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Das letzte Geheimnis

Mittwoch, 04.12.2019

Ein Gespräch mit dem Schweizer Regisseur Simon Jaquement über sein Filmschaffen und den jüngsten Film „Der Unschuldige“

Diskussion

Mit seinem Debütfilm „Chrieg“, der 2015 den Max-Ophüls-Preis errang, profilierte sich der 1978 in Basel geborene Filmemacher Simon Jaquemet schlagartig als spannende neue Stimme des Schweizer Kinos. Mit „Der Unschuldige“ schließt er an diesen künstlerischen Erfolg an: Der Film ist ein ebenso faszinierendes wie sperriges Porträt einer Frau, die es aus den engen Spuren ihres Lebens als Familienmutter und Mitglied einer Freikirche trägt, als ihre Vergangenheit sie einzuholen scheint. Im Interview berichtet der Filmemacher über seine Haltung zur Religion, filmische Vorbilder und die Zusammenarbeit mit seiner Hauptdarstellerin Judith Hofmann.


Sind sie gläubig?

Simon Jaquemet: Nein.

Macht Liebe blind?

Jaquemet: Zeitweise, ja.

Was inspiriert Sie?

Jaquemet: Persönlich Erlebtes oder Dinge, die ich irgendwo aufschnappe. Oft sind es relativ banale Dinge, von denen ich nach einer Weile merke, dass sie hängengeblieben sind.

Woran schreiben Sie aktuell?

Jaquemet: An einer Geschichte, die im übergeordneten Sinn mit Artificial Intelligence und Computer Science zu tun hat.

Schreiben Sie selbst, oder lassen Sie einen Computer schreiben?

Jaquemet: Ich mache Experimente mit neuronalen Netzwerken, aber ichbinnicht versiert genug, um ein eigenes neuronales Netzwerk zu programmieren, das Drehbücher schreibt. Ich bin überdies extrem skeptisch gegenüber von Programmen, die Drehbücher schreiben oder analysieren.

In „Der Unschuldige“ erzählen Sie eine Geschichte über eine Frau Ende 40, die eine persönliche Krise durchlebt. Wie sind Sie auf diese Figur gestoßen?

Jaquemet: Am Anfang stand auch hier etwas eher Banales: eine Fernsehreportage über eine Frau, deren Verlobter aus nicht geklärten Umständen zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Diese Frau hat mich damals sehr beschäftigt, vor allem die Frage, was mit ihr nun geschieht.

Woher kommt die zweite Ebene des Films, das Religiöse?

Jaquemet: Die stammt aus einem Traum, aus dem eine der ersten Szenen des Filmes entstand. Eine Frau bricht in einem Seminar zusammen, nachdem der Priester erkennt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Für mich war das die gleiche Person wie die Verlobte.

Die Protagonistin Ruth lebt mit ihrem Ehemann und zwei Töchtern in einem wohlhabenden Einfamilienhaus am Rande einer größeren Ortschaft. Das ist ein ähnliches Setting wie in ihrem Debütfilm „Chrieg“. Was fasziniert Sie daran?

Jaquement: Verschiedenes. Zum einen nehme ich an, dass die meisten Menschen in der Schweiz in einem solchen Milieu leben: in der Agglomeration, nicht in der Stadt und noch nicht auf dem Land. Ich selber bin anders aufgewachsen. Wir wohnten zuerst auf dem Land, dann in der Stadt. Damit hat die Agglomeration für mich etwas Exotisches; es ist etwas mir Fremdes im eigenen Land. Das fasziniert mich. Ästhetisch sind diese Zwischenzustände spannend: die Familien, die Figuren und ihre Lebensformen finden sich in Räumen irgendwo dazwischen.

"Chrieg"
"Chrieg"

Sie haben gesagt, dass Sie nicht gläubig sind. Ruth und ihre Familie gehören aber einer Freikirche an. Wie haben Sie das recherchiert?

