© missingFilms (aus "Darkroom")

Rosa & die Dunkelheit

Montag, 20.01.2020

Das 41. Filmfestival Max Ophüls Preis (20. bis 26. Januar 2020) eröffnet mit Rosa von Praunheims "Darkroom"

Diskussion

Das 41. Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken ist eröffnet: 154 Filme sind zu sehen, 63 davon in den Wettbewerbsprogrammen, mit 30 Regisseurinnen und 35 Regisseuren. Bei den Langfilmwettbewerben ist die Geschlechterproportion umgekehrt: Im Spielfilmwettbewerb stehen 11 Frauen 5 Männern gegenüber, beim Dokumentarfilmwettbewerb 8 Regisseurinnen 5 Regisseuren. Geschlechterparität, gesellschaftliche Diversität und die Vielfalt filmischen Ausdrucks sind bis heute Ziele des Festivals, das sich seit 1980 dem deutschsprachigen Nachwuchs widmet. Zugelassen sind bis heute erste, zweite und dritte Spiel-, Kurz-, Dokumentar- und mittellange Filme. Dieses Jahr werden 16 verschiedene Preise im Gesamtwert von 118.500 Euro verliehen.

Filmfestival Max Ophüls Preis: Das Programm

Benannt ist das Festival an der Saar nach dem deutsch-französischen Regisseur Max Ophüls, der 1902 in Saarbrücken geboren wurde und wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 nach Frankreich und später in die USA emigrierte. Ein großes Vorbild, mit dem das Festival auch von Anfang an das Interesse an sozialen und politisch Fragen bekundete. Saarbrücken versucht die ganze stilistische und inhaltliche Bandbreite des jungen deutschsprachigen Films zu zeigen und versteht sich als Treffpunkt zwischen der Branche und den jungen Talenten. Barbara Albert, Detlev Buck, Andreas Dresen, Florian Henckel von Donnersmarck, Sandra Nettelbeck und Christian Petzold sind nur einige prominente Vertreter des deutschen Films, die an der Saar begannen.

Zur Eröffnung: Rosa von Praunheim erzählt von einer Mordserie im schwulen Milieu

Zur Eröffnung des aktuellen Festivaljahrgangs wurde am 20. Januar der neuste Film eines Altmeisters gezeigt: Darkroom – Tödliche Tropfen von Rosa von Praunheim.

„Bastian, sag mal, lebst du noch?“, tönt eine aufgeregte Frauenstimme aus dem Anrufbeantworter: „Also, wenn du dich bis morgen nicht bei mir meldest, also dann komme ich nach Berlin. Wir machen uns alle so große Sorgen.“ Aber Bastian wird sich nicht mehr melden. Er liegt auf dem Sofa neben dem Anrufbeantworter, und er ist tot. Vergiftet mit einem Felgenreiniger-Alkohol-Gemisch, Liquid Extasy, eine billige Ersatzdroge. Der Mörder kam aus Saarbrücken, das Opfer auch.

Darkroom – Tödliche Tropfen beruht auf einer Mordserie im schwulen Milieu 2012 und dem folgenden Gerichtsverfahren 2013 in Berlin, die damals nicht nur die Boulevardpresse in helle Aufregung versetzten. Über Rückblenden erzählt der Film von Giftmord und Sühne: Nach einem Selbstmordversuch in der Untersuchungshaft in Moabit am Anstaltsbett fixiert, lässt Lars (Bozidar Kocevski) seine Verbrechen, seinen Prozess, seine Liebe und Leidenschaft Revue passieren. Der Krankenpfleger aus Saarbrücken war mit seinem Freund, dem Rockmusiker Robert (Heiner Bomhard), nach Berlin gezogen. Robert sucht nach dem künstlerischen Durchbruch, Lars absolviert sein Referendariat an einer Grundschule. Der Film zeigt sie zunächst als glückliches Paar, das unbeholfen eine Berliner Altbauwohnung renoviert. Doch das geradezu biedere Idyll trügt: Nachts zieht Lars durch die Nachtclubs und Parks der höchst sexualisierten Hauptstadt. Er mischt Freunden und zufälligen Bekanntschaften eine Überdosis an K.o.-Tropfen ins Getränk. Drei Männer sterben, einer im Darkroom einer bekannten Schwulenkneipe. Lars wird über die Aufnahmen einer Überwachungskamera im U-Bahntunnel identifiziert, vor Gericht gestellt und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Nach mehreren Selbstmordversuchen nimmt er sich 2014 im Gefängnis das Leben.

