© Sutor Kolonko (Production Still zu "Das freiwillige Jahr")

Zusammen ist man weniger allein - Interview mit Ulrich Köhler & Henner Winckler

Mittwoch, 05.02.2020

Ein Gespräch mit den Regisseuren anlässlich des Filmstarts von "Das freiwillige Jahr"

Diskussion

Es kann nicht nur einen geben! Regie-Doppelspitzen sind zwar immernoch die Ausnahme von der Regel, aber durchaus im Kommen. Wie gut das gemeinsame Inszenierem funktionieren kann, haben Ulrich Köhler und Henner Winckler mit ihrem Film Das freiwillige Jahr bewiesen, der letztes Jahr in Locarno Premiere feierte und nun in die Kinos kommt. Es geht um eine junge Frau, die nach dem Abitur eigentlich zu einem freiwilligen sozialen Jahr in Costa Rica aufbrechen soll, sich auf dem Weg zum Flughafen aber spontan dagegen entscheidet – sehr zum Ärger ihres Vaters. Im Werkstattgespräch berichten die beiden Filmemacher von ihrer Arbeitsteilung beim Schreiben und Umsetzen der Vater-Tochter-Geschichte und dem kreativen Input von Cast und Crew.


Der Film ist vom WDR produziert. Ist der Sender mit der Idee zum Film auf Sie zugekommen?

Köhler: Wir haben gemeinsam ein Buch geschrieben, für das wir dann Geld gesucht haben. Es hat sich die Möglichkeit eröffnet, diesen Film schnell und unkompliziert mit dem Sender zu machen. Das ist sehr gut aufgegangen. Wir haben nicht anders gearbeitet als bei einem Kinofilm. Es war eine gute Zusammenarbeit, wir haben keine Zensur erfahren, keinerlei Vorgaben, die uns in unserer kreativen Arbeit behindert hätten. Es war nicht so, wie man es sich vielleicht vorstellt, wenn ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender im Vorspann steht. Wir können gar nicht sagen, was der Unterschied zu den vorherigen Filmen ist.

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Sind Kinofilme nur noch in Zusammenarbeit mit dem Fernsehen möglich?

Winckler: DiemeistenKinofilme in Deutschland entstehen in Zusammenarbeit mit dem Fernsehen; das Besondere an unserem Film ist, dass er eine reine Fernsehproduktion ist, die jetzt ins Kino kommt, was es sehr selten gibt.Wir waren uns vorher nicht sicher, aber mit der Redakteurin Corinna Liedtke und dem WDR hat das gut geklappt.

Köhler: Da hatten wir schon ganz andere Geschichten gehört von Kollegen, die fürs Fernsehen arbeiten. Aber vielleicht gibt es eine neue Offenheit in bestimmten Redaktionen. Nicolas Wackerbarth, ein Freund von uns, der „Casting“ gemacht hat, hat ähnlich gute Erfahrungen gemacht.

Ulrich Köhler (© Sutor Kolonko)
Ulrich Köhler (© Sutor Kolonko)

Wo haben Sie gedreht?

Winckler: Bei Detmold. Es ist ein WDR-Film, darum spielt der Film in Nordrhein-Westfalen. Die Gegend ist zum einen so ähnlich wie jene, aus der wir kommen. Es hat uns gut gefallen, weil sie uns vertraut erschienen ist. Ulrich hat auch seinen letzten Film dort gedreht, was einige logistische Vorteile hatte.

Köhler: Wir hatten die Hoffnung, dass die Motivsuche einfach wird. Wir haben dann aber doch lange im Auto gesessen…

Geht es Ihnen bei der Auswahl des Drehortes um die Zeichnung des Lebens in der Provinz?

Köhler: Ja, genau. Wir beide kommen von der Lahn, ich bin in Marburg geboren, Henner ist in Gießen aufgewachsen, in einer ähnlichen Gegend – landschaftlich und soziologisch ist das nicht so weit voneinander entfernt.

Wie muss ich mir Ihre Zusammenarbeit nun vorstellen, zunächst beim Drehbuch?

