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Im Krieg offenbart sich die menschliche Natur - Interview mit Sam Mendes

Freitag, 17.01.2020

Ein Interview mit Sam Mendes zu „1917“

Diskussion

Mit zehn Nominierungen geht „1917“ (zur Kritik) als einer der Favoriten ins Rennen um die „Oscars“ 2020. Nach den Bond-Filmen „Skyfall“ und „Spectre“ hat der britische Regisseur Sam Mendes damit einen Film über den Ersten Weltkrieg inszeniert, der die „menschliche Erfahrung des Krieges“ vermitteln soll. Im Gespräch berichtet er u.a. darüber, was das Ganze mit seiner Familiengeschichte zu tun hat und warum es ihm notwendig schien, den Film als „One-Shot-Movie“ zu inszenieren.


Was ist schwieriger im Film darzustellen? Kälte oder Erschöpfung?

Sam Mendes: Wenn dir wirklich kalt ist oder du wirklich erschöpft bist, hilft das sehr, denke ich! Was ist schwieriger zu zeigen? Himmel! Ich denke, Kälte ist schwieriger. Erschöpft sein kann man immerhin spielen. Aber wissen Sie, eine Sache, auf die ich bei „1917“ mehr Wert gelegt habe als bei meinen anderen Filmen, war die Bitte an die Schauspieler, die Geschichte wirklich zu durchleben, anstatt sie zu „spielen“; denn sie mussten ja jeweils lange Szenen durchhalten, zehn, elf Minuten am Stück. Man hofft, dass man dem menschlichen Verhalten nahekommt. Am Ende der Proben waren sie nicht mehr damit beschäftigt, wie sie aussahen; ab einem bestimmten Punkt waren sie sich nicht einmal mehr bewusst, wo die Kamera war.

Dieser Film handelt weniger von einer bestimmten Geschichte; es geht mehr darum, wie diese Geschichte erzählt wird. Wie haben Sie diese Form entwickelt?

Mendes: Anders als etwa bei „The Revenant“ oder bei „Birdman“, beides Filme die ich sehr bewundere, ging es hier mehr darum, wie man Zeit als erzählerisches Element behandelt. „Birdman“ war irgendwie surreal gehalten, da war die Zeit elastisch. Aber bei „1917“ war die Wahl, das ganze Geschehen als eine Art einzige kontinuierliche Einstellung zu inszenieren, der Überlegung geschuldet, das Publikum so stark wie irgend möglich in die realen Ereignisse der Reise, die die Figuren machen müssen, einzubeziehen: Man weiß, dass jede Sekunde einen dem Ziel näherbringt oder einen weiter davon entfernt, und man fühlt sich gefangen mit den beiden Charakteren. Das ist teils ziemlich klaustrophobisch; und so war es eine Herausforderung für uns, es nicht so zu inszenieren, dass sich die Darstellungen pausenlos wiederholten. Also dass man entweder die ganze Zeit hinter den beiden herläuft oder vor ihnen hergeht. Man merkt jetzt als Zuschauer, wenn die Kamera subjektiv agiert, wenn man mit den Charakteren emotional verbunden ist. Und auch, wenn die Kamera objektiv wird, also wenn man zum Beispiel die beiden ganz klein in dieser riesigen Landschaft des Todes und der Zerstörung sieht. An bestimmten Stellen möchte man als Erzähler das Publikum genau auf eine bestimmte Stelle schauen lassen, in anderen Momenten erlauben wir den Augen der Zuschauer, über eine Fülle von Details zu schauen, die eben nicht manipulativ an sie herangetragen werden.

Inmitten der Schlacht: "1917"
Inmitten der Schlacht: "1917"

So wurde unsere Arbeit eine Wechselbeziehung zwischen der Kamera, den Schauspielern und dem sie umgebenden Raum, nicht einfach nur ein einfaches Wechselspiel zwischen Schauspieler und Kamera. Und da wurde es dann kompliziert. Ich hatte die Idee zu diesem Stil in dem Moment, als ich auch die Idee zu dieser Geschichte entwickelte. Die Geschichte handelt davon, eine wichtige Botschaft zu übermitteln, und das in zwei Stunden und vierzig Minuten, in Echtzeit. Und wie wäre es jetzt, das Ganze auch in einer einzigen Einstellung zu zeigen? So, dass man wirklich fühlt, wie die Zeit buchstäblich Sekunde für Sekunde verrinnt? Mit diesen Überlegungen im Kopf habe ich das Drehbuch geschrieben.

