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Am Abgrund tanzen

Montag, 09.12.2019

Eine Auseinandersetzung mit dem Kino von Victor Kossakovsky anlässlich des Kinostarts seines Dokumentarfilms „Aquarela“

Diskussion

Der 1961 in Leningrad geborene Filmemacher gehört seit den 1990er-Jahren zu den prominentesten russischen Dokumentarfilmregisseuren. Sein jüngster Film, „Aquarela“ (Kinostart: 12.12.) setzt eine Tendenz fort, die sich schon länger in seinem Schaffen abzeichnet: eine Bewegung weg von konkreten Lebensbedingungen hin zum großen Bilderkino, das weniger nach dem Konkreten als nach den ganz großen Zusammenhängen sucht.


Wenn man als Mitstudent in die Wohnung von Victor Kossakovsky eingeladen wurde, musste man auf einiges gefasst sein. Es wurde nicht wild diskutiert, getrunken, geschrien und getanzt, doch das war nicht alles, was der 1961 in Leningrad geborene Filmenthusiast von einem verlangte. Es gab eine Abmachung. Wenn man sich auf einen Stuhl oder Tisch stellte und allen Anwesenden minutiös schilderte, was man am Tag erlebt habe, und sämtliche Fragen beantwortete, die einem dazu gestellt wurden, dann kochte Kossakovsky für einen. In gewisser Weise war das bereits ein Film: Eine besondere Situation, aus dem Alltag entnommen und überhöht, die bedingungslos nach Wahrheit durchleuchtet wurde.

Eine andere Szene, Jahrzehnte später. Kein Klettern, sondern ein Fallen. Kossakovsky recherchiert im hohen Gras auf dem Kamm einer Klippe. Er sucht nach Bildern für seinen Film ¡Vivan las antípodas!“. Ein Kameramann namens Carlos Klein begleitet ihn für die Dokumentation „Where the Condors Fly“. Plötzlich rutscht der Filmemacher weg und fällt in die Tiefe. Sofort schaltet Klein die Kamera aus und eilt ihm zu Hilfe. Kossakovsky ist nur zwei Meter tief gefallen, er hatte riesiges Glück. Später beschwert er sich halb im Ernst, dass sein Kollege die Kamera nicht habe laufen lassen.


Nette Menschen sollten keine Dokumentarfilme drehen

Kossakovsky ist einer der letzten Träumer des Kinos. Dabei gleicht sein Werdegang dem eines bodenständigen Arbeiters. Genau zwischen diesen beiden Polen spielt sich sein Kino ab. Der Boden und die Luft, das Arbeiten und das Philosophieren, das Denken und das Fühlen, das Kriechen und das Fliegen, die Bescheidenheit und der Größenwahn.

Mit 17 Jahren begann er seine Laufbahn als Assistent in den Leningrader Dokumentarfilmstudios. Später studierte er Drehbuch und Regie in Moskau. Ein besessener, emotionaler Querdenker, der für die perfekte Aufnahme durchaus den sorgfältig gepflegten Gemüsegarten einer Familie zerstört, um dann vor lauter Begeisterung über die gelungene Aufnahme zu weinen. Nette Menschen, gab er in einem selbstverfassten Regelwerk für Dokumentarfilme zu Protokoll, sollten vielleicht keine Dokumentarfilme drehen.


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