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Das Wachsfigurenkabinett

Mittwoch, 26.02.2020

Diskussion

Paul Lenis „Wachsfigurenkabinett“ ist eines der Schlüsselwerke des expressionistischen deutschen Stummfilms. Am 21. Februar wurde bei der „Berlinale“ 2020 die digitale Restaurierung des Films der Stiftung Deutsche Kinemathek und der Cineteca di Bologna präsentiert – mit einer neuen Musik von Bernd Schultheis, Olav Lervik und Jan Kohl. Aktuell ist der Film in der arte Mediathek zu sehen und seit dem 25.2. auch als DVD- und ab 27.2. als BluRay-Edition erhältlich. Eine Wiederbegegnung mit dem Klassiker.


Ursprünglich wies Henrik Galeens Drehbuch zu „Das Wachsfigurenkabinett“ eine Rahmenhandlung mit vier Episoden auf, doch wegen Geldmangels wurden in der Hyperinflation der Weimarer Republik 1923 von Regisseur Paul Leni nur drei Geschichten realisiert. Da die deutsche Originalfassung von „Das Wachsfigurenkabinett“ inklusive Zwischentitel als verloren gilt, verwendete man für die Restaurierung eine Nitratkopie und deren Dupnegativ aus dem British Film Institute sowie eine französische Version.

Hier geht es zum Film in der arte Mediathek

Auf einem Jahrmarkt, in flackerndes Helldunkel getaucht, sucht ein Mann (Wilhelm Dieterle) die in einer Zeitungsannonce ausgeschriebene Stelle. Die Tochter des Panoptikumbetreibers lotst ihn in das leere Wachsfigurenkabinett. Der Autor soll zu PR-Zwecken spannende Geschichten zu drei Attraktionen verfassen: über Harun al Raschid, den Kalifen von Bagdad; Zar Iwan den Schrecklichen sowie über den Serienmörder Jack the Ripper. Angetan von der jungen Frau, nimmt er den Auftrag an.

Vier "Wachsfiguren", vier Episoden: die Stars aus "Das Wachsfigurenkabinett" (© Deutsche Kinemathek)
Vier "Wachsfiguren", vier Episoden: die Stars aus "Das Wachsfigurenkabinett" (© Deutsche Kinemathek)

Drei Episoden zwischen Humor und Grusel

Der dickleibige orientalische Herrscher (Emil Jannings), der sich rühmt, jeden Tag eine andere Frau zu haben, sitzt mit Günstlingen beim Schachspiel. Vom Rauch des Bäckers Assad (Dieterle) belästigt, beauftragt er seinen Wesir, den Verursacher zu töten. Während die Schergen anrücken, genießt die attraktive Maimune das anzügliche Teigkneten ihres Gatten. Sie fordert schicke Kleider und Unterhaltung. Um sein Versagen zu kaschieren, berichtet der Wesir seinem Herrn von Maimunes Anmut. Abends schleicht der Kalif zum Haus des Bäckers. Als Assad Maimunes Drängen nachgibt und geht, um den Zauberring des Kalifen zu stehlen, tritt jener ins Haus und verriegelt die Tür. Im Palast schlägt Assad der Kalifenattrappe den rechten Unterarm mit dem Ring ab und flüchtet. Der Frauenheld bezirzt Maimune mit seinem Schmuck und schönen Worten, doch als Assad heimkehrt, lässt er sich im Ofen verstecken. Die Verfolger stellen den Dieb, aber seine Frau lässt den Kalifen „lebendig auftauchen“. Assad avanciert zum Hofbäcker, und es gibt ein Happy End.

Exotismus: Die "1001 Nacht"-Episode (© Deutsche Kinemathek)
Exotismus: Die "1001 Nacht"-Episode (© Deutsche Kinemathek)

Die zweite Episode beschreibt Iwan den Schrecklichen (Conrad Veidt) als „Monster auf dem Thron“. Nachts sucht er den Giftmischer auf, um im Stundenglas die verrinnende Zeit seiner Opfer zu sehen. Auf einem Gefäß ist aber auch sein Name zu lesen. Zu einer Bojaren-Hochzeit eingeladen, tauscht der listige Zar mit dem Brautvater die Rolle und entgeht bei der Kutschenfahrt einem Anschlag. Sich mächtiger als der Tod wähnend, wirft er den Bräutigam in die Folterkammer, um die Hochzeitsnacht selbst zu vollziehen. Als das Stundenglas mit dem Hinweis auf seine Vergiftung auftaucht, verfällt Iwan, von Todesangst gepeinigt, dem Wahn.

