© Alamode (aus "Porträt einer jungen Frau in Flammen")

Wenn Frauen schauen

Dienstag, 17.12.2019

Der „Female Gaze“: Zu Geschichte und Revival eines Begriffs

Diskussion

In den letzten Jahren scheint im Kino, aber auch im Serienfernsehen eine bisher marginalisierte „Sehweise“ eine immer größere Rolle zu spielen. Die Rede ist vom „female gaze“, dem „weiblichen Blick“, wie er jüngst beispielhaft in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von Céline Sciamma inszeniert wurde. Höchste Zeit für eine Begriffsklärung.


In den letzten Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, im Kino – aber auch im Serienfernsehen – sei mehr oder weniger unvermittelt eine bis dahin unbekannte „Sehweise“ aufgetaucht, die sich regelrecht zu vermehren scheint. Die Rede ist vom „female gaze“, dem „weiblichen Blick“. Plötzlich scheint er sich überall bemerkbar zu machen: in den Programmreihen der Festivals und Kinematheken, in den Ausstellungshäusern, aber auch in der Filmkritik. Die „Los Angeles Times“ titelte etwa: „From ,The Handmaid’s Tale' to ,I Love Dick' the female gaze is thriving on television, während an anderen Stellen immer wieder die Frage auftauchte: Was ist der „female gaze“ und wie erkennt man ihn?


Bedeutung und Entleerung eines Begriffs

Der Begriff „female gaze“ ist derzeit so populär wie vage, und er wird für alles Mögliche benutzt (da der Begriff im deutschsprachigen Raum häufig nicht übersetzt wird, ist er im Folgenden ebenfalls im Englischen belassen). Mal bezeichnet er die simple Tatsache, dass Frauen Filme machen und durch ihre Position hinter der Kamera Trägerinnen des Blicks sind, mal steht er gleichbedeutend mit dem ebenfalls schwer zu bestimmenden Begriff der „weiblichen Sensibilität“ (female sensibility). Mal meint er die plumpe Umdrehung des „männlichen Blicks“, mal beschreibt er ein differenziertes Konzept weiblicher Blickautonomie. Anders gesagt: Mal meint er etwas sehr Spezifisches, mal ist er nicht mehr als zeitgeistiger Jargon oder Marketingstrategie (etwa wenn inzwischen auch Blockbuster wie 3 Engel für Charlie mit dem entsprechenden Gütesiegel beworben werden).

"3 Engel für Charlie": Weiblicher Blick oder doch nur typischer "eye candy"?
"3 Engel für Charlie": Weiblicher Blick oder doch nur "eye candy"? © Sony

Der „female gaze“, so scheint es, ist nicht leicht zu lokalisieren, denn er ist nicht nur da zu finden, wo er explizit genannt wird (etwa in der Viennale-Reihe „Der weibliche Blick“, die sich der Wiederentdeckung der Filmpionierin Louise Kolm-Fleck widmete), sondern auch dort, wo er pluralisiert und zur Beliebigkeit ausgedehnt wird wie etwa 2019 in der Retrospektive der "Berlinale" „Selbstbestimmt – Perspektiven von Filmemacherinnen“; darin ging es um das Filmschaffen von Regisseurinnen in der ehemaligen DDR und in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1968 bis 1999.

Besonders häufig tauchte "female gaze" in diesem Jahr in Zusammenhang mit Lorene Scafarias Stripperinnen-Film Hustlers und Céline Sciammas Historienfilm Porträt einer jungen Frau in Flammen auf. Während Scafaria die Monetarisierung des weiblichen Körpers mit einer subversiven Blickanordnung verknüpfte (eine interessante Prämisse macht allerdings noch keinen guten Film), etablierte Sciamma eine Schauanordnung, die allein von Frauen definiert und bespielt wird.

Dabei hatte die Art und Weise, wie „Porträt einer jungen Frau ...“ von großen Teilen der Kritik als eine Art Stunde Null des „female gaze“ gepriesen wurde, in der Missachtung der langen, wenn auch fraglos erschreckend unterrepräsentierten Geschichte des weiblichen Filmschaffens auch etwas zutiefst Ahistorisches. Denn sollte es so etwas geben wie den „female gaze“, dann existiert er so lange, wie Frauen Filme machen. Zu nennen wären etwa die Arbeiten von Louise Kolm-Fleck, Maya Deren, Do

Filmdienst Plus

Kommentar verfassen

Kommentieren