© MGM (aus "Broadway Melodie)

Passionen: Die Freude am Ausschnitt

Freitag, 17.01.2020

Es muss nicht immer der ganze Film sein: DVDs/BDs laden mit dem Menüpunkt "Szenenauswahl" dazu ein, sich die Rosinen rauszupicken. Das mag nicht im Sinne der FilmemacherInnen sein; trotzdem bekennt sich unser Autor Michael Ranze zur begeisterten Nutzung dieser Möglichkeit

Diskussion

Die DVD, die Digital Versatile Disc, hat nicht nur den Zugriff auf die Filmgeschichte erleichtert, sie hat auch das Sehen von Filmen verändert. Das „V“ in DVD steht für Vielseitigkeit und Wandelbarkeit. Nicht nur, dass DVDs verschiedene Schnittfassungen eines Films anbieten, mit Bonusmaterial locken oder sogar Audiokommentare von Regisseuren und Schauspielern zu Gehör bringen, man kann auch die Filme unterschiedlichen Einstellungen unterwerfen. Gesprochene Sprache, Untertitel, Formatwechsel, nur mit Soundtrack – die Möglichkeiten sind da. Jan Distelmeyer schreibt in einem Essay über die Art und Weise, wie die DVD unser Sehen verändert hat: „Vielseitig und wandelbar sind die Inhalte einer DVD, das ist die Logik, weil sie digitalisiert vorliegen, weil also auch der Hauptfilm aus Dateien besteht, die Programmen gehorchen. Darauf beruht letztlich die Geste des Films auf DVD, die man als eine der Unterwürfigkeit den Konsumenten gegenüber bezeichnen könnte: Mach mit mir, was du willst!“

Machtversprechen an die Zuschauer

Zu dieser „Unterwürfigkeit“ gehört auch, dass man über das Kapitel-Menü einzelne Szenen direkt und ohne Zeitverlust anfahren kann („Szenenauswahl“). Dem Nacheinander der Bilder einer VHS-Kassette, auch dem „Fluss“, dem das Streamen seinen Namen verdankt, steht hier das Nebeneinander der Szenen gegenüber. Das führt unter Umständen freilich mitunter dazu, dass man von einzelnen Filmen nur ausgewählte Szenen anschaut – einfach, weil sie so klasse sind. Die Absicht ist dabei nur das Staunen, die Freude über diesen einen Moment, die Attraktion. Ein Filmgenuss also, der ganz eng ans Trägermedium gebunden ist. Regisseure sind wahrscheinlich darüber nicht sehr begeistert, weil man ihr Werk eigenmächtig „schneidet“ – was wiederum zum „Machtversprechen“ (Distelmeyer) der DVD gehört. Dabei muss sich darin durchaus keine Geringschätzung gegenüber dem Filmemacher ausdrücken, sondern man kann es durchaus als Würdigung besonderer Inszenierungs-Kunst sehen: Manche Szenen sind in sich so rund und schön, dass sie fast ein Kunstwerk für sich darstellen!

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Für mich finden sich solche Szenen nicht zuletzt in Musicals – kein Wunder, sind die Song-and-Dance-Nummern hier doch oft gerade so inszeniert, dass sie wie besondere Inseln der Seligen aus dem Erzählfluss aufragen. Zum Beispiel in Stanley Donens Musical „Vorwiegend heiter“ („It’s Always Fair Weather“), das an Höhepunkten nicht gerade arm ist. In der Geschichte um drei Soldaten, die sich zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wie vereinbart in einer Bar treffen, sich aber nichts mehr zu sagen haben, gibt es eine schöne Frau, die sie trotz allem wieder zusammenbringt. Cyd Charisse spielt sie. Einmal taucht sie unangemeldet in einem Box-Gym auf. Eine Frau in einem Box-Gym? Da muss sie erst mal zeigen, dass sie Ahnung hat. Amüsiert rattert sie die wichtigsten Boxkämpfe und Weltmeister runter. Und dann zeigt sie den Kerlen, was eine Harke ist. Im hautengen grünen Kleid tanzt sie wie entfesselt, dabei die Unterarme wie ein Boxer hin- und herschwingend: „Baby, you knock me out!“. Höhepunkt: Nur von einem Mann an den Händen hochgehalten, schwingt sie ihre langen Beine elegant und waagerecht schwebend über die Seile und steht mitten im Ring. Eine Wahnsinnsnummer. Und natürlich liegen ihr die Männer am Schluss zu Füßen!

"Vorwiegend heiter"
"Vorwiegend heiter" © MGM

Rita Hayworth kennt man vor allem als Femme fatale, in Film noirs wie „Gilda“ oder „Die Lady von Shanghai“. Doch sie war auch eine überaus leidenschaftliche Tänzerin und Stepperin. In dem romantischen Musical „Du warst nie berückender“ („You were never lovelier“), 1942 von Charles Vidor inszeniert, sitzt sie etwas steif auf einem Stuhl, während Fred Astaire sie „antanzt“ und dabei „Shorty George“ singt. Irgendwann geht Astaire um den Stuhl herum, und als beide wieder auf gleicher Höhe sind, steht die Hayworth auf und fängt im Gleichschritt mit ihrem Partner zu steppen an. Plötzlich beginnt ihr Gesicht zu stahlen, gemeinsam klatschen Hayworth und Astaire laut in die Hände, und dann ein langer, unisono vorgetragener Ausfallschritt, und wieder dieses bezaubernde Lachen. Hayworth hat sichtlich Spaß an dieser Steppnummer, und der Zuschauer nicht minder.

