht.

Phänomenaler Durchbruch: "Oh Boy" mit Tom Schilling
Phänomenaler Durchbruch: "Oh Boy" mit Tom Schilling

Sieben Jahre ist aber schon eine lange Zeit, um einen weiteren Film zu drehen…

Gerster: Manchmal braucht man auch ein bisschen mehr Zeit für Sorgfalt. Wir reden auch von Premiere zu Premiere. Sieben Jahre – der Film muss entdeckt, finanziert, gedreht, geschnitten werden. Los ging das mit „Lara“ 2016, als ich das Buch gelesen habe. 2017 ging das Projekt in die Finanzierung, dann wurde Ende 2017 gedreht und 2018 geschnitten. Die Postproduktion ging bis Frühjahr diesen Jahres.

Wie sind Sie auf das Buch gestoßen?

Gerster: Ich bin über einen Freund, den Dramaturgen Frank Rodenkirchen, auf Blaž Kutin gestoßen. Ich war, mal mehr, mal weniger, auf der Suche nach einem Co-Autoren. Manchmal bevorzuge ich den Dialog, anstatt immer am Schreibtisch im eigenen Saft zu schmoren. Blaž Kutin ist ein slowenischer Autor, der seit fünf Jahren in Berlin lebt, ein bisschen wenig Anschluss hatte, aber ein wahnsinnig talentierter Autor ist. Wir haben uns getroffen, und es hat geklickt, wir haben uns auf Anhieb verstanden und teilen die gleichen Vorlieben im Kino. Dann haben wir Ideen diskutiert. Er erwähnte aber immer wieder ein Drehbuch namens „Lara“, das er vor zehn Jahren geschrieben habe. Er hat sogar Preise dafür gewonnen, aber es blieb unverfilmt. Das hat mich neugierig gemacht. Ich habe zu dem Zeitpunkt viele Drehbücher gelesen, aber keines passte so richtig. Bei „Lara“ war das anders. Da hatte ich sofort einen Bezug zu. Dabei wusste ich erst gar nicht, was mich da so aufwühlt. Ein gut geschriebenes Buch, das eine Tonalität hatte, die mir sehr lag. Die Sicht auf die Welt hatte viel mit dem zu tun, was ich im Kino gut finde und anstrebe. Das erste Buch, bei dem ich dachte: „Das hätte ich gern selber geschrieben.“ Und dann ging alles sehr schnell.

Man könnte, wenn man wollte, „Lara“ als reziprokes Gegenstück zu „Oh Boy“ betrachten. Vorher hatten wir einen jungen Mann, der einen Tag durch Berlin schlurft, jetzt haben wir eine ältere Frau…

Gerster: (unterbricht) …die allerdings nicht schlurft…

die nicht schlurft, sondern sehr energisch sein kann…

Gerster: Das ist eine Parallele, auf die ich häufiger angesprochen werde. Ich habe mir darüber natürlich Gedanken gemacht, dass ich jetzt wieder einen Film mache, der an einem Tag spielt, der auch diese episodische Struktur hat, wo man von einer Situation in die nächste kommt und sich die Figur dadurch entblättert. Dass man Parallelen ausmachen kann, leuchtet ein, auf der anderen Seite ist es doch etwas ganz anderes. Hätte man diese Parallelen ausgemacht, wenn ich nicht der Regisseur beider Filme wäre? Er hat natürlich meine Tonalität bekommen, ich habe Tom Schilling noch einmal besetzt, da ist Berlin. Die Stadt hat wieder Einzug gehalten in den Film, scheinbar doch wieder sehr stark, obwohl sie gar nicht so ausgestellt sein sollte wie in „Oh Boy“. Das führte wahrscheinlich dazu, dass sich das vergleichen lässt, in der Tonalität, aber auch inhaltlich, weil es Figuren sind, die verloren und einsam sind, die sich der Welt mitteilen wollen, es aber nicht können.

Sie haben aber schon ein Faible für diese episodischen Strukturen anstatt einer konventionellen Handlungsführung mit Einleitung…

Gerster: (unterbricht) Kategorisch würde ich das nicht ausschließen. Das ist ein großer Zufall, dass die sich im Aufbau ähneln. Ich habe das nicht explizit gesucht.

Lara kann manchmal ziemlich gemein sein, etwa wenn sie einen fremden Klavierschüler runtermacht oder die Arbeit ihres Sohnes kritisiert. Trotzdem gelingt es mir als Zuschauer nicht, böse auf sie zu sein.

Gerster: Das hat damit zu tun, dass wir verstehen, warum sie so handelt, wie sie handelt. Darum geht es oft im Film, Empathie zu entwickeln. Ich versuche, mich in jemand anderes zu versetzen und durch seine Brille die Welt zu sehen und ihn selbst zu verstehen. Das ist der Anspruch an Figuren. Das ist das Privileg eines Filmemachers, da so eindringen zu können und eine Figur ausleuchten zu dürfen. Man versteht sie am Ende deshalb, weil man weiß, was ihr Schmerz und ihre Verzweiflung sind. Das so zu zeigen, ohne plump oder manipulativ zu sein, war die Herausforderung. Das war das Interessante an der Figur.

