Geträumte Städte

Mittwoch, 20.11.2019

Eine Berliner Ausstellung würdigt Design-Ikone Syd Mead, der unter anderem den Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ mitgestaltete

Diskussion

Nicht etwa ein Filmmuseum, sondern eine Berliner Architektengalerie richtet die erste deutsche Soloausstellung des US-amerikanischen Produktionsdesigners Syd Mead aus. Der heute 86-Jährige arbeitete zunächst für die Autoindustrie, bis Hollywood rief. Meads Spezialität: Fantastische Transportmittel und urbane Zukunftsvisionen. Ein Porträt des Mannes, der den „Blade Runner“ das Fliegen lehrte.


Congrats everyone we made it to Blade Runner“ – „Glückwünsch an alle, wir haben es zu ‚Blade Runner’ geschafft“, twitterte die Userin ‚Fiddler’ am 1. November: Wir leben nun in jener Zeit, die Ridley Scotts SciFi-Film noir von 1982 als Zukunftsvision entwarf, nämlich im November 2019. Aus heutiger Sicht sehen freilich sowohl das Jahr als auch der Schauplatz Los Angeles wesentlich anders aus, als Scott sie imaginierte. „Blade Runner“ ist eine Fiktion. Der fiktive urbane Raum ist allerdings dermaßen gut erfunden, dass man den Retweet eines Followers von ‚Fiddler’ verstehen kann: „I want my god damned flying car“.

Das Werk eines „Visuellen Futuristen“

Doch eine Wunschwelt tut sich nicht wirklich auf, wenn man sich die von Dauerregen durchnässte Megacity des postmodernen Thrillers betrachtet – einmal abgesehen von Flugautos und anderen Techno-Details. Die riesigen Werbe-Screens und Neonlichter können den dystopischen Abgrund nicht überstrahlen, der sich in Los Angeles auftut. Armut, Verbrechen und Gewalt herrschen, über allem thront ein omnipotenter Konzern, der unkontrolliert waltet und schaltet. Für die Macht der Tyrell Corporation, die menschenähnliche Roboter („Replikanten“) herstellt, stehen die ikonischen Firmenpyramiden, die Special-Effects-Crack Douglas Trumbull entwarf. Für den Gesamtlook des Films zogen Regisseur Ridley Scott und Production Designer Lawrence G. Paull den Industriedesigner und „Visual Futurist“ (laut Nachspann) Syd Mead heran. Trumbull, seit „2001“ eine Filmlegende, kennen wir. Aber Mead? Wer ist dieser in den USA hochverehrte Mann, den in Europa nur die eingefleischten Fantasy-Nerds kennen?

Syd Mead © Jenny Risher
Syd Mead © Jenny Risher

1933 in Minnesota geboren, hatte Mead zwar als 19-Jähriger kurz in einem Zeichentrickstudio gearbeitet, war dann aber für über zwei Jahrzehnte als Industriedesigner tätig, bis Hollywood auf ihn aufmerksam wurde. In einer experimentellen Abteilung der Ford Motor Company entwarf er ab 1959 Fahrzeuge und Autozubehör. Doch seine Arbeiten gingen kaum in Serie, ernüchtert verließ er Ford und war in der Folge für verschiedene andere Firmen tätig. Mead entwarf Flugzeuge, Yachten und designte 1973 sogar ein Kreuzfahrtschiff. Für den Konzern U.S. Steel hatte der Designer fünf Jahre zuvor ein Transportgerät für unwegsames Terrain entwickelt, das anstelle von Rädern mit Beinen und Füßen ausgestattet war. 1980 staunte Mead nicht schlecht, als er im Kino sah, dass George Lucas’ Team seine Idee für die Eiswüstenschlacht in „Das Imperium schlägt zurück“ geklaut hatte: Vierbeinige AT-AT-Kampfroboter stapften durch den Schnee, die Meads altem Entwurf verdächtig ähnlich sahen.

Filmdebüt im „Star Trek“-Universum

Damals, 1980, hatte Mead sein Hollywood-Debüt allerdings schon hinter sich. Er konnte seinen Einstand mit „Star Trek - Der Film“ feiern, weil Regisseur Robert Wise unzufrieden mit dem ersten Konzept für das rätselhafte V’ger-Raumschiff gewesen war und Mead engagiert hatte. Der Designer durfte dann neben dem UFO noch die mysteriöse Wolkenstruktur entwerfen, die von der Enterprise durchflogen wird.