Jaquemet: Eigentlich wollten wir verhindern, dass man in der Presse von Freikirche spricht, weil der Begriff so schwammig ist. Doch es tun alle. Mir wäre lieber, wenn man von einer Sekte oder einer modernen fundamentalistisch-christlichen Gemeinschaft sprechen würde. Ja, ich habe recherchiert; vielleicht war der Film nur ein Vorwand, denn es hat mich auch persönlich interessiert. Ich bin in einem 1968er-Umfeld aufgewachsen; Religion war dabei nie ein Thema. Ich habe während der Vorbereitung innerhalb eines Jahres viele verschiedene Kirchen besucht und mich dann auf zwei konzentriert: eine Pfingstgemeinde und die ICF-Kirche. Eine Weile bin ich fast jeden Sonntag zur Messe gegangen. Ich habe alles mitgemacht, aber nicht undercover recherchiert, sondern offen kommuniziert. Ich habe auch das Gespräch mit dem Priester der einen Kirche gesucht und zudem mit Aussteigerinnen gesprochen.

Das klingt intensiv.

Jaquemet: Das war es auch. Und es ist noch viel vielschichtiger, als es im Film geschildert wird; dort wird durch die Handlung vieles zugespitzt. Eigentlich wäre das ein Thema für einen Dokumentarfilm: die feine Linie zwischen der positiven Kraft und Energie, die diese Religion vermittelt, und dem plötzlichen Umkippen ins Totalitäre.

Der religiöse Lebenshintergrund rückt Ruths Erleben ins Raster von Schuld und Sühne und macht sie unfrei. Aus dieser Position kann man den Film auch als Sektenkritik interpretieren. War das Ihre Absicht?

Jaquemet: Das war durchaus Absicht. Ruth gerät in eine Krise, für deren Problem ihre Gemeinschaft keine normal menschliche Lösung kennt, sondern eine religiöse Antwort bereithält. Das ist das Gegenteil dessen, was sie bräuchte. Es war mir wichtig, Momente zu zeigen, in denen die Realitäten zusammenprallen und es – psychisch – gewalttätig wird. Vielleicht ist „Der Unschuldige“ eher eine Untersuchung über das Funktionieren von totalitären Systemen: Was passiert, wenn jemand etwas tut, das innerhalb des Systems keinen Platz hat?

Ruth arbeitet als Naturwissenschaftlerin an einem biomedizinischen Experiment mit, das ins Ungeheuerliche zielt. Wie kamen Sie darauf?

Jaquemet: Auch das habe ich aufgeschnappt: Es gibt einen italienischen Arzt, der eine Kopf- oder Full-Body-Transplantation bei Menschen zu machen versucht. Die Geschichte geistert immer mal wieder durch die Medien. Ich habe beim Drehbuchschreiben recherchiert und herausgefunden, dass solche Transplantationen bei Affen bereits erfolgreich durchgeführt wurden. Die Tiere haben danach einige Tage gelebt, mussten aber eingeschläfert werden, weil sie das nicht verkraftet haben. Ursprünglich wollte ich das nur am Rande thematisieren, in Gestalt einer Fernsehsendung, die Ruth sieht. Dann aber hat sich die Geschichte im Verlauf des Schreibens in den Vordergrund gedrängt: die Diskrepanz zwischen ihrer Arbeit und ihrer Religion gehört zu Ruth. Die Geschichte des Affen spiegelt auf einer metaphorischen Ebene auch ihre Situation: Sie ist in eine Lebenssituation verpflanzt worden, die nicht zu ihrem früheren Leben passt.

Judith Hofmann in "Der Unschuldige"
Judith Hofmann in "Der Unschuldige"

Der Unschuldige“ verweist filmhistorisch aber auch auf alle Filme, die sich in der Nachfolge von „Frankenstein“ an Experimenten mit oder am Menschen beschäftigen und ins Ungeheuerliche geraten.

Jaquemet: Selbstverständlich. Aber auch auf alle Versuche, das Leben ewig zu verlängern. Damit sind wir wieder bei den Religionen, die das ewige Leben versprechen. Der Frankenstein-Hinweis ist gut! Mir ist gerade aufgefallen, dass die Geschichte, an der ich augenblicklich schreibe, auch eine Frankenstein-Geschichte ist.

Sprechen wir über Judith Hofmann und ihre anspruchsvolle Rolle der Ruth. Wie haben Sie sie gefunden? Wie haben Sie mit ihr gearbeitet?

