© Phil McCarten / A.M.P.A.S. (Großer Sieger bei den "Oscars": Bong Joon-ho und sein Film "Parasite")

The Oscar 2020 goes to...

Montag, 10.02.2020

Die Verleihung der 92. "Academy Awards" in Los Angeles endet mit einer faustdicken Überraschung

Diskussion

Paukenschlag bei den „Oscars" 2020: Die südkoreanische Gesellschaftsgroteske „Parasite“ gewinnt den „Oscar" als bester Film (plus drei weitere). Renée Zellweger und Joaquin Phoenix werden als beste Haupt-, Brad Pitt und Laura Dern beste Nebendarsteller geehrt. Über einen denkwürdigen Abend in Los Angeles. Plus eine Übersicht über alle Preise.


Verschwörungstheorien gibt es viele, wenn es um die jährliche Vergabe der wichtigsten Filmpreise in Hollywood geht. Das hängt nicht zuletzt mit dem Irrglauben zusammen, dass es sich bei der „Academy of Motion Picture Arts and Science“ um eine Gruppe (alter weißer Männer) handle, die in Hinterzimmern ihre Preisträger ausklüngelt. Doch die „Oscar“-Academy ist nicht die „Hollywood Foreign Press Association“, deren 85 Mitglieder über die „Golden Globes“ entscheiden. Die „Academy“ ist vielmehr eine stetig anwachsende Menge aus mindestens 7000 mehr oder minder prominenter Filmschaffender, die in speziellen Verfahren die Haupt- und Nebenkategorien vorauswählen und krönen. Nur über den besten Film entscheiden alle.

Deshalb ist es immer schwierig, ein Statement aus dem herauszuorakeln, was am Ende als Ergebnis feststeht. Zu viele Interessen und Zufälle spielen da hinein. Dass in diesem Jahr erneut so wenige Frauen nominiert worden sind, hat nichts mit einer Geringschätzung des weiblichen Geschlechts zu tun. Dass so wenig Afroamerikaner nominiert wurden, hat ebenfalls nichts mit einer Missachtung dieser Bevölkerungsgruppe zu tun. Dass eine Frau besonders herausgehoben werden musste, die als erste am Pult das Arrangement für den besten Filmscore dirigierte, war einer der überflüssigsten Momente bei der „Oscar“-Verleihung, die (ein wenig zwanghaft) Politik in eine Veranstaltung bringen sollte, die eigentlich von der Spannung, von der Ausgelassenheit und der Kunst leben will. Politik kommt da beiläufig von ganz alleine!


Ein „Oscar“ mit Untertiteln

Diese „Oscars“ machen einfach, was sie wollen. Das ist zumindest eine Erkenntnis dieser denkwürdigen Nacht, die mit „Parasite des südkoreanischen Regisseurs Bong Joon-ho ein Kino feiert, dass die wenigsten US-amerikanischen Zuschauer kennen. Eines, das nur mit Untertiteln zu haben ist.

Dabei fing die Zeremonie im Dolby Theater in Los Angeles ganz harmlos an. Die 92. "Oscars" starteten mit Janelle Monáe, einem „black queer artist“, die es schaffte, das ganze Auditorium aus der gespannten Vorfreude mittels Pop zu befreien, ja zu begeistern. Dann kamen Steve Martin und Chris Rock, um für fünf Minuten das zu tun, was sonst der Präsentator machte, den es erneut nicht gab. Sie verteilten ein paar Spitzen in den Saal, und dann bekam auch schon Brad Pitt für seine Nebenrolle in „Once upon a Time in Hollywood“ seinen zweiten „Oscar“ (den ersten gewann er 2014 als Produzent von „12 Years a Slave“).

Nicht wirklich überraschend, aber schön war, dass mit „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ ein würdiger Gewinner für den Animationsfilm-„Oscar“ gekürt wurde. Da einmal mehr kein japanischer Animationsfilm unter den Nominierten zu finden war, fehlte es an ernstzunehmender Konkurrenz.


Wo bleiben die Favoriten?

Wann kommen endlich die Favoriten? Bei den Drehbüchern wurden sie nicht bedacht. Weder Sam Mendes Weltkriegsdrama „1917“ noch Todd Phillips „Joker“. Weder Noah Baumbachs „Marriage Story“ noch Martin Scorseses „The Irishman”. Wenn es eine Tradition in diesen diffusen Preisfindungen gibt, dann ist es die, dass die Academy-Mitglieder bei den Drehbüchern gerne mal das Abseitige auszeichnen. Also „Jojo Rabbit“ bei der Adaption und „Parasite“ als Vertreter des verwegenen Festival-Weltkinos für das Originalbuch. Auch hier hätte man bei den Buchmachern noch nicht sonderlich viel Gewinn eingeheimst.