Corinna Harfouch als "Lara" mit Tom Schilling, mit dem Jan-Ole Gerster schon in "Oh Boy" zusammen arbeitete
Corinna Harfouch als "Lara" mit Tom Schilling, mit dem Jan-Ole Gerster schon in "Oh Boy" zusammen arbeitete

War für Sie von vornherein klar, dass nur Corinna Harfouch diese Rolle spielen kann?

Gerster: Tatsächlich. Das klingt so reißerisch, aber es war tatsächlich so. Wie die meisten Menschen kennen ich sie seit Jahrzehnten aus dem Kino und dem Fernsehen. Eine regelrechte Corinna-Harfouch-Erleuchtung hatte ich allerdings im Deutschen Theater, in Jürgen Goschs Inszenierung von Tschechows „Möwe“, und da dachte ich: Mit der muss ich arbeiten. Einige Jahre später entdeckte ich das Drehbuch zu „Lara“, und da war sofort klar: Corinna und dieses Buch – das passt.

Hatten Sie auch das Bedürfnis, wieder mit vertrauten Schauspielern zusammen zu arbeiten? Ich frage nicht nur wegen Tom Schilling, sondern auch wegen Friederike Kempter

Gerster: (unterbricht) Sie hat sogar denselben Rollennamen wie in „Oh Boy“. Man ist während des Drehs mit tausend Fragen konfrontiert, und dann kommt der Kostümdesigner mit einem Namensschild und fragt: „Wie heißt die Verkäuferin?“ Julika Hoffmann natürlich. (lacht) Das ist die einzige Figur, die sich aus dem einen Film in den anderen hineingeschlichen hat. Das bemerkt man aber nur, wenn man genau hinschaut und sich an „Oh Boy“ erinnert.

Worauf ich hinauswollte: Ist es wichtig für Sie, sich mit Leuten, die Sie bereits gut kennen, zu umgeben?

Gerster: Beides. Ich entdecke natürlich gerne Leute. Es gibt so viele interessante Schauspieler, mit denen ich gerne arbeiten würde, weil ich sie bewundere. Gleichzeitig gibt es aber auch bewährte berufliche Beziehungen. Das macht es angenehm, mit Menschen zu arbeiten, die man schon kennt. Die Mischung finde ich interessant. Mit Corinna zu arbeiten war ein großes Abenteuer. Ich kannte sie vorher nicht persönlich, sie ist eine große, erfahrene deutsche Schauspielerin. So jemanden in meinem zweiten Film inszenieren zu dürfen, war schon ein großes Privileg. Was die Nebendarsteller oder die kleineren Rollen angeht, da bin ich tatsächlich gesegnet, weil mir die meisten eine Zusage erteilten. Bei „Oh Boy“ hatte mich Tom ermutigt, eine Wunschliste zu erstellen. Da bin ich einfach in die Vollen gegangen und habe nur Zusagen bekommen und war am Ende fast erschrocken über dieses Ensemble. (lacht) Jetzt sind die alle in diesem kleinen Film drin: Justus von Dohnányi, Michael Gwisdek und Ulrich Noethen. Das war schon ein wenig einschüchternd. Aber es hat gut funktioniert. Die Szenen von „Oh Boy“ hatten meist eine Geschlossenheit, die für die Schauspieler reizvoll war. Sie waren auch nie länger als zwei Tage am Set. Die Szenen mit Noethen, das Golfspiel, das Gespräch auf der Terrasse – das war ein Tag, trotz 15 Drehbuchseiten.

Das Team von "Lara" im Astor Kino auf dem Filmfest München: Blaz Kutin, Tom Schilling, Jan-Ole Gerster, Corinna Harfouch, Diana Iljine, Andre Jung, Rainer Bock (v.l.n.r.)
Das Team von "Lara" im Astor Kino auf dem Filmfest München: Blaz Kutin, Tom Schilling, Jan-Ole Gerster, Corinna Harfouch, Diana Iljine, Andre Jung, Rainer Bock (v.l.n.r.)

Für mich ist „Lara“ auch sehr komisch; er hat einen zurückhaltenden, versteckten Humor, besonders in der Anfangsszene, wo die Polizisten an der Tür klingeln und der eine sagt: „Wir kennen uns doch irgendwoher.“ Steht so etwas schon im Drehbuch?