Jaquemet: Meine Casting-Agentin hat Judith Hofmann gefunden. Auf den ersten Fotos hat sie ganz anders ausgehen und schien mir gar nicht passend. Doch schon nach dem ersten Casting warich zu 99 Prozent überzeugt, dass sie die beste Besetzung ist. Trotzdem haben wir noch drei Recalls mit ihr gemacht, um ganz sicher zu sein. Obwohl Judith Hofmann in Wirklichkeit eine sehr fröhliche Person ist, hat sie etwas, das sehr nahe bei meiner Vorstellung der Figur war. Wir haben im Voraus viel über die Figur gesprochen und geprobt. Beim Dreh war uns beiden dann schon vieles klar. Die Diskussion beschränkte sich oft auf konkrete Aktionen und Details. Allgemein lief viel über das Agieren. Wenn Judith etwas nicht ganz verstand, hat sie es einfach gemacht und übers Ausführen dann verstanden, wieso die Figur in dem Moment so handelt.

Ruth wird durch ein Ereignis in ihrer Vergangenheit, das sich in die Gegenwart drängt, aus der Bahn geworfen. Dieses Ereignis ist im Film durch Fotos, Fernsehsendungen und Zeitungsmitteilungen belegt. Gleichwohl weiß man als Zuschauer nie, ob das Geschehene Fantasie oder Wirklichkeit ist. Wie sind Sie vorgegangen?

Jaquemet: Wir sind das durchgängig real angegangen. Da der Film alles aus Ruths Perspektive zeigt und keine übergeordnete Erzählperspektive hat, weiß der Zuschauer nicht mehr als Ruth. In dem Moment, an dem sie an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln beginnt, zweifelt er mit.

Das heißt: Alles, was im Kopf der Figur ist, ist real?

Jaquemet: Ja. Zumindest aus Sicht der Hauptfigur ist alles, was im Film passiert, real. Das war unsere Herangehensweise bei der Arbeit.

"Der Unschuldige"
"Der Unschuldige"

Sie schicken Ihre Figuren gerne in Keller und Wälder und sonstige dunkle Orte. Sie arbeiten mit spärlichen Lichtquellen, aber mit langen Einstellungen. Das erinnert mitunter an Filme, die nach den Regeln des Dogma-95-Manifests gedreht sind...

Jaquemet: Ich versuche die filmische Welt, auch wenn die Geschichte abgehoben ist, möglichst realistisch darzustellen. Ich bemühe mich auch, möglichst untechnisch zu arbeiten. Es ist zwar alles präzise ausgeleuchtet, aber die Lampen müssen versteckt oder ins Szenenbild integriert sein. Die langen Takes erklären sich auch damit, dass ich jede Szene von A bis Z durchspielen lasse und sie nicht zerstückle. Das vermittelt den Schauspielern wie auch den Zuschauern den Eindruck, dass es so passiert ist, selbst wenn es absurd ist. Das hat durchaus mit dem Dogma-Manifest zu tun, aber auch mit dem magischen Realismus der Lateinamerikaner wie Carlos Reygadas. Mir gefällt, dass man im Film eine – auch völlig absurde – eigene Welt entwerfen kann, die als glaubwürdige Realität erscheint.

Sie schreiben Ihre Drehbücher selbst und ihre Filme sind sehr dicht. Wie lange arbeiten Sie an einem Stoff?

Jaquemet: Effektiv schreibentue ichgar nicht so lange, etwa ein bis zwei Jahre. Aber ich arbeite gestaffelt und verschachtelt: An „Der Unschuldige“ begann ich schon während der Postproduktion von „Chrieg“ zu schreiben. Die Entwicklungszeit davor dauerte allerdings wesentlich länger.

Nochmals eine Frage zu Ihren Figuren, die unglaublich vielschichtig sind. Während man Ihre Filme schaut, taucht immer noch eine weitere neue Ebene auf. Das ist ziemlich ungewöhnlich...

Jaquemet: Wenn Sie es wirklich wissen wollen: Ich halte nichts von der These, dass der Zuschauer die Psychologie der Figuren ganz durchschauen können muss. Menschen sind auch in Wirklichkeit vielschichtig und in sich selbst widersprüchlich. Ich schreibe intuitiv und versuche, das Intuitive im Drehbuch drin zu behalten. Als Autor finde ich es schön, wenn mich eine Figur überrascht, wenn sie einen eigenen Charakter entwickelt, und ich ihr letztes Geheimnis nicht kenne.



Fotos: © Film Kino Text; Picture Tree International/First Hand Films


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