© Werkfoto zu "Das Schloß", © Roger Corbeau

Der Rebell von der Alm

Mittwoch, 11.12.2019

Das Deutsches Filmmuseum in Frankfurt widmet Maximilian Schell bis zum 19. April 2020 eine beeindruckende Ausstellung.

Diskussion

Das Deutsche Filmmuseum Frankfurt nutzt den umfangreichen Nachlass des Weltstars Maximilian Schell für eine eindrucksvolle Hommage. Das perfektionistische Multitalent, dem nach seinem „Oscar“ für „Urteil von Nürnberg“ die Welt als Schauspieler, aber auch als Film- und Opernregisseur offenstand, eckte leicht an und fühlte sich als ruheloser Weltbürger oft einsam und unverstanden.


Er war ein Multitalent aus gutbürgerlich-künstlerischem Hause. Maximilian Schell, 1930 in Wien als Sohn eines Schweizer Schriftstellers und einer österreichischen Schauspielerin geboren, war einer der wenigen deutschsprachigen „Weltstars“. Zu Hause in Hollywood wie auch in der Kärntner Heimat und in vielen künstlerischen Zwischenwelten. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland emigrierte die Familie Schell 1938 nach Zürich. Dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie folgte die Qual der Wahl zwischen den Begabungen für Musik, Sport, Malerei und Schauspielerei. Schell entschied sich für eine Bühnenlaufbahn und startete 1953 seine Karriere an der Basler Komödie als Regisseur, Dramaturg und Darsteller in Personalunion.

Aus der Ausstellung
Aus der Ausstellung

Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt hat im Jahr 2016 mit Unterstützung der Hessischen Kulturstiftung den 130 Kisten umfassenden Nachlass von Maximilian Schell übernommen. Aus diesem Fundus haben die Kuratoren Hans-Peter Reichmann und Isabelle Bastian nun eine beeindruckende Ausstellung mit alten und neuen Perspektiven auf Leben und Werk des rebellischen Exzentrikers erarbeitet. Sie sprechen von einer „Collage aus Schrift- und Fotodokumenten“ und tauchen in Vitrinen drapierte private Notiz- und Drehbücher, Familienaufnahmen, Briefe und Verträge in ein minimalistisches Ausstellungsdesign. Der reich bebilderte Katalog bietet mit sachkundigen Aufsätzen eine hervorragende Ausgangsbasis für die weitere Beschäftigung mit dem Künstler.

Eine klug reduzierte Präsentation

Schon im Foyer erwartet den Besucher eine umfassende Übersicht zu Schells Film-, Theater- und Fernseh- sowie Talkshow-Auftritten. Digitale Leinwände mit Szenenfotos und Filmausschnitten bereiten auf den sieben Jahrzehnte umspannenden Kosmos aus Jugend, Glamour, Boulevard, Malerei, Refugium und den weißen Raum zum Mythos Marlene Dietrich vor. Eine klug reduzierte, anregende audio-visuelle Präsentation - zum Sehen und Hören, Lesen und Nachdenken.

Den Eingangsbereich der Ausstellung dominiert die Blickachse aus Rotem Teppich, der „Oscar“-Statue für die Leistung in „Urteil von Nürnberg“, dem riesigen Szenenfoto des Preisträgers und einem Monitor mit der eineinhalb Minuten langen Dankesrede. Direkt dahinter, auf grünem Kunstrasen, der Verweis auf die Kehrseite: Schells Refugium, eine Alm, mit einem 360-Grad-Panoramaschwenk über die Umgebung. Eine heimelige, fast biedermeierliche Atmosphäre verströmt der Hochzeitstisch, der 2013 anlässlich der Trauung mit der 47 Jahre jüngeren Opernsängerin Iva Mihanović ins Rampenlicht rückte.

Der Schell-"Oscar" in Frankfurt/Main
Der Schell-"Oscar" in Frankfurt/Main

Sein Filmdebüt gab Maximilian Schell in László Benedeks „Kinder, Mütter und ein General“ (1955) als „namenloser Soldat, der nicht mehr mitmacht“. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wird er zum Tod durch Erschießen verurteilt; ins Gedächtnis hat sich eine intensive Szene mit dem Vorgesetzten, dem ebenfalls jungen Klaus Kinski, eingebrannt. Nach Zwischenstationen in der Zuckmayer-Adaption „Ein Mädchen aus Flandern“ von Helmut Käutner und „Ein Herz kehrt heim“ spielte Schell an der Seite von Marlon Brando, Montgomery Clift und Dean Martin im Antikriegsfilm „Die jungen Löwen“ von Edward Dmytryk.