Der Film orientiert sich an den Protokollen der Gerichtsreporterin Uta Eisenhardt, beleuchtet aber die Handlung weit über den kriminalistischen Aspekt hinaus. Rosa von Praunheim entwickelt eine ganz eigene, opulent-groteske Erzählung um Liebe, Lust und Tod, erzählt von vier jungen Männern, die alle aus der vermeintlichen Langeweile an der Saar in die pulsierende Spreemetropole ziehen. Drei von ihnen finden hier den Tod. Eine skurrile Tragödie, die nichts mit plattem Realismus eines konventionellen Dokudramas oder der behäbigen Vorhersehbarkeit eines „Tatort“ zu tun hat. Bis zum Ende bleiben die Verbrechen und der Tod des „Darkroom-Mörders“ verstörend und unerklärlich, wozu auch besonders das zurückhaltende Spiel des Hauptdarstellers Bozidar Kocevski beiträgt, aber auch eine ins Irreale abdriftende Bild- und Tongestaltung sowie der immer wieder aufflackernde schwarze Humor.

"Darkroom"
"Darkroom"

„Kunst aus dem Herzen schöpfen“

Ein gelungener Eröffnungsfilm für Saarbrücken, mit ausdrucksstarkem, aber nicht übersteigertem Lokalkolorit und einer gestalterischen Stringenz, die zeigt, dass man jede scheinbar noch so vorhersehbare Geschichte immer auch anders erzählen kann. Kurzum: ein Film von einem Regisseur, der seit 1967 für eine ganz eigene Handschrift steht. Eines jener besonderen Werke, die die Programmgestalter in Saarbrücken jedes Jahr auch unter den Nachwuchsfilmern suchen.

Dieses Jahr erhält Rosa von Praunheim den Ehrenpreis des Festivals Max Ophüls Preis, und Festivalleiterin Svenja Böttger unterstreicht seine Bedeutung gerade für den filmischen Nachwuchs: „Für die jungen Talente, aber auch für unsere Gesellschaft stellt er in seinem vielschichtigen Schaffen ein unbedingtes Vorbild dar. Wir freuen uns sehr, Rosa von Praunheim für seine Inspiration und seine Ermutigung an uns alle, Kunst aus dem Herzen zu schöpfen, mit dem Ehrenpreis des Festivals auszeichnen zu dürfen.“ Geehrt wird damit ein Gesamtwerk von bis heute etwa 150 Kurz- und Langfilmen, aber auch Büchern, Bildern, Zeichnungen und Fotografien. Mit seinem Dokumentarfilm Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt positionierte er sich 1970 als politischer Aktivist und Vorkämpfer der Schwulen- und Lesbenbewegung. In Saarbrücken werden neben seinem jüngsten Film noch zwei seiner Klassiker gezeigt: Die Bettwurst (1971) und Überleben in New York (1989), bei denen es um Rollenklischees und um sehr unterschiedliche Paare aus Kiel und New York im Strudel unvorhergesehener Ereignisse geht.

Als Dozent in Zürich, Berlin und auch als Regie-Professor in Potsdam-Babelsberg hatte Rosa von Praunheim einen ganz direkten Einfluss auf die Entwicklung des filmischen Nachwuchses. In Saarbrücken wird daher auch der 2012 zu seinem 70. Geburtstag entstandene Dokumentarfilm „Rosakinder“ gezeigt, in dem sich Julia von Heinz, Axel Ranisch, Robert Thalheim, Tom Tykwer und Chris Kraus auf höchst unterschiedliche Weise mit ihrem filmischen „Übervater“ und seinen unkonventionellen Methoden auseinandersetzen.