Winckler: Ulrich kam mit einer Idee auf mich zu, die mir sehr gut gefallen hat, und so haben wir angefangen zu schreiben. Meist nicht in einem Raum, sondern über ein Onlineprogramm, in dem man zeitgleich an einem Dokument arbeiten kann, ohne sich in die Quere zu kommen – das war sehr hilfreich, zumal wir einen sehr unterschiedlichen Rhythmus haben. Ich arbeite eigentlich eher morgens, und Ulrich eher nachts. (Köhler lacht). Und die Überschneidungen, wo wir beide wach sind, sind nicht sehr groß.

Henner Winckler (© Sutor Kolonko)
Henner Winckler (© Sutor Kolonko)

Köhler: Wir haben uns natürlich auch physisch getroffen. Aber dieses Programm hat den Prozess schon sehr geprägt.

Gibt es denn auch eine Arbeitsteilung, weil der eine vielleicht besser Dialoge schreibt, während der andere besser ist in der Beschreibung von Situationen?

Winckler: Wir haben schon unterschiedliche Qualitäten. Der Dialogfeinschliff ist immer von dir gekommen (wendet sich Köhler zu).

Köhler: Ich habe beim Schreiben Freude an Situationen. Henner ist jemand, der die Figuren, die Psychologie, die Gesamtdramaturgie im Auge hat.

Winckler: Ich bin der, der fragt: „Warum machen die das denn?“

Köhler: Das hat sich auch in der Regie so fortgesetzt, dass du eher für die psychologischen Feinheiten zuständig bist und auch bei der Motivation der Figuren stärker bist. Ich komme, besonders, wenn ich mir meinen ersten Film „Bungalow“ anschaue, von einem formaleren Ansatz her. Das klingt nach einer Verweigerung von Psychologie, aber so ist es nicht. Das hat sich auch in der Regie ganz gut ergänzt. Oft geht es ja auch beim Regieführen darum, die richtigen Worte zu finden. Da ist Henners Vokabular feiner als meines.

Winckler: Das ist Quatsch, glaube ich. Bei mir ist eher dieses „Warum macht man das?“ und dieses Verändern von Zielen im Kopf, während du eher die Schönheit einer Szene, den Spaß am Wechsel, dieses Ineinandergreifen im Auge hast – das ist etwas, was ich in meinen eigenen Filmen nie so hatte. Meine Filme sind viel einfacher. Die Szenen sind kürzer, eher gegenüberstellend. Ulrich sagt immer: „Es muss noch einen zweiten Konflikt geben. Die Szene muss komplexer werden. Was ist, wenn dann noch das und das passiert?“

Ich hatte auch deswegen gefragt, weil die Dialoge sehr auf den Punkt sind, sehr leicht, sehr lakonisch…

Köhler: Das sind nicht nur unsere Lorbeeren. Wir haben sehr viel geprobt, die Schauspieler haben sehr viel improvisiert. Zu Anfang haben wir ihnen keine Dialoge gegeben, sondern nur das Treatment, und dieses Treatment haben wir dann durchimprovisiert. Zehn bis zwanzig Prozent der Dialoge sind so entstanden, die Dialoge, die wir hatten, haben wir auch verändert.

Winckler: Beim Dreh selber gibt es nur wenige Improvisationen.

Thomas Schubert und Maj-Britt Klenke in "Das freiwillige Jahr"
Thomas Schubert und Maj-Britt Klenke in "Das freiwillige Jahr"

Wie haben Sie dann beim Dreh zusammen gearbeitet?

Winckler: In den meisten Fällen war es so, dass Ulrich mit den Schauspielern gearbeitet hat, während ich hinter der Combo saß und wir uns dann besprochen haben.

Köhler: Wir haben es so ein bisschen nach Szenen aufgeteilt. Bei den sehr durchchoreographierten längeren Szenen habe ich mehr gemacht, es gab aber auch Szenen, wo du mit Maj-Britt Klenke geredet hast und ich mit Sebastian Rudolph.

Winckler: Manchmal hatte Ulrich auch mehrere Takes gedreht, und ich sagte dann: „Lass mich mal eine machen, um die Haltung zu ändern.“ Wir haben aber versucht, nicht parallel die Schauspieler zu beeinflussen.

Köhler: Hat nicht immer geklappt! (lacht laut)

Winckler: Hat nicht immer geklappt! (lacht mit) Es war eigentlich das Ziel, dass nicht zwei Leute unterschiedliche Dinge sagen.

