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„Oscar“-Nominierungen 2020

Montag, 13.01.2020

Am 13.1. wurden die Kandidaten für die 92. „Academy Awards“ bekannt gegeben

Diskussion

In Los Angeles sind am Morgen des 13. Januars die diesjährigen „Oscar“-Nominierungen bekannt gegeben worden. Überraschungen gab es wenige: Bei der Verleihung am 9. Februar gehen jene Filme als Favoriten ins Rennen, die seit Wochen die Kritiker- und Branchen-Preisverleihungen in Hollywood dominieren: Die meisten Nominierungen entfielen mit 11 auf den ungewöhnlichen Superschurken-Thriller „Joker“, noch mehr Chancen auf den Hauptpreis dürften aber „Once Upon a Time in Hollywood“ und „1917“ (je 10 Nennungen) haben.

Erstmals in der Geschichte der „Oscars“ könnte ein Film, der (wenn auch lose) auf Comic-Vorbildern beruht, am Ende als lachender Sieger des berühmtesten Filmpreises der Welt heimgehen. Bei der Bekanntgabe der „Oscar“-Nominierungen am Morgen des 13. Januars 2020 in Los Angeles jedenfalls fand sich „Joker“, in dem Regisseur Todd Phillips die „Origin Story“ des „Batman“-Widersachers ganz ohne Batman und andere fantastische Elemente erzählt, elf Mal auf der Nominierungsliste. In einem Jahr, in dem einerseits das Superhelden-Spektakel „Avengers: Endgame“ zum erfolgreichsten Film aller Zeiten wurde und andererseits Martin Scorsese als Fürsprecher des Erzählkinos speziell den Adaptionen der Marvel-Comics filmischen Wert abgesprochen hatte, lässt sich dies durchaus auch als Signal der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ sehen: Als Plädoyer für einen Mittelweg, der Comic-Verfilmungen nicht generell ausklammert, sondern ihren originellen Vertretern einen gebührenden Platz neben den traditionelleren Stoffen einräumt.

Die Kontroverse um angebliche Gewaltverherrlichung schadete „Joker“ zwar nicht bei den Nominierungen, die spaltenden Reaktionen könnten aber bis zu der Preisverleihung durchaus noch entscheidend sein. Wahrscheinlicher als Sieger hervorgehen könnten zwei traditionellere Filme, die mit jeweils zehn Nominierungen ins Rennen gehen: Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ und Sam Mendes’ „1917“. Vor allem für Tarantino könnte es nach seinen zwei Drehbuch-„Oscars“ diesmal zu mehr reichen, nachdem sein Film sich seit der Cannes-Premiere hartnäckig an der Spitze der Prognosen gehalten hatte. Sam Mendes’ technisch virtuoser, scheinbar in einer Einstellung gedrehter Kriegsfilm war dagegen erst spät und ohne große Festival-Premiere ins Rennen eingestiegen, hatte in den letzten Wochen allerdings viel Boden gutgemacht und konnte die „Academy“-Mitglieder ebenfalls für sich einnehmen, sodass der Regisseur nach „American Beauty“ durchaus seinen zweiten „Oscar“ gewinnen könnte.

Insgesamt wurden dieses Jahr wieder neun Filme für den Hauptpreis nominiert, wobei sich neben die Werke von Phillips, Tarantino und Mendes Altmeister Martin Scorsese mit „The Irishman“, auf den ebenfalls zehn Nominierungen entfielen, Taika Waititis Mischung aus Jugenddrama und Nazi-Groteske „Jojo Rabbit“, Greta Gerwigs „Little Women“-Version, das Rennfahrer-Drama „Le Mans 66“, Noah Baumbachs Scheidungs-Tragikomödie „Marriage Story“ und Bong Joon-hos gefeierte, in Cannes mit der „Goldenen Palme“ gekrönte Gesellschaftssatire „Parasite“ gesellten – neben „Joker“ im Übrigen der einzige Film in der Auswahl zumindest mit (verfremdetem) Bezug auf drängende Gegenwartsprobleme. Mit sechs Nennungen für „Parasite“ leistet die „Academy“ zudem auch etwas Buße für das bisherige Versäumnis, mit Südkorea eine der meist beachteten, auf Festivals regelmäßig gefeierten Filmnationen konsequent selbst aus der Kategorie des „Besten fremdsprachigen Films“ ausgeschlossen zu haben.

Dort nimmt es „Parasite“ mit Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“, Ladj Lys „Die Wütenden“, dem nordmazedonischen Dokumentarfilm „Land des Honigs“ und überraschend auch dem polnischen Gewissens- und Glaubensdrama „Corpus Christi“ auf. Bong Joon-ho fand außerdem auch in die Regisseurs-Kategorie, wo er als Konkurrent der US-Amerikaner bzw. Briten Mendes, Phillips, Scorsese und Tarantino allerdings wohl eher die Außenseiter-Position hat.

