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Filmklassiker: Ist das Leben nicht schön?

Mittwoch, 18.12.2019

Frank Capras sozialkritisches, mit märchenhaften Zügen angereichertes Melodram zählt zu den zeitlosen Filmklassikern

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Schön, dass es ihn gibt! Frank Capras sozialkritisches, mit himmlisch-märchenhaften Zügen angereichertes Melodram mit James Stewart gehört nicht nur zur Weihnachtszeit zu den zeitlosen Filmklassikern. Jetzt erstrahlt der Film frisch restauriert auf BD und 4k-UHD.


Ein wahrhaft himmlischer Einstieg: Da unterhalten sich die Oberengel Franklin und Joseph im Himmel über das Schicksal eines Menschen, der sich gerade umbringen will. Zu sehen bekommt man während dieser Erörterung das Panorama des Weltalls und zwei benachbarte Galaxien, die blinken, als würden sie sich die aus dem Off zu hörende Konversation gegenseitig zumorsen.

Das Schicksal, um das es hier geht, ist das von George Bailey (James Stewart), und ein wenig auch das seines Schutzengels Zweiter Klasse, Clarence (Henry Travers), der sich seine Flügel verdienen will, um nach 200 Jahren endlich ein vollwertiger Engel zu sein. Beiden bleibt nicht viel Zeit. Kann der Selbstmord aus Verzweiflung verhindert werden?

Mit dieser Frage als spannungsdramaturgische Klammer rollt der Film in etwa 100 Minuten die bewegte Vorgeschichte von George Bailey auf: wie er vom Jungen zum Erwachsenen wurde, dabei immer ein aufrechter Mann mit Prinzipien und mit einem Herz blieb – und jetzt doch an Weihnachten verzweifelt auf einer Autobrücke steht, um sich in den Fluss zu werfen.

Ein Weihnachtsmärchen

Umgesetzt ist das in schlichtem Schwarz-weiß und mit Figuren, die genau so schwarz und weiß sind, so gut und so böse. Das kann man klischeehaft und auch ein bisschen kitschig finden, ist aber so wahr wie ein Märchen – und genau das ist „Ist das Leben nicht schön“ von Regisseur Frank Capra letztendlich auch. Genauer: Ein Weihnachtsmärchen um soziale Kälte, in die ein Lichtschein von Hoffnung und Mitmenschlichkeit fällt. Dementsprechend ist es nur konsequent, dass der Film an Weihnachten spielt und es so verrückt stürmt und schneit, dass es für all das Gestöber sogar eine Ton-„Oscar“-Nominierung gab. Heute gehört „Ist das Leben nicht schön“ zu den Klassikern unter den Weihnachtsfilmen!

Die Lage scheint zwischendurch aussichtslos, doch glücklicherweise hat George Bailey (James Stewart) einen guten Schutzengel
Die Lage scheint zwischendurch aussichtslos, doch glücklicherweise hat George Bailey (James Stewart) einen guten Schutzengel

Das verdankt er nicht zuletzt der von James Stewart mit fragiler Schlaksigkeit verkörperten Hauptfigur George Bailey, der auf einem Ohr nichts mehr hört, weil er einst seinen kleinen Bruder aus dem Eiswasser eines Teiches rettete. Ein Mann, der seinen Vater als den „gütigsten Menschen der Welt“ bezeichnet, weil der arme Bausparer vor der Gier der Bank bewahrte; in einer Zeit, in der die USA zwischen Nachkriegsdepression und hemmungslosem Gewinnstreben hin- und hertaumelte. Selbst in seiner Sturm- und Drangzeit stellte George Bailey das Wohl seines Bruders vor sein eigenes. Er blieb daheim in Bedford Falls, als andere ihr (monetäres) Glück woanders machten: Das Musterbild eines guten, rechtschaffenen Menschen.

Ein „All American Hero“

Natürlich liegt eine gewisse Ironie darin, einen Film, der um einen potentiellen Selbstmörder kreist, „Ist das Leben nicht schön?“ zu nennen. Und dann zwei Stunden lang von traurigen und dramatischen Wendungen zu erzählen, die den Helden zu seiner Verzweiflungstat motivieren und den Film zu einem exemplarischen Melodram machen, bei dem die Zuschauer mehr Tränen vergießen, als es trockene Taschentücher gibt. Doch „Ist das Leben nicht schön?“ handelt eben auch von Barmherzigkeit und Güte, von Gott und einer Welt, in der ein wahrer Christ vor allem ein Altruist ist. Ein Film, der trotz seines Hangs zum Pazifismus eine wahre Kampfansage gegen Neoliberalismus und den Kapitalismus darstellt.

James Stewart verkörpert sieben Jahre nach seinem Auftritt in „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939) und 15 Jahre vor „Der Mann, der Liberty Wallace erschoss“ (1961) eine Variante des „All American Hero“, die sich nicht durch Stärke und Selfmade-Mentalität hervortut, sondern durch ihren Gemeinsinn. Und das ohne kitschig zu wirken, sondern gewitzt, unkonventionell, augenzwinkernd und unsagbar aufrichtig. Gerade weil diese Figur, und mit ihr der ganze Film, ohne Scheu vor Pathos zu ihrem Idealismus steht, zählt „Ist das Leben so schön?“ zu den schönsten und besten Filmen aller Zeiten.

Vom Grauschleier befreit

71 Jahre hat es gedauert, bis „Ist das Leben nicht schön?“ von seinem Grauschleier befreit wurde. Das originale Master des Films war weitgehend intakt, so dass die Restaurierungsarbeiten – vor allem im der 4K-UHD-Version – eindrucksvoll zum Abschluss gebracht werden konnten. Das ist nicht selbstverständlich für einen Filmklassiker aus dem Jahr 1946, dem seinerzeit der erhoffte Erfolg verwehrt blieb. Auch die deutsche Tonspur (Dialogbuch und Umsetzung hatte Regisseur Frank Capra selbst beaufsichtigt) ist dem Alter gemäß in gutem Mono-Sound erhalten, sodass man auch kleine Eigenheiten mitbekommt, etwa das „Lohengrin“-Thema in der Filmmusik, das man der einleitenden Erörterung zwischen den Engeln in der deutschen Fassung „exklusiv“ unterlegt hatte; so offen gegenüber deutscher Kultur waren die US-Amerikaner 1946 dann doch noch nicht!

So bleibt dieses Porträt über das Gute im Menschen jetzt in würdiger Form für die Nachwelt erhalten. Denn eine Welt ohne George Bailey wäre fürwahr eine schlechtere. Den Engeln und Hollywood sei Dank!

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