© Internationales Forum des Jungen Films ("o.K." von Michael Verhoeven)

Berlinale 2020 & 50 Jahre "Forum": Erika & Ulrich Gregor im Gespräch

Mittwoch, 26.02.2020

Zum 50. Jubiläum des "Internationales Forum des Jungen Films": Ein Interview mit zweien der Mitbegründern

Diskussion

Vor 50 Jahren stand die „Berlinale“ knapp vor dem Aus. Der Abbruch des Festivals im Sommer 1970 infolge des Skandals um Michael Verhoevens Vietnamkriegsfilm „o.k.“ drängte Politik wie Veranstalter zu massiven Änderungen. Ein Ausweg war die Gründung des „Internationalen Forums des Jungen Films“ als einer Art Gegenveranstaltung. Zum 50. Geburtstag kommt der Gründungsjahrgang im "Forum" 2020 noch einmal zur Aufführung. Erika und Ulrich Gregor, die damals zusammen mit Gero Gandert, Heiner Ross und Manfred Salzgeber das "Forum" aus der Taufe hoben, erinnern sich an die Anfänge.


1971 fand die „Berlinale“ erstmals unter Einschluss der Programmreihe „Internationales Forum des Jungen Films“ statt. Zum 50. Jubiläum werden nun alle Filme des ersten Jahrgangs noch einmal gezeigt. Welche Gefühle und Gedanken weckt diese Wiederaufführung bei Ihnen?

Ulrich Gregor: Wenn ich mir anschaue, was wir gezeigt haben – das betrifft nicht nur das erste Jahr – bin ich regelrecht überrascht. Jetzt noch mal den Weg nachzuvollziehen, den wir damals gegangen sind, was wir gefunden und ausgesucht haben und was unsere Schwerpunkte waren; wir hatten damals ja nur wenig Zeit.

Erika Gregor: Drei Monate.

Ulrich Gregor: Aber es war trotzdem nicht schwer, weil wir schon Jahre vorher die Festivals bereist und Kontakte in verschiedene Länder geknüpft hatten. Es war auch eine Zeit, in der die Kinematografie sich stark entwickelte, in der es sehr viele neue Impulse gab, sehr viele Hoffnungen und Utopien, was man mit Film anstellen kann, wie Film aussehen kann, wie das Verhältnis zum Zuschauer sein sollte. Es gab eine ganze Reihe an interessanten und lebendigen Filmen, die wir zeigen konnten, aber auch Zuschauer, die diese Filme sehen wollten. Obwohl wir schwierige Filme zeigten. Ich habe immer gesagt, wir zeigen die gefährlichen und die schwierigen Filme, das ist unsere Spezialität.

Die erste Auswahlkommission des "Forum": Heiner Roß, Erika Gregor, Ulrich Gregor, Gero Gandert, Manfred Salzgeber (von links). (© Nina von Jaansen)
Die erste Auswahlkommission des "Forum": Heiner Roß, Erika Gregor, Ulrich Gregor, Gero Gandert, Manfred Salzgeber (von links). (© Nina von Jaansen)


Erika Gregor: Die Offenheit, ich glaube, das ist das Wort. Vorher gab es Spielfilmfestivals, Dokumentarfilmfestivals, Kurzfilmfestivals. Wir haben alles zusammen gemacht. Das zweite war, dass eben auch die Welt offener war. Man reiste nach Algerien oder nach Tunesien... Ich erinnere mich beispielsweise an einen Brief, den der damalige Leiter des Goethe-Instituts aus Athen schrieb. „Liebe Gregors, wie ich höre, machen Sie jetzt ein Filmfestival. Ich habe hier einen Erstling gesehen. Wenn Sie Interesse haben, schicke ich ihn mit diplomatischem Kurier an unsere Zentrale in München.“ So kam der Film von Theo Angelopoulos, „Rekonstruktion“, zum ersten Forum.

Ulrich Gregor: Das war sein erster Film. Er öffnete einen neuen Horizont, auch für die Filmästhetik. Und thematisch war er wichtig, weil er ganz offensichtlich in Opposition zu dem Obristen-Regime entstanden war. Ich könnte noch ganz viele Filme aufzählen. Der Film „The Women’s Film“ der Newsreel Group, das ist ein investigativer feministischer Dokumentarfilm, der die Realität zu packen versucht und reale Menschen vor die Kamera bringt.

Das Forum war von Anfang an für feministische Themen sensibilisiert und hat vom Start weg Filme von Frauen gezeigt. Wie wurden Sie feministisch sozialisiert?

Ulrich Gregor: Wir haben uns für Befreiungsbewegungen in aller Welt interessiert, in alle Richtungen, und da war der Feminismus ein großer Komplex. Der Funke ist ja immer noch lebendig. Weil es immer noch nötig ist. Die Befreiung muss immer noch vorangetrieben werden.

