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Dienstag, 28.01.2020

Notizen zum 41. Filmfestival Max Ophüls Preis Saarbrücken 2020

Diskussion

Von ungewöhnlichen Themen auch originell zu erzählen ist nicht leicht – das war bei der Schau des jungen deutschsprachigen Kinos beim 41. Filmfestival Max Ophüls Preis (20.-26.1.2020) zu erleben (zur Übersicht der Preisträger). Während sich die Spielfilme über Zeitgeist-Themen wie Integration und Migration eher mühten, stachen einige Dokumentarfilme innerhalb der Auswahl hervor.


Nehmen wir Karim! Der ist wie sein älterer Bruder Yassir Musiker und verkennt gleich zu Beginn von Nur ein Augenblick die Macht der konservativen Strukturen, die der „Arabische Frühling“ zu Beginn der 2010er-Jahre hinwegzufegen gedenkt. Um Karim zu schützen, wird er nach Deutschland zum Studieren geschickt, was er auch durchaus erfolgreich in Hamburg tut, wo die Leute einander gerne „Digger“ titulieren. Seine Freundin Lilly, eine Isländerin, betreibt einen Fahrradladen, ist aber auch schwanger. Als Karims Eltern schließlich aus Syrien fliehen, bleibt Bruder Yassir zurück, um gegen Assads Schergen zu kämpfen. Seine Spur verliert sich in den Kriegswirren, aber Karim macht sich trotzdem auf die Suche nach ihm.

Was folgt, sind vielfach reproduzierte Genre-Impressionen der Gewalt zwischen Häuserkampf und Foltergefängnis, unübersichtlichen Frontverläufen, Hinrichtungen von Verrätern und reichlich Machogehabe des Soldatischen. Was Karim in Syrien erlebt, verändert ihn, macht ihn nach der glücklichen Rückkehr nach Hamburg zu einem anderen Menschen, der schwierig und auch widerwillig in sein altes, irgendwie absurd abgefedertes Leben zurückfindet. Als er dann die überraschende Möglichkeit erhält, sich an dem Peiniger seines sehr wahrscheinlich ermordeten Bruders zu rächen, spitzt sich die Handlung zu. Der betont große Erzählbogen von „Nur ein Augenblick“ endet schließlich in einem Wohnwagen auf einem Jahrmarkt im Brandenburgischen, doch eigentlich bleibt die Geschichte offen.

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Man ahnt schnell, worum es Regisseurin und Drehbuchautorin Randa Chahoud bei ihrem Spielfilmdebüt gegangen ist: die Infragestellung einer Komfortzone in Deutschland, die internationalen Konflikten gerne und vorzugsweise moralisch begegnet. Aber der von Chahoud gewählte Weg ist leider etwas sehr umständlich, detailreich und gleichzeitig sehr konventionell gewählt, weil quasi nebenher auch noch eine Beziehungsgeschichte, zwei Familiengeschichten und ein „culture clash“ verhandelt werden, die dann auch noch Konflikte über Bande spielen. Dem forcierten Familiensinn der Syrer steht Lillys tragisch unterfütterte Distanz zu ihrer Familie entgegen, was immerhin noch für einen gar nicht richtig ausgespielten Schlussakkord sorgt.

"Nur ein Augenblick" von Randa Chahoud
"Nur ein Augenblick" von Randa Chahoud

Raus aus der Komfortzone

„Raus aus der Komfortzone!“, lautet auch die Vorgabe bei Waren einmal Revoluzzer, dem zweiten Spielfilm von der in Saarbrücken bereits einmal ausgezeichneten Johanna Moder (High Performance). Zwei befreundete Wiener Paare aus einem nicht näher bezeichneten, aber wohl links-liberal gemeinten Milieu kommen einem russischen Freund aus Studientagen zu Hilfe, der in Russland untertauchen musste. Nicht ganz legal ermöglicht man ihm die Flucht nach Österreich: endlich mal nicht nur geredet, sondern auch gehandelt! Doch Pawel kommt nicht allein, sondern mit Frau und Kind. Und nicht etwa Pawel wird politisch verfolgt, sondern seine Ehefrau, offenbar eine Putin-Gegnerin, wird von den Behörden mit internationalem Haftbefehl gesucht. Weil sich die Dankbarkeit der selbstwussten Russen, mit denen ein Gespräch kaum einmal über freundliche Floskeln hinaus möglich scheint, in Grenzen hält, erweist sich die Fluchthilfe-Initiative rasch als im Alltag nicht wenig lästig. Immerhin arbeitet man als Richterin, Liedermacher oder Therapeut, hat selbst Kinder und eine Datsche im Speckgürtel Wiens. Folglich werden die Russen jetzt herumgereicht – und die allgemeine Überforderung führt dann auch schnell dazu, dass die eigentlich gut aufeinander abgestimmten Beziehungen aus dem Ruder laufen.