Abgesehen von dem historisch bemerkenswerten – nach ähnlichen Erfolgen bei den „Golden Globes“, den „Critics Choice Awards“ und den Britischen Filmpreisen –, aber letztlich nicht mehr ganz so überraschenden Einbezug von „Parasite“, hielten sich die „Academy“-Mitglieder mit aus dem Rahmen fallenden Entscheidungen weitgehend zurück. In den Schauspieler-Kategorien tummeln sich viele Veteranen, insbesondere in der Nebendarsteller-Rubrik, in der Brad Pitt gegen die vier bereits „Oscar“-gekrönten Kollegen Tom Hanks, Anthony Hopkins, Al Pacino und Joe Pesci antritt. Erstmals in ihren Karrieren bei den Nominierungen berücksichtigt wurden dagegen Scarlett Johansson – diese gleich zweimal, als Hauptdarstellerin für „Marriage Story“ und als Nebendarstellerin für „Jojo Rabbit“ –, Antonio Banderas und Jonathan Pryce sowie als vergleichsweise „junge Hasen“ im Filmgeschäft Cynthia Erivo und Florence Pugh. Mit seiner vierten „Oscar“-Nominierung insgesamt und diversen Auszeichnungen für seine schillernde „Joker“-Interpretation dürfte zudem Joaquin Phoenix gute Chancen haben, den Preis endlich in Empfang zu nehmen. Wobei sich seine Durststrecke freilich noch bescheiden ausnimmt gegenüber den Wartezeiten der Songschreiberin Diane Warren, die seit 1988 zum 11. Mal in der Auswahl dabei ist, und Komponist Thomas Newman, der im 15. Anlauf für „1917“ einmal mehr nach der Trophäe greift.


Die Nominierungen in der Übersicht:

Bester Film

The Irishman

Jojo Rabbit

Joker

Le Mans 66

Little Women

Marriage Story

1917

Once Upon a Time in Hollywood

Parasite

Beste Regie

Bong Joon-ho für Parasite

Sam Mendes für 1917

Todd Phillips für Joker

Martin Scorsese für The Irishman

Quentin Tarantino für Once Upon a Time in Hollywood

Bester Hauptdarsteller

Antonio Banderas für Leid und Herrlichkeit

Leonardo DiCaprio für Once Upon a Time in Hollywood

Adam Driver für Marriage Story

Joaquin Phoenix für Joker

Jonathan Pryce für Die zwei Päpste

Beste Hauptdarstellerin

Cynthia Erivo für Harriet

Scarlett Johansson für Marriage Story

Saoirse Ronan für Little Women

Charlize Theron für Bombshell

Renée Zellweger für Judy

Bester Nebendarsteller

Tom Hanks für A Beautiful Day in the Neighborhood

Anthony Hopkins für Die zwei Päpste

Al Pacino für The Irishman

Joe Pesci für The Irishman

Brad Pitt für Once Upon a Time in Hollywood

Beste Nebendarstellerin

Kathy Bates für Richard Jewell

Laura Dern für Marriage Story

Scarlett Johansson für Jojo Rabbit

Florence Pugh für Little Women

Margot Robbie für Bombshell

Bestes Originaldrehbuch

Noah Baumbach für Marriage Story

Rian Johnson für Knives Out

Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns für 1917

Quentin Tarantino für Once Upon a Time in Hollywood

Bong Joon-ho, Jin Won Han für Parasite

Bestes adaptiertes Drehbuch

Steven Zaillian für The Irishman

Taika Waititi für Jojo Rabbit

Todd Phillips, Scott Silver für Joker

Greta Gerwig für Little Women

Anthony McCarten für Die zwei Päpste

Beste Kamera

The Irishman

Joker

Der Leuchtturm

1917

Once Upon a Time in Hollywood

Beste Ausstattung

The Irishman

Jojo Rabbit

1917

Once Upon a Time in Hollywood

Parasite

Beste Kostüme

The Irishman

Jojo Rabbit

Joker

Little Women

Once Upon a Time in Hollywood

Bester Schnitt

The Irishman

Jojo Rabbit

Joker

Le Mans 66

Parasite

Beste Musik

Joker

Little Women

Marriage Story

1917

Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers

Bester Originalsong

„I Can’t Let You Throw Yourself Away“ aus A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

„I’m Gonna Love Me Again“ aus Rocketman

„I’m Standing with You“ aus Breakthrough

„Into the Unknown“ aus Die Eiskönigin 2

„Stand Up“ für Harriet

Bester Ton

Ad Astra

Joker

Le Mans 66

1917

Once Upon a Time in Hollywood

Bester Toneffektschnitt

Joker

Le Mans 66

1917

Once Upon a Time in Hollywood

Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers

Beste Spezialeffekte

Avengers: Endgame

The Irishman

Der König der Löwen

1917

Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers

Bestes Make-up & Frisuren

Bombshell

Joker

Judy

1917

Maleficent: Mächte der Finsternis

Bester Animationsfilm

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt

Ich habe meinen Körper verloren

Klaus

Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

Bester animierter Kurzfilm

Dcera (Daughter)

Hair Love

Kitbull

Memorable

Sister

Bester Real-Kurzfilm

Brotherhood

Nefta Football Club

The Neighbors‘ Window

Saria

A Sister

Bester Dokumentarfilm

American Factory

The Cave

The Edge of Democracy

Für Sama

Land des Honigs

Bester Kurz-Dokumentarfilm

In the Absence

Learning to Skateboard in a Warzone (If You’re a Girl)

Life Overtakes Me

St. Louis Superman

Walk Run Cha-Cha

Bester fremdsprachiger Film

Corpus Christi (Polen)

Land des Honigs (Nordmazedonien)

Leid und Herrlichkeit (Spanien)

Die Wütenden – Les Misérables (Frankreich)

Parasite (Südkorea)


Foto: Warner Bros.

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