Thema Steptanz. In „Broadway Melodie 1940“ („Broadway Melody of 1940“) gibt es am Ende eine Sequenz, die man schlicht als Meisterwerk bezeichnen muss. Die Szenerie ist schwarz und weiß, ein glänzender Boden reflektiert das Licht, der Set scheint sich im dunklen Hintergrund zu verlieren. Fred Astaire trägt einen weißen Anzug mit schwarzer Fliege, Eleanor Powell, die Königin des Steppens, trägt hohe High Heels und eines dieser fließenden, knietiefen Kleider, das jede Bewegung mitmacht. Und dann legen sie gemeinsam los, unisono, aber auch mit kleinen Fluchten allein und mit Wiederholungen, die den Partner imitieren. Nicht zu vergessen die geschickten Armbewegungen, und auch hier das gemeinsame Klatschen der Hände, das dem Ganzen etwas Frenetisches verleiht. Es gibt nur wenige Szenen in der Filmgeschichte, die so aufregend sind und so viel Spaß machen. „Begin the Beguine“ heißt sie.

„I’m so high I think I could fly“

Es müssen aber nicht immer Musicals sein, die einen mit herausragenden Tanz-Szenen überraschen. In „Madame Bovary“, 1949 von Vincente Minnelli gedreht, ist Jennifer Jones in der Titelrolle erstmals auf einen Ball geladen. Sie kann ihr Glück kaum fassen und bemerkt in einem ovalen Spiegel, in dem sich die Situation wie in einem Brennglas verdichtet, die Bewunderung der Männer um sie herum. Und dann beginnt, mit Louis Jourdans Aufforderung zum Tanz, jene berühmte Walzerszene, bei der die Kamera gleitet und rotiert, den Tanzenden vorauseilt oder sie verfolgt. Die Bovary geht förmlich auf in ihrem Traum, und ihr Wunsch ist allen Befehl. „Ich kriege keine Luft mehr!“, ruft sie vor Glück und Anstrengung, „Die Dame wird gleich in Ohnmacht fallen!“, ruft Louis Jordan gelassen, und schon zerschlagen Diener mit Stühlen die Fensterscheiben, um für Durchzug zu sorgen. Eine fast schon unfassbare, surreale Szene in einer eigentlich ganz „normalen“ Literaturverfilmung.

"Madame Bovary"
"Madame Bovary" © MGM

Last but not least „Oliver!”, Carol Reeds Musical-Version von Dickens’ „Oliver Twist“.Eine vertraute Geschichte, sicher nicht ganz so bitter wie andere Verfilmungen. In der Mitte des Films, nach einer Pausenmusik, wacht Oliver Twist, gespielt von Mark Lester, in einer reichen Gegend auf. Es ist noch früh, der Platz vor seinem Fenster ist noch völlig leer. Dann dringt eine liebliche Stimme an Olivers Ohr: „Who will buy my sweet, red roses?“ singt eine einsame Blumenverkäuferin. „Any milk today, mistress?“ fragen singend drei Milchbäuerinnen mit jeweils zwei Eimern. Sie tanzen gar nicht viel, nur ein gemeinsamer Schlenker mit den Beinen. Und dann füllt sich der Platz mit immer mehr Menschen: Ehemänner, die das Haus verlassen, Kinder, die im Gänsemarsch hintereinander herhüpfen, Hausfrauen, die Teppiche klopfen, Soldaten, die marschieren, dann eine Blaskapelle – bis am Schluss der ganze Platz aus den Nähten platzt – eine Wahnsinnsnummer, die sich ganz langsam aufbaut und dabei von ihrer schlichten und doch genialen Choreografie profitiert. Tolle Musik, toller Song:„Who will buy this beautiful morning“, singt der kleine Oliver,„I’m so high I think I could fly“.

„Looking at things changes them“

Sicher gibt es noch weitere Beispiele für filmische Höhepunkte, je nach Vorliebe oder Genre. Der eine mag Verfolgungsjagden, ob im Auto („Bullitt“) oder (bei James Bond) auf Skiern, der andere hört gern Liebeserklärungen, wieder andere lassen sich durch Martial-Arts-Gefechte oder Western-Shootouts erfreuen. Und dann sind da noch die Stummfilmkomödien mit ihren wahnwitzigen Stunts (Buster Keaton!), später, im Tonfilm, die absurden Erfindungen eines Jerry Lewis. Immer wieder schauen kann man auch, dank DVD, Tony Shalhoubs Erklärung der Heisenbergschen Unschärferelation aus „The Man Who Wasn’t There“ der Coen-Brüder: „Looking at things changes them.“ Unvermeidliche Folge: „The closer you look the less you know.“

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