Teil des 1. Forums-Jahrgangs: "Angela Angela – Portrait of A Revolutionary", 1971, von Yolande du Luart, ein Porträt der Black Power Aktivistin Angela Davis (©Courtesy of Laika-Verlag)
Teil des 1. Forums-Jahrgangs: "Angela Angela – Portrait of A Revolutionary", 1971, von Yolande du Luart, ein Porträt der Black Power Aktivistin Angela Davis (©Courtesy of Laika-Verlag)

Erika Gregor: Ich war auch immer daran interessiert, was es in der Vergangenheit gegeben hat. Ich habe zum Beispiel schon ganz früh Germaine Dulac entdeckt durch Ulrich. Dann habe ich überall gesucht. Ich habe in der Sowjetunion gefragt, was es dort in den 1920er-Jahren gab. So bin ich auf Esfir Schub gestoßen, die Kompilationsfilme gemacht hat; es gab Olga Preobrashenskaja, da gab es eine Nadja Barskaja. Ich habe Diskriminierung und die Art, wie Frauen unterworfen wurden, ja immer am eigenen Leib erfahren. Sobald man den Mund aufmachte, wurde man sofort in eine Ecke gestellt. Das war auch einer der Gründe, warum ich die Filme liebte, die sozusagen auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen, die Ulrich dann publizistische Filme nannte. Zur #MeToo-Bewegung könnte ich stundenlang erzählen – etwa von „zufälligen“ Berührungen am Po. Aber darüber wurde nie geredet, das wurde immer weggedrückt. Es war eben so, dass man wahnsinnig aufpassen und sich kontrollierten musste; ich war immerzu auf der Hut. Das war das tägliche Leben.

Gibt es denn ein Ereignis aus diesem ersten „Forums“-Jahr, an das sie sich besonders erinnern?

Erika Gregor: Wir haben immerzu gearbeitet und sind hin- und hergerannt. Aber ich erinnere mich an die Vorführung von „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ in der Akademie der Künste. Ein wichtiger Film, zur rechten Zeit. Verschiedene Leute hatten Angst und hatten uns gewarnt. Hinterher gab es eine Diskussion: Ulrich mit Rosa von Praunheim und dem Theoretiker Martin Dannecker, der extra aus Frankfurt angereist war. Es war brechend voll und ich stand mit unserer wunderbaren Mitarbeiterin Sylvia Andresen hinten im Kino. Das Parkett war voll mit wahnsinnig gutaussehenden und gutangezogenen jungen Männern. Dann begann die Diskussion. Sie dauerte sehr lange, und plötzlich stand einer nach dem anderen dieser jungen Männer auf und sagte „Ich auch“. Irgendwann haben Sylvia und ich uns angesehen und gelacht und gesagt, was für ein Glück, dass wir schon einen Mann haben, es blieb sonst keiner für uns übrig.

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (© PRO-FUN MEDIA)
"Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (© PRO-FUN MEDIA)

Das Programm des ersten Jahres wirkt aus heutiger Sicht wie eine Chronik der gesellschaftlichen Aufbruchsbewegungen am Beginn der 1970er-Jahre: Es gab Filme über die Kolonialpolitik und die politische Situation in Lateinamerika, über den Rassismus in der weißen Mehrheitsgesellschaft, über Arbeit und Streik. Es waren Schlüsselwerke des feministischen und schwulen Kinos dabei. Am Ende von „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation ...“ heißt es ja: Die Homosexuellen müssen sich mit der Frauenbewegung und den Black Panthern in ihren Kämpfen zusammenschließen. War das gemeinsame Zeigen dieser Filme auch ein filmaktivistisches Statement?

Erika Gregor: Das war ja auch unsere Meinung. Wir haben gezeigt, was wir selbst empfanden.

Ulrich Gregor: Wir haben einfach Filme genommen, die uns gefallen haben, die aktuell waren, die den Puls der Gesellschaft und den herrschenden Zeitgeist reflektieren und etwas beitragen wollen und die auch etwas Kämpferisches haben. Wir haben unser Kino, das wir 1970 eingerichtet haben, Arsenal genannt – nach einem berühmten sowjetischen Stummfilm. Aber auch danach, dass ein Arsenal ein Platz ist, wo man Waffen aufbewahrt, und dass Film auch im Sinne einer Waffe gebraucht werden kann, um Menschen zu aktivieren und zu überzeugen und zu verändern.

Als ich Soleil Ô“ (1967) von Med Hondo gesehen habe, hat mich die Aktualität des Films getroffen. Wenn Sie von 1971 aus auf unsere – auch politisch aufgewühlte – Gegenwart blicken: Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Erika Gregor: „Soleil Ô“ ist praktisch ein Gegenwartsfilm. Es hat sich nichts verbessert, im Gegenteil. Aber was ich interessant finde, was ich bei den alten Filmen sehe, ist, dass es damals eine Offenheit gab. Als wir das Programm zusammenstellten, waren wir uns eigentlich sicher, dass wir das Forum nur ein einziges Jahr machen würden und dann nie wieder, weil alle Leute sagen: Das geht zu weit. Aber es war ein großer Erfolg, weil ganz viele Menschen das Gefühl hatten, dass sich etwas ändern muss. Es war eine Zeit des Aufbruchs. Was mich heute erschreckt, ist das Gefühl, dass wir in einer Zeit leben, in der man sich zurückzieht und zumacht.

"Soleil Ô" (©Internationales Forum des Jungen Films/Arsenal Insitut
"Soleil Ô" (©Internationales Forum des Jungen Films/Arsenal Insitut)

Ulrich Gregor: Man ist fasziniert und natürlich auch ein bisschen verstört. wie sich die Dinge erhalten haben. Aber gleichzeitig spricht aus diesem Film eine große Energie, ein Aufbegehren gegen die Verhältnisse. Diese Energie ist wie ein Funken, der überspringt. Damals haben die Menschen gekämpft. Wir müssen heute auch immer noch kämpfen und dafür neue Wege finden.


Hinweis:

Eine ausführliche Rekapitulation der Diskussionen in den Jahren 1970/1971 und an die Filme des ersten „Forums“-Programms aus der Feder von Ulrich Gregor findet sich im 27. „Forums“-Katalog.

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