Schnipsel #9: Eigenexpertise

Montag, 09.12.2019

Die Diskussion um die Digitalisierung von Filmen leidet am mangelnden Verständnis für die technischen Dimensionen des Medientransfers. Eine VHS-to-DVD-Erinnerung in eigener Sache

Diskussion

Ein Grund, warum die Diskussionen um den Erhalt des Filmerbes nicht so richtig zum Topthema taugt, liegt vielleicht auch daran, dass alle angeblich Bescheid zu wissen scheinen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Erfahrungsbericht in Sachen Medientransfer von Siegfried-Kracauer-Stipendiat Matthias Dell.


Michael Hollmann, der Präsident des Bundesarchivs, zu dem im wiedervereinigten Deutschland nach westdeutscher Manier das Filmarchiv des Landes gehört (die DDR hatte ja ein eigenes „Staatliches Filmarchiv“), berichtete bei einem Pressetermin im Frühjahr, welchen Schwierigkeiten er in der Diskussion mitunter begegnet. Oder besser gesagt: Wie einfach sich das Gegenüber in der Politik die Sache mit dem Aufbewahren von Filmen bisweilen vorstellt. Schon öfters sei ihm pures Unverständnis entgegengeschlagen, warum er so einen „Ballyhoo“ um die Digitalisierung mache. Ein digitalisierter Film passe doch auf eine DVD, habe also eine Größe von maximal 4,7 Gigabyte.


„Das glaubt man uns nicht wirklich“

Das Unverständnis, das Hollmann entgegenschlägt, wenn er allein die Dimension der benötigten Speicherkapazitäten verdeutlichen will, die pro Scan bei 8 bis 10 Terrabyte liegen, hat mit der Anwenderperspektive zu tun: Filme sind heute so einfach zugänglich wie vor der Erfindung der Videokassette nur Bücher. Entsprechend wird Hollmann dann mit Selbsterfahrungsberichten konfrontiert, wo jemand selbst tausende Filme zu Hause sicher aufbewahrt wähnt oder von CDs aus den 1980er-Jahren redet, die noch immer tadellos liefen. Hollmanns leise Verzweiflung: „Die Szenarien über den Verfall der aus meiner Sicht ephemeren Datenträger glaubt man uns nicht so wirklich.“

Dabei könnten die Erfahrungen, die bei der Migration der eigenen privaten Filmbibliothek im Zuge wechselnder Speichermedien gemacht werden, durchaus hilfreich sein, einen Begriff für die Probleme zu bekommen, vor denen das Bundesarchiv-Filmarchiv steht. Zumindest würde ich das in meinem Fall behaupten, an den ich unlängst erinnert wurde. Durch einen Freund, den ich in dieser Zeit kennengelernt hatte und dem meine Erzählungen vom rund um die Uhr laufenden Videogerät mit angeschlossenem DVD-Rekorder noch im Gedächtnis waren.

Die Sammlung umfasste zu diesem Zeitpunkt, Anfang der Nuller Jahre, ungefähr 400 VHS-Kassetten. Auf denen hatte ich seit Mitte der 1990er-Jahre Filme aufgenommen; anfangs wurden dafür Programmzeitschriften sehr gründlich durchgesehen und mit Anstreichungen markiert. Das Aufnahmeformat war LP, Longplay, was ökonomische Gründe hatte (auf eine Kassette mit 240 Minuten Laufzeit passten so 480 Minuten, meist vier Filme).


Die cheffig wirkenden DVDs

Was aber auch mit einem unterentwickelten Materialbewusstsein zu tun hatte: Die SP/LP-Wahl war für mich keine Frage, es ging um Quantität, darum, möglichst viel aufzunehmen; dass dies qualitative Abstriche bei der Aufzeichnung bedeutete, störte mich nicht. Auch, weil ich mich dafür nicht interessierte und davon nichts verstand.

Im Grunde bestimmte dieser Zustand meine gesamte VHS-Zeit. Selbst beim Überspielen der VHS-Kassetten auf DVDs ging ich noch davon aus, dass meine Filmsammlung im Grunde nur zeitgemäß umzukopieren wäre, um künftig von den Vorzügen der damals so cheffig wirkenden DVD zu profitieren (weniger Lagerraum, schärferes Bild).

Also liefen über ein halbes Jahr die Geräte fast ohne Unterbrechung. Es machte durchaus Freude, sich an einem System höchstmöglicher Effizienz zu versuchen, bei dem die Zeitpläne vorausschauend durchgetaktet sein wollten. Die überspielten VHS-Kassetten wurden umgehend entsorgt, was jenes Zufriedenheitsgefühl bescherte, mit der Marie Kondo heute Geld verdient. Im Original wurden nur wenige, besondere VHS-Kassetten behalten.

Im Grunde war das Ganze ein Projekt, dessen eigentlicher Sinn in der Durchführung bestand, nicht im Ergebnis. Eine Art Übergangsritus, an dessen Ende mir schlagartig die Bedeutsamkeit von Material und die Spezifik von Medien vor Augen standen. Das Überspielen der letzten VHS-Kassette war kein Triumph, sondern eine Niederlage – mit einem Male kam mir meine Filmsammlung wertlos vor, weil die VHS-LP-Ästhetik in der digitalen Fixierung einfach nicht gut aussah.


Herr Hollmann, I feel you

Fast würde ich sagen: Seitdem ist der Zugriff auf die eigene Filmbibliothek rapide gesunken. Das einzige, was ich darin schon kurze Zeit nach dem ganzen Umkopierungsaufwand noch suchte und schaute, waren die wenigen Fernseh-Trouvaillen, die ich eher zufällig als im Wissen um ihre Bedeutung aufgenommen hatte, und die es sonst nirgendwo gab. Für den Rest wurden DVDs oder Files die erste Wahl.

Deswegen: Herr Hollmann, I feel you.


Alle „Schnipsel-Blog-Beiträge und Essays, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums von Matthias Dell entstehen, finden sich hier.

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