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Sie haben dann erst einmal sechs Monate lang geprobt, bevor Sie schließlich anfingen zu drehen?

Mendes: Die Darsteller sind junge Schauspieler, keine bekannten Stars. Also habe ich nicht die Bank mit diesem Vorgehen gesprengt, über diesen langen Zeitraum erst mal zu proben. Aber es machte einen wirklich großen Unterschied. Vor allem für mich und für Roger [Deakins, den Kameramann]. Die sich immer wiederholenden Proben über eine solch lange Zeit führten auch dazu, dass die beiden Hauptdarsteller wirklich die Herren ihrer Geschichte wurden: Es wurde ihnen immer vertrauter, ihre Uniformen zu tragen, ihre ganze Ausrüstung. Ich habe sie angehalten, tagtäglich ausschließlich ihre Sachen zu tragen, ihre Gewehre, damit es zu ihrer zweiten Natur wurde. Es war also für sie sehr nützlich.

Sam Mendes mit Darsteller George MacKay
Sam Mendes mit Darsteller George MacKay

Dazu gab es noch etwas anderes, was ich aus meiner Theaterarbeit eingebracht habe: Ich habe sie einfach erst mal machen lassen, einfach zugesehen, ohne sofort zu kommentieren, sodass sich ihr Spiel natürlich entwickelte, ohne dass ich ihnen etwas vorgegeben habe. Es gab Gelegenheiten, da habe ich ihnen gesagt: „Hier ist der Dialog, nehmt eure Gewehre und geht den Hügel runter!“ Und sie gingen los. Und ich habe zugeschaut. Bin rückwärts vor ihnen hergelaufen oder hinter ihnen her. Roger und ich haben dann diskutiert. Und dann haben wir es wiederholt. Dann haben wir angefangen, Barrieren zu bauen, die sie umlaufen mussten, oder wir haben irgendetwas umgestellt. So entwickelte sich langsam die Sprache des Films, ein Schritt mit den Schauspielern, dann wieder ein Schritt mit der Kamera. Also nicht erst die genaue Route vorgeben und alles früh festlegen. Das stellte sich als eine gute Arbeitsweise heraus.

Die Geschichte des Films stammt von Ihrem Großvater?

Mendes: Mein Großvater erzählte mir viele Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg. Er war siebzehn Jahre alt damals. Der Film ist eine Vergrößerung einer dieser Geschichten, die er mir erzählte. Vieles darin ist ihm persönlich nicht widerfahren. Und die beiden Charaktere, Schofield und Blake, sind nicht meinem Großvater nachempfunden. Der Film handelt nicht von ihm, der Film entstand wegen ihm, das ist ein Unterschied. Die Geschichten, die er mir erzählte, waren keine Geschichten über Heldentum oder wie tapfer er damals war. Sie handelten davon, wie fragil das Leben war – es waren Geschichten über Zufälle und Zufälligkeiten. Wie schmal die Grenze zwischen Leben und Tod sein konnte. Warum wurde sein Freund, der direkt neben ihm stand, von einer Granate getroffen und war von einem auf den anderen Moment einfach nicht mehr da? Warum nicht er? Die Geschichten handelten einfach von einem Jungen damals. Was ich daraus lernte, war mehr existenzieller Natur als eine Geschichtsstunde. Ich wollte gar keinen Film über den Ersten Weltkrieg drehen, ich wollte die Zuschauer durch ein Schlüsselloch die menschliche Erfahrung des Krieges erleben lassen. Darum habe ich mich bemüht.

Haben Sie Ihren Großvater über den Krieg ausgefragt?

Mendes: Ja, wir haben ihn immer gelöchert. Ich und meine Vettern. „Erzähl uns eine Geschichte, erzähl uns Geschichten!“ Er hat interessanterweise nie seinen Kindern etwas darüber erzählt, nie etwas meinem Vater erzählt. Seine Enkel haben es aus ihm herausgeholt. Es ergab sich daraus, dass er sich angewöhnt hatte, seine Hände immer und immer wieder zu waschen. Ich habe mich darüber lustig gemacht, wir haben alle darüber gelacht. Ich habe schließlich meinen Vater gefragt, warum Opa das immer mache. Und er antwortete: „Es ist der Schlamm aus den Schützengräben, er konnte es niemals wirklich abwaschen!“ Das hat sich bei mir eingegraben. Er war damals Mitte Siebzig. Also war es über 50 Jahre her, dass er in diesem Krieg gekämpft hatte. Aber es war immer noch Teil seiner Persönlichkeit. Er dachte selbst gar nicht darüber nach, wenn er sich die Hände immer und immer wieder wusch. Er hatte es sich einfach so angewöhnt. Das lernte ich von meinem Großvater.

