© Disney (aus "Avengers: Endgame")

Das Kino stirbt. Es lebe der Film!

Freitag, 03.01.2020

Filmkonsum in Zeiten des "Streaming Wars": Zur Zukunft des Kinos

Diskussion

Thomas Alva Edison hat sich einmal geirrt. Er glaubte, die Zukunft des Films seien seine ab 1891 von Chefingenieur Dickson entwickelten „Kinetoskope“, große schwarze Kästen mit Einblick-Kucklöchern von oben. Dass sich das Publikum daran gewöhnen würde, gemeinsam im Dunkeln eine Projektion zu sehen und dieser eine besondere Magie zuzusprechen, hat er nicht glauben können. Ebenso wenig wie dass daraus eine mächtige Illusionsindustrie in Hollywood wachsen würde, die ab 1929 zum Tonfilm wurde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg trat das Fernsehen, ironisch auch als „Pantoffelkino“ bezeichnet, seinen Siegeszug an, der in den 1950er Jahren zur ersten großen „Kinokrise“ mit massiven Einbrüchen bei den Zuschauerzahlen auf etwa ein Fünftel der vormaligen Rekordmarke führte, die durch die Erfindung der Videokassette 1980 und des DVD-Booms in den 1990er Jahren sich immer weiter reduzierte. Nun steht der nächste weltweite Wandel bevor, der die New York Times kürzlich fragen ließ: „Wie wird das Kino, wie wir es kennen, die nächsten 10 Jahre überleben?"


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Zwar – so der Befund wichtiger Entscheidungsträger der Filmbranche – werden die bevorstehenden „Streaming Wars“ in geringerem Umfang die (in Deutschland 4900) Kinoleinwände betreffen und stattdessen massiv die Fernsehwelt erschüttern. Doch auch was das Kino betrifft, das nach der aktuellen Studie der FilmFörderungsAnstalt (FFA) in den nächsten 10 Jahren um ca. 10 Prozent einbrechen wird, sei es zweifelhaft, ob jenseits der massentauglichen Blockbuster mit weltweitem Milliardenumsatz von „Star Wars“ bis „Avengers: End Game“ noch Platz sein wird für das, was wir seit den 1960er Jahren als „Autorenkino“ bezeichnen.

Eine Zukunft für das fast rituelle Kinoerlebnis?

Das ist schon durch seine Herkunftsgeschichte von der französischen „Nouvelle Vague“ besonders an die Magie des Kino-Ortes gebunden, schließlich ist es ein Kino, das von Filmafficinados gegründet wurde, die dem dunklen Saal, in dem man gemeinsam, aber dennoch alleine seine Erfahrungen macht, besonderen Wert zumaß. Vielleicht ist ein derartig besonderes, fast ans Rituelle heranreichende Kinoerlebnis in Zeiten von Nacho-Theken und anderen steigenden Concession-Umsätzen sowieso an ein Ende gekommen. Interessant ist in diesem Zusammenhang zum Beispiel, dass sich ein „Hauptverband Cinefilie“ gegründet hat zur Errettung des Kinos in der Tradition von Truffaut und Godard, da, wo es hingehört – in Häusern, die sich ganz ähnlich wie Opernhäuser dem speziellen Zweck verschreiben, eine anspruchsvolle Kunstform zu erhalten.

Dabei ist die Kinowirtschaft immer besonders gnadenlos damit umgegangen, wenn sich irgendetwas nicht mehr rechnete. Stummfilme waren innerhalb weniger Jahre der „Schnee von gestern“, ebenso wie mehrfach 3-D- Innovationen oder Soundkapriolen der Extraklasse. Kaum verwunderlich ist daher wie deutlich etwa Erfolgsregisseur J.J. Abrams („Star Wars: The Rise of Skywalker“) oder Produzenten wie Jason Blum („Whiplash“) die steigende Nervosität und die Unsicherheit gegenüber der Zukunft in Hollywood zu spüren vermögen. Joe Russo (Regisseur von Avengers: Endgame“) fragt sich etwa, wie man angesichts der vielen Möglichkeiten, audiovisuelle Inhalte sehen zu können, Menschen dazu bringen kann, das Heim zu verlassen. Über die gängigen vier bis fünf Kinobesuche pro Jahr dürfte es kaum hinausgehen, wobei die genannte Studie der FFA in Deutschland auch einen Trend zu „älteren Besuchsgruppen mit niedrigerer Besuchsintensität“ feststellt. Davon profitieren vor allem Filmfestivals mit ihren besonderen Programmangeboten. Wie dem auch sei, die Abwanderung zu den Streaming-Angeboten wird zunehmen. Nach den mehr als 150 Millionen Nutzern von Netflix und mehreren kleinen Anbietern kommen jetzt die echten Schwergewichte mit ihren Angeboten auf den Streaming-Markt.