Danach ging die Kinokarriere in mittlerer Warpgeschwindigkeit weiter. 1980 war Mead schon in zwei Großprojekten zugleich beschäftigt, „Blade Runner“ und „Tron“. Sein Produktionsdesign für „Tron“, Disneys Pionierwerk in Sachen virtueller Realität, das zum überwiegenden Teil aus rechnergenerierten Bildern besteht, halten viele für seine beste Kino-Arbeit. Neben dem „Tron“-Logo des Filmplakats entwarf Mead die „Lightcycles“-Motorräder, Autos und Panzer, die „Recognizer“-Droiden und, gemeinsam mit dem berühmten Comiczeichner Moebius, den kompletten Hintergrund der virtuellen Welt.

Ein Sinn für Funktionalität, der SciFi-Entwürfe plausibel macht

Weitere Filme, an denen Mead mitarbeitete, waren „2010: Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“, „Nummer 5 lebt!“, James Camerons „Alien“-Sequel „Aliens“, Kathryn Bigelows „Strange Days“, Brian De Palmas „Mission to Mars“ und „Elysium“. Und auch ins futuristisch-heruntergekommene Los Angeles kehrte der Designer zurück: Für Denis Villeneuves Fortsetzung „Blade Runner 2049“ scrollte sich Mead durch „Google Street View“-Ansichten der kalifornischen Metropole und zeichnete auf dieser Grundlage realer Aufnahmen die Zukunftsstadt neu.

"Blade Runner 2049" © Sony
"Blade Runner 2049" © Sony

Am Autodesign des „Blade Runner“-Sequels war Mead kaum beteiligt, obwohl seine alten Fahr- und Flugzeuge natürlich prägend für die Fortsetzung waren. Vor vier Jahrzehnten waren die fliegenden Autos so ziemlich das erste, was der Designer für Ridley Scotts Kultfilm entwarf. Als Industriedesigner und Fahrzeugexperte brachte Mead einen ausgeprägten Sinn für Funktionalität mit, was im Science-Fiction-Genre für hohe Plausibilität bürgte. „Ich erfand das Schlagwort ‚Retrodeco’“ erklärte Syd Mead 1982 im Interview mit dem „Fantastic Films Magazine“. Für den ‚Retrodeco’-Touch, so der Gestalter weiter, „nahmen wir existierende Maschinenteile, alles Mögliche, und ergänzten damit unsere Kreationen. Das sah dann stimmiger aus und prägte mit der Zeit den ganzen Look des Films.“

Die deutschlandweit erste Soloschau mit Werken von Syd Mead

Nicht nur Designer für Science-Fiction-Filme gestalten die Zukunft. Visionäres Design findet ja auch in der alltäglichen Praxis statt, und auch utopische Architektur beschränkt sich nicht auf Filmwelten. Mit dem O&O Depot eröffnete das österreichische Bruderpaar Manfred und Laurids Ortner 2012 eine Galerie, die nun bis zum 16. Januar die deutschlandweit erste Soloschau mit Werken von Syd Mead zeigt. Das Architekturbüro O&O Baukunst mit Standorten in Berlin, Köln und Wien ging aus der Architekten-Künstlergruppe Haus-Rucker-Co hervor, die 1992 aufgelöst wurde. Die Ortners sind es also gewohnt, zweigleisig zu fahren, das Praktikable und Funktionale mit dem Fantastischen, Sperrigen, Rätselhaften koexistieren zu lassen.

Markus Penell, ebenfalls Architekt des Büros O&O Baukunst, hat die Syd-Mead-Ausstellung entwickelt, in der es darum gehen soll, „inspirierende Konzepte einer visionären Stadtentwicklung über architektonische Mittel hinaus zu erfahren“, wie es im Pressetext heißt. Als Kurator wurde Boris Hars-Tschachotin engagiert, der 2014/15 bereits an der Ken-Adam-Ausstellung „Bigger than Life“ der Deutschen Kinemathek beteiligt war. Insgesamt 33 originale Zeichnungen und Gouachen des heute 86-jährigen Mead sind zu sehen. Im Fokus der Ausstellung „Syd Mead – Future Cities“ stehen urbane Räume. Dem „Blade Runner“-Paralleluniversum, ein fremdes wie stimmiges Los Angeles in einem anderen 2019, gebührt dabei ein Ehrenplatz.

Cityscape Lightening © Syd Mead, 1981
Cityscape Lightening © Syd Mead, 1981
Future Urban Architecture © Syd Mead, 1979
Future Urban Architecture © Syd Mead, 1979

Syd Mead – Future Cities“, O&O Depot, Leipnizstr. 60, Berlin, 14. November bis 16. Januar 2020.


Infos: ortner-ortner.com


Foto oben: Downtown Cityscape / Blade Runner ©Syd Mead, 1981


Kommentar verfassen

Kommentieren