Die dritte und kürzeste Episode zeigt den müden, verliebten Schreiber und die junge Frau. Im Traum sieht er die verzerrte Figur von Jack the Ripper (Werner Krauss). Im Reigen der Jahrmarktattraktionen verbreiten schräge Linien und Gegenstände durch Mehrfachbelichtungen eine furchteinflößende Atmosphäre. Wie in „Das Cabinet des Dr. Caligari“ befindet sich der Held in einer Welt aus Trance, verfolgt vom mörderischen Geist. Aus dem Albtraum erwacht, sieht er, am Schreibtisch sitzend, dass der Dolch in seiner Brust nur der Schreibstift ist. Ein Kuss bestätigt die Erlösung des glücklichen Paars.

Eine sensationelle Mal- und Dekorationsleistung

Im prominent besetzten Schauspielerfilm erzeugt Kameramann Helmar Lerski fast ohne Fahrten oder häufige Wechsel der Einstellungsgrößen eine bizarre Wirkung – unterstützt durch Viragierung und Toning in violetten, braun-gelben und blau-grünen Farben. Die Hell-Dunkel-Kontraste des Films beruhen auf Paul Lenis sensationeller Mal- und Dekorationsleistung im Weißensee-Atelier. Sie bescheren dem Zuschauer durch eine burlesk-gruselige Handlung und traditionelle Kintopp-Ingredienzien eine Achterbahnfahrt der Gefühle, ein Spektakel der Schaulust. Das Labyrinth aus gedrungenen, verwinkelten Schauplätzen und das orientalische Flair mit seiner unverblümt erotischen Anmutung münden ins zaristische Schreckensszenario.

Kulissenzauber im "Wachsfigurenkabinett" (© Deutsche Kinemathek)
Kulissenzauber im "Wachsfigurenkabinett" (© Deutsche Kinemathek)

Den Höhepunkt des Films markiert die verstörende Traumsequenz mit ihrer kathartischen Auflösung: eine Symphonie aus Nachtfantasien, Nervenkitzel und kollektiven Ängsten, in der die Menschen scheinbar jeden Halt verlieren. Hinter der Folie des Schauers warnt die gärende Nachkriegszeit vor dem Ausverkauf der Gefühle, der großstädtischen Vergnügungssucht. „Es ist nicht die Wirklichkeit, die der photographische Apparat wahrnimmt, es ist die Wirklichkeit des Erlebens, die viel tiefer, viel wirksamer, viel ergreifender ist als das, was wir täglich mit den Augen schauen, und ich glaube auch, dass der Film diese gesteigerte Wirklichkeit wirksam wiedergeben kann“, erklärte Paul Leni 1924. Für den Stuttgarter Bankierssohn und Universalkünstler war „Das Wachsfigurenkabinett“ trotz eines Beinahe-Ruins die Fahrkarte nach Hollywood.

Die neue Musik: Unterkühlte, elektronische Tonalität

Die neue Musik, eingespielt vom Ensemble Musikfabrik unter Dirigentin Elena Schwarz, setzt auf eine konsequent unterkühlte, elektronische Tonalität. Sphärische Melodien mit Anleihen bei der Neuen Musik wechseln in dynamische, schrille Klangfarben mit stimmigen Spannungsbögen. Ein interessanter Versuch, der gelegentlich ins Beliebige rutscht. Frühere Musikbegleitungen des Films stammen von Iossif Valette (2014, mit vielen schwebenden Passagen); von Edward Rolf Boesnes, der eine von Piano-Soundeffekten lebende Interpretation wählte; und eine ansprechend akzentuierte Klavier-Version von Jon C. Mirsalis (1996).

Das Booklet der DVD-/BluRay-Edition (erschienen bei absolutMedien) enthält informative Biographien zu Paul Leni, Henrik Galeen, Helmar Lerski, Texte/Kritiken von Siegfried Kracauer („Von Caligari zu Hitler“), Rudolf Kurtz („Expressionismus und Film“), Hinweise zur Restaurierung von Julia Wallmüller und zur neuen Musik. Schade, dass Lotte H. Eisners Analyse aus „Die dämonische Leinwand“ fehlt. Das Bonusmaterial „Der Film im Film“ bietet Dreheinblicke zu Fritz Lang und Robert Wiene sowie einen alternativen Soundtrack zum Film von Richard Siedhoff.


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