© Filmtage Solothurn

Die Schweiz & der Rest der Welt

Montag, 03.02.2020

Bei den 55. Solothurner Filmtagen dominierten Fragen nach der Identität in Zeiten weltweiter Flüchtlingsbewegungen

Diskussion

Die 55. Solothurner Filmtage (21.-29. Januar) gaben sich auch unter der neuen Leitung von Anita Hugi einmal mehr als Schaufenster des Schweizer Filmschaffens. In den beiden Wettbewerben dominierten Filme, die sich mit Fragen der Identität in Zeiten weltweiter Flüchtlingsbewegungen befassten.


Bei den 55. Solothurner Filmtagen wurde der Migrantenkrimi „Baghdad In My Shadow“ von Samir mit dem Publikumspreis und „A la recherche de l’homme à la caméra“ von Boutheyna Bouslama mit dem Hauptpreis „Prix de Soleure“ ausgezeichnet. Es sind beides Werke von Filmemachenden mit Migrationshintergrund: Der Iraki-Schweizer Samir lebt seit Jahrzehnten in der Schweiz und wirbelt die helvetische Filmszene regelmässig auf. Bouslama, französisch-tunesischer Herkunft, hat in Genf die Kunsthochschule (HEAD) besucht, musste die Schweiz aber nach ihrem Studienabschluss verlassen, weil ihr Aufenthaltsstatus nicht verlängert wurde. Gleichwohl sagt sie, dass ihr Film sehr schweizerisch sei, denn in der Schweiz habe sie sich zuhause gefühlt.

In gewisser Weise ist diese Preisvergabe symptomatisch für die gegenwärtige Situation: fürs Schweizer Filmschaffen, das zunehmend von der Migrationsthematik geprägt wird, und natürlich für die heutige Zeit, die sich in diesem Trend spiegelt und in der mehr Menschen denn je unterwegs sind, während sich die Wahrnehmung im Takt mit den Neuen Medien rasend schnell verändert.

Preisgekrönt: "Baghdad in My Shadow" von Samir (© NFP)
In Solothurn preisgekrönt: "Baghdad in My Shadow" von Samir (© NFP)

Ein neuer Besucherrekord

Am vorletzten Abend der Filmtage lud die neue Direktorin Anita Hugi zum „Atelier de la pensée“. Das geschah relativ spontan und zeugt von der Situation, in der sich Hugi befindet, aber auch von ihrem Selbstbewusstsein als Festivalchefin. Hugi ist als Nachfolgerin von Seraina Rohrer erst seit Anfang August 2019 im Amt. Innerhalb von knapp sechs Monaten hat sie das komplette Programm geschultert: zwei Wettbewerbe und die seit einigen Jahren als „Panorama“ bezeichnete Werkschau des aktuellen Schweizer Filmschaffens, außerdem ein Fokus-Programm zum Thema Serien. Plus die einer Person gewidmete „Rencontre“, diesmal der in Berlin wohnhaften Schweizerin Heidi Specogna. Insgesamt 179 kürzere und längere Filme, wovon unter letzteren 22 in Solothurn Premiere feierten. Nicht zu vergessen diverse Panels, Diskussionsrunden, Workshops.

Was die Besucherzahlen betrifft, war der Jahrgang mit 66 000 Kinokarten ein voller Erfolg. Das ist eine glänzende Leistung, zu der man Hugi, die davor unter anderem beim Schweizer Fernsehen gearbeitet und von 2016 bis 2018 das Festival International du Film sur l’Art in Montréal geleitet hat, nur gratulieren kann.

Hugi versteht die Filmtage vor allem als Werkschau des Helvetischen Filmschaffens und verfolgt dabei weitgehend die Linie ihrer Vorgängerin. Vorgenommen hat sie einige terminliche Justierungen, u.a. für die „Nacht der Nominationen“, an der die für den im März verliehenen Schweizer Filmpreis Nominierten bekannt gegeben werden. Das hatte allerdings zur Folge, dass viele Mitglieder der Schweizer Filmakademie, die bislang Solothurn als letzte Chance wahrnahmen, die in Frage kommenden Filme zu sehen, dem Festival fernblieben.


