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„Die schönste Sache, die ich je gemacht habe!“

Freitag, 10.01.2020

Serienklassiker: Maurice Pialats "Das Haus im Wald"

Diskussion

Noch bis 13. Mai ist in der Arte Mediathek ein Stück französische Fernsehgeschichte zu entdecken: Maurice Pialats siebenteilige Serie „Das Haus im Wald“ aus dem Jahr 1971. Ein Coming-of-Age-Stoff über eine Kindheit im Krieg, mit dem der Regisseur, der bald zu einem der großen Filmemacher seiner Epoche wurde, eine frühe Talentprobe gab.


Der erste Eindruck ist ein stilistischer Schock, denn zuerst erinnert die siebenteilige Fernsehserie „Das Haus im Wald“ gar nicht an einen Film von Regisseur Maurice Pialat (1925-2003). Wir bestaunen eine hübsche, beinahe idyllische Bildergalerie tableauartiger Kompositionen und vermissen die provokante Rauheit von Pialats Inszenierweise und Kamerastil, wie man sie aus seinen bekanntesten und kraftvollsten Filmen – „Der Loulou“ (1980), „Auf das, was wir lieben“ (1983), „Die Sonne Satans“ (1987) oder „Van Gogh“ (1991) – kennt.

Hier geht es zu "Das Haus im Wald" in der arte Mediathek


Wo bleibt bei diesen pittoresk und distanziert gefilmten Plansequenzen die physische Nähe und Direktheit, die Pialat den Ruf einbrachte, ein „französischer Cassavetes“ zu sein? Wo bleibt die für Pialat typische Erkundung eruptiver Männer-Gewalttätigkeit, wie sie Gérard Depardieu bei ihm ideal verkörperte? Depardieu war Pialats Lieblingsdarsteller, in vielem (bullige Erscheinung, Rauheit, Lust an Provokationen) sein „Alter Ego“, ein Männertypus à la Picassos Minotaurus: tölpelhaft-tapsig, bei dem Gewaltausbrüche immer dicht unter der Oberfläche lauern, der zugleich aber voller Sehnsucht nach kindlicher Natürlichkeit und Reinheit Ausschau hält.

Ein Loblied auf das Landleben

Mit dieser Pialat-Männerwelt haben die sieben einstündigen Episoden von „Das Haus im Wald“ erst einmal nichts zu tun. Sie erzählen von Hervé, einem zehnjährigen Jungen, der in seinem offenen, strahlenden Kindsein das Glück hat, das ländliche Leben als Abenteuer und festliches Geschehen erfahren zu können. Pialat hält das in quasi-impressionistischen Genrebildern fest, die daran erinnern, dass Pialats erste Liebe, bevor er sich dem Filmemachen zuwandte, der bildenden Kunst galt.

Das eher beschauliche als dramatische Geschehen spielt sich während der letzten beiden Jahre des Ersten Weltkriegs ab: die Männer sind an der Front, es bleiben Frauen, Alte, Kriegsverletzte und vor allem Kinder als Personal einer Geschichte, die vor dem Hintergrund des Krieges ein Loblied auf das Landleben singt. Das titelgebende Haus liegt eigentlich nicht im Wald, sondern am Rand des Waldes und gehört zu seiner dörflichen Gemeinschaft, in der die Kirche und der Herr Pfarrer das selbstverständliche Zentrum bilden.




Als Hausherrn begegnen wir dem liebenswerten, gutmütigen Wildhüter Albert Picard. Mittelpunkt und Seele des Hauses freilich ist seine Frau Jeanne, die nicht nur von ihren beiden, beinahe schon erwachsenen Kindern „Maman Jeanne“ genannt wird, auch von den drei etwa zehnjährigen Jungs, die im Frühsommer 1917 bei ihr einquartiert werden. Die drei Kinder stammen aus Pariser Familien, deren Väter an der Front sind. Sonntags erhalten sie Besuch von ihren Müttern – nur einer von ihnen, Hervé, hat keine Mutter, die ihn besuchen könnte.

