Schnipsel #7: Clubmitgliedschaft

Freitag, 22.11.2019

Über die Bedeutung internationaler Netzwerke für die Sicherung des Filmerbes

Diskussion

Seit kurzem ist das Berliner Arsenal - Institut für Film- und Medienkunst neues Mitglied der FIAF (International Federation of Film Archives). Eine Formalie, die in Hinblick auf die weitere Sicherung des Filmerbes von maßgeblicher Bedeutung sein kann. Denn die internationalen Vernetzungen der Archive erweisen sich immer mehr als entscheidender Weg, um verloren geglaubte Filme wiederzuentdecken.


Am 8. November verschickte das Berliner Arsenal eine Pressemitteilung, auf deren Versand das „Institut für Film- und Medienkunst“ 46 Jahre lang warten musste. Das Arsenal ist nun Mitglied der FIAF, der International Federation of Film Archives. Zwar nur assoziiert und nicht als Vollmitglied, weil dieser Status nationalen Archiven vorbehalten ist; das gilt hierzulande für das Bundesarchiv, die Deutsche Kinemathek und die Filmmuseen in Düsseldorf, Frankfurt/Main und München.

Mehr als eine Meldung ist dieser Umstand auf den ersten Blick nicht wert. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Geschichte, in der, wie sie Stefanie Schulte Strathaus vom Arsenal erzählt, alles steckt, was die schwer zu fassende Bedeutung des Filmerbes konkret ausmacht – transnationale Verknüpfungen und globale Logistiken, der Druck, den die Digitalisierung verursacht, und die Umwege, auf denen Kultur produziert wird.

Erster Anlauf auf eine FIAF-Mitgliedschaft im Jahr 1973

Schon 1973 hatte das Arsenal um Aufnahme in den Verband gebeten, was Vernetzung bedeutet, Teilnahme an Kongressen und Möglichkeiten, die FIAF-Politik zumindest mitzudiskutieren. Überdies gestattet die Mitgliedschaft den Zugang zu Filmen aus den Archiven der FIAF-Mitglieder, die bislang verstellt waren. Auch finanziell verspricht der Status indirekt Vorteile, weil günstiger von anderen und womöglich häufiger an andere ausgeliehen werden kann.

Die Ablehnung 1973 ist in die Geschichte des Arsenal eingegangen, sagt Schulte Strathaus. Die Idee, 45 Jahre später erneut einen Antrag auf Aufnahme in FIAF zu stellen, hat mit den veränderten Realitäten im Zeitalter der Digitalisierung zu tun. Die Umstellung auf digitale Projektionen, die mit Macht und öffentlichem Geld gefördert, ab 2009 einsetzte, stellte das Arsenal vor gravierende Probleme: Das bisherige Verleihmodell mit analogen Filmkopien drohte auf einen Schlag obsolet zu werden.

Das Arsenal-Archiv verdankt sich zu einem Großteil den Aktivitäten des „Berlinale“-Forums; es bildet entsprechend internationale Filmgeschichte ab, weshalb es als Empfänger von deutschem Fördergeld, das zur Digitalisierung des nationalen Filmerbes zur Verfügung steht, nicht in Frage kam (sieht man von einer BKM-geförderten Kooperation mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt für „Archive außer sich“ bis 2020 ab).

Das „Living Archive“ als Sonderweg

Das Arsenal musste also andere Wege beschreiten. Mit dem „Living Archive“-Projekt wurde Menschen außerhalb der Archivszene die Chance eingeräumt, den Bestand zu erforschen und damit zu arbeiten. Zugleich sollte durch diese Zugangsmöglichkeiten das Wissen um den Bestand popularisiert und multipliziert werden. Als entscheidende Quelle für Fördermittel zur Digitalisierung erwies sich das Kulturerhaltprogramm des Auswärtigen Amtes.

So konnte das Archiv im Rahmen von Projekten zwei Mitarbeiter beschäftigen und ins „silent green“-Kulturquartier in Berlin-Wedding umziehen, wo die Sichtung der Bestände für alle weiterhin gegeben ist.

Mit dem Ziel, Filme in den Herkunftsländern wieder verfügbar zu machen, ließ sich ein Teil des Bestands aus dem Arsenal digitalisieren. Filme, die für Vorführungen im „Berlinale“-Forum als Kopie ins eigene Archiv gelangt waren, stellten sich mitunter als Unikate heraus, weil sie an Orten, an denen sie entstanden waren, nicht mehr vorlagen. Für die Tilgung der deutschen Untertitel aus der Festivalkopie wurde eigens ein bestimmtes Blurring entwickelt, das im Vergleich zum aufwändigen Wegretuschieren kostengünstiger ausfiel.

Die Spuren führten nach Nigeria

Diese Kontakte erschlossen wiederum neue, bis dato unbekannte Archivbestände. So wurde über den Filmkritiker Didi Cheeka 2014 in der nigerianischen Metropole Lagos ein Kopierwerk aus der Kolonialzeit entdeckt, in dem alte Filmrollen lagerten, die durch Restauration nicht mehr zu retten waren, deren Geschichte aber in einem Oral-History-Projekt aufbewahrt werden sollte. Die Anwesenheit dort führte allerdings zu Hinweisen auf ein weiteres Lager mit besser erhaltenen Filmen im Norden Nigerias, wo Cheeka auf Rollen von Shaihu Umar stieß, einem Film aus dem Jahr 1970, der auf einer Novelle des ersten nigerianischen Ministerpräsidenten Abubakar Tafawa Balewa (1912-1966) basiert, die zum Schulstoff des Landes gehört; mit anderen Worten: ein zentrales Dokument der nigerianischen Geschichte.

Nur ein Beispiel für die verschlungenen Wege durch Raum und Zeit, die Filmgeschichte im Wandel ihrer Trägermedien nimmt.



Foto aus „Shaihu Umar“: Nigerian Film Corporation


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