Es war keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema oder gar eine historische Aufklärung. Es hat eine Weile gedauert, bis ich überhaupt begriff, wer da letztlich mit wem wo und warum gekämpft hatte. Als ich ein Kind war, war das einfach der große Krieg. Ist es für die Briten ja heute noch. „La grande guerre“ für die Franzosen. Und so ist „1917“ auch kein politischer Film. Ich sage dies jetzt nicht, weil ich hier gerade in Deutschland sitze. Der gleiche Film könnte von zwei französischen oder zwei deutschen, zwei belgischen Soldaten handeln: Der Feind ist irgendwo da draußen; wenn sie ihm begegnen, entpuppt er sich als Männer wie sie selbst – verwirrt, verstört, wie der Junge in der brennenden Stadt. Genau so jemand wie sie selbst, sogar jünger. Jemand, der nicht weiß, was er da tut, der gar nicht kämpfen will, verstört ist und sich fürchtet. Und genau da verortet sich der Film. Anders als etwa Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“, der irgendwelche Erklärungen zu finden versucht, warum der Krieg passiert, der Wahnsinn des Krieges. Warum Generäle jemanden mit einer Nachricht entsenden, ist hier nicht wichtig.

Mein Film greift nach einer menschlichen Wahrheit, nicht nach einer politischen. Fragen Sie sich doch selbst, warum man einen Film über den Krieg machen sollte. Oder sich einen Film über den Krieg überhaupt ansehen sollte. Weil in einem Krieg, in extremis, sich die menschliche Natur offenbaren kann. Sie entblößt einen auf das Wesentlichste. Wie verhalten sich menschliche Wesen in diesen extremen Ausnahmesituationen? Was ist ihnen wichtig? Ein Bruder, ein Freund, das Nach-Hause-Kommen? Und wozu sind wir fähig, wenn diese Dinge bedroht werden? Das ist der Kern des Films für mich.

Sam Mendes und Kameramann Roger Deakins
Sam Mendes und Kameramann Roger Deakins

Wie haben Sie zu der Balance gefunden, den realen Kriegserfahrungen Respekt zu zollen und zugleich einen Film, eine cineastische Erfahrung für das Publikum, zu formen?

Mendes: Gute Frage; es war wirklich eine Gratwanderung. Mir war klar, dass es auf Kosten des Leids von unzähligen Beteiligten keine Form der reinen Unterhaltung geben konnte. Aber alles hat schließlich eine erzählerische Komponente. Jeder hat eine eigene Geschichte. Und in meinem Film geht es um einen kleinen Teil der Erzählung dieses einen Tages mitten im Krieg. Der Kniff war, es nicht über den Punkt herauszuschieben, wo es unglaubwürdig werden würde. Aber eben auch, gerade wenn es in das Niemandsland zwischen den Fronten geht, die Kamera zu einem Zeugen zu machen. Es gibt große Unterschiede, so etwas anzugehen. Man kann dem Zuschauer alles explizit vor Augen führen. Schau her, schau her! Aber manchmal kann man auch sagen: Wir bewegen uns da hindurch, und wenn Sie wirklich hinsehen möchten, können Sie am Rand des Blickfelds den Tod entdecken, Ratten, Krähen, Würmer oder Leichen. Sind es Leichen oder ist es einfach nur Schlamm? Die beiden Figuren im Film verhalten sich konträr; Schofield, wenn er sich durch das Niemandsland bewegt, schaut sich nichts an, der andere kann gar nicht wegsehen. Als Zuschauer hat man die Wahl, welcher Haltung man sich anschließen will; die Kamera drängt einem nichts auf.

Ich fand es wichtig, eine Art Zeugenschaft darzustellen musste: Das gab es wirklich, und es war nur ein Bruchteil dessen, was wirklich passiert ist. Die ganzen Leute, die die kleineren Rollen spielen – Colin Firth, Benedict Cumberbatch, Andrew Scott – man hat das Gefühl, deren Lebensweg nur kurz zu kreuzen, und man spürt diese mächtigen Geschichten hinter ihren Figuren hervorragen. Aber man trifft sie und zack! [Mendes schnippt mit den Fingern] – schon sind sie wieder verschwunden. Wichtig war mir, das Gefühl zu vermitteln, dass die Figuren nicht einfach aus dem Film abtreten, sondern mit ihrer Geschichte außerhalb des Film-Bildes weitermachen.