Fremde Blicke, fremde Länder, fremde Bilder

Dies mag mit ein Grund gewesen sein, der Hugi zu dem „Atelier de la pensée“ bewogen hat. Sie habe in der Vorbereitung auf ihren neuen Jobs vor allem Archivaufzeichnungen früherer Filmtage angeschaut und gesehen, dass die Säulenhalle im Festivalzentrum früher ein Ort reger Diskussionen gewesen ist. Das soll nun wiederbelebt werden. Geredet wurde dann ausgehend von den bei den Filmtagen gezeigten Filmen wie „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ (Niklaus Hilber), „African Mirror“ (Mischa Hedinger), „Contradict“ (Peter Guyer, Thomas Burkhalter), „Europa – Based on a True Story“ (Kivu Ruhoahoza) oder „Insoumises“ (Laura Cazador, Fernando Perez) über die Themen „fremde Blicke“, „fremde Länder“, „fremde Bilder“. Nicht weniger als 14 Filmemacher saßen dabei links und rechts von Hugi und der Moderatorin auf dem Podium und versuchten in kurzen Statements, ihr Bewusstsein als Filmemachende zu formulieren und was es bedeutet, wenn man von außen kommend in „der Fremde“ einen Film dreht. Das war thematisch spannend, doch die Kürze der anberaumten Zeit und die Anzahl der Diskutanten verhinderten eine vertiefende Diskussion.

Wenn man als Fremde von außen kommt: "Bruno Manser - Die Stimme des Regenwaldes"
Wenn man als Fremder von außen kommt: "Bruno Manser - Die Stimme des Regenwaldes" (© Solothurner Filmtage)

Auf dem Podium fehlt allerdings jene Person, die zu diesen Themen vielleicht am meisten zu sagen gewusst hätte und die dies anderswo in Solothurn auch tat: Heidi Specogna. Die aus Biel stammende Dokumentarfilmerin dreht seit Jahren immer wieder auch in Afrika Filme. Ihre Werke, etwa „Cahier africain“ (2016), der den Gewalttaten kongolesischer Söldner an Frauen der Zentralafrikanischen Republik nachspürt, oder „Das Schiff des Torjägers“ (2001), der einen Blick auf (afrikanische) Träume, Fussball und die Handelsware Mensch wirft, entstehen und reifen oft in jahrelangen Prozessen. Wenn sie sich aufgrund ihrer Hautfarbe verbieten würde, einen Film über afrikanische Frauen zu drehen, hat Specogna in einem Interview jüngst gesagt, würde sie sich das „in allen Facetten verbieten: als Frau, als empathische Person, als Journalistin, als Kind aus Arbeiterverhältnissen“.


Schweizer Spezialität: Die Beschäftigung mit der eigenen Identität

Tatsächlich bestimmen die Themen um das Eigene und das Fremde, die Frage des sich im Laufe der Zeit auch verändernden Blicks auf die Welt, seit Jahrzehnten die Diskussion um den Schweizer Film und das Schweizer Filmschaffen. Man ist sogar versucht zu sagen: seit jeher. Denn die Beschäftigung mit der eigenen Identität und dem eigenen Bewusstsein ist in der kleinen, aber durch ihre vier Landessprachen multikulturell geprägten Schweiz permanent gegenwärtig. Das zeigt sich in der Rückschau auf die eigene Berichterstattung über Solothurn, die im Laufe von über 30 Jahren immer wieder unter Titeln wie „Reisen ins Landesinnere und -äußere“ stattfand.

So gesehen, bewegten sich die 55. Solothurner Filmtage, in denen Hugi diesen Blick aufs Fremde als roten Faden ausmacht, durchaus in der Tradition der Veranstaltung. Aber die Stimmung und der Diskurs haben sich verändert. Das mag eine Folge der sich ändernden Welt sein, in der Migrationsbiografien und die den modernen Medien geschuldete permanente Verbundenheit mit dem Ort der Herkunft ein neues Weltbewusstsein geschaffen haben. Man lebt hier und ist im Kopf dort. Kommt nie richtig in der Fremde an, und ist bei der Rückkehr in die Heimat einige Jahre später trotz täglicher Telefonante doch ein Fremder.

Ein Schweizer Kurzfilm aus dem Programm in Solothurn: In "The Lonely Orbit" verlässt ein Satellitentechniker für seinen Traumjob seine Heimat und sucht durch ständige Kurznachrichten  an seine alten Freunde Trost (© Solothurnere Filmtage)
Ein Schweizer Kurzfilm aus dem Programm in Solothurn: In "The Lonely Orbit" verlässt ein Satellitentechniker für seinen Traumjob seine Heimat und sucht durch ständige Kurznachrichten an seine alten Freunde Trost (© Solothurner Filmtage)

In den beiden zusammen 24 Werke umfassenden Wettbewerbsprogrammen zählte man in Solothurn allein sieben Filme mit direkten Migrationsgeschichten. Es sind dies, nebst den beiden Gewinnerfilmen, „Al-Shafaq“ von Esen Isik, Jonas Schaffers „Arada“, Karim Sayads „Mon cousin anglais“, „Volunteer“ von Anna Thommen und Lorenz Nufer und „Plötzlich Heimweh“ von Yu Hao.