Gibt es fürs Kino Zukunftsaussichten jenseits von Blockbustern à la "Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers"(© Disney)
Gibt es fürs Kino Zukunftsaussichten jenseits von Blockbustern à la "Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers"? (© Disney)

Streaming Wars mit Disney

Neben Warner, HBO Max und Apple+ steigt 2020 mit Disney der größte Filmkonzern der Welt auch in Europa in die „Streaming Wars“ ein. Zum Beispiel mit dem „Star Wars“-Ableger: „The Mandalorian“ von Jon Favreau (mit dem deutschen Filmemacher Werner Herzog als Bösewicht). Ob das zum Ende des Kinos, wie wir es kennen, führen könnte, ist freilich Spekulation, schließlich schöpft Disney bisher auch den Kinomarkt der Welt ab. Wie die anderen Streaming-Portale wird auch Disney in Zukunft auch für diesen seiner Märkte direkt produzieren. Für Regisseure und andere Talents der Branche ist das eine gute Nachricht, denn mit allein 144 neuen Serien bei Netflix nehmen die Beschäftigungsmöglichkeiten für sie rapide zu. Die Ausgaben für Filme und Serien sollen bei Netflix nach vorsichtigen Schätzungen bei 15 Milliarden Dollar liegen, und auch Amazon, Apple+ und Disney kündigten schon abseits der Kinofilme Milliarden-Budgets an – zum Beispiel für ein Realfilm-Remake des Disney-Klassikers „Susi und Strolch“.

Manch ein Produzent macht sich auch öffentlich schon Gedanken darüber, ob dieser oder jener Film nicht besser gleich ins Streaming gegangen wäre, als ihm einen „katastrophalen Start“ im Kino zuzumuten - mit einem zu geringen und „zu alten“ Publikum. In aller Munde ist Martin Scorsese mit seinem grandiosen Gangster-Epos „The Irishman“, das ihn Netflix für die marktüblichen 150 Millionen Dollar produzieren ließ. Inzwischen ist der Film auch in Kinos rund um die Welt zu sehen, aber er ist vor allem ein Glanzstück der neuen Netflix-Firmenstrategie, die bei den demnächst verliehenen Golden Globes unter anderem für „The Irishman“ zu insgesamt 17 Nominierungen in 25 Kategorien führte. Amerikas renommiertester Regisseur ist voll des Lobes über die Produktionsbedingungen und lässt die Streitereien der letzten Jahre darüber, ob Cannes, Venedig oder Berlin Netflix-Filme überhaupt zeigen soll, schnell verblassen.

netflöix als neuer Hafen für Filmautoren? Martin Scorseses "The Irishman" (© Netflix)
Netflix als neuer Hafen für Filmautoren? Martin Scorseses "The Irishman" (© Netflix)

Auch der Kanadier David Cronenberg, gewiss nicht als besonders kommerzieller Regisseur verschrien, sieht die Entwicklung entspannt: „Die große Kinoleinwand löst sich in viele kleine auf, aber das stresst nur die Nostalgie-Hardliner“. Das Kino sehe er als eine Art Körper, und deshalb sei die Veränderungen normal – und wenn es von heute auf morgen verschwinden würde, sei ihm auch das egal, verkündete er in der kanadischen Zeitung „The Globe and Mail“.

Vermutlich aber wird dieser Tag nicht so schnell kommen und das Kino mit Leinwand und dunklem Kinoraum – das lernen wir aus der Mediengeschichte – keineswegs vollständig verschwinden. Eher wird es altmodisch und marginalisiert weiter existieren. Die Zukunft auch unserer Kinos, die so sehr durchgefördert sind, wird indes eine andere werden, und vielleicht werden sogar verloren geglaubte Dinge wie das Repertoire-Kino mit Filmklassikern aus aller Welt zurückkehren. Und nach wie vor wird es den besonderen Moment geben, wenn das Licht ausgeht und der Vorhang vor der Leinwand beiseite schwingt. Alles kann nun geschehen: die wunderbarsten magischen Dinge. Aber die können ja durchaus auch passieren, wenn man einen Computer einschaltet. Darum hatte Scorsese übrigens ausdrücklich gebeten, seinen Film nicht auf dem kleinen Handy zu sehen, sondern wenigstens ein Tablet dafür zu benutzen. Film bleibt und wird wieder und immer wieder eine neue Form finden, und wenn wir ihn eines Tages in die Luft vor uns projizieren können oder direkt im Kopf anknipsen. Wir wollen uns doch nicht irren wie Edison!

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