Ich habe mich nach dem Dreh mit meiner Co-Autorin Krysty [Wilson-Cairns] unterhalten, ob es nicht faszinierend wäre, ein Zwei-Stunden-Special zu drehen, auch in Echtzeit, über drei weitere Personen im Film. Etwa über Mark Strongs Figur – was geschieht mit ihm im weiteren Verlauf? Er hat das Kommando über zweihundert Männer in diesen Lastwagen. Was passiert mit denen? Oder einfach nur Leute, die blitzartig auf- und wieder abtauchen im Film. Wie etwa dieser Captain Ivens, von dem wunderbaren Schauspieler Justin Edwards verkörpert: der Mann, den Schofield in den letzten Gräben trifft, der nur am Weinen ist. Was war da passiert? Jede Figur hat eine gewaltige Geschichte. Und wir sehen immer nur die Spitze eines Eisberges.

Der Film scheint an einer bestimmten Stelle die Realität zu verlassen und mythischer zu werden. Vergleichbar mit einem Gang in die Unterwelt, wo man auch den Fluss Styx überquert, der voller Leichen zu sein scheint.

Mendes: Es gibt tatsächlich einen mythischen Aspekt im ganzen Krieg in der Realität. Man könnte das wirklich so beschreiben, dass sie durch die verschiedenen Kreise der Hölle wandern. Ein wahrhaft an Dante erinnerndes Moment apokalyptischer Natur. Und es gab auch offenbar keinen Sinn, keine Logik in dem Ganzen. Also zielt das Ganze auch darauf, das Unterbewusste des Publikums zu erreichen, genauso wie es bei mir das Unterbewusste angesprochen hat. Genau wie man einen Zustand eines Traums erlebt mit den Maßstäben der Realität. Wie in der brennenden Stadt zum Beispiel. Der Soldat wacht auf – und der Zuschauer weiß nicht, ist der jetzt wirklich wach oder träumt er noch. Und er selbst weiß das auch nicht; er weiß kaum mehr, welcher Tag es ist, er hat seine Mission fast völlig vergessen, warum er überhaupt dort ist. Er stolpert blindlings vorwärts durch diese merkwürdige, seltsame Welt, deren Boden sich um ihn herum ständig bewegt. Wir haben das sehr bewusst wie eine Halluzination inszeniert. Ich habe Roger Deakins sehr bedrängt mit den Leuchtgeschossen – es sollte sehr extrem erscheinen. Und gleichzeitig erklingt Thomas Newmans Filmmusik mit expressionistischen Tönen. So spürt man: Es handelt sich um eine psychische Verwirrung jenseits aller Realität.

Beim Dreh im Schützengraben mit Dean-Charles Chapman und George MacKay
Beim Dreh im Schützengraben mit Dean-Charles Chapman und George MacKay

Sie haben vorher zwei „James Bond“-Filme gedreht. Was war in der Rückschau schwieriger? Bond oder „1917“?

Mendes: (lacht) Mmmh. Bond war komplizierter. Weil Bond wirklich wie ein In-den-Krieg-Ziehen war. Bei „1917“ handelt der Film vom Krieg. Bei Bond gab es so viele sich bewegende Teile, und man konnte sie nicht alle in Gänze sehen: Es gab so viele Units und so viel strategische Planung, wie bestimmte Dinge in einer bestimmten mechanischen Weise ablaufen sollten. Bei „1917“ war es auch sehr schwierig, aber es war auch sehr methodisch. Und wir haben uns Stück für Stück durchgearbeitet. Jeder Regisseur wird Ihnen bestätigen, dass ein Dreh mit nur einer Kamera geradezu himmlisch ist gegenüber einem Dreh mit drei Kameras. Oder mit vier, fünf, sechs, sieben! Wenn Sie, wie beim Dreh zur Anfangssequenz von „Spectre“, die Innenstadt von Mexico-City abgeriegelt haben, und Sie haben zwölf Kameras am Start, Helikopter und 5000 Komparsen in Kostümen, und bewegen sich über unbezahlbare aztekische Ruinen… Das ist kompliziert und sorgt für eine gewisse Anspannung! „1917“ war auch kompliziert, aber ich fühlte mich absolut fokussiert die ganze Zeit über, als wäre ich in einem Tunnel. Nichts hätte mich ablenken oder verwirren können.