Ein „Oscar“ als bester Hauptdarsteller

Dann aber wurde alles anders. Für seine herausragende Interpretation des deutschen Verteidigers Hans Rolfe im Schwarz-weiß-Klassiker „Urteil von Nürnberg“, an dem sich die Ankläger leitender NS-Juristen die Zähne ausbeißen, erhielt Schell 1962 den „Oscar“ als bester Hauptdarsteller und einen „Golden Globe“. Von den fünf Filmplakaten zu „Urteil von Nürnberg, die in der Ausstellung zu sehen sind, besticht die spanische Verleihwerbung mit einem Hakenkreuz, in das die Mitwirkenden der Produktion eingepasst sind.

Damit standen Schell alle Türen offen. Das Brot der frühen Jahre, die Routine der Konfektionsware waren (zunächst) vorbei. Als Theaterschauspieler reüssierte er – vom „Jedermann“ an der Studentenbühne in Zürich über diverse „Hamlet“-Interpretationen in dem Fernsehfilm „Hamlet“ (1961) von Franz Peter Wirth, über den vielzitierten Hamlet unter Gustaf Gründgens 1963 in Hamburg bis zum „politischen“ 1968er-Porträt in München. Auch als Film- und Opernregisseur konnte Schell seine künstlerischen Visionen verwirklichen. Der neue deutsche Film, der Papas Kino für tot erklärte, zeigte dann aber trotz des „Oscar“-Erfolgs kein Interesse an Maximilian Schell.

In "Das Urteil von Nürnberg"
In "Das Urteil von Nürnberg"

Der Beau, der unwiderstehliche Charmeur, der Frauenheld par excellence war zeitlebens ein Getriebener; ein Narziss mit dem Stigma fehlender Wertschätzung – emotional im Schatten seiner erfolgreichen Schwester Maria Schell stehend. Der Perfektionist, der einerseits im Bodenständig-Bäuerlichen verwurzelt war, aber zugleich die Aura des weltmännischen Intellektuellen ausstrahlte, kämpfte mit dem Nimbus, „speziell“ zu sein, wie die Schweizer sagen. Rastlos und hungrig nach Anerkennung, brauchte seine Seele das Kräftetanken auf der Kärntner Alm bei Preitenegg, wo er hinter der bescheidenen äußeren Fassade eines über 200 Jahre im Familienbesitz befindlichen Berghofs einen komfortablen Wohnbereich mit einem Hallenschwimmbad für seine Arbeit, die Musik und sein Wohlbefinden schätzte.

Ein heimatloser Wanderer zwischen den Welten

Das bleibt dem Betrachter verborgen, wenn man Maximilian Schell auf dem von Jim Rakete 2011 inszenierten Foto vor der Jagdhütte (mit dem Motto „Waidmannsheil“) auf der Holzbank sitzen sieht. „Ich habe eigentlich gar keinen Beruf. Ich wandere durch das Leben und alle Bereiche der Kunst“, gestand der Weltbürger. Als Heimatloser fühlte er sich dem Schicksal Marlene Dietrichs nahe, wenn er sagte: „Ich habe eigentlich immer gefunden, dass ich nie irgendwo zu Hause war.“

Und doch liebte Schell die großen Auftritte, Bälle, Galas und die Aura des Ruhms, auch den Glanz des Hollywood-Stars. In dieser Welt des Jetsets, wo Sehen und Gesehenwerden zum Geschäft zählt, brillierte er mit dem lässigen Künstlerschal als Markenzeichen. Hinter dieser Maske des schönen Scheins gab es aber auch den Introvertierten, den Verlorenen, der wie in Trance ein „Psychogramm der Sehnsucht“ entwarf, so in der Paraderolle als Landvermesser K. in Rudolf Noeltes karger Kafka-Verfilmung „Das Schloß“ (1968).