Grenzüberschreitender Nachwuchs

Das Herzstück des Festivals sind freilich die Wettbewerbe mit aktuellen Arbeiten von Nachwuchstalenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dieses Jahr besonders auffällig: Die Spielfilme überschreiten Grenzen, zum Teil kommen die Filmemacher aus anderen Ländern, zum Teil zieht es sie dorthin. In „Jiyan“ erzählt Süheyla Schwenk von Spannungen und Konflikten innerhalb einer Familie von Flüchtlingen aus Syrien. In „Nur ein Augenblick“ von Randa Chahoud, verlässt ein bestens integrierter junger Syrer Hamburg und seine schwangere Freundin, um seinen Bruder aus dem syrischen Kriegsgebiet zu retten. In „Tal día hizo un año“ erzählt Regisseurin Salka Tiziana von einer ungewöhnlichen deutsch-spanischen Familienzusammenführung in der Sierra Morena in den andalusischen Bergen. In „Sunburned“ schildert ihre Kollegin Carolina Hellsgård den bewegten Sommer einer Mutter und ihrer heranwachsenden Töchter am andalusischen Hotelstrand. Über Familienkonflikte oder Beziehungsprobleme sprechen die Nachwuchsfilme oft drängende gesellschaftlichen Themen an, wie Toleranz und Migrationsprobleme, aber auch die Selbstfindung von Jugendlichen, etwa in „Lovecut“ der gebürtigen Mexikanerin Iliana Estañol über eine bunt gemischte Clique in Wien.

"Sunburned" (©Camino Film)
"Sunburned" (©Camino Film)

Die stilistische Bandbreite reicht im Spielfilmwettbewerb vom eindrücklichen Familiendrama über die schrille Migrationskomödie bis hin zur gesellschaftlichen Dystopie. So beschreibt Lisa Charlotte Friederich in „Live“ eine Gesellschaft, in der der öffentliche Raum fast vollständig durch digitale Wirklichkeit ersetzt worden ist. Sehr breit ist dieses Jahr auch die regionale und inhaltliche Bandbreite im Dokumentarfilmwettbewerb: Von den Kindern illegaler Immigranten und jungen Rodeo-Reiterinnen in den USA über militarisierte Kinder in der Ukraine bis zu Kämpferinnen für die Frauenrechte bei den Massai; vom Gedenken an die alliierten Bombenangriffe in Dresden bis hin zum Schicksal osteuropäischer Leiharbeiter in westdeutschen Massenschlachtbetrieben.

Grenzüberschreitendes gibt es außerdem auch noch in einer Sonderreihe zu sehen: Das TISFF, das internationale Studentenfilmfestival in Tel Aviv, präsentiert in Saarbrücken fünf Kurzfilme israelischer Filmschulen. Darin geht es um soziale und religiöse Spaltungen innerhalb der israelischen Gesellschaft.

Stabilität in der Leitung

In mehr als vier Jahrzehnten war das Festival Spielball kommunal- und landespolitischer Interessen. Seit drei Jahren leitet Svenja Böttger das Festival. Zur 41. Ausgabe ist die 31-Jährige als Ko-Geschäftsführerin der Filmfestival Max-Ophüls-Preis GmbH an der Seite von Saarbrückens Kulturdezernent Thomas Brück (Die Grünen) eingestiegen. Der dritte in der Troika bleibt Oliver Baumgarten, jetzt als Künstlerischer Leiter. Beide, Böttger und Baumgarten, haben ihren Vertrag jetzt um drei Jahre verlängert. Das gewährt auch eine höhere Planungssicherheit und Gestaltungsfreiheit eines bisher sehr erfolgreichen Teams.


Infos zum Programm des Filmfestival Max Ophüls Preis finden Sie hier

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