© Primeira Idade (aus "A metamorfose dos pássaros"/Encounters-Sektion)

Berlinale 2020: Der Neustart

Montag, 17.02.2020

Eine Vorschau auf die Internationalen Filmfestspiele Berlin 2020

Diskussion

Am 20. Februar beginnt die 70. „Berlinale“. Der Jubiläumsjahrgang hält als erster des neuen Leitungsteams Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek einiges an Änderungen und Besonderheiten bereit: insgesamt weniger Filme, ein überschaubares Star-Aufgebot, eine neue Sektion und die Wiederholung eines kompletten „Forum“-Jahrgangs. Ein Ausblick auf ein vielversprechendes Festival.


342 Filme aus 71 Ländern – und eine Extraportion Desinfektionsmittel in den Sanitäranlagen: Die Sorge angesichts des Corona-Virus macht auch vor der Berlinale nicht halt; und so gehört zu den diversen Neuheiten, die der erste Festivaljahrgang unter der 2019 inthronisierten Doppelspitze Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian mit sich bringt, auch die intensivierte Handhygiene. Infizieren lassen will man sich beim 70. Jahrgang der Berliner Filmfestspiele schließlich mit Anderem als mit fiesen Krankheitserregern: mit der Begeisterung für Weltkino, und nicht zuletzt auch mit der Freude am Austausch übers Kino, schließlich sind Filme, wie Chatrian in der Programm-Pressekonferenz anmerkte „nichts ohne Publikum, und Publikum nichts ohne Austausch, ohne ein Teilen“. Man darf damit rechnen, dass sich das Berlinale-Publikum diesen Austausch auch 2020 nicht vermiesen lässt, ist es doch ohnehin daran gewöhnt, im Hin und Her zwischen überfüllt-warmen Kinosälen und rauem Berliner Februarwetter seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Hauptsache, die Filme sind es wert.


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60 weniger sind es dieses Jahr, im Vergleich zum letzten Kosslick-Jahrgang 2019. Dass das Festival etwas übersichtlicher werden solle, war schließlich eine Forderung, die im Zuge des Leitungswechsels immer wieder laut geworden war; das neue Führungsteam ist ihr zumindest moderat entgegengekommen. Es gibt keine Wettbewerbsfilme „außer Konkurrenz“ mehr; nur noch die „Berlinale Specials“ (zu denen auch der Eröffnungsfilm „My Salinger Year“ von Philippe Falardeau gehört); Ornamente wie „Das kulinarische Kino“ sind gestrichen, und als einziger Neuzugang ist eine mit 15 Filmen bestückte Sektion mit Namen „Encounters“ dazugekommen. Ob diese es schafft, sich als sinnvolle Ergänzung zu profilieren, wird sich erst nach Sichtung sagen lassen; Chatrian verteidigte sie auf kritische Nachfragen bei der Pressekonferenz hin als Reaktion auf aktuelle Entwicklungen:Angesichts der Tatsache, dass sich die Möglichkeiten, Filme zu produzieren und zu rezipieren, stark verändern, soll Platz für Filme geschaffen werden, die „jenseits traditioneller Produktionswege“ entstanden sind.



Star-Power steht nicht oben auf der To-Do-Liste

Eine Sektion, in der sich logischerweise eher kein Glamour finden wird, sondern das eigenwillige Kunstkino – zu den RegisseurInnen, die ihre Werke dort präsentieren, gehören u.a. der deutsche Dokumentarfilm-Solitär Heinz Emigholz, der Rumäne Cristi Puiu und der Russe Victor Kossakovsky. Generell scheint es kein Anliegen der neuen Berlinale-Leitung zu sein, das Festival im Vergleich zur Kosslick-Ära in Sachen Star-Power noch weiter nach vorn Richtung Cannes und Venedig zu pushen, im Gegenteil. Zwar haben sich durchaus einige internationale Superstars angekündigt – von Jury-Präsident Jeremy Irons und Ehrenbär-Preisträgerin Helen Mirren über Willem Dafoe (mit Abel Ferraras „Siberia“ im Wettbewerb), Javier Bardem, Elle Fanning und Salma Hayek (alle mit Sally Potters „The Road Not Taken“ im Wettbewerb) und Johnny Depp (mit „Minamata“ in den „Berlinale Specials“) bis hin zu Cate Blanchett (mit „Stateless“ in den „Berlinale Series“), und an deutschen Promis geben sich u.a. Nina Hoss (im schweizerischen Wettbewerbsbeitrag „Schwesterlein“), Lars Eidinger (auch mit „Schwesterlein“ und zudem mit „Persian Lessons“ in den Berlinale Specials) und Paula Beer & Franz Rogowski (beide in Christian Petzolds „Undine“ im Berlinale Wettbewerb) die Ehre.