Gerster: Dieser Satz jetzt nicht. Diese Szene ist aber auch speziell, weil die Menschen in Slowenien noch anders als Zeugen zu Hausdurchsuchungen herangezogen werden als in Deutschland. Ich habe auch mit Polizisten gesprochen und einen kleinen Realitätsscheck gemacht, ob das auch wirklich so möglich ist. Das einzige, was diese Szene glaubhaft macht, ist, dass Lara Beamtin ist. Staatsdiener – die kann man schnell dazuholen. Das Buch hatte schon diesen Humor. Wenn der eine Polizist am Klavier herumdilettiert, weil er als Teenager auch mal Klavierunterricht hatte und „Für Elise“ hämmert – mir gefällt sowas. Corinna hat auch ein Gespür dafür, mit Distanz und Komik auf eine Figur zu gucken. Wie Lara auch mal vor die Wand läuft, perplex ist, komische Dinge macht, komische Reaktionen zeigt – das ist oft am Set entstanden. Sie hat einen Sinn für sehr subtile Komik und eine unglaubliche Menschenkenntnis. Das hat alles Raum in diesem Film. Vieles war schon im Buch. Aber durch Corinna und meine Sicht auf die Dinge ist dann diese Melange entstanden, die eine tragische Geschichte erzählt und doch immer wieder ins Komische kippt.

Nehmen Sie auch Einfluss auf andere Aspekte des Drehs, zum Beispiel beim Set Design? Wenn ich zum Beispiel an Laras Wohnung denke, die sehr zugestellt ist, vielleicht auch zu klein ist, und dann entdeckt man diese große Lücke, wo – wahrscheinlich – mal das Klavier gestanden hat.

Gerster: Diese Lücke war schon im Drehbuch beschrieben. Auch die Siedlung, in der Lara wohnt, brachte laut Drehbuch einige geografische Anforderungen mit sich und sollte die Infrastruktur eines kleinen Dorfes haben. Schließlich geht sie kurz nach der Wohnungsdurchsuchung in die kleine Bankfiliale, um kurz darauf ihren Nachbarn im Café in die Arme zu laufen, der wiederum gerade Blumen für sie gekauft hat. Alles muss sehr dicht beieinanderliegen, und solche Orte gibt es nicht so oft. Gemeinsam mit unserem Szenenbildner und unserem Kameramann Frank Griebe haben wir dann den Hansaplatz entdeckt und alles gefunden, was die Sequenz braucht. Laras Wohnung befindet sich im Oscar-Niemeyer-Haus. Alle restlichen Motive fanden wir im bürgerlichen Charlottenburg. Orte, die oft etwas In-der-Zeit-Stehengebliebenes und noch ein fast bildungsbürgerliches Flair besitzen.

Spannend finde ich auch einige Bildideen, wie zum Beispiel das Aquarium, das in eine Mauer zum Bürgersteig hin eingelassen ist und an dem Lara irritiert vorbeigeht.

Gerster: Das ist tatsächlich ein spontaner „Schuss“. Wir haben in der Nähe eine andere Szene gedreht. In der Mittagspause gehe ich oft für ein paar Minuten umher und schaue, ob man nicht noch kleine Einstellungen in der Umgebung findet. Da habe ich das Aquarium entdeckt. Laras Gänge durch die Stadt waren wichtig für den Film. Auch die Haltung, die sie beim Gehen hat, erzählt viel über ihren Zustand. Deswegen habe ich, wann immer es ging, eine Einstellung gedreht, die Lara bei ihrem Gang durch die Stadt zeigt. Einmal hat sie diesen abrupten Richtungswechsel…

Und der ganze Platz ist voller Herbstblätter …

Gerster: (unterbricht) Das sieht aus, als hätten wir das so dekoriert. Das sah aber wirklich so aus. Gerade wegen der Blätter haben wir spontan die Kamera hingestellt und Corinna durchlaufen lassen.

Sie stapft richtig laut dadurch…

Gerster: Ja, wir haben das auf der Tonebene noch unterstützt. Dass sie da so abrupt die Richtung ändert – so etwas entsteht am Set. Ich überlege dann, wo das im Film Platz haben könnte. Was haben wir für eine Tageszeit? Wo kommt sie her? Geht sie nach links, geht sie nach rechts? So bin ich auf diesen Richtungswechsel gekommen. Es gibt also immer Raum für Spontanes.

Sagen Sie doch bitte noch ein Wort zum Score, der für mich eine ganz leise, zurückhaltende Spannung aufbaut.

Gerster: Das war eine ganz intuitive Entscheidung. Ich hatte „Drei Frauen“ von Robert Altman im Kopf, als ich über „Lara“ nachdachte. Der hat eine ganz merkwürdige, mysteriöse Musik, die eine Spannung vorbereitet, die sich dann nicht einlöst. Ich bin kein Freund von Musik als emotionaler Führung. Um in eine Figur hineinzugucken, finde ich Musik aber wichtig. Sie hat etwas Unaufgeräumtes, nicht ganz zu Greifendes. Das ist die innerliche Musik von Lara. Von Altman bin ich nicht mehr weggekommen – das war eine große Inspiration zum Finden der Musik.



Fotos: Porträt von Jan-Ole Gester (oben) © Joachim Gern;  Foto der "Lara"-Crew beim Filmfest München © Filmfest München/Dominik Bindl; Still aus "Oh Boy" © Warner; Still aus "Lara"
© Studiocanal.

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