Köhler: Der Dreh ist auf jeden Fall, das muss man zugeben, die Phase, wo die Zusammenarbeit am schwierigsten ist, unter dem Zeitdruck, mit Leuten, die auf uns warten. Aber der Wunsch, das zu machen, hängt für mich damit zusammen, dass die Tätigkeit des Regisseurs mich schon an meine Grenzen führt: Ich bin mit so vielen Entscheidungen konfrontiert; der Zeitdruck führt zudem dazu, dass man nicht besonders kreativ ist. Ich hatte früher mitunter das Gefühl, ich bin nur damit beschäftigt, Fehler zu vermeiden und nicht schöpferisch Dinge zu entwickeln. Das hatte sich schon mit dem Vorgänger-Film („In My Room) geändert, weil ich sehr viel Zeit hatte. Beim neuen Film kam ich schon deshalb, weil wir zu zweit waren, auf die Idee, einen Satz wegzulassen oder was zu ändern; wenn man allein ist, passiert das nicht so oft. Ich glaube, dass die Arbeit kreativer war, dadurch, dass wir zu zweit waren. Auch in der Vorbereitung oder nach Drehschluss bin ich dann noch einmal an den Set gefahren und habe mit dem Ausstatter das Kinderzimmer eingerichtet, Henner hat noch einmal die Proben durchgeguckt von den Szenen, die wir am nächsten Tag drehen, und darauf hingewiesen, dass eine Stelle nicht funktioniert. Schon dass man zu zweit mehr Arbeitszeit hat als alleine, ist ein positiver Effekt.

Ich muss gestehen, dass mich die Figur des Urs sehr irritiert hat. Allein wie er zu Beginn des Films die Wohnung des Nachbarn stürmt und dann über den Balkon steigt – das ist schon eine sehr extreme Figur. Das Gleiche gilt für Jette: Ein Flugzeug nach Costa Rica freiwillig zu verpassen – das macht nicht jeder. Haben Sie eine Vorliebe für extreme Figuren?

Köhler: Ja. Natürlich versucht man im Film eine Situation zuzuspitzen. Die Figuren sind aber auch extremer, sogar radikaler geworden, als wir uns das zu Beginn vorgestellt hatten.

Winckler: Charaktere, die sich dem verweigern, was von ihnen erwartet wird – das hat uns beide interessiert.

Köhler: Die Figur des Urs ist in unser beider Werk die aktivste Figur, die wir bis jetzt geschrieben haben. Stimmt’s, Henner?

Winckler: Das hat auch damit zu tun, dass der Film auf der Plot-Ebene nicht funktionieren würde, wäre es eine passive Figur. Es würde alles zusammenbrechen. Der Film war sehr schwer auszubalancieren. Ist das ein Vater-Film oder ein Tochter-Film? In dem Moment, wo der Vater weicher wird, wird die Tochter verrückt, in dem Moment, wo der Vater zu hart wird, ist die Tochter keine eigenständige Person mehr, sondern nur Opfer des Vaters. Ich weiß nicht, wie das Publikum das wahrnimmt, aber die Idee war, zwei Geschichten zu erzählen. Als Zuschauer kann man sich dann entscheiden, welcher Figur man folgen will.

Sebastian Rudolph als Urs in "Das freiwillige Jahr"
Sebastian Rudolph als Urs in "Das freiwillige Jahr"

Durch Mario kommt aber noch ein virileres Männerbild dazu, allein wie er mit seiner Montur auf dem Motorrad sitzt oder auch schon mal den nackten Oberkörper zeigt.

Winckler: Viril? Das finde ich interessant.

Köhler: Von den Attributen her schon, auch als Fußballtrainer. Eigentlich ist er aber das totale Opfer dieser Vater-Tochter-Beziehung. Collateral damage! Er ist relativ unschuldig und wird von beiden extrem unter Druck gesetzt. Gerade mit der Besetzung durch Thomas Schubert ist das etwas, was wir uns so nicht vorgestellt hatten.

Ja – Sie haben recht. Er hat auch etwas sehr Konfliktscheues.

Köhler: Genau – weil es bequem ist. Das ist auch etwas, was man ihm vorwerfen kann.

Es gibt auch einige sehr komische Szenen im Film, zum Beispiel wenn sie zum Flughafen fahren und dann unter einem niedrigen Schild durchfahren, so dass eine Transportbox auf dem Dach kaputtgeht. Wie wichtig ist Ihnen Humor?