Ein Leben, das aus kindlicher Perspektive paradiesische Züge trägt und doch epochal zu Ende geht

Die Frage, warum sie zu Kriegsbeginn Ehemann und Kind verlassen hat, geistert geheimnisumrankt durch alle Episoden. Hervé wird immer deutlicher ins Zentrum der Erzählung gerückt, aber in den ersten Episoden lässt sich Pialat Zeit, das ländliche Leben in aller Ausführlichkeit zu schildern, das für die drei Jungs aus Paris unter der gütigen Aufsicht von Maman Jeanne Abenteuer pur ist: Sie streifen durch den Wald, suchen nach Vogelnestern, spielen Krieg, füttern Hühner und Hasen, kümmern sich um eine kleine Elster, singen im Kirchenchor, rezitieren patriotische Parolen in der Schule, wo Maurice Pialat sich auch als Darsteller zeigt: in der Rolle eines bemühten, aber reichlich hilflosen Aushilfslehrers.

Hervé kann in seiner unbekümmerten Art schnell Kontakte knüpfen, lernt den eleganten und melancholischen Grafen aus dem nachbarschaftlichen Schloss kennen, befreundet sich mit der Gattin eines jungen Offiziers und darf in einem Kampfflugzeug eine Runde mitfliegen. Ein Leben, das aus kindlicher Perspektive paradiesische Züge trägt und doch epochal zu Ende geht. Großstadt und Industrie werden gesellschaftlich das Regiment übernehmen, und der Krieg, der die Geschichte immer wieder tragisch grundiert, funktioniert als Motor dieses Wandels.


Einfühlung in die kindliche Erfahrungswelt

Manchmal erprobt Pialat einen satirischen Erzählton, was ihm jedoch nicht recht gelingen will. Wenn er etwa den Küster als allzeit betrunkenen komischen Kauz oder die Damen aus Paris als eitle Zicken zu zeichnen versucht, gerät ihm das zur banalen Karikatur. Durchweg überzeugend bleibt dagegen seine Einfühlung in die Erfahrungswelt des kleinen Hervé. Das Thema Kindheit durchzieht als eines seiner großen, zentralen Motive Pialats Oeuvre von Anfang an. In „Das Haus im Wald“ darf Kindsein in seinen glückhaften Momenten aufscheinen, erst in den letzten beiden Episoden werden die tragischen Akkorde stärker, wenn Hervé zum Vater, der sich neu verheiratet hat und dem Sohn eine sprichwörtlich stiefmütterliche Stiefmutter zumutet, nach Paris fahren muss.

Als Pialat 1970 an „Das Haus im Wald“ arbeitete, war er bereits 45 Jahre alt, galt jedoch als Filmemacher-Anfänger. Zuvor hatte er nur eine Reihe von Kurzfilmen und 1968 seinen ersten, kommerziell erfolglosen, aber von der Kritik hochgelobten Spielfilm „Nackte Kindheit“ gedreht. Später wurde er zum markantesten französischen Filmemacher seiner Epoche. In Pialat-Biographien wird zwiespältig über „Das Haus im Wald“ geurteilt, einerseits bezeichnet man die TV-Serie als „nette, aber belanglose Auftragsarbeit“, andererseits als „Sternstunde des französischen Fernsehens“. Pialat selbst nannte sie „die schönste Sache, die ich je gemacht habe“.




„La Maison de Bois“ / „Das Haus im Wald“. Regie: Maurice Pialat. Drehbuch: René Wheeler. Produktion: ORTF/RAI/Son et lumière. Produzent/-in: Pierre Long. Kamera: Roger Duculot. Schnitt: Arlette Langmann. Martine Giordano. Musik: Maurice Ravel. Mit: Pierre Doris (Albert), Jacqueline Dufranne (Jeanne), Agathe Natanson (Marguerite), Fernand Gravey (der Marquis), Ovila Légaré (der Pfarrer), Maurice Pialat (der Lehrer), Henri Puff (Marcel), Philippe André (Jacques), Hervé Lévy (Hervé), Michel Tarrazon (Michel), Albert Martinez (Bébert). Kostüme: Georges Combes. Szenenbild / Bauten: Isabel Lapierre. Ton: Norbert Gernolle. Land: Frankreich. Jahr: 1970.


Fotos: arte


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