Und wenn es inzwischen eine zweite Tradition gibt, dann ist es die des besten „Presenter“-Auftritts des Abends, der seit 2017 nicht mehr ohne Maya Rudolph auskommt. Zusammen mit ihrer Comedy-Kollegin Kristen Wiig machte sie mit ihrem trockenen Humor Nebenkategorien wie die der Ausstattung („Once Upon a Time in Hollywood“) oder Kostüme („Little Women“) zum schenkelklopfenden Ereignis. Falls je wieder ein Conférencier für die gesamte Veranstaltung gesucht werden sollte: Maya Rudolph is the man!


Der letzte „Twentieth-Century-Fox-Film

Nein, es ist kein Statement gegen Netflix, dass nur der Dokumentarfilmpreis („American Factory“) und der hoch verdiente erste „Oscar“ für Laura Dern (beste Nebendarstellerin für „Marriage Story“) für den mit „The Irishman“ und „Die zwei Päpste“ so hoffnungsvoll ins „Oscar“-Rennen gestarteten Streamingdienst abfielen. Die anderen Nominierten waren eben besser – und allesamt großes Kino. Etwa „Le Mans 66: Gegen jede Chance“, der mit echten Rennautos aufwartet und mit James Mangold einen Regisseur besitzt, der mit ihnen auch umzugehen wusste: "Oscars" für Beste Toneffekte und Bester Schnitt waren der Lohn für den Film, der, wie in der Dankesrede wehmütig durchklang, als  letzter von Twentieth Century Fox produzierter Film in die Annalen Hollywoods eingeht - 2019 war das Traditionsstudio von Disney geschluckt worden.

Dann „1917“! Endlich gewinnt mal einer der „Favoriten“. „Oscars“ für Ton, Kamera und Spezialeffekte. So lässt sich Kino für die Leinwand feiern. Auch wenn sein Thema mit dem Ersten Weltkrieg höchst tragisch ist. Mehr war für das große Epos in diesem Jahr indes nicht drin.

Dafür war bei der Oscar-Show eindeutig die Musik der Gewinner! Nicht nur, dass so ein langweiliger Song wie „Into the Unknown“ aus „Die Eiskönigin 2“ durch die Nominierungsperformance ungemein gewann, weil etliche der ausländischen Interpretinnen der Synchronfassungen mitsingen durften. Auch die restlichen Show-Acts waren Spitzenklasse und sogar immens überraschend. So durfte Eminem auf der Bühne rappen, der vor 18 Jahren für „8 Mile“ den Song „Lose Yourself“ beisteuerte und nun für dessen aktualisierte Performance eine der raren Standing Ovations bekam.


Die Sensation heißt Bong Joon-ho

Ebenfalls Standing Ovations erhielt Hildur Guðnadóttir, die zu Tränen gerüht war, als ihr Name für die Beste Filmmusik aufgerufen wurde. Das war kein Alibi-„Oscar“ für eine Frau in einer von Männern dominierten Kategorie. Sondern schlicht die ausgefeilteste, pointierteste und deshalb beste Filmmusik des Jahres. Glückwunsch!!

Wo bleibt nun die Sensation? Sicher nicht bei den Preisen für die besten Hauptdarsteller: Renée Zellweger für „Judy“ und Joaquin Phoenix für „Joker“, die quasi gesetzt waren. Joaquin Phoenix lieferte dann auch die von allen erwartete „politische“, allerdings wenig mitreißende Rede für den Weltfrieden und veganes Leben. Die Sensation hieß Bong Joon-ho. Dass der Südkoreaner mit seinem Film „Parasite“ in den Kategorien Drehbuch und Bester internationaler Film triumphierte, mag noch nicht sonderlich überraschend gewesen sein; dass er gegen Ende der Gala ein drittes Mal mit Dolmetscherin die Bühne betreten durfte, um den „Oscar“ für die beste Regie entgegen zu nehmen, und damit Konkurrenten wie Sam Mendes, Martin Scorsese und Quentin Tarantino auf die Plätze verwies, dagegen schon! Dabei begeisterte Bong Joon-ho mit seinem erfrischenden, bescheidenen Auftreten alle für sich. Großartig vor allem, wie er seinem Helden Martin Scorsese huldigte und dem völlig gerührten Altmeister so auch noch zu einer Standing Ovation verhalf.

Kein Halten gab es dann am frühen Morgen (deutscher Zeit), als Jane Fonda den Abend mit der Verkündung des Besten Film des Jahres beschloss und Bong Joon-hoos „Parasite“ auch noch in dieser Kategorie triumphierte. Damit ist der Film nicht nur der erste „Oscar“-Preisträger aus Südkorea, es ist auch der erste „Oscar“-Triumph eines Werk, das nicht in englischer Sprache gedreht ist.


Manchmal gewinnen die Richtigen

Nach Cannes erobert Bong Joon-ho nun auch Hollywood. Kaum einer im Auditorium konnte seine Verwunderung hinter den applaudierenden Händen verbergen: Da hat die Academy also wieder einmal Geschichte geschrieben! Und auch wenn man angesichts der derzeitigen politischen Lage in den USA nicht gleich so verwegen hoffnungsvoll sein will, daraus einen Trend hin zu mehr Weltoffenheit abzuleiten, ist es allemal ein schönes Signal: Manchmal, wie bei den „Oscars“ 2020, gewinnen eben endliche einmal die richtigen!


Alle "Oscars" 2020 in der Übersicht:


Bester Film

Parasite

Nominiert waren auch: The IrishmanJojo RabbitJokerLe Mans 66Little WomenMarriage Story1917Once Upon a Time in Hollywood


Beste Regie

Bong Joon-ho für "Parasite"

Nominiert waren auch: Sam Mendes für "1917", Todd Phillips für "Joker", Martin Scorsese für "The Irishman", Quentin Tarantino für "Once Upon a Time in Hollywood"


Bester Hauptdarsteller

Joaquin Phoenix für "Joker"

Nominiert waren auch: Antonio Banderas für "Leid und Herrlichkeit", Leonardo DiCaprio für "Once Upon a Time in Hollywood", Adam Driver für "Marriage Story", Jonathan Pryce für "Die zwei Päpste"


Beste Hauptdarstellerin

Renée Zellweger für "Judy"

Nominiert waren auch: Cynthia Erivo für "Harriet", Scarlett Johansson für "Marriage Story", Saoirse Ronan für "Little Women", Charlize Theron für "Bombshell"


Bester Nebendarsteller

Brad Pitt für "Once Upon a Time in Hollywood"

Nominiert waren auch: Tom Hanks für "A Beautiful Day in the Neighborhood", Anthony Hopkins für "Die zwei Päpste", Al Pacino für "The Irishman", Joe Pesci für "The Irishman"


Beste Nebendarstellerin

Laura Dern für "Marriage Story"

Nominiert waren auch: Kathy Bates für "Richard Jewell", Scarlett Johansson für "Jojo Rabbit", Florence Pugh für "Little Women", Margot Robbie für "Bombshell"


Bester fremdsprachiger Film

Parasite (Südkorea)

Nominiert waren auch: Corpus Christi (Polen), Land des Honigs (Nordmazedonien), Leid und Herrlichkeit (Spanien), Die Wütenden – Les Misérables (Frankreich)


Bestes Originaldrehbuch

Bong Joon-ho, Jin Won Han für "Parasite"

Nominiert waren auch: Noah Baumbach für "Marriage Story", Rian Johnson für "Knives Out", Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns für "1917", Quentin Tarantino für "Once Upon a Time in Hollywood"


Bestes adaptiertes Drehbuch

Taika Waititi für "Jojo Rabbit"

Nominiert waren auch: Steven Zaillian für The Irishman, Todd Phillips, Scott Silver für Joker, Greta Gerwig für Little Women, Anthony McCarten für Die zwei Päpste


Beste Kamera

Roger Deakins für "1917"

Nominiert waren auch:The Irishman,Joker,Der Leuchtturm,Once Upon a Time in Hollywood


Beste Ausstattung

Once Upon a Time in Hollywood

Nominiert waren auch: The Irishman, Jojo Rabbit, 1917, Parasite


Beste Kostüme

Little Women

Nominiert waren auch: The IrishmanJojo RabbitJokerOnce Upon a Time in Hollywood


Bester Schnitt

Andrew Buckland, Michael McCusker für "Le Mans 66"

Nominiert waren auch: The Irishman, Jojo Rabbit, Joker, Parasite


Beste Musik

Hildur Gudnadóttir für "Joker"

Nominiert waren auch: Little Women, Marriage Story, 1917, Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers


Bester Originalsong

„I’m Gonna Love Me Again“ aus "Rocketman"

Nominiert waren auch: „I Can’t Let You Throw Yourself Away“ aus A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando, „I’m Standing with You“ aus Breakthrough, „Into the Unknown“ aus Die Eiskönigin 2, „Stand Up“ für Harriet


Bester Ton

1917

Nominiert waren auch: Ad AstraJokerLe Mans 66Once Upon a Time in Hollywood


Bester Toneffektschnitt

Le Mans 66

Nominiert waren auch: 1917JokerOnce Upon a Time in HollywoodStar Wars: Der Aufstieg Skywalker


Beste Spezialeffekte

1917

Nominiert waren auch: Avengers: Endgame, The Irishman, Der König der Löwen, Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers


Bestes Make-up & Frisuren

Bombshell

Nominiert waren auch: Joker, Judy, 1917, Maleficent: Mächte der Finsternis


Bester Animationsfilm

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

Nominiert waren auch: Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt, Ich habe meinen Körper verloren, Klaus, Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer


Bester animierter Kurzfilm

Hair Love

Nominiert waren auch: Dcera (Daughter),Kitbull, Memorable, Sister



Bester Real-Kurzfilm

The Neighbors' Window

Nominiert waren auch: Brotherhood, Nefta Football Club, Saria, A Sister


Bester Dokumentarfilm

American Factory

Nominiert waren auch: The Cave, The Edge of Democracy,Für Sama,Land des Honigs


Bester Kurz-Dokumentarfilm

Learning to Skateboard in a Warzone (If You’re a Girl)

Nominiert waren auch: In the Absence, Life Overtakes Me, St. Louis Superman, Walk Run Cha-Cha

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