Migrationsgeschichten & Historisches

Aus diesem Gros ragen zwei von Frauen realisierte Projekte heraus – „A la recherche de l’homme à la caméra“ von Boutheyna Bouslama und „Plötzlich Heimweh“ von Yu Hao, welche von der eigenen Befindlichkeit in eine essayistische Recherche führen, die von dringlicher Authentizität ist. Vor allem Bouslamas Film, der die Reflexion der Autorin über ihre Ausweisung aus der Schweiz mit ihrer jahrelangen Suche nach einem Jugendfreund verbindet, der als Aktivist gegen das syrische Regime 2012 spurlos verschwand, verweist in erschütternder poetischer Heftigkeit auf ein düsteres Kapitel des Syrienkonflikts. Die Jury, bestehend aus Ursula Meier, Cemile Sahin und Mirko Manzoni, lobte in ihrer Laudatio denn auch die „Narration, die filmische Handschrift und die deutliche Haltung gegenüber der Leerstelle, die ihr Freund hinterließ“.

"À la recherche de l'homme à la caméra"
"À la recherche de l'homme à la caméra" (© Solothurner Filmtage)

Ihren Anfang nahmen die 55. Solothurner Filmtage mit „Moskau Einfach!“ von Micha Lewinsky. Die Komödie spielt im Herbst 1989 und greift einen historischen Stoff auf: den sogenannten „Fichen-Skandal“, die Bespitzelung in der Schweiz gegen Ende des Kalten Kriegs. Es ist ein leichtfüßiger Film, der in humorvoller Weise mit historischen Fakten spielt; leider scheint das Lachen über die eigene Vergangenheit, so muss man aus den ersten Reaktionen in Solothurn schließen, den Schweizern und dem Schweizer Filmschaffen noch etwas fremd. Fakt aber ist, dass das Publikum die Kritik immer wieder Lügen straft. Unter den zehn in der Schweiz erfolgreichsten Schweizer Filmen der letzten fünf Jahre (2015-2020) sind gleich drei Werke zu finden, die auf historischen Stoffen bzw. den Biografien bekannter Persönlichkeiten beruhen („Die göttliche Ordnung“, „Zwingli“ „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“). Zwei dieser Filme – „Die letzte Pointe“ und „Wolkenbruchs wunderliche Reise indie Arme einer Schickse“ – sind Komödien. (Quelle: Procinema-Statistik)


Eine Hochphase für die Schweizer Film

Demnächst dürfte in dieser Liste der erfolgreichsten Schweizer Filme auch Pierre Monnards „Platzspitzbaby“ auftauchen. Der Film, der 1995 während der Auflösung der offenen Drogenszene in Zürich spielt und das Schicksal der Tochter einer Drogenabhängigen schildert, wurde bei den Solothurner Filmtagen nicht gezeigt. Er findet sich auch nicht auf der Liste der Filmpreis-Nominierungen. Doch seit dem Start am 16. Januar hat er nach Angabe des Verleihers innerhalb von zwei Wochen bereits mehr als 100 000 Besucher angezogen – das ist für die Schweiz ein richtiger Blockbuster.

Enorm erfolgreich: "Platzspitzbaby" von Pierre Monnard
Enorm erfolgreich: "Platzspitzbaby" von Pierre Monnard (© Solothurner Filmtage)

Grundsätzlich befindet sich der Schweizer Film derzeit in einer Hochphase, auch wenn man in Solothurn bisweilen anderes hörte und eine Studie die (zu) niedrigen Löhne der Filmemachenden monierte. Das Hoch spiegelt sich nicht nur in den vereinzelt hohen Eintrittszahlen wider, sondern zeigt sich auch am stetigen Wachsen eines Festivals wie den Solothurner Filmtagen. Selbst bei ausländischen Festivals sind Schweizer Filme erfreulich gut unterwegs. So wird im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale „Schwesterleinvon Stéphanie Chuat und Véronique Reymond laufen und in der „Panorama“-Reihe „Mare“ von Andrea Staka. Die Schweizer Schauspielerin Ella Rumpf gehört zu den Berliner Shooting Stars 2020. Und die Regisseurin Susanne Regina Meures präsentierte soeben am Sundance Festival ihren Dokumentarfilm „Saudi Runaway“.

Kommentar verfassen

Kommentieren