Der als Kind mit seinen Eltern in die Schweiz Geflüchtete, der zeitlebens einen österreichischen und einen Schweizer Pass besaß, verkörperte immer wieder auch sehr differenziert Deutsche in Historien-, Kriegs- und NS-Filmen. Der mehrsprachige Mime hinterließ in „Simon Bolivar“, „Die Akte Odessa“, „Steiner– Das Eiserne Kreuz“, „Die Brücke von Arnheim“, „Julia“ „Peter der Große“ oder „Der Rosengarteneinen bleibenden Eindruck.

Im Regiefach reizten den gebildeten Kosmopoliten Literaturadaptionen – Iwan Turgenjews „Erste Liebe“ (1970), Friedrich Dürrenmatts Der Richter und sein Henker“ (obgleich ohne kommerzielle Fortune) oder Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Die Kritik reagierte jedoch oft ausweichend, zurückhaltend. So erlebte er 1994 beim Boykott und vorzeitigen Abbruch des Musicals „My Fair Lady“ in Hamburg Höhen und Tiefen eines Publikumsmagneten.

Schell hinter der Kamera: Beim Dreh zu "Der Fußgänger" (1972)
Schell hinter der Kamera: Beim Dreh zu "Der Fußgänger" (1972)

Maximilian Schell und die Frauen

Die geschickten Marketingstrategien im „Kunstuniversum“ jener Jahre reflektieren und bedienen zugleich das Spiegelbild der Zeit: „Natürlich bin ich ein Macho!“, titelte das Schweizer Boulevardblatt „Blick“, während die „Frau im Spiegel“ die Leserschaft mit der Schlagzeile „Über mein Privatleben spreche ich nicht!“ lockte. Maximilian Schell funktionierte als begehrter Junggeselle (ein 1960 in Rom entstandenes Foto dokumentierte sein längeres Verhältnis mit Soraya), als Gentleman, der schweigen und genießen konnte, der seine enge Mitarbeiterin und langjährige Lebensgefährtin, die Cutterin Dagmar Hirtz, nie offiziell zur Favoritin erklärte.

In der Ausstellung in Frankfurt ist auch noch eine andere Seite von Schell zu entdecken: die Zeiten der Depression, das Leiden an der Einsamkeit, die Eifersucht und der künstlerische Wettkampf mit seiner Schwester Maria, der er 2002 in „Meine Schwester Maria“ ein bezeichnend ambivalentes Porträt widmete. Verdienstvoll ist auch, dass die Frankfurter Ausstellung auf die weniger bekannte Passion des Kunstliebhabers und –sammlers aufmerksam macht. Ein Picasso-Replikat mit Originalwidmung des Malers, Bronzestatuen, Bilder des eng befreundeten Bauhaus-Künstlerehepaars Anni und Josef Albers, Arbeiten von Mark Rothko, Paul Klee, Jean Dubuffet oder Victor Vasarely weisen auf Schells große Leidenschaft hin. Es muss ein Drama gewesen sein, als er viele bedeutende Werke bei Christies versteigern lassen musste, um die Schulden seiner dementen Schwester Maria zu begleichen.

Für Aufsehen und Anerkennung sorgte die Filmbiografie „Marlene“ (1984), für die Schell die in ihrer Pariser Wohnung zurückgezogene Marlene Dietrich 14 Stunden lang interviewen, aber nicht ablichten durfte. „Sie ist schwierig, sie will niemanden sehen“, schrieb er in sein Notizbüchlein. Ein in weißen Stoff gehüllter Raum mit Fotos von der nachgebauten Wohnung, mit einer Audio-Kompilation des Gesprächs und verächtlichen Bemerkungen des gefürchteten Stars kreiert eine andächtig-gespenstische Atmosphäre.


Hinweis:

Maximilian Schell. Sonderausstellung im Filmmuseum Frankfurt. Bis 19. April 2020. Geöffnet: Di-Do, Sa-So 10-18 Uhr, Fr 10-20 Uhr. Katalog (320 S., zahlr. Abb.) 39,80 EUR.




Fotos: oben: Werkfoto zu "Das Schloß", © Roger Corbeau. Andere Bilder © Deutsches Filminstitut


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