Wie der an Erich Mühsam („War einmal ein Revoluzzer …“) gemahnende Filmtitel schon andeutet, setzt Moder ganz auf entlarvende Milieusatire, wobei sie allerdings etwas ungerecht austeilt. Während beim Therapeuten Volker, noch während der Filmtitel, schon klargestellt ist, dass es sich um einen egoistischen Heuchler handelt, werden andere Figuren deutlich differenzierter behandelt. Indes münden alle durchaus unterhaltsamen und mitunter ziemlich komischen Kapriolen in eine gewisse Ratlosigkeit. Am Ende ziehen die Russen enttäuscht ihrer Wege.

In einem Interview gab die Filmemacherin zu bedenken, dass einem bestimmten Milieu die Fähigkeit zur Solidarität abhandengekommen sei, sofern sie sich nicht bequem gestalten ließe. Und dass es Wichtigeres gebe als die wohlige Aufgeräumtheit einer Wohnung. Worauf sie anspielte, war eine Filmszene, in der die Russen, unmittelbar nach der Ankunft in Wien, die Wohnung der Richterin Helene in einen wodkaschwangeren Treffpunkt der russischen Community verwandelt haben, wo Kleinkinder die Vinylsammlung des abwesenden Liedermachers „betreuen“. Ein allzu grobschlächtiges, atemloses Szenario, weil man sich im Filmverlauf eben nicht einfach mal in Ruhe hinsetzt, die Sachlage offen in alle Richtungen klärt und so falschen Rücksichtnahmen, der Noblesse oblige und der Sprachbarriere das Zepter des Handels einräumt.

"For the Time Being" von Salka Tiziana
"For the Time Being" von Salka Tiziana

Ungewöhnliche Themen im konventionellen Gewand

Mitunter war zu beobachten, dass die Kombination von ungewöhnlicher, gern auch dunkler Thematik mit konventionellem Erzählen nur funktioniert, wenn man das Thema auf dem Weg verliert. Man kann nur vermuten, dass diese Kombination schon den Einfluss der Fernsehredaktionen als Co-Produzenten reflektiert oder antizipiert. Man zeigt sich schon auf dem Weg ins Geschäft als zuverlässiger und zudem willfähriger Dienstleister am Konventionellen und Formatierten.

Bestes Beispiel dafür war vielleicht Nothing More Perfect von Teresa Hoerl. Die 16-jährige Maja breitet in einschlägigen Internet-Foren Selbstmordgedanken aus. Als sie mit ihren getrenntlebenden und sehr aufgekratzt-feierwilligen Eltern eine Reise nach Prag unternimmt, macht sie zwar durchaus gut gelaunt jeden Quatsch mit, bekommt aber ihre Chance auf einen spektakulären Abgang, als sie den attraktiven Dealer Sev kennenlernt. Der kann ihr die nötigen Tabletten besorgen. Das Thema Selbstmord mit einer jugendlichen Protagonistin, durchaus überzeugend melancholisch gespielt von Lilia Hermann, vor dem Hintergrund austauschbarer Urlaubsbilder aus Prag, dazu noch etwas Social-Media-Kritik und etwas „Boomer“-Bashing – fertig ist ein Fernsehspiel, das für die Primetime taugen will. Ist es ein Spoiler, wenn man verrät, dass dies keine Reise ohne Wiederkehr wird?

In diesem Zusammenhang nicht unerwähnt sei Irgendwann ist auch mal gut von Christian Werner, der die forcierte Komödienform gewählt hat, um – unterstützt von zuverlässig großartigen Schauspielern wie Fabian Hinrichs, Franziska Walser, Maresi Riegner, Julia Richter und Michael Wittenborn – eine Familiengeschichte um selbstbestimmtes Sterben, Parkinson und erlernbare Empathie zu erzählen. Besonders komisch: Hinrichs spielt einen Bestattungsunternehmer, der sein Leben gründlich an die Wand gefahren hat. Ehe kaputt, Auto kaputt, Vogel tot – und für den Job komplett ungeeignet. Erst im Kampf gegen die Selbstmordpläne seiner Eltern und befeuert durch seine großherzige und fantasievolle Assistentin bekommt er sein Leben zurück. Bis kurz vor Schluss ist man auch hier hauptsächlich gespannt, ob es dem Film gelingen wird, Thema und Tonfall irgendwie seriös über die Zielgerade zu retten.

"Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" von Yulia Lokshina
"Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" von Yulia Lokshina

Hermetisches hat es schwer

Ästhetisch ambitioniertere und eher hermetische Arbeiten wie Fellwechselzeit von Sabrina Mertens oder auch For the Time Being von Salka Tiziana haben es in einem Festivalprogramm eher schwer, sich gegen konventionelle Fernsehspiel-Dramaturgien oder gegen auf dem Zeitgeist surfenden Geschichten um Migration, Integration, Abschiebung und Fremdheitserfahrungen, am besten noch erzählt aus poetischer Kinder-Perspektive wie Ein bisschen bleiben wir noch von Arash T. Riahi, zu behaupten. Insofern muss man fast schon sagen, dass Neubau von Johannes Maria Schmit ziemlich perfekt die Mitte zwischen diesen widerstreitenden Alternativen besetzte. Ein queerer Blick auf das erstaunlich unspektakuläre Leben des Trans-Mannes Markus (Tucké Royale, der auch für das Buch verantwortlich zeichnet) zwischen dementer Großmutter und Fantasie vom Ausbruch aus der provinziellen Tristesse, die aber im Zeichen einer „neuen Selbstverständlichkeit“ (Schmit) gar nicht so verstanden werden soll. Handlungsarm, wortkarg, aber dafür präzise beobachtet und glänzend unspektakulär in Szene gesetzt.

Einziges Manko des Films, vom auf dem Festival mit dem Ehrenpreis 2020 ausgezeichneten Rosa von Praunheim vielleicht ahnungsvoll im Voraus kommentiert: Eine queere Geschichte, gut und schön, sollte nicht nur normal, sondern auch dringlich im Sinne des Erzählt-werden-Müssens sein. Praunheim, mit seinem Gespür fürs Groteske wie Schmerzhafte, fürs Exaltierte wie Obskure, hat’s immer wieder vorgemacht. In Saarbrücken lief auch sein neuer Film Darkroom, der seinerseits aus der Provinz die befreiende Großstadt erträumte. Mit tödlicher Konsequenz und etwas Kolportage.

Höhepunkte: Ein Dokumentarfilm und eine Webserie

Die beiden interessantesten Filme des Jahrgangs 2020 waren allerdings keine Spielfilme, variierten auf eigentümliche Weise dessen zentrale Themen. Yulia Lokshina, in Moskau geboren, in München ausgebildet, präsentierte ihren klugen Diplomfilm Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit. Hier konfrontierte sie schrille Proteste gegen industrielle Massentierhaltung und Billigfleischproduktion vor den Augen osteuropäischer Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter, die unter skandalösen Bedingungen zu Niedrigstlöhnen im Schlachthof arbeiten. Gleichzeitig wurde gezeigt, wie Schülerinnen und Schüler eines Münchener Gymnasiums, immer wieder provoziert vom engagierten Lehrer, sich mit Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ auseinandersetzen. Zwei Wirklichkeiten zwischen Migration und Komfortzone, vermittelt durch einen historischen Text, dessen Einsichten durchaus aktuell sind, auch wenn man sich das auf dem Gymnasium nur theoretisch vorzustellen vermag.

"Irgendwann ist auch mal gut" von Christian Werner
"Irgendwann ist auch mal gut" von Christian Werner

Und schließlich war da noch die Webserie „Haus Kummerveldt“ von Mark Lorei, ein böser und sehr lustiger, dabei stets experimentierfreudiger Exkurs über Freiheit, Emanzipation, Nationalismus und Patriarchalismus, gespielt in Kostümen des 19. Jahrhunderts. Im Münsterland träumt eine junge, kecke Adelige von einer Karriere als Schriftstellerin und muss sich gegen Widerstände aller Art und vielleicht auch die eigene Talentlosigkeit behaupten. Der Film kam stilecht mit einem Untertitel in Fassbinderscher Pracht: „Oder wie die Adelige Luise Hysterie heilte, indem sie so lange schrie, bis ihr Korsett von der Taille in des Vaterlands Fresse platzte.“ Lorei, von Hause aus Historiker, erzählte auch davon, wie aktuell und wenig vergangen die strukturelle Gewalt des Wilhelminismus sich auch heute noch zeigt. Aber eben auf höchst originelle, erfrischend ambitionierte und eben gerade nicht akademische Weise.


Fotos: Festival Max Ophüls Preis/Salzgeber, Salka Tiziana, wirFILM, Felix Meinhardt

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