Der Dreh erforderte, jeden Tag viele Kilometer zu laufen. Wir waren draußen auf dem Land, und da gibt es diesen Aspekt der Natur, den wir jetzt noch gar nicht berührt haben. Wie die Natur darauf reagiert, dass die Menschen sie ruinieren und verwüsten. Sie kommt einfach zurück. Es ist ironischerweise Frühling, die Bäume bekommen wieder Blätter, die Blüten kommen raus. Und das Leben kehrt zurück in die Welt. Die Flüsse schwellen an mit frisch gefallenem Regen. Die natürliche Welt zeigt den Menschen ganz einfach den Finger. Das habe ich geliebt. Und ich liebte es, ein Teil dieser natürlichen Welt zu sein. Nachdem ich in Nordfrankreich die Schlachtfelder besucht habe und dort gesehen habe, wie die Natur alles wieder in Beschlag genommen hat. Das war sehr bewegend.

Am Ende findet der Film Sinn nicht in einer militärischen Auszeichnung, einem Stück Blech, sondern in einem wunderbaren Handschlag.

Mendes: Ja, richtig. Absolut. Das war ganz stark mein Großvater. Er war nicht daran interessiert, dass jemand ihm sagte, wie tapfer er gewesen sei. Er interessierte sich für die Leute um ihn herum, für die er sorgen musste. Das waren die Leute, an deren Seite er kämpfte. Und natürlich die Familie, zu der er zurückkehren wollte. Er wollte die Vergebung seiner Eltern, die nicht damit einverstanden gewesen waren, dass er kämpfen wollte. Sie wollten, dass er überhaupt nicht in den Krieg zieht. Er ignorierte sie und ging erst recht. Ich würde aber lügen, würde ich nicht zugeben, dass ich auch von mir eine Menge in den Film eingebracht habe. Als ich anfing, das Drehbuch zu schreiben, hatte ich gerade ein einen Monat altes Kind. Mein viertes Kind ist jetzt zwei Jahre alt, aber damals war sie gerade geboren. Und wie Sie jetzt erraten können, ist es kein Zufall, dass der Soldat im Film über ein kleines Baby stolpert. Diese Szenen zu drehen, war für mich am Schwierigsten. Ich weiß, dass klingt jetzt etwas verrückt, aber es hat mich sehr bedrückt – die menschlichen Kosten des Krieges; all diese zivilen Toten, genau wie die militärischen.

Kamera-Einweisungen mit Roger Deakins
Kamera-Einweisungen mit Roger Deakins

Es ist ein seltsames Gefühl, das alles dann in einem gemütlichen Kino zu sehen. Wie haben diese Dinge Ihren Großvater verändert?

Mendes: Er hat einen Sinn entwickelt für die Unsicherheit des Lebens. Wohlwissend, dass nach all diesen Erlebnissen alles, was folgt, sich wie ein Drahtseilakt anfühlt. Und er war wohl einfach nur froh darüber, am Leben zu sein. Hört sich sentimental an. Was soll man auch anderes aus diesen Erlebnissen mitnehmen, als sich darüber klar zu sein, wie viel Glück man hatte, einfach noch da zu sein?

Hat er je darüber nachgedacht, seine Erinnerungen in einen Film zu fassen?

Mendes: Lustigerweise war mein Großvater Schriftsteller. Er hat vier, fünf Bücher geschrieben. Und eine Autobiographie. All seine persönlichen Kriegsgeschichten stehen in seiner Autobiographie. Er war ein Geschichtenerzähler, und eine der Gründe, warum er uns seine Geschichten so gut erzählt hat, lag darin, dass es sein Beruf war, zu erzählen. Er war sehr theatralisch, sehr charismatisch, sehr smart. Und er hatte diese großartige, tiefe Theaterstimme. Er hatte eine sehr publikumsorientierte Art des Erzählens. Und er wollte, dass ich Schriftsteller werde. „Du wirst Schriftsteller! Ich möchte, dass du eine Geschichte schreibst, bevor ich sterbe.“ Er hat mich sogar einen Vertrag unterschreiben lassen dazu. Ein Scherz natürlich. Und ich habe es natürlich auch nicht geschafft. Keine Überraschung. Er starb 1991. Ich war da gerade Anfang 20. Aber er wäre jetzt entzückt gewesen, dass „1917“ hier aus seinen Geschichten entstanden ist. Er hätte es als das gesehen, was es ist: Etwas aus dem Herzen, aber eben auch Fiktion. Er bewunderte Erfindungsreichtum und erzählerische Vorstellungskraft.


Fotos: Universal


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