© Anne Freitag

Es ist nicht alles Gold, was glänzt: Zur neuen Kategorie "Beste Visuelle Effekte und Animation" beim Deutschen Filmpreis

Dienstag, 21.01.2020

Diskussion

Awards-Season! „Oscars“, „Golden Globes“ etc.! Auch die Deutsche Filmakademie ist derzeit am Auswählen für die kommenden nationalen „Lolas“, die Deutschen Filmpreise; am 7.1. wurde die Vorauswahl für die Kategorien Spielfilm, Dokumentarfilm und Kinderfilm bekannt gegeben. Ganz neu ist dieses Jahr ein Preis für Animation und VFX eingerichtet worden. Grundsätzlich: Ein sinnvoller Preis für ein Segment, das gerade im letzten Jahrzehnt das Filmerzählen völlig verändert hat; das lässt spüren, dass die Akademie ihre Fühler am Puls des internationalen Filmgeschehens hält. So scheint es auf den ersten Blick.

Doch spätestens beim zweiten Blick trübt sich die Freude: Anders als bei einem Preis der Pressevertreter (wie den „Golden Globes“) oder bei Festival-Preisen, wo eine bunt zusammengestellte Jury eine subjektive Auswahl trifft, soll bei einem Filmpreis einer Akademie das jeweilige Gewerk selbst die Auswahl treffen und die Mitglieder schließlich in toto dann über alle Nominierungen abstimmen. So macht es etwa die „Oscar“-Academy vor. Wie steht es da bei der Deutschen Filmakademie? Da dürfen nun ein Maskenbildner oder eine Kostümdesignerin einen Animationsfilm für die „Lola“ nominieren, ein Animator dagegen nicht. Absurd, aber Stand der Dinge.

Absurd: Es gibt keine Abteilung "Animation"

Wie es dazu kam? Bislang haben sich nur 39 Mitglieder in der Abteilung Visuelle Effekte (VFX) innerhalb der Deutschen Filmakademie zusammengefunden, deren unermüdlicher Lobby-Arbeit der neue Preis offensichtlich sein Dasein verdankt. Bei über 2000 Akademie-Mitgliedern eine recht überschaubare Anzahl, verglichen mit der Menge der in diesem Arbeitsfeld Tätigen in Deutschland tatsächlich geradezu verschwindend gering. Die dahinterstehenden Firmen wie Mackevision, Scanline, Trixter, Pixomondo, Rise FX etc., die an internationalen Projekten wie Guardians of the Galaxy oder „Game of Thrones“ beteiligt sind, mussten offensichtlich deswegen unfreiwillig oder nicht Allianzen mit den übrigen Abteilungen und Gewerken der Deutschen Filmakademie eingehen. So sieht deren Satzung nun vor, dass bei Auswahl und Nominierungsverfahren des neuen Preises auch die Abteilungen Kamera/Bildgestaltung sowie Szenenbild/Kostümbild/Maskenbild beteiligt sein müssen.

Nun kann man das für sinnvoll halten oder auch nicht. Sicher ist, dass der Kenntnisstand dieser Gewerke über die Anstrengungen im Bereich Visuelle Effekte übersichtlich ist – aber was nicht ist, kann ja noch zu Lernprozessen führen. Absurd wird es dann aber, wenn diese Gewerke auch über Animationsprojekte abstimmen müssen und entsprechende Empfehlungen aussprechen sollen. Die dazu eigentliche benötigte Abteilung „Animation“ gibt es nämlich gar nicht innerhalb der Akademie.

Mehr als offensichtlich sollte der Preis in seiner ursprünglichen Form daher auch nur den Bereich Visuelle Effekte umfassen: So bezog sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters ausschließlich und explizit auf den Bereich VFX in ihrem Kommentar zur Bekanntgabe der neuen Lola: „Visuelle Effekte (VFX) gehören inzwischen zum Standardrepertoire erfolgreicher Filmproduktionen und werden immer wichtiger! Deutsche Firmen sind in diesen Technologien international sehr gefragt. Mit einer neuen Preiskategorie beim Deutschen Filmpreis wollen wir diese Leistung würdigen und so dem VFX-Bereich insgesamt eine größere öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen. Das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld von 10.000 Euro soll außerdem einen finanziellen Anschub für VFX-Innovationen ‚Made in Germany‘ ermöglichen.“

Auch der Präsident der Deutschen Filmakademie, Ulrich Matthes, äußerte sich ganz ähnlich: „Wer in den vergangenen Jahren aufmerksam die Produktion deutscher Kinofilme verfolgt hat, konnte sich von der künstlerischen Leistung der VFX-Kolleginnen und -Kollegen überzeugen. Auch ihren technischen Fähigkeiten ist es zu verdanken, dass wir in fremde, magische Welten eintauchen. Es ist für uns ein Gewinn, dass diese Arbeit nun durch den Deutschen Filmpreis eine entsprechende Würdigung erfährt.“ Da ist keine Rede von Animation.

Nachbesserungsbedürftig

In Sachen Einreichung heißt es lapidar in der Satzung „Für die Kategorie ‚Beste Visuelle Effekte und Animation‘ müssen sich die Produktionsfirma und/oder Verleiher mit der Einreichung festlegen, ob der eingereichte Film auch konkret für diese Preiskategorie angemeldet werden soll. Ist das der Fall, müssen die Produktionsfirma und/oder der Verleiher mit der Einreichung des Films eine Auflistung der VFX-Szenen (sog. ‚Breakdown‘) beilegen.“ Ein Satz, der nur Sinn ergibt, wenn die Worte „und Animation“ gestrichen werden.

Animation ist ein Medium, kein Gewerk; sie steht gleichberechtigt neben dem sogenannten Realfilm. Die Visuellen Effekte sind nur ein Teilbereich dieses Mediums. Wenn Robert De Niro („The Irishman“) oder Will Smith („Gemini Man“) verjüngt werden, ist dies ein visueller Effekt, wenn Elsa und Anna Olaf retten („Die Eiskönigin 2“), ist das Animation. In ihrer jetzigen Form ist die neue „Lola“ jedenfalls ein ziemlich missglückter Versuch, diese weiten Felder in die Deutschen Filmpreise einzubinden, und bedarf dringender inhaltlicher Korrektur.

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