Winckler: Ich find’s schön, wenn’s lustig ist. (lacht) Ich will nicht verallgemeinern, aber ich mag, wenn man mit den Figuren lachen kann. Wir hatten eine Schnittfassung, die viel mehr Komödie war. Da hatte ich das Gefühl, dass man anfängt, sich über die Figuren lustig zu machen. Wir haben vieles zurückgeschraubt, um uns nicht über die Figuren zu stellen. Das war uns wichtig.

Köhler: In westlichen, liberalen, nicht von extremer Not geprägten Gesellschaften leiden wir wahrscheinlich im subjektiven Empfinden genauso viel wie Menschen in sehr viel existenzielleren Situationen. Wenn man dann von außen darauf schaut, sollte man vielleicht auch über sich selbst lachen können. Wenn Urs zum Beispiel glaubt, dass sein Bruder halbtot in der Wohnung liegt, und dann ist der Bruder gar nicht da, und Urs sagt: „Ich Depp“ – das ist für mich interessant. Wenn wir jetzt durch dieses Fenster einen Beziehungsstreit sehen würden, würde es uns nicht so schlecht gehen wie den Leuten, die ihn gerade ausfechten. Es hat aber, je nachdem, wie es sich ausdrückt, bestimmt etwas Interessantes und auch Humorvolles.

Was hat es zu bedeuten, dass manchmal Tiere zu sehen sind? Einmal begegnet Jette einem Wildschwein, wenn sie einen Feldweg hochgeht, ein anderes Mal ist ein Dutzend Schafe zu sehen, und sie verabschiedet sich von einem Esel.

Köhler: Das Wildschwein ist Emma, die ist schon in meinem Vorgänger-Film aufgetreten. Ich habe in derselben Gegend gedreht wie in „In My Room“. Emma wurde von einem Bauern im Wald gefunden, weil die Mutter erschossen wurde, und er hat sie aufgezogen. Sie war beim letzten Film noch relativ klein und wurde ständig von diesem riesigen Kaltblüter, der da mitspielt, attackiert. Das war fast lebensgefährlich. Deshalb ist dieser Auftritt auch relativ kurz. Sie huscht ja nur so im Hintergrund durch. Und jetzt, im neuen Film, ist Emma eine stattliche Sau. Wir wollten, dass Jette ein Erlebnis für sich allein hat. Zunächst war da die Idee, dass ein Lama aus Südamerika auf dieser Koppel steht. Der Esel und die Schafe haben eine andere Bedeutung. Der Esel steht für die Heimat. Es ist natürlich auch ein Filmzitat. Wir haben gemeinsam einen Film geschaut, nämlich „Au hasard Balthazar“ von Robert Bresson. Die Referenz ist nicht sehr stark, aber es ist trotzdem ein Film, den wir beide sehr mögen. Es geht da auch um eine Vater-Tochter-Beziehung, mit einem übergriffigen Vater, der das Mädchen ins Unglück stürzt.

Sehr gefallen hat mir die Bildidee, wo Jette die Windschutzscheibe mit Wasser bespritzt und dadurch ein völlig anderes Bild aus dem Inneren des Wagens heraus entsteht. War das schon im Drehbuch?

Köhler: Nein. Das ist erst bei der Motivsuche entstanden. Es war eine Idee von Patrick Orth, dem Kameramann, dass wir diese Situation erweitern, und dann haben wir mit den Schauspielern etwas entwickelt, eine Improvisation. Das ist ein Beispiel für kreativeres Arbeiten als zum Beispiel bei „Bungalow“, wo man das gar nicht hatte. Wir haben das auch relativ schnell gedreht.

Wo Sie gerade „Bungalow“ erwähnen: Wie passt Ihr neuer Film in Ihre Filmographie? Die Hauptfigur in „Bungalow“ ist ja auch sehr unentschlossen und lethargisch.

Köhler: Wir haben den Film gerade digital restauriert. Und ich finde die Hauptfigur gar nicht so lethargisch. Sie verweigert sich. Ich finde sie ganz schön destruktiv. Es gibt durch Jette eine Anknüpfung, auch durch das Setting. Man könnte „Das freiwillige Jahr“ als Nachfolgefilm sehen.

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