Aber schon die Entscheidung, als Eröffnungsfilm einen vergleichsweise bescheidenen Arthousefilm wie „My Salinger Year“ einzuladen, der wohl lediglich Sigourney Weaver und Nachwuchstalent Margaret Qualley auf den Roten Teppich bringen wird, ist bezeichnend dafür, dass die neue Berlinale-Leitung in dieser Hinsicht wohl wenig Ehrgeiz zu entfalten gedenkt.

Ein vielversprechender Wettbewerb

Das Aushängeschild der Berlinale und wohl auch das Maß, an dem die neue Leitung zuerst gemessen wird, bleibt freilich die Qualität des Wettbewerbs. Und der hört sich zumindest auf dem Papier durchaus vielversprechend an. Mit dabei ist zum Beispiel das jüngste Werk von US-Independent-Ikone Kelly Reichardt, „First Cow“– nach „Meek’s Cutoff“ Reichardts zweiter Film über die Pionierzeit der Vereinigten Staaten (wobei der Film, neben dem US-Coming-of-Age-Drama „Never Rarely Sometimes Always“ von Eliza Hittman, der einzige Wettbewerbsbeitrag ist, der in Berlin nicht als Weltpremiere läuft).

"My Salinger Year" © micro_scope
Zur Eröffnung: "My Salinger Year" © micro_scope

Neben diesen US-Regisseurinnen, ihrem Landsmann Abel Ferrara sowie den asiatischen Regie-Größen Hong Sang-soo und Tsai Ming-Liang ist es nicht zuletzt das europäische Autorenkino, das zum Tragen kommt. Wobei neben bekannten Namen wie Philippe Garrel („Le sel des larmes“, laut Chatrian ein „Märchen über die Grausamkeit der Liebe“), Sally Potter („The Road Not Taken“; 24 Stunden im Leben eines Vaters und seiner Tochter) und Christian Petzold (eine moderne Variation der Sage um die Wasserfrau „Undine“, angesiedelt im heutigen Berlin) auch diverse interessante Newcomer zum Zug kommen. Wie zum Beispiel die italienischen Zwillingsbrüder Damino und Fabio D’Innocenzo, deren starkes Regiedebüt „La terra dell’abbastanza“ 2018 im Panorama lief und die nun mit der in Roms Vorstädten angesiedelten Familiengeschichte „Favolacce“ im Wettbewerb sind. Oder das Schweizer Gespann Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, deren „Schwesterlein“ in der Theaterszene spielt und um ein Bruder-Schwester-Duo aus Berlins hippem Bühnen-Zirkel kreist. Womit, wenn man noch „Undine“ und den zweiten deutschen Beitrag, eine Neuinterpretation von Döblins „Berlin, Alexanderplatz“ dazuzählt, ein kleiner Schwerpunkt rund um die Festivalstadt beisammen ist.

Eine weitere Arbeit eines Regie-Duos, „DAU. Natasha“ der Russen Ilya Khrzhanovskiy und Jekaterina Oertel, dürfte einer der provokantesten Beiträge des Wettbewerbs werden – in Russland soll der Film derzeit wegen einiger Szenen, die als pornografisch angesehen werden, keine Kinofreigabe haben. Vor allem aber dürfte er als Teil eines Erzähl-Experiments interessant sein, denn es handelt sich keineswegs um einen in sich geschlossenen Spielfilm, sondern um eine Facette in einem größeren Projekt, das frei um die Geschichte eines sowjetischen Physikers, Lew Landau, kreist und sich am Verhältnis von Wissenschaft und Politik abarbeitet. „DAU. Natasha“ selbst fokussiert auf eine Mitarbeiterin in der Kantine eines Forschungslabors, die mit einer Affäre den Geheimdienst auf den Plan ruft; in den „Berlinale Specials“ ist außerdem ergänzend noch der epische Teil „DAU Degenerista“ (mit 355 Minuten einer der längsten Berlinale-Beiträge) zu sehen.

Abel Ferraras "Siberia" © Vivo film/maze pictures/Piano
Abel Ferraras "Siberia" © Vivo film/maze pictures/Piano

Dokumentarisches: Hillary Clinton & Co.

Die einzige dokumentarische Arbeit im Wettbewerb ist „Irradiés“, eine neue Arbeit des Filmemachers Rithy Panh: Der 1964 geborene Kambodschaner, der sich in seinen Filmen immer wieder mit dem großen Trauma seiner eigenen Biografie, dem Genozid durch die Roten Khmer, auseinandersetzte, befasst sich darin einmal mehr mit den Folgen von Krieg und Gewalt. Ansonsten ist das dokumentarische Kino in die Nebensektionen verbannt, dürfte aber auch dort mitunter für Aufsehen sorgen – falls etwa tatsächlich, wie angekündigt, die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton höchstselbst zur Präsentation der biografischen Dokumentation „Hillary“ von Nanette Burstein erscheinen wird. Der Film feiert im Rahmen der „Berlinale Specials“ Premiere und nimmt sich ganze 252 Minuten Zeit, um die politische Figur Clinton zu beleuchten, u.a. durch diverse exklusive Interviews mit ihr, ihren Wegbeleitern und auch politischen Gegnern. Ebenfalls biografisch ist ein Dokumentarfilm-Highlight in der „Panorama“-Sektion: „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler (die vor allem als Cutterin bekannt ist) porträtiert das früh verstorbene Multitalent Christoph Schlingensief, wofür Böhler auf teilweise bisher unveröffentlichtes und neu digitalisiertes Archiv- und Filmmaterial zurückgreifen konnte.

Einen Platz im Rampenlicht hat sich außerdem die deutsche Dokumentaristin Ulrike Ottinger verdient, deren neuer Film „Paris Calligrammes“ ebenfalls in den „Specials“ läuft und, festgemacht an Ottingers eigenen Erlebnissen als junge Frau, in die Kulturszene der französischen Hauptstadt in den späten 1960ern zurückblickt: Die Filmemacherin wird mit einer „Berlinale Kamera“ geehrt.

50 Jahre „Internationales Forum des Jungen Films“

Ein rundes Jubiläum feiert in ihrem 70. Jahrgang nicht nur die Berlinale selbst, sondern auch das sie flankierende „Internationale Forum des jungen Films“, das 2020 ebenfalls mit neuer Leitung auftritt: die Filmkritikerin Cristina Nord ist die neue Frau an der Spitze – und nutzt den nun schon 50. Forums-Jahrgang, um die Gegenwart mit der Vergangenheit zusammenprallen zu lassen und gewissermaßen das eine vom anderen her zu befragen: Anlässlich des Jubiläums wird das gesamte Programm aus dem Gründungsjahr 1971 wieder aufgeführt, um, wie Nord ausführt, „die Filme, die damals gezeigt wurden, einer Neubetrachtung und damit auch einer Neubewertung“ zu unterziehen: „Was ist heute obsolet geworden? Was hingegen hat noch Brisanz? Einige Filme scheinen auf der einen Seite Lichtjahre entfernt, auf der anderen Seite doch sehr nah an uns dran.“

Heute noch brisant?: "Der große Verhau" von Alexander Kluge als Teil des "Forum"-Jubiläumsprogramms © KAIROS-FILM
Heute noch brisant?: "Der große Verhau" von Alexander Kluge als Teil des "Forum"-Jubiläumsprogramms © KAIROS-FILM

Was freilich nicht heißt, dass das diesjährige Forum auf neue Arbeiten verzichtet. Wobei auch dort das Verhältnis von Geschichte und Gegenwart mitunter eine wichtige Rolle spielen wird. Etwa in zwei neuen Arbeiten des Rumänen Radu Jude, der 2019 mit „Mir ist es egal, ob wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ einen ungemein starken Film zum gegenwärtigen Umgang mit dem Holocaust in Rumänien geliefert hatte; in seinem Forums-Beitrag „lesirea trenurilor din gara“ (letzterer in Co-Regie mit Adrian Cioflâncă) knüpft er direkt an die Thematik an, in„Tipografica majascul“ befasst er sich mit der Zeit der Diktatur im Rumänien der 1980er-Jahre. „Das Heute und das Morgen lassen sich nur verstehen, wenn man das Gestern verstanden und Schlussfolgerungen gezogen hat“, kommentiert Cristina Nord in ihrer Programmeinführung ihr Interesse an diesen und ähnlich gelagerten Stoffen.

Gesellschaftliche Bruchstellen im „Panorama“

Um ganz gegenwärtige gesellschaftliche Bruchstellen kreisen dagegen viele Filme im Panorama, wie der neue Sektionsleiter Michael Stütz ankündigt. So geht es etwa, wie er erläutert, um die Fragen von „Herkunft, Heimat und einer Idee von Zuhause“ in Zeiten der Migration – beleuchtet etwa im deutsch-mongolischen Beitrag „Schwarze Milch“ von Uisenma Borchu, in dem eine Frau, die jahrelang in Deutschland gelebt hat, auf Besuch zu ihrer Schwester in die mongolische Heimat zurückkehrt. Oder um die sozialen Folgen des Neoliberalismus, wie sie exemplarisch der deutsche Regisseur Bastian Günther in „One of These Days“ anhand eines makabren Wettbewerbs in Texas beleuchtet, bei dem TeilnehmerInnen tagelang um einen neuen Pick-Up-Truck herumstehen, den sie mit einer Hand berühren – wer am längsten durchhält, darf das Fahrzeug behalten.

Und es geht – damit setzt Stütz die Panorama-Tradition fort – auch dieses Jahr wieder um die Auseinandersetzung mit queerer Identität im Besonderen und darüber hinaus mit Gender-Rollenbildern im Allgemeinen. Wobei u.a. auch noch das in den letzten Jahren im Zug der #MeToo-Debatte virulent gewordene Reizthema Missbrauch und sexuelle Belästigung eine Rolle spielt, wie im US-Beitrag „The Assistant“ von Kitty Green, der, ähnlich wie „Bombshell“ (derzeit im Kino), um Übergriffe auf Mitarbeiterinnen in einem Medienunternehmen kreist.

Das neue Führungsduo: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek.
Das neue Führungsduo: Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek

„Filme über den Menschen in seinem Größenwahn“

Dass „My Salinger Year“ als Eröffnungsfilm gewählt wurde, hat, so Chatrian in der Programm-Pressekonferenz, u.a. damit zu tun, dass der Film einen hellen optimistischen Grundton habe – ein kleines Licht, das die Zuschauer sozusagen hineinleuchten soll in eine Filmauswahl, in der es dann großteils eher dunkel zugeht; als Spiegel einer Zeit, in dem es nicht erst ein Corona-Virus gebraucht hat, um eine Grundstimmung latenter Untergangsangst zu beschwören. „Die Filme der verschiedenen Sektionen erzählen Geschichten über den Menschen in seinem Größenwahn, seiner grandiosen Zerbrechlichkeit, mit seinen finsteren Dämonen und unverhofften Erleuchtungen. Es liegt an uns, diese Geschichten vorurteilsfrei aufzunehmen“, so Chatrian.

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