Das erste Jahr nach Ruzicka

Mittwoch, 27.11.2019

Die 43. Duisburger Filmwoche (4.-10.11.2019) stand unter dem Motto „Wer erstickt, wo wir atmen?“

Diskussion

Mit einem konzentrierten Programm gelang dem neuen Team der Filmwoche Duisburg eine ausgewogene Balance zwischen bewahrender Kontinuität und Neuerungen, welche die Verankerung des Festivals in der Stadt, aber auch seine filmkulturelle Strahlkraft beförderten.


Nach dem Abschied des langjährigen Festivalleiters Werner Ruzicka stand die 43. Duisburger Filmwoche (4.-10.11.2019) ganz im Zeichen eines Neuanfangs. Die Doppelspitze Gudrun Sommer und Christian Koch markiert eine noch engere Verflechtung der Filmwoche mit dem Dokumentarfilmfestival für Kinder und Jugendliche „doxs!“, das auch schon zum 18. Mal stattfand. Die Filme beider Festivals wurden in einem gemeinsamen Zeitplaner so synchronisiert und zugleich farblich voneinander abgesetzt, dass sie als gleichberechtigte Teile einer Veranstaltung erschienen und ein einheitliches Programm ergaben.

Eine Woche sehen und sprechen

Diesen Eindruck verstärkte auch der neu formatierte Festivalkatalog, der alle Informationen zur Filmwoche, den doxs! und den Festival-Extras bündelte. Mit dem Filmforum am Dellplatz blieb der mit zwei Kinosälen bestückte zentrale Austragungsort dem Festival ebenso erhalten wie die in der deutschen Festivallandschaft singuläre Formel: eine Woche lang in einem Kino gemeinsam Filme schauen und im Anschluss mit den Filmemachern ins Gespräch kommen!

Im Programmflyer wurde dieses Alleinstellungsmerkmal explizit als Kern des Festivals hervorgehoben. Zugleich setzte man aber auch neue Akzente, um die Filmwoche als kommunikativen Raum fürs Sehen und Sprechen stärker in der Stadtlandschaft zu verankern. Das Festivalzentrum, der Diskussionssaal und die Empfänge wurde an neuen Orten rund um den Dellplatz gruppiert. So lud die neu besetzte Auswahlkommission zu Debatten in die helleren Räume des „Bund der Deutschen Katholischen Jugend“ (BDKJ), welche von Teilnehmern mehrerer studentischer Exkursionen in Scharen frequentiert wurden. Der Eröffnungsempfang fand in der St.-Josephskirche statt – auch das ein starkes Signal für die Öffnung der Filmwoche zur Stadt und ihren Bewohnern, die am Ende der Woche überdies Gelegenheit erhielten, sowohl den kontroversen Eröffnungsfilm „Hambi – Der Kampf um den Hambacher Wald“ als auch die Preisträgerfilme zu sehen.

Eröffnungsfilm: "Hambi - Der Kampf um den Hambacher Wald"
Eröffnungsfilm: "Hambi - Der Kampf um den Hambacher Wald"

Hommage für Werner Dütsch

Zu den Neuerungen gehörte die Professionalisierung der Abschlusszeremonie, die erstmals von einem externen Moderator präsentiert wurde. Eingedenk der Schlüsselrolle, die Ruzicka und das langjährige Kommissionsmitglied Werner Dütsch beim Duisburger Diskurs mit ihren Beiträgen und Interventionen gespielt hatten, konnte man auch den diskursiven Rückzug der Festivalleitung aus den Filmdebatten als ein professionalisierendes Novum verbuchen.

Zum Abschluss gab es auch eine „Hommage in Memoriam“, gewidmet dem vor einem Jahr verstorbenen Doyen des Dokumentarfilms Werner Dütsch, der als WDR-Redakteur über Jahrzehnte die Entwicklung des Autorendokumentarfilms mitgeprägt hatte. In dem anlässlich seines 80. Geburtstags entstandenen „Bücherfilm“ von Christiane Büchner präsentiert Dütsch Filmbücher, die für seine Cinéphilie von Bedeutung waren, und erweist sich darin posthum abermals als ein begnadeter Erzähler und unbestechlicher Zeitzeuge mit einem unerschöpflichen Fundus an Erinnerungen und Erfahrungen.

Wer erstickt, wo wir atmen?

Mit dem Motto „Wer erstickt, wo wir atmen?“ signalisierte das Festival seine Kontinuität, drängende Themen und Konflikte der Zeit mit einer Vielfalt subjektiver und streitbarer Positionen aufzugreifen. Was es heißt, „Bekanntes neu zu sehen, Unerwartetes zu entdecken und die blinden Flecken des scheinbar Selbstverständlichen in den Blick zu nehmen“, zeigten viele bemerkenswerte Filme. Etwa mit einem Blick auf syrische Flüchtlinge, die mit der Geschichte eines DDR-Kombinats und seiner Arbeiter konfrontiert werden (Florian Kunert: „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“), oder wenn hinter der scheinbar unberührten Natur der rumänischen Karpaten die ökonomischen Verflechtungen einer Parallelwirtschaft sichtbar werden, in der saisonale Pilzsammler um ihr Auskommen kämpfen (Bernd Schoch: „Olanda“).

Gleiches gilt für die unscheinbaren Orte in Sachsen, an denen bereits 1933 Konzentrationslager für politische Häftlinge entstanden; anhand von Akteneinträgen wird eine unheilvolle Spur bis zum NSU-Terror rekonstruiert (Ute Adamczewski: „Zustand und Gelände“). Oder in Thomas Heises Heimat ist ein Raum aus Zeit, der im Blick auf die eigene Familie ein ebenso vielschichtiges wie bewegendes Gesellschaftspanorama des 20. Jahrhunderts allein aus Briefen und Amtsakten collagiert.

Dass Dokumentarfilme die Komplexität der aktuellen Welt, die gerade eine wüste Reihe politischer, gesellschaftlicher und soziokultureller Umbrüche erlebt, durch ihre filmische Verdichtung ein Stück weit aufschlüsseln, belegte die 43. Ausgabe eindringlich. Insbesondere die Themen Diversität und Gendergerechtigkeit schälten sich dabei als jene Fragen heraus, die ästhetisch überzeugende und diskursiv ergiebige Positionen hervorbrachten.

"Fortschritt im Tal der Ahnungslosen"
"Fortschritt im Tal der Ahnungslosen"

Am Fuße eines mythisch anmutenden Erzberges in der Steiermark fängt „Bewegungen eines neuen Berges“ von Sebastian Brameshuber eine Existenz am Rande des kapitalistischen Systems ein. In der Abgeschiedenheit der imposanten Naturlandschaft betreibt der Protagonist Clifford in einer verlassenen Fabrikhalle eine Werkstatt: er hortet Gebrauchtautos, die er für den Verkauf über die nahe Grenze nach Ungarn herrichtet oder in brauchbare Teile für den Transfer in seine nigerianische Heimat zerlegt. In diesem Hinterhof globaler Weltwirtschaft, wo über nationale Grenzen hinweg in verschiedenen Sprachen hartnäckig verhandelt wird, manifestieren sich im Dazwischen einer randständigen Ökonomie Entwurzelung, Migration und der Kampf ums Überleben. Brameshuber findet dafür eine ebenso unprätentiöse wie adäquate filmische Form, die in der Begründung der 3sat-Jury für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm mit dem Begriff eines „magischen Materialismus“ treffend beschrieben wird.

Filme von Frauen für Frauen

Ähnlich elaboriert wirkte die formale Konzeption eines Films, der einen Trend der Filmwoche auf den Punkt brachte: Filme von Frauen über Frauen. Christiana Perschon widmet sich in „Sie ist der andere Blick“ fünf heute prominenten Künstlerinnen, die Anfang der 1970er-Jahre zur Vorhut der feministischen Bewegung in Wien gehörten. Doch statt fünf biografische Porträts zu skizzieren, entwirft Perschon eine kollektive Erzählung selbstbestimmter Werdegänge von Frauen, die sich durch ihre Kunstpraxis aus einengenden Geschlechterrollen befreiten und gegen sexuelle Übergriffe ihrer akademischen „Meister“ behaupteten. In einem hellen Atelier verschafft der Film den Frauen eine Bühne, um ihren Berichten einen Raum jenseits von Projektionen und Zuschreibungen zu öffnen. Ihr Erfahrungsaustausch in Form eines Dialogs fügt sich zu einem „performativen feministischen Archiv in Bewegtbildern“.

Um Kunst und Befreiung ging es auch in Therese Koppes Film „Im Stillen laut“. Das biografische Doppelporträt widmet sich zwei DDR-Künstlerinnen, die seit über 40 Jahren ein Paar sind. Ihr Kampf um kreative Selbstbestimmung und selbstgeschaffene Freiräume hatte weniger mit eher verdeckten patriarchalen Strukturen zu tun als vielmehr mit einer repressiven Gesellschaftsordnung, die KünstlerInnen als ideologische PropagandistInnen des politischen Systems vereinnahmte.

"Im Stillen Laut"
"Im Stillen laut"

Mit dem NRW-Nachwuchspreis wurde die radikal-private Auseinandersetzung von Valentina Primavera mit dem patriarchalen Prinzip innerhalb ihrer eigenen Familie prämiert. Die Frau und Mutter der Filmemacherin, die in „Una Primavera“ (Kinostart: 2. Januar 2020) häuslicher Gewalt ausgesetzt ist und erst nach 40 Jahren die Scheidung einreicht, hat den Patriarchalismus verinnerlicht. In dem Maße, in dem ihr Befreiungsschlag misslingt, werden die systemischen und politischen Dimensionen einer strukturellen Gewalt sichtbar, die durch eine tiefsitzende patriarchale Ordnung legitimiert zu sein scheint.

Eine ausgewogene Balance

Die große geschlechterpolitische Tragweite dieser zeithistorischen Rückblicke wie auch gegenwärtiger Bestandsaufnahmen war dank ihrer filmästhetischen Durchdringung und ihrer emotionalen Dringlichkeit unverkennbar; die von Gudrun Sommer in ihrer Eröffnungsrede selbst gestellte Maßgabe, dass Duisburg ein Ort der künstlerischen und gesellschaftspolitischen Relevanz bleibe, war damit unter Beweis gestellt.

Mit dem konzentrierten Programm gelang dem neuen Team im Jahre eins nach Ruzicka eine ausgewogene Balance zwischen bewahrender Kontinuität und Neuerungen, welche die Verankerung der Filmwoche in der Stadt, aber auch seine filmkulturelle Strahlkraft beförderten.


Fotos: Duisburger Filmwoche („Zustand und Gelände“)/Filmgarten („Sie ist der andere Blick“), Michael Goergens („Hambi – Der Kampf um den Hambacher Wald“), The Story Bay/Joanna Piechotta („Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“), Filmuniversität Babelsberg